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Brammer-online

Briefe nach Etzen

Briefe aus Frankreich und der Sowjetunion nach Hause

Von Helmuts Briefen an seine Eltern in Etzen und an seinen Bruder Heinz in Etzen oder in Ehlbeck hat er nur wenige hinterlassen.
Die will ich hier dokumentieren.    

> Reval (Tallinn), 29. Januar 1944 - orientierungslos; "Soldatenklau" sammelt versprengte Soldaten ein
> Narwa/"im Osten", 17. März 1944 - Kühe, Milchsuppe, Heinz' Verlobungspläne und erneute Musterung Heinz'
> "im Osten", 23. April 1944 - in Gedanken bei den Mädchen in Ehlbeck und beim Sonntagskuchen in Etzen
> aus dem Lazarett in Konitz, 30. September 1944 - vorgezogene Geburtstagsgrüße und Zigarettenmangel

> aus dem Lazarett in Konitz, 6. Oktober 1944 - fortschreitende Genesung und Ärger über zu wenig Ausgang

 

Osten, d. 29.1.44

        Lieber Heinz!

Schnell will ich Dir einige Zeilen schreiben. In N.* bin ich gestern gut angekommen habe in einer großen Fabrik übernachtet, hier wird ein jeder aufgefangen, ob Urlauber, Dienstreisende usw. ganz gleich von welcher Einheit, heute morgen war nun eine große Einteilung, es wurden mehrere Komp. aufgestellt, somit bin ch nun auch bei der Inf. gelandet, gesagt wird ja, daß wir in den nächsten Tagen wieder zur alten Einheit sollen; heute abend sollen wir allerdings noch in Stellung gehen, aber bis hier ist der Iwan ja noch nicht.
Nun lieber Heinz, ich will dir man lieber nicht zu Haus schreiben. Du kannst es Vater ja mal erzählen.
Schreibt ruhig weiter auf meine alte F.P.N.**

Viele Grüße an Vater und Mutter

Dein Bruder

Ernst Buckendahl sein Haufen ist hier, habe schon einige getroffen.

* gemeint ist offenbar Narwa

** F.P.N.: Feldpostnummer;  Helmuts FPN war 35860

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Im Osten, den 17.III.1944

    Lieber Heinz!

    Heute abend will ich Dir auch mal einige Zellen schreiben. Deinen lieben Brief habe ich dankend erhalten, ich staune über Deinen Betrieb, hast Hans Ehlbeck seine Wirtschaft wohl gut auf Draht. Wie ist die Witterung denn da bei euch? Wir stecken och immer im dollsten Winterheute war es noch ganz eisig kalt, und obendrein schneite es noch tüchtig. Wir sind hier  nun auch wieder tüchtig beim Stellungsbau, allerdings mit dem Unterschied, daß wir hier im Sand herumbuddeln, ist doch ein großer Vorteil für uns. Hier müßen (sic) wir nun wohl  die Stellung halten.
Nun lieber Heinz, was gibt es sonst an Neuigkeiten bei Euch? Schreib mir mal recht viel, nach dem Urlaub habe ich ja so wenig erfahren. Wie sieht es (S.1/S.2) mit Deiner Verlobung aus, hast Du Dich dazu noch nicht entschlossen?
Du wirst wohl staunen, wenn ich Dir schreibe, daß wir hier in der Battr. (Batterie) auch 16 Kühe haben, feine Sache, jeden 2. Abend gibt’s Milchsuppe, das ist ja mein Leibgericht.
Sag mal, wie war Dir denn zu Mute, wie Du zur Musterung warst? Da hast Du aber mal wieder gewaltig Schwein gehabt. Na, wenn Du nun wieder hin mußt, dann ist der Krieg auch bald aus.
Nun, lieber Heinz, will ich schließen, in der Hoffnung, daß es Dir recht gut geht, verbleibe ich mit den herzlichsten Grüßen

Dein Bruder

 

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Sonntag, den 23.4.1944

    Lieber Heinz!

    Soeben habe ich Deinen Brief vom 13.IV. dankend erhalten, für die Glückwünsche zu meinem Geburtstag danke ich Dir herzlich. Du hast es denn ja wohl mächtig eilig mit der Frühjahrsbestellung.
Hier bei uns wird es jetzt auch Frühling, das Wetter ist sehr schön, nur an ganz schattigen Stellen sitzt noch etwas Frost im Boden.
Seit par tagen ist es nun auch wieder ganz ruhig bei uns, hoffentlich bleibt es nun so, der Iwan hat aber auch tüchtig Verluste gehabt hier. Hast auch wohl schon genug gehört im Wehrmachtsbericht. (S.1/S.2)
Was gibt es sonst Neues bei Euch? Was hat Ihr denn da für Mädchen in Ehlbeck lohnt es sich, um Urlaub da mal vorzusprechen? Heute bekam ich auch von R. Brammer einen Brief, der wird jetzt wohl in Urlaub sein. Auch albert Michaelis hat mir einen Brief geschrieben, der wird wohl auch auf Urlaub sein.
So, und jetzt möchte ich auch mal hinter einem schön gedeckten Kaffeetisch sitzen und den Sonntagskuchen essen, aber leider -
Nun, lieber Heinz, hoffe ich, daß es Dir noch recht gut geht,
viele herzliche Grüße

Dein Bruder Helmut


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Konitz, den 30.9.44

    Lieber Heinz!

