Verwundung und Lazarett

Am 14. September - Donnerstag war’s - begann ein gewaltiges Trommelfeuer - “uund hei* scheut! Klock acht güng’t los, dor künns’ de Klock na stelln. Und dat geif Karbid! Dor wüssen wei, att wei nu anne Reech weun.” (... uund er* schoss. Um 8 Uhr ging's los, du konntest Du die Uhr danach stellen. Und das gab Karbid. Da wussten wir, dass wir nun an der Reihe waren.)

*Helmut pflegte "hei"/"er" zu sagen, er meinte aber "der Iwan", wie es im Jargon der Landser hieß.

Helmut und seine Einheit lagen in einem Waldstück bei Bauske, ca. 50 km südwestlich von Riga in Lettland. Es war die Gegend, in der die für Lettland typischen Einzelgehöfte stehen. In diesem Haus sind bestimmt 20 Leute, Zivilisten, alte Leute, Kinder, Frauen. Das Haus steht auf einer Lichtung. Hier ein Waldstück mit der Batterie von Helmut, Bunker, Tarnnetze, alles das. Kaum hört das Trommelfeuer der rückwärtigen Artillerie auf, da brechen aus dem Wald T-34-Panzer hervor, Infanteristenschwärme bei jedem Panzer. 

Aber da kommt ein Anruf von der Feuerleitstelle: “Schussfeld freimachen!” Das hätte bedeutet, das Geschütz in fast waagrechte Stellung zu bringen und das Bauernhaus wegzuschießen. Helmut verweist auf die vielen Zivilisten in dem Haus. Er schießt nicht. Standgericht? Er hat uns das ganz oft erzählt, diese seine bewusste Verweigerung eines unsinnigen Befehls.

Helmut sieht, dass hier nichts mehr zu machen ist. “Herr Hauptmann, Geschütz sprengen?” fragt er Hauptmann Umlauff (Christopher Umlauff, genannt “Stoffer”,  mit dem er sich später anfreundet und mit dem der Chef und ich 1990 in Leningrad waren.)

Mittlerweile sind die Rotarmisten nähergekommen; der Hauptmann ruft: “Sprengladung fertigmachen!” Die Russen kommen näher, “ick scheuf de Sprengladung rin, und Stoffer scheut sick mit jüm mit sien MP”, “und denn leupen wei über dann Acker as de Hasen” (Ich schob die Sprengladung 'rein, und Stoffer lieferte sich mit ihnen einen Schusswechsel mit der MP/Maschinenpistole).  Sie laufen über das Feld, schlagen Haken, um nicht getroffen zu werden. Plötzlich ruft einer: “Ich muss noch in den Bunker zurück, habe meine Schluckbuddel vergessen!” Er kommt nicht wieder, ob er umkommt oder gefangengenommen wird, weiß man nicht; sie haben den Verdacht, dass er überlaufen will. Denn es sind Flugblätter aufgetaucht: “Deutsche Soldaten! Lauft über! Lasst Euch nicht von diesen Verbrechern benutzen!” Wer weiß?

Einer wird getroffen, Helmut und Kurt Gosch (der Vater war Juwelier in Hamburg)  laufen herzu und nehmen ihn zwischen sich, um ihn aus dem Schussfeld zu bringen. Da schlägt eine Granate neben ihnen ein, Splitter und Erde überall. Kurt Gosch und der Verwundete sind sofort tot, Helmut denkt, als er das Blut an seinem Bein sieht: “Das ist die Schlagader - jetzt bist Du auch dran.” Ein KRad-Melder kommt angefahren: “Setz’ Dich hinten ‘rauf, ich bring’ Dich zum Verbandsplatz.” Tieffliegger donnern über sie hinweg, schießen aus MGs auf die Flüchtenden, Verwundeten, Gespanne, alles, was sich noch bewegt. Ab und zu springt der Melder in den Chausseegraben, Helmut kann aber nicht ‘runter mit seinem Bein (es stellt sich heraus, dass er einen Granatsplitter in der rechten Backe hat), und er hat schwer Glück, dass ihn keiner mehr trifft. Endlich treffen sie auf dem Verbandsplatz ein, dort erhält er einen Notverband, dann kommt er in eine Lazarett-Baracke - und da kann er nicht mehr, ihm wird schwarz vor Augen und er klappt zusammen.

