Leningrad #1

Bilder

Leningrad, 1942-1944

Die Belagerung der Millionenstadt Leningrad - heute wieder: St. Petersburg - gehört zu den abscheulichsten Kriegsverbrechen der Wehrmacht: Eine Stadt mit mehr als 3 Millionen Einwohnern, damals etwa mit Paris zu vergleichen -  wurde vollständig abgeriegelt, nichts und niemand kam in die Stadt, keine Verpflegung, kein Wasser, kein Brennstoff. Hitler hatte den Befehl gegeben, die Bewohner verhungern zu lassen. Die Statd wurde täglich mit Artillerie beschossen, zuerst die Lebensmitteldepots, denn Planquadrat für Planquadrat die Wohngebiete.

Mehr als 1 Million Menschen - etwa ein Drittel der Bewohner - musste einen erbärmlichen Tod sterben, Hunger, Entkräftung, Beschuss. Im Oktober 1991 war ich auf dem Friedhof und habe die Massengräber gesehen.-

Der Belagerungsring wurde erst am 28. Januar 1944 - nach 871 Tagen härtester Belagerung - durch die Rote Armee gesprengt. Anlässlich de 70. Jahrestages dieses Ereignisses sprach der 95 Jahre alte Schriftsteller Daniil Granin, ein Überlebender der "Blockade" oder der "900 Tage", wie es im Russischen heißt, am 27. Januar am Holocaust-Gedenktag im Deutschen Bundestag. Seine Rede ist in Auszügen hier, der Text in deutscher Übersetzung hier.-

 

Am 1. Mai 1942 kommt Helmut in der Stellung vor Leningrad an. Während in Etzen längst die Frühjahrsbestellung angelaufen ist und die Kühe auf der Weide sind, liegt hier noch Schnee.

"Dreiecksdorf" (wegen eines Gleisdreicks in der Nähe ihrer Artilleriestellung; das Dorf heißt Wolodarka), Mga, Gatschina sind Ortsnamen, die mir in Erinnerung geblieben sind und die wir 1989 und 1990 besucht haben.

Peterhof ist nicht weit. Dort hat Peter d. Große - Zar von 1689 bis 1725 - ein großes Schloss mit riesigem Park erbauen lassen, nach dem Vorbild von Versailles, das damals Maßstäbe setzte. Peter, der alles Deutsche bewunderte, nannte es "Peterhof", und weil es im Russischen kein "h" gibt, heißt es dort Петергоф (petergóf). Helmut geht einmal mit Ernst Buckendahl zu Fuß dorthin, den Bahndamm entlang, um das Grab von Ernsts Bruder zu besuchen. Sie haben sich einen gebrannt unterwegs. Als sie zurückkkommen, machen sie sich an den Geschützen zu schaffen. Sie werden abgehalten - heftiges Gegenfeuer aus der Stadt wäre die Folge gewesen und für die beiden ein Kriegsgerichtsverfahren.

Die "Weißen Nächte" haben ihn ubd die anderen Deutschen besonders fasziniert, wenn die Sonne sommers nur kurz unter dem Horizon verschwindet und schon bald wieder da ist, man kann dann den ganzen Tag ohne Beleuchtung auskommen. Die Kehrseite: Dies waren für die eingeschlossene Bevölkerung die schlimmsten Zeiten, denn die deutsche Artillerie konnte nahezu ununterbrochen ihrem Vernichtungswerk nachgehen.

Die Laufkatze im Hafen war ein Ziel für die Artillerie. Hoffentlich wurde sie nie getroffen.

Diesen Kran ("Laufkatze") im Hafen von Leningrad hat Helmut durch ein Scherenfernrohr fotografiert:

Während der Belagerung gibt es jeden Tag Artellerieduelle, im Sommer wird aus der Stadt weniger geschossen, weil Munition knapp wird, im Winter aber haben Pioniere der Roten Armee unter Anleitung von Geologen der Universität eine LKW und Eisenbahntrasse über den zugefrorenen  Ladoga-See gelegt, die "Straße des Lebens". Kinder und Frauen werden so ins Hinterland evakuiert, Kunstschätze in Sicherheit gebracht, und Lebensmittel, Heizmaterial sowie Ersatzteile und  Munition kommen in die Stadt.

Helmut erzählt oft von seiner Begegnung mit Süddeutschen; die Division ist eine württembergische Infanterie-Division (215. I.D.), nur das Artillerie-Regiment, das der Division zugeteilt ist, besteht aus Norddeutschen, sie kommen aus Holstein und Niedersachsen, einige aus Mecklenburg, Plattdeutsch ist ihre Umgangssprache. Die Schwaben verstehen sie nicht, sie fragen: “Seid Ihr Holländer?” Man lacht. Die Spannung löst sich - wären sie Holländer oder Flamen, so wären sie mit großer Wahrscheinlichkeit Waffen-SS-Leute gewesen, Vorsicht, Fanatiker.