    Recht vielen Dank für Deinen lieben Brief; ja, da hast Du recht, Zeit habe ich jetzt genug zum Schreiben, aber im Bett schreiben, das ist auch so eine Sache.
Zu Deinem Geburtstag gratuliere ich recht herzlich, stelle man so einige Flaschen zurück, im November können wir dann mal ordentlich einen zusammen nehmen. Sag mal, hast Du nicht mal was zu rauchen?, hier schmachtet man bald, alle 10 Tage gibt’s 20 Zigaretten. Das Leben hier im Lazarett gefällt mir schon lange nicht mehr, aber ich kann ja froh sein, daß ich überhaupt so aus dem Schlamassel rausgekommen bin.
Nun hoffe ich, daß es Dir recht gut geht, in den nächsten Tagen werde ich Dir wieder einige Zeilen schreiben.
Nochmals für Dein neues Lebensjahr alles, alles Gute,
viele Grüße

Dein Bruder


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Konitz, den 6.10.44

Lieber Heinz!

    Wie hast Du Deinen Geburtstag denn verlebt? Hast Du auch einen Kater heute morgen? Ich nehme ja an, daß Du von dem köstlichen Naß, vorausgesetzt, daß Du überhaupt was hast, auch für mich noch etwas zurückgestellt hast. Ich gehe meiner Genesung jetzt mit Riesenschritten entgegen, es wird nicht lange mehr dauern, dann heißt es K.V.* der Nächste. Die Wunde heilt verdammt schnell, ist schon fast zu. Ich bin gespannt, ob der Splitter auch raus soll, der sitzt links unter der Hüfte.
    Du hast wohl genug zu tun in Ehlbeck, kannst den Kram auch übersehen?  Was gibt es sonst Neues da in der Gegend?  Was machen die Mädchen? Da gibt’s wohl reichlich von. Hier im Lazarett ist es nun so weit, daß man nur von 1300 bis 1700 ausgehen darf.  Ist man paar Wochen in Deutschland, denn darf man noch nicht mal raus.  
Was meinst Du von der Kriegslage? Haben es jetzt wohl bald geschafft.
So, lieber Heinz, jetzt will ich schließen, der Arzt kommt gleich zur Visite.
Hoffentlich geht es Dir recht gut.
Viele herzliche Grüße

Dein Bruder

* K.V.: kriegsverwendungsfähig

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Soldatenfriedhöfe

"Soldat, Soldat in grauer Norm,Soldat, Soldat in Uniform ...
Soldaten sind sich alle gleich, lebendig und als Leich'", singt Wolf Biermann - wie wahr.

Unten habe ich einige Bilder von Soldatengräbern aufgeführt, die Helmut oder einer seiner Kriegskameraden fotografiert haben. Die allermeisten Toten sind Angehörige des Artillerieregiments der 215 Infanteriedivision (215. I.D.).
Bei manchen der Grabstätten ist der Name zu lesen. Manche dieser Namen habe ich in der Datenbank, die der "Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V." eingerichtet hat ("Gräbersuche"), gefunden; diese habe ich mit den Angaben dort verknüpft.

 

   
Folgende Namen kann man auf dem Originalfoto lesen:
Alfred Blum, 19.07.1911 - 01.09.1944 Estland;
Heinz Günther, 23.05.1922 - 17.04.1944  HVPl Machnowo bei Pleskau/Pskow - eher: Heinz Gümther, 02.05.1925 (HH-Wandsbek) - 03.11.1944 Saldus/Frauenburg, Lettland oder 09. 07.1925 Berlin-Spandau - 23.11.1944
Josef Dinter; Adolf Dietz; Franz Schallberger / Schellberger (?)
Die Ortsangaben bezeichnen den Todesort lt. Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (http://volksbund.de).
Richard Kröger - Nordabschnitt -  23.12.1913 - 10.07.1943
Südwestl.Makarjewskaja/Pustyn

Der Soldatenfriedhof in Puschkin / Zarskoje Selo - hier wurde auch Max Rixen begraben, der am 16.1.1943 als Helmuts Urlaubsvertretung einen Volltreffer erhält.

Peter Reichert, 29.08.1922 (München) - 24.12.1944 Sudmali, Lettland 

Obergefreiter Hans Bestmann, 11. Art.Rgt., 215. I.D. (*21.11.1913; gef. 2.8.1942)

11/Art. Rgt.  215.
  Ogfr. Friedr. Weidemann, geb. 22.9.1919 Klein Mühlen/Eutin, gef. 7.11.44 bei Steniki (bei volksbund.de  als Diedrich Weidemann)
 

 

 

 

Soldaten, Krieg und "Tourismus"

Man stelle sich vor: Du lebst in Etzen, Raven, Soderstorf oder in einem Dorf in Ostpreußen oder in Bayern. Irgendwann wirst Du heiraten, Vaters Hof erben oder woanders einheiraten, eine Familie gründen. Dein Aktionsradius ist auf - wenn's hochkommt - 25km begrenzt, zweimal im Jahr Lüneburg zum Beispiel, im Frühjahr und im Herbst, Sommerbekleidung oder was für den Winter kaufen. Urlaub aber ist was für "Stadtleute", Du kannst ja auch vom Vieh nicht weg.