ZUM GEDENKEN


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Nachname: Gosch

Vorname: Kurt

Dienstgrad:Stabsgefreiter

Geburtsdatum:05.12.1919

Geburtsort:Hamburg

Todes-/Vermisstendatum:14.09.1944

Todesort:Silemi/Bauski

Quelle: Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge

 
 
 

Das Lazarett in Konitz

Nach ganz ruhiger Überfahrt von Riga aus - zwischen dem 16. und 18. September auf der spiegelglatten Ostsee, “wot woi dat fein, ick heff de meiste Tied an Deck inne Sünn lägen”, in der Sonne an Deck auf einem zum Lazarett-Schiff umgerüsteten  KdF-Dampfer - legt der Transport in Danzig an. Die Verwundeten werden auf verschiedene Lazarette verteilt, Helmut kommt nach Konitz (heute Chojnice); dieses alte Städtchen liegt in Westpreußen, etwa 100 km südwestlich von Danzig an der Strecke nach Schneidemühl in Pommern. (Die Verknüpfung hinter Konitz zeigt auf den Eintrag bei Wikipedia, die hinter Chojnice verweist auf den offinziellen Internet-Auftritt der Stadt; man kann sich vielleicht ein Bild von der Stadt machen, in der Helmut bis nach Weihnachten 1944 gewesen ist. Weihnachten 1944 war er bei Familie Wiese, Gartenstr. 17; und die Tochter Helene hatte es ihm angetan. Das Haus hätte er gerne nochmal sehen wollen.)

Hier im Lazarett spielt er 17 und 4 und haut sein Postsparbuch auf den Kopf - mit gut 4000 RM, die eigentlich als Aussteuer und Startkapital für die Zeit nach dem Krieg gedacht sind. “So kaputt, oder so kaputt”, das ist die Devise. Wenn der Krieg schon verloren ist, dann muss es aber bitteschön lustig zugehen, so lange es geht. (17 und 4 bleibt eine seiner Leidenschaften, auch noch 25 Jahre später im Hinterzimmer nach dem Preisskat.)

Er schreibt nach Etzen, dass er nunmehr im Lazarett sei, aber dass er zusehen wolle so schnell wie möglich wieder an die Front zu kommen.

Karl schreibt zurück mit einer geheimnissvollen verschlüsselten Botschaft: “Halte die Stellung! Denke daran, was ich Dir aus Eger erzählt habe!” Eger? Natürlich, das böhmische Eger, damals zu Österreih-Ungarn gehörig, war 1914 Lazarettort, und Karl lag dort 1916 nach seiner Verwundung, die er sich in den Gefechten gegen die Russen in Galizien (heute Südpolen) zugezogen hatte. Er hatte einen Beindurchschuss, genau zwischen Schienbein und Wadenbein, aber ohne dass der Knochen zertrümmert worden wäre - Glück im Unglück.
Was hatte er gemacht? Helmut denkt nach. - Klar, man nehme eine Kupfermünze, möglichst mit etwas Patina dran, und schiebe sie unter den Verband - in jedem Falle eitert die Wunde, das bedeutet Verlängerung im Lazarett. Das machen viele so, man muss nur wissen, wann Visite ist und wann Verbandswechsel. Sonst kommt man vor das Kriegsgericht - wegen Selbstverstümmelung (gleich “Feigheit vor dem Feind”) ist mit manchem schon “kurzer Prozess” gemacht worden.

 

Chojnice, damals Konitz