Die Plattdeutschen aus Holstein, Hamburg und Niedersachsen machen Witze über die Schwaben (“de Quietschers” nennen sie sie, wohl wegen ihrer singenden Satzmelodie, sagt Helmut. Wahrscheinlicher: Mit  "Quiddje" wird in Hamburg einer bezeichnet, der nicht aus Hamburg oder Umgebung ist und - großer Nachteil! kein Platt versteht. Ein gutes Dutzend der Soldaten in seiner Einheit kommt aus Großhansdorf, Einzugsbereich Hamburg.) Und die Schwaben sind höflich; es herrscht das vornehme “Sie”, während die Plattdeutschen, meist Bauern oder Handwerker, sofort und selbstverständlich auf “Du” sind: Im Dorf ist jeder “Du”, nur der Pastor und der Schulmeister nicht und der Gutsherr auch nicht, wenn vorhanden.

Die Plattdeutschen machen Witze über die Schwaben (“de Quietschers” nennen sie sie - "Quiddjes" hießen in Hamburg die Zugezogenen, die kein Platt verstehen.) Und die Schwaben sind höflich; es herrscht das vornhem “Sie”, während die Plattdeutschen, meist Bauern, sofort und selbstverständlich auf “Du” sind - im Dorf ist nämlich jeder “Du”, nur der Pastor und der Schulmeister nicht und der Gutsherr auch nicht, wenn vorhanden.
Und da, kurz bevor geschossen werden soll, fragt doch einer: “Habe Sie scho gelade?” Man versteht das plattdeutsche “Schogelade”, also Schokolade...

Ein halbes Jahr hat er die Stiefel nicht ausgezogen. Ene September 1942 setzt die Schlammperiode ein, und an Heinz’ Geburtstag - 5. Oktober - friert es das erste Mal. Am 2. Mai 1943 dann, eine Woche nach seinem Geburtstag, kann er sich des erste Mal die Stiefel wieder ausziehen. In der Schlammperiode saugt sich das Leder voll Wasser und zieht sich zusammen. Wenn man sie dann noch ausziehen kann, wird man sie nicht wieder anziehen können. Also bleiben sie an - barfuß im Winter oder gar im russischen Winter geht nicht.

Im Herbst 1943 ist Heimaturlaub. Er fährt den Lanz Bulldog, geht mit seinem Cousin Fritz Meinecke aus Mölln (“de Tähnarzt”) spazieren. Er fängt sich eine Grippe ein. Als Karl und Helmut auf dem Bahnhof in Sottorf stehen, kommt Westermann, der Bürgermeister und ruft: “Helmut, giffst Du einen ut, wenn ick Di noch 2 Wäken Urlaub gäben dou?” Karl und Helmut glauben an einen schlechten Scherz. Doch, doch, die Einheit hat telegrafiert: Die Grippe muss zu Hause auskuriert werden; er habe gesund und erholt wieder bei der Truppe zu erscheinen.

August 1941 ist Helmut in Etzen - Urlaub. Klar, dass er auf den Lanz steigt, und zwar in Uniform.

Diese drei Bilder hat er in seinem Fotoalbum so angeordnet, wie man es unten sehen kann. Der Lanz steht für die Geschäftigkeit auf dem Hof, zumal in der Erntezeit, die Uniform für den Krieg - den einen hat er hinter sich, den in Belgien und Frankreich. Er wird nach Frankreich zurückkehren, wo er als Besatzungssoldat einen ruhigen Dienst schieben kann. Aber ahnt er, dass der andere Krieg, der in Russland, auf ihn wartet? Auf dem Bild rechts jedenfalls guckt er sehr nachdenklich und skeptisch in die Kamera, als dächte er: “Dat heff ick in’n Kieker, wat dor noch vun kummt.”
Das mittlere Bild zeigt den tierlieben Helmut, wie er mit dem Kaninchen spielt - die Idylle ist auf 3 Wochen begrenzt, “denn geiht weder na’n Krieg.”

 
 
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Dieses Bild, vor der Giebelwand in Etzen aufgenommen, muss 1942 entstanden sein, als Helmut Heimaturlaub hatte.
Links im Bild ist sein Bruder Heinz, rechts sein Vater Karl. Die Frau kann ich nicht identifizieren.