Ein neues Fachwerkhaus entsteht

Johann Friedrich Stuhtmann, Gustavs Vater baut zwischen 1863 und 1865 in Raven ein neues Haus, das größte im damaligen Kreis Winsen (heute Kreis Harburg; Raven gehört seit 1974 zum Landkreis Lüneburg).

Wie mag es dabei zugegangen sein?  Rudolf Lüer schreibt in der Ausgabe 11/1986 in der Wochenendbeilage des "Winsener Anzeigers", "Marsch und Heide", wie seine Eltern 1895 - also gut 30 Jahre später - anfingen, ein neues Haus zu bauen:

Hausbau

Material und Methoden wurden offenbar auch beim Hausbau durch die Jahrhunderte wenig verändert. Ein Haus war eben ein Haus, bei uns in dem bekannten Niedersachsenstil. Größe, Qualität und Einzelheiten werden sich nach der Zahl der Bewohner und dem verfügbaren Geld geändert haben. Unser Haus Nr. 19 wurde 1895 gebaut. Der Bauplatz, ein Morgen, war von Hof Nr. 9 (Heinrich Meyer) abgetrennt worden, er wurde mit 400 Mark bezahlt.
Die Zimmerei Meyer in Bispingen lieferte das Fachwerk und den Dachstuhl. Wie unser Vater erzählte, wurde das Außenfachwerk aus starken Eichbäumen gefertigt, aus einem Stamm bis zu 14 Ständer. Auch diese starken Bäume mußten mit der langen Säge durch zwei Mann gesägt werden, in der Sägekuhle oder auf dem Gerüst, wo ein Mann oben, der andere unten seinen Platz hatte.
Nach dem Richten kam die Arbeit des Maurers. Ziegel für die Außenwände wird man mit den Kartoffelwagen, die nach Wulfsen fuhren, von der Ziegelei Brackel bekommen haben. Die Innenwände aus Kiefernfachwerk wurden mit Lehmsteinen vermauert, die im Witsahl gebacken waren. Einziger Maurer war Heinrich Lüer, der im Winter Hausschlachter war, nebenbei Fahrräder verkaufte, Handlanger unsere Mutter. Wie sie erzählte, haben die beiden die gesamte Maurerarbeit geleistet. Unsere Großmutter konnte nicht helfen, da sie einen Schlaganfall gehabt hatte, unser Vater hatte mit den Bienen zu tun.
Das Außenfachwerk wurde mit Kalk gemauert, Zement war wohl kaum bekannt. Von innen wurde es rauh verputzt, dann mit Brettern verkleidet und wieder verputzt. So gab es eine gut isolierende Wand. Die Innenwände wurden mit Lehm gemauert und verputzt. Über dem Rauchfang wurde ein steigbarer Schornstein errichtet, an den zwei Öfen, zwei Herde, ein Backofen und ein Mauerkessel angeschlossen wurden. Das Dach war aus Ziegeln, während die alten Häuser noch mit Stroh gedeckt waren.
Die Tischlerarbeiten lieferte der Vetter unseres Vaters Louis Stelter in Rolfsen. Die gesamten Baukosten dürften bei 5000 Mark gelegen haben.
Es muß nach dem Zusammenkauf des Rittergutes 1848 gewesen sein, als man bei den Mergelkuhlen einen Versuch des Ziegelbrennens machte. Man findet heute noch in der Nähe der großen Eiche gegenüber dem Friedhof Reste von Ziegeln. Unsere Großmutter hat mir davon berichtet. Ich meine, daß sie auch beim Ziegelbrennen geholfen hat. Auf dem Rittergut (Stelters Hof) war sicher ein altes Haus, das natürlich durch ein „Gutshaus" ersetzt werden mußte. Die Steine dazu wurden bei den Mergelkuhlen gebrannt. Die Form und Nachbildungen dieser Gutshäuser kehren in vielen Ortschaften wieder: Garlstorf (Jagau), Lübberstedt (Kaune). Auch Teile von Nachahmungen findet man, Fensterbögen, etwa bei Sellhorns und Jungemanns. Ob das Material der Mergelkuhlen sehr geeignet war, ist wohl zu bezweifeln. Die Ziegelei hat jedenfalls keine große Lebensdauer gehabt. Ziegelmeister war der alte Wedemann, der Vater des Maurers und Musikers Georg Wedemann.