Leute aus Karls und auch noch aus Helmuts Generation kamen normalerweise nicht aus dem Dorf und der Umgebung weg - außer in Uniform. Karl wurde im September 1908 Soldat und kam nach Berlin zur Garde. Dort blieb er bis 1910. Ich stelle mir vor, wie der junge Mann aus Etzen, 19, 20 , 21 Jahre war er da, durch diese quirlige Großstadt spaziert und aus dem Staunen nicht mehr herauskommt.

Im Ersten Weltkrieg war er dann in Frankreich stationiert, dann in galizien den Karpaten und im Lazarett in Böhmen (in Eger, heute Cheb). Und sein Bruder Hermann wurde im Januar 1915 als Reservist eingezogen, seine Einheit fuhr mit der Bahn den Rhein und am Schwarzwald entlang über Straßburg und Colmar in die Vogesen, und dort ist Hermann am 1. August 1915 nicht weit vom Schratzmännle am Hartmannsweilerkopf "gefallen", also zu Tode gekommen.

Und Helmut war 1940/41 in Belgien und in Frankreich als Besatzungssoldat stationiert, ehe seine Einheit Ende 1941 in die Sowjetunion verlegt wurde.

Helmut hat oft erzählt, dass er sich mit den Mädels im belgischen Flandern auf Platt unterhalten konnte: "Magritsche, makst du noch twee Spiegeleier?" ("Margretchen, machst du och zwei Spiegeleier?"), Is de oorlog bald förbi?" ("Ist der Krieg bald vorbei?" - das verstanden die Palttdeutschen, wobei sie sich über das flämisch-niederländsche Wort "oorlog" für "kieg" wunderten.) Oder Französisch: "ferrmeh la porrt" / "fermez la porte", "deh böhr" und "Madmohsell, aweh wuh ang pö damur pur moah?" - er prunkte mit seinen aufgeschnappten Brocken Französisch. Ob er damit bei den Frauen landen konnte, weiß ich nicht.

Das alles hat mich auf den Gedanken gebracht, den "touristischen Aspekten" des "Soldat-Spielens", wie sie es genannt haben, nachzugehen.

Zunächst sind da Karls Postkarten, die er aus Berlin - manchmal ziemich cool und recht stolz, manchmal eher bedrückt ("schickt Geld") - an seinen Bruder Hermann und manchmal auch an seine Eltern geschickt hat.
Und dann ist da eine Sammlung von Ansichtskarten aus Reval (Tallinn), die Helmut nach Etzen geschickt hat; mehr kommt.

Post von Karl aus Berlin 1908/1910 Karls Fotoalbum mit Motiven aus Potsdam (hier: Schloss Sanssouci), ca. 1910

Helmuts Bilderalbum aus Reval/Tallinn, Januar 1944 Helmut in Paris - das unvermeidliche Gruppenbild dem Eiffelturm bitte in das Bild klicken, dann öffnet sich eine Vergrößerung)
 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kriegstagebuch 1914

Schon am 2. August 1914, das ist der 1. Mobilisierungstag gerade einen Tag nach der deutschen Kriegserklärung an Russland, wurde Karl mobilisiert, und am 5. August war er wieder in Berlin. Dort lässt er ein Foto anfertigen - das haben viele Soldaten für ihre Angehörigen getan. (Von seinem Bruder Hermann existiert ebenfalls ein Foto aus Munsterlager, abgelichtet in voller Ausrüstung.)
Am 10. rückte Karls Einheit nach Westen ab und wurde in Lothringen und in Belgien in schwere Kämpfe verwickelt. Ende August wurde sie nach Ostpreußen verlegt, dann nach Galizien (damals eine Provinz Österreich-Ungarns, heute Südpolen), nachdem die Österreicher eine russische Offensive nicht hatten abwehren können. Im Herbst 1914 wurde er schwer verwundet; ein Schrapnell durchschlug sein Bein.

All dieses Geschehen hat er in seinem Notizbuch aufgezeichnet, manchmal mit unglaublicher Genauigkeit, wenn es um Ortschaften oder Uhrzeiten ging. Hier kommen nun Auszüge aus diesem handlichen Notizbüchlein, das in jede Hosen- oder Jackentache passte (aufgeschlagen gerade 18x15cm misst, Format kariert).

Ich habe das Tagebuch gegliedert; hier sind die einzelnen Abschnitte:

> Notizen zur Person
> Truppentransport nach Westen - Belgien und Frankreich
> 10. August: Abfahrt "nach dem Krieg"
> Die ersten Gefechte
> Notizen zu Längeneinheiten und zum Kaliber der Geschütze
> 10. August: Abfahrt "nach dem Krieg"
> Weiterer Bericht über die Zeit zwischen dem Transport nach Frankreich bis zum Abmarsch nach Osten
> Truppentransport per Bahn  nach Ostpreußen
> Marsch durch Ostpreußen bis ans Kurische Haff, dann südwärts über Oberschlesien nach Galizien
> Der geschulte Blick des Landwirts auf die Dörfer in Russisch-Polen
> Ankunft in Ostpreußen, erste Gefechte mit den russischen Truppen
> Ostpreußen II und Verwundung
> Lazarettaufenthalte, Autofahrt und immer schlechtere Verpflegung
> Beschreibung der Verwundung und Komplikationen
> Tiefe Verzweiflung - eine katholische Schwester spendet Trost
> Zwei Adressen von Krankenschwester und Pflegerin in schweren Stunden
> Eine Währungstabelle
> Im Lazarett in Eger: Tod, Selbstmord, Selbstverstümmelungen, Hinrichtungen
> Transport von Krakau nach ins Lazarett Eger - 3 Tage im Zug
> Rückfahrt aus Eger
> Auf den letzten Seiten finden sich Adressen

 

Notizen zur Person:

Hier sehen wir Angaben zu Dienstgrad und Einheit, dann die Anschrift seiner Frau Frieda.
Wer Heinrich Röhrs ist, den er ganz unten nennt, wissen wir nicht. Vielleicht war er einer der wenigen, die Plattdeutsch sprachen; immerhin kam er aus dem Kreis Fallingbostel, war also auch Heidjer.

Linke Seite: Reservist Karl Brammer
Maschinengewehrkomp.
III. Bataljon ??? Inf. Rgt.
6. Garde Division
Garde Reserve Korps
_______________________
Adr. nach Hause
Frau Frieda Brammer
Gr. Süstedt b. Gerdau
Kr. Uelzen Pr. Hann. (Kr.: Kreis; Pr.: Provinz)
__________________________

Heinrich Röhrs
Ostenholz b. Fallingbostel



L.I.R.     ????
M.G.K.    Reservist
Nr. 76     Karl Brammer


Truppentransport nach Westen - Belgien und Frankreich

Am 5. August abgereist von der Heimat
 "  10.     "     abgefahren von Berlin
über Rathenow  Stendal 
Obisfelde  Isenbüttel  Gifhorn
Lehrte  Hannover  Minden
Portawestfalika  Löhne
Herfort  Bielefeld
Gütersloh  Hamm  Hagen 
Barmen  Elberfeld  Obladen
Mülheim a. Reihn (sic).  Cöln
Bonn  Hillersheim (Eifel)


Am 11.+12. August
bei Jakob Müller
Am 13. August  Statkül
Am 15.   "     Krinkel






10. August: Abfahrt "nach dem Krieg"

Ab dem 10. August ist fast jeder Tag verzeichnet. Nach 2 Ruhetagen in Bonnines wird die Einheit nach Osten verlegt. Denn wider Erwarten sind russische Truppen tief ins  Reichsgebiet vormarschiert und hatten große Teile Ostpreußens besetzt. (Der "Schlieffenplan" von 1905 sah einen schnellen Vormarsch von 7 deutschen Armeen im Westen vor, durch Belgien nach Paris in 4 Wochen - "Wenn Sie nach Frankreich einmarschieren", sagte er, "dann lassen Sie den rechten Flügelmann den Kanal mit seinem Ärmel streifen," bemerkte Schlieffen - dann Schwenk nach Osten und Sieg über die Russen. Der deutsche Generalstab rechnete damit, dass die russische Armee auf dem riesigen Gebiet mindestens 6 Wochen benötigen würde, bis sie kriegsbereit sei - was für eine große Fehleinschätzung! Während dieser Zeit wollte man im Westen Frankreich besiegen. Dazu war ein sehr schneller Vormarsch nötig, und der musste nach dieser Logik durch das neurale Belgien gehen, wie es auch geschah. Damit aber halste sich die deutsche Heeresleitung auch England als Gegner auf.)  

10. August  Abfahrt nach dem Krieg*
11.  "    Fahrt nach Frankreich
12.  "    Ruhetag in Berndorf
13.  "    "
14.  "    "           Stadtkühl
15.  "    Marsch  
16.  "    "           Odenwal
17.  "    "          Werbemont
18.  "    "         Lissamont
19.  "    "        Lavad
20.  "    "       Hingeon
21.  "    "      Frank Wanet
22.  "    Belagerung von Namur
23.  Schlacht bei               "
24.  Ruhetag  Bonnines
25.  "              " 
 Marsch von Namur nach Aachen

In Aachen 1. Zug in Quartier
bei Fam. Adolf Meyer   Aachen 
Wilhelmstraße 90

 

* Karl hat auch als alter Mann in seinen Formlierungen den Krieg wie einen Ort behandelt - "he möss na'n Krieg" (er musste zum Krieg); parallel konstruiert werden auch die Richtungsangaben z.B.  "na Schoul" oder "na Stadt" ("nach Schule", "nach Stadt" _ das haben früher die Kinder im Dorf noch in den 50er Jahre so gesagt.

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Die ersten Gefechte


Karls Einheit war der 6. Armee unter Kronprinz Rupprecht von Bayern eingegliedert worden. Hier schreibt er über die ersten Gefechte in Frankreich:

1. Schlacht bei Hingeon
am 20. August
Baier* erschossen   Dorf abgebrannt
Frankfore  Flieger

23. August   Schlacht bei    3000 F.
Bonnines   Fort erstürmt
________________

Bei Diedenhofen 21000 Franzosen
gefangen genommen
________________

Am 23. August Belfort gefallen
________________

45000 Mann gefangen


Die Schlacht um Hingeon und Namur ist auf wikipedia beschrieben (engl. Version).


