Soldaten, Krieg und "Tourismus"

Man stelle sich vor: Du lebst in Etzen, Raven, Soderstorf oder in einem Dorf in Ostpreußen oder in Bayern. Irgendwann wirst Du heiraten, Vaters Hof erben oder woanders einheiraten, eine Familie gründen. Dein Aktionsradius ist auf - wenn's hochkommt - 25km begrenzt, zweimal im Jahr Lüneburg zum Beispiel, im Frühjahr und im Herbst, Sommerbekleidung oder was für den Winter kaufen. Urlaub aber ist was für "Stadtleute", Du kannst ja auch vom Vieh nicht weg.

Leute aus Karls und auch noch aus Helmuts Generation kamen normalerweise nicht aus dem Dorf und der Umgebung weg - außer in Uniform. Karl wurde im September 1908 Soldat und kam nach Berlin zur Garde. Dort blieb er bis 1910. Ich stelle mir vor, wie der junge Mann aus Etzen, 19, 20 , 21 Jahre war er da, durch diese quirlige Großstadt spaziert und aus dem Staunen nicht mehr herauskommt.

Im Ersten Weltkrieg war er dann in Frankreich stationiert, dann in galizien den Karpaten und im Lazarett in Böhmen (in Eger, heute Cheb). Und sein Bruder Hermann wurde im Januar 1915 als Reservist eingezogen, seine Einheit fuhr mit der Bahn den Rhein und am Schwarzwald entlang über Straßburg und Colmar in die Vogesen, und dort ist Hermann am 1. August 1915 nicht weit vom Schratzmännle am Hartmannsweilerkopf "gefallen", also zu Tode gekommen.

Und Helmut war 1940/41 in Belgien und in Frankreich als Besatzungssoldat stationiert, ehe seine Einheit Ende 1941 in die Sowjetunion verlegt wurde.

Helmut hat oft erzählt, dass er sich mit den Mädels im belgischen Flandern auf Platt unterhalten konnte: "Magritsche, makst du noch twee Spiegeleier?" ("Margretchen, machst du och zwei Spiegeleier?"), Is de oorlog bald förbi?" ("Ist der Krieg bald vorbei?" - das verstanden die Palttdeutschen, wobei sie sich über das flämisch-niederländsche Wort "oorlog" für "kieg" wunderten.) Oder Französisch: "ferrmeh la porrt" / "fermez la porte", "deh böhr" und "Madmohsell, aweh wuh ang pö damur pur moah?" - er prunkte mit seinen aufgeschnappten Brocken Französisch. Ob er damit bei den Frauen landen konnte, weiß ich nicht.

Das alles hat mich auf den Gedanken gebracht, den "touristischen Aspekten" des "Soldat-Spielens", wie sie es genannt haben, nachzugehen.

Zunächst sind da Karls Postkarten, die er aus Berlin - manchmal ziemich cool und recht stolz, manchmal eher bedrückt ("schickt Geld") - an seinen Bruder Hermann und manchmal auch an seine Eltern geschickt hat.
Und dann ist da eine Sammlung von Ansichtskarten aus Reval (Tallinn), die Helmut nach Etzen geschickt hat; mehr kommt.

Post von Karl aus Berlin 1908/1910 Karls Fotoalbum mit Motiven aus Potsdam (hier: Schloss Sanssouci), ca. 1910

Helmuts Bilderalbum aus Reval/Tallinn, Januar 1944 Helmut in Paris - das unvermeidliche Gruppenbild dem Eiffelturm bitte in das Bild klicken, dann öffnet sich eine Vergrößerung)