* Baier: Bayer - die 3. Armee wurde von dem bayrischen Kronprinzen Rupprecht befehligt


 

 


Notizen zu Längeneinheiten und zum Kaliber der Geschütze

Nach dem Gefecht bei Hingeon wurde die belgische Festung Namur belagert und nach drei Tagen eingenommen. Gegen Namur kamen schwerste Geschütze zum Einsatz, darunter auch ausgeliehene österreichische. Vielleicht ist das der Anlass für seine Notizen geographischer und technischer Natur zu den großen Geschützen gemacht:

 

1 Artillerie Geschoß  42cm Durchm
   15km nach 30   (unverständl.)

1 Meile  7 1/2 Kilometer 

Krup (sic) Kanonen 60cm Durchm

36km Tragweite   Eng 30km
(30km nach England von Calais aus?  - 37 km sind es)

 

_____________________
Ein Geschoß von Dmm 42 kostet 35000 Mark
Schwere 14 Centner

Ein ???geschoß kostet dasselbe

Östreichische* (sic) Mörser 38cm Durchm

 

* "Östreichische" /  "Östreich"  heißt es immer, wohl weil man auf Plattdeutsch "Östriek" sagt.


Weiterer Bericht über die Zeit zwischen dem Transport nach Frankreich bis zum Abmarsch nach Osten

Nach einigen unbeschriebenen Seiten erscheint ein weiterer Bericht über die Zeit zwischen dem Transport nach Frankreich bis zum Abmarsch nach Osten :
 

Am 1. August Nachts 1 Uhr Verladung
unserer Komp. auf dem Mo-
abiter Bahnhof. Fahrt über
Stendal  Hannov. Minden
Hamm  Barmen  Cöln
Bonn bis Lissendorf ausgeladen
Quartier in Berndorf in
der Eifel.
Am 24. August Gefecht bei Hingeon
der Feind zog sich zurück
Am 23. August Fort Markorilette*
                                  gefallen
Marsch durch Namur bis Vitrival
daselbst Befehl zum Rückmarsch
nach Rußland.
Von Vitrival bis Liege / bis Lüttich
marschiert am 28. August von Liege nach Bleiberg, von Bleiberg
nach Achen (sic)

* Marchovelette

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Truppentransport per Bahn  nach Ostpreußen

Am 31. August Nachmittags
3 Uhr aus Herzogenrath abgefahren nach Rußland *
Hamm  Löhne  Minden
Wunstorf  Hannover  Lehrte
Isenbütel  Fallersleben
Oebisfelde  Gardelegen
Berlin  Bernau
Eberswalde  Angermünde
Stettin  Freinenwalde
Ruknow  Dierschau  Weichsel
ostpreussen-03Marienburg  Mühlhausen**

3. Sept. Donnerstag angekommen
durch Mehlsack
10 Meilen                   vor Königsberg
durch Landsberg gekommen Markt (?)
In Pr. Eylau in Quartier gewesen
durch Friedland Russen gewesen

* (warum er über "Russland"  "Holland" geschrieben hat, wird nicht klar; vielleicht will er nur darauf hinweisen, dass die Stadt Herzogenrath unmittelbar an der Grenze zu den neutralen Niederlanden liegt)
** (darunter steht klein: "umgeladen")

Ankunft in Ostpreußen, erste Gefechte mit den russischen Truppen

 notizbuch-1914-tagebuch-06-2

Am 31. August von Aachen nach Herzogenrath daselbst verladen
um 6 Uhr Abends.
Am 3. Sept. Morgens 9 Uhr
in Mühlhausen Ostpr.
ausgeladen. Am 6. Sept.
Quartier in Pr. Eylau.
Von Pr. Eylau nach Friedland
nach Schönbaum
Am 9. Sept. daselbst starkes
Artilleriegefecht
Am 10. Sept.

... hier bricht die Eintragung ab.

Offenbar wird Karls Einheit in die Schlacht an en Masurischen Sen (9. bis 14. September) verwickelt. Am 14. 9. nimmt er die Eintragungen wieder auf.

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Marsch durch Ostpreußen bis ans Kurische Haff, dann südwärts über Oberschlesien nach Galizien

Links bei Königsberg vorbei
Rechts bei Insterburg vorbei 2 km
Russen eilige Flucht
In der Höhe von Tilsit 250000 Russen
Am 14. Sept. in Labiau in Quartier

Am 15. Quartier in Kuggen
Dienstag 5 Uhr (das war der 15.9.)
Fahrt über Braunsberg   Elbing
Weichselbrücke 783 (?)
Marienburg   Pr. Stargardt
Lissa  Banitsch Brieg
Tarnowitz  Donnerstag Abend 11 Uhr
(das ist jetzt der 17.9.)

19. Sept. in der Kaserne Reitende
Jäger eine Nacht in Quartier
Am 19. September Nachmittags 31/2 Uhr
die Russische Grenze überschritten
Am 20. In einer deutschen Fabrik
in Quartier            Russisches Dorf
Am 21. Sept. Quartier   "          "


Der geschulte Blick des Landwirts auf die Dörfer in Russisch-Polen

  Dörfer schlecht, Häuser alles
mit Stroh und Holzschindel
gedeckt Mancherorts (?) selten
hölzerne Bohlen auf
geschichtet. Obstbäume
wilder. Land 1 Meter Stücke
Kühe klein und mager
Pferde dasselbe
In Russisch Polen die
Leute durchweg Juden
Straßen sehr schlecht u. sehr selten.
Häuser so mickrig das
mit der Hand das Dach zu
reichen ist. Boden sehr schlecht,
stellenweise wächst garnichts
Untergrund alles steinig.

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  Ostpreußen II , Abmarsch nach Galizien und Verwundung

Am 26. August Brief von Etzen
Am 30.  "          "      "      "
Am 30. August  "      "     Frieda
___________________________

Am 22. + 23. (September) Marsch
Am 24. Quartier Pinzewit
                             Stadt   Markt

Habe am 28. Sept. bei toschoff (Staszów?)*
eine Schrapnel Kugel durch
die linke Wade und einen
Streif Schuß durch den linken
Rockärmel  (zwei Worte gestrichen)
am Seitengewehr abgeprallt
das linke Pferd** erschossen
gelegen in der Schule vom
28-2. Okt. Darauf 35 klm 
(unleserlich) nach Mechow (richtig: Miechów)
gefahren von 10 Uhr bis 6 Uhr Uhr (sic)
Am Sonnabend 10. Okt. Müller
und ich im Auto nach Krakau gefahren
        1/2 Stunde gefahren

*vermutlich Staszów, das ca. 35km von Miechów entfernt liegt

** er gehörte einer "bespannten Maschinengewehr-Einheit" an - zwei Pferde bilden üblicherweise ein "Gespann" 

Kartenausschnitt
mit dem Operationsgebiet von Karls Einheit
und dem Ort seiner Verwundung

galizien-miechow-staszowo-1


Lazarettaufenthalte, Autofahrt und immer schlechtere Verpflegung
 

 

Eine deutsche Gräfin hat uns hin
gefahren, hat sehr viel Gutes
an uns getan.
In Krakau Morgens Kaffe (sic) 2 Brötchen
10 Uhr Kakao  Schinken 2 Brötchen
Mittags Fleisch Kartoffel Apfelbrei
1 Teller Suppe  2 Glas Apfelwein

______________

In Mechow Morgens Kaffe 1 Brötchen
Mittags Fleisch und vier große Kartoffeln
Abends Teller Suppe

______________

In Androschenof Morgens
Tee ohne Zucker  1 Stück trocken Brot
Mittags 1 Trinkbecher Gemüsekonserven
Abends Tee o. Z.  1 St. Brot

______________


Beschreibung der Verwundung und Komplikationen

Am 21. Oktober ist um mein
Bein ein Gips Veband gelegt,
es wurde mit Röntgenstrahlen
durchleuchtet und wurde fest-
gestellt, daß noch ein Riß
im Knochen war. Außerdem
das Schienbein gebrochen.
Am 2. November Wunde aufgemacht
war vereitert,

 

- Die Eintragung bricht hier ab. -




 

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Tiefe Verzweiflung - eine katholische Schwester spendet Trost

O Maria ohne Sünde em
pfangen bitte für uns die
wir zu dir unsere Zuflucht
suchen.
Den Spuch und Medaljon
von einer Katholischen
Schwester in schwerer Stunde
meines Lebens erhalten.



Harre meine Seele, harre
des Herrn, alles ihm befehle
hilft er doch so gern in
allen Stürmen in aller
Not wird er dich beschirmen
der treue Gott.



Wie mein Gott mich führet, so will ich
gehen, ohne selbst irgend wählen.


Zwei Adressen von Krankenschwester und Pflegerin in schweren Stunden

Dass er hervorhebt, dass es sich um eine katholische Schwester handelt, die ihm beisteht, ist wohl nur so zu erklären, dass es ja in seiner Heimat in der Lüneburger Heide keine Katholiken gab. Überdies war die Vokabel "getoulsch" gleichbedeutuend mit "falsch", "nicht vertrauenswürdig". (Erst 1945 mit den Flüchtlingen kamen Katholiken aus Schlesien und Westpreußen in die Lüneburger Heide).
Österreich-Ungarn aber war katholisch geprägt, und die polnische Bevölkerung war es noch viel mehr. Das gilt auch für die Polen in der preußischen Provinz Posen-Westpreußen wie auch für Russisch-Polen, aber auch für die deutschprachige Bevölkerung dort.
 
Die Tagebucheinträge legen nahe, dass es sich bei Gräfin Gersdorff um die Gräfin handelte, die Müller und ihm "sehr viel Gutes" getan hat. Und Helene Engelman wird die "katholische Schwester" sein, die ihm "Spruch und Medaljon" gegeben und ihm Trost gespendet hat.

Schwester Gräfin Marguerite Bernsdorf* 
Krakau   Postlagernd    Hauptpostamt

*Dies wird Gräfin Gersdorff selbst geschrieben haben.


"Meine Pflegerin in schwersten Stunden", schreibt Karl.

Helene Engelman in Krakau
ul. Staszica 8.*

*Namen und Adresse sind wohl von Frau Engelman geschrieben worden.


Frau Engelman scheint auch die Adresse des Lazaretts in das Notizbuch geschrieben zu haben (s. rechts):

Krakau - Garnisonsspital No.15
Abteilung 2. Zimmer 6.
Bei GoogleEarth kann man das Haus an der ulica Staszica Nr. 8 sehen - es ist nicht auszuschließen, dass hier die Pflegerin Helene Engelman gewohnt hat.
 

 

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Die deutsche Armee hatte fast ganz Belgien, große Teile Nordfrankreichs und Gebiete in Russisch-Polen besetzt. Hauptverbündeter war Österreich-Ungarn.
Die Soldaten kamen in den besetzten gebieten natürlich mit der Bevölkerung zusammen, und sie hatten mit deren Geld zu tun. Vielleicht hat Karl deshalb eine Art Umrechnungstabelle angefertigt.


Eine Währungstabelle:

Östreiches (sic) Geld

1 Krone  =  80 Pfg.   (hier mit dem alten Symbol, das einem griechischen "Delta" gleicht, geschrieben)
1 Kreuzer   2 Heller
3 Heller      2 Pfg.

_______________

Russisches Geld
1 Rubel    =   2,16 M.
1 Kopeken = 1 Pfg.
_______________

Französches (sic) Geld

1 Frank   =  85 Pfg.
4 Cent     =    5 "


Im Lazarett in Eger: Tod,
Selbstmord,
Selbstverstümmelungen, Hinrichtungen


Ende Oktober 1914 wird Karl nach Eger (heute Cheb in Tschechien) ins Lazarett verlegt. Er schreibt nur von schlimmsten Vorkommnissen. Einziger Lichtblick ist Frau Dr. Schubert mit "Cigarren und Cigaretten".

Res. Spital Rudolfinum
Eger in Böhmen
Zimmer 2 b
II.  8     II/8

Das Rudolfinum in Eger (heute Cheb) war ein 1875 fertiggestelltes Schulgebäude, das nun als Lazarett genutzt wurde. Bilder sind hier. 1999 wurde das Gebäude abgerissen.

 

In der Nacht auf den 15. Oktober
Kamerad Gärtner gestorben
hatte Lungenschuß .  Inhaber
des Eisernen Kreuzes


Am 16. Oktober ein Östreicher gest.


Frau Doktor Schubert hat
täglich Cigarren und Cigaretten gespendet.

 

18 Östreicher und 2 Tiroler haben
sich selbst mit Absicht in die
Hand geschossen, wurden erhängt

Ein Wachtmeister in Eger aus
dem 2. Stock gesprungen gestorben
Verheiratet  4 Kinder

 

 

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Transport von Krakau nach ins Lazarett Eger - 3 Tage im Zug

 

Diese Notiz, die die Bahnstrecke des Verwundetentransports dokumentiert, hat nicht Karl geschrieben, sondern vielleicht eine der begleitenden Schwestern, vielleicht Helene Engelman (s.o.) - jedenfalls legt die Ähnlichkeit der Handschrift diese Vermutung nahe.

Krakau (26. Oktober,
5 Uhr nachmittags),
Oświęcim, Oderberg,
Prerau (27. Oktober, 6 bis
8 Uhr früh), Olmütz,
Böhmisch-Turau,
Pardubitz, Kolin,
Prag (28. Oktober,
1 Uhr nachts), Marien-
bad, Eger 1/2 1 Uhr
vormittags
28. Oktober


Rückfahrt aus Eger

 
  Am 11.12.1914 Vormittags
10 Uhr aus Eger gefahren
Wiesau, Weiden, Regensburg,
Hof, Plauen, Reichenbach,
Altenburg, Leipzig, Halle

Auf den letzten Seiten finden sich Adressen:

Franz Lindemann
Bln-Niederschönhausen
Kaiser Wilhelmstr.92
Gemeindepastor Döring
Cassel Wilhelmshöhe
Kunoldstr. 32
 
 
Musketier Eilers Wilhelm
Ilmenau/Thür. Teisstr. 1


Nikolaus Brandt
Oberlohma
b. Franzensbad
Böhmen
 

 Wehrman (sic) Herm. Cohrs II.
2. Komp. Reserve Rgt. 208
22. Armeekorps
44. Division
_________

Wehrmann H. Drewes 6. Komp.
Reserve Regt. N. 208
22 Armee Korps
44. Division
_______________________________

Kanonier Sengstaake  13. Armeekorps
Fußartelerie (sic)  Rgt. N. 13  .
1. Linien Baterie (sic)
_______________________________

Wehrmann H. Sengstacke
Res. Inf. Rgt. 28  12. Komp.
19. Res. Division 10. Res. Armeekorps
_______________________________

dann, kopfüber:
Thomas Rosser
L... Schürmann
K... Kreuzburg

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Reval / Tallinn

Reval und Narwa - fast bricht ihm  sein Glück das Genick

Man merkt an dem intensiveren Beschuss aus der Stadt, der ab 14. Januar 1944 einsetzt, dass die Russen den Ausbruch vorbereiten, und jeder kann sich ausrechnen, dass die Einheiten der Wehrmacht bald zurückgedrängt werden und die Stadt nach 900 Tagen der härtesten Belagerung ("Blockade") der Geschichte befreit wird. Am 15. Januar  erhält Uffz. Helmut Brammer den Marschbefehl nach Reval (heute Tallinn). Dort soll er an einem Gas-Lehrgang teilnehmen. Denn das Oberkommando befürchtet, die Rote Armee werde Gas einsetzen, um den Belagerungsring um Leningrad zu sprengen.

 

“Du hest aber wedder Glück, Helmut,” sagen die Leute, “de Iwan brickt bald ut. Und denn biss Du wiet wech vun’n Schuss! Ick günn tou gern mit Di mit.”

In der Tat: am 28. Januar 1944 beginnt der sowjetische Großangriff, die beiden Kessel von Leningrad und Oranienbaum werden aufgesprengt, und die Wehrmacht wird einige hundert Kilometer zurückgeworfen.

Aber fast bricht ihm hier sein Glück das Genick:
“Soldatenklau”, ein Offizier im Range eines Majors, patroulliert mit Feldjägern durch Reval und lässt sich von jedem Landser den Marschbefehl zeigen. Es spricht sich herum, dass er umgeht - “Soldatenklau” steckt jeden, der nicht klar sagen kann, wo sich seine Einheit befindet - und das sind viele in diesen Tagen des Rückzugs -  in eine zusammengewürfelte Kompanie aus Versprengten. Als er Helmut fragt, wo seine Einheit sei, antwortet er, wie  er’s weiß: “Bei Puschkin, Herrr Major!” “Machen Sie keine Witze, Brammer, da sind wir lange nicht mehr!” In der Tat, er hat recht. Und Helmut findet sich in einer Kompanie wieder, in der auch Angehörige der Waffen-SS (“Nordland-Division”) sind - “Rabauken, Schläger, richtige Verbräkers tou’n Deil” - Norwegen, Dänen, manche direkt aus dem Knast. Sie wollen sich austoben, und Helmut weiß, denen ist alles egal.

Er ist nun “bei der Inf. gelandet” - bei der Infanterie, also ganz unten in der Rangfolge der Wehrmacht, den “Infanterieschweinen”, den “Frontschweinen”, die im Dreck liegen, bei denen, die ganz vorne Mann gegen Mann die Drecksarbeit machen müssen, und sie müssen bald zum Einsatz - aber der Iwan ist hier ja noch ruhig, schreibt er an Heinz - nicht an seine Eltern. Das kann er ihnen nicht schreiben, seinem Vater Karl, der den Ersten Weltkrieg überlebt hat und dessen älterer Bruder Hermann am 1. August 1915 "gefallen" ist, schon gar nicht. Heinz soll ihnen das erzählen, sonst machen sie sich zu viele Sorgen. Man kann das seinem Brief vom 29. Januar deutlich entnehmen. (Er ist anscheinend in 2 Etappen geschrieben; gleich nach dem ersten Satz hat er einen anderen Stift verwendet.) (Und wie gestresst und fertig er ist, wie er auch gealtert ist, kann man auch auf dem Bild rechts erkennen.)

“Soldatenklau” ist altgedienter Offizier und fanatischer Nazi. Im Ersten Weltkrieg haben ihm die Franzosen an der Westfront beide Hacken weggeschossen. Er kann nicht richtig stehen, wippt auf und ab: “Soldaten!” brüllt er die angetretenen Reihen an, “Was gibt es Schöneres, als für Deutschland zu sterben?”
Helmut denkt, aber er sagt es nicht: ”Leben ist besser!”

Er ist in jeder freien Minute am Bahnhof in Reval (Tallinn). Endlich trifft er einen aus seinem Haufen - bei Narwa sind sie jetzt . Er gibt ihm mit, man möge ihn, den Ladekanonier, unbedingt anfordern. Und so kommt es auch: ein Telegramm, ab in den Zug, und bald findet er seinen Haufen wieder, eben bei Narwa.



Osten, d. 29.I.44

Lieber Heinz!

Schnell will ich Dir einige Zeilen schreiben. In N. (offenbar Narwa) bin ich gestern gut angekommen habe in einer großen Fabrik übernachtet, hier wird ein jeder aufgefangen, ob Urlauber, Dienstreisende usw. ganz gleich von welcher Einheit, heute morgen war nun eine große Einteilung, es wurden mehrere Komp. aufgestellt, somit bin ch nun auch bei der Inf. gelandet, gesagt wird ja, daß wir in den nächsten Tagen wieder zur alten Einheit sollen; heute abend sollen wir allerdings noch in Stellung gehen , aber bis hier ist der Iwan ja noch nicht.
Nun lieber heinz, ich will dir man lieber nicht zu Haus schreiben. Du kannst es Vater ja mal erzählen.
Schreibt ruhig weiter auf meine alte F.P.N. (Feldpostnummer;  35860 war das)

Viele Grüße an Vater und Mutter

Dein Bruder

Ernst Buckendahl sein Haufen ist hier, habe schon einige getroffen.


 
In Reval scheint er sich zuweilen wie ein Tourist gefühlt zu haben, jedenfalls bevor er "Soldatenklau" über den Weg gelaufen ist.
Unten findet sich ein ausklappbares Fotoalbum mit Ansichten der Stadt, das er seinen Eltern und seinem Bruder Heinz geschickt hat. Auf der Rückseite finden sich Stichworte zu den Ansichten in estnischer und in deutscher Sprache.
von oben: 1. Blick von See; 2. Tornide väljak / Platz der Türme; 3. Vana Raekoda / Altes Rathaus
4. Majad Toompea verul / Alte Häuser auf dem Domberge; 5. Vaade Toompeale / Totalansicht auf dem Domberg; 6. Aleksander Nevski peakirik / Alexander-Newski-Kathedrale (im Original nach links gedreht)
7. Toompea kindlus / Mittelalterliche Burg; 8. Viruvärav / Mittelalterliches Stadttor; 9. Vaade Toompealt / Aussicht vom Domberge
Muster: Rückseite der Fotos, die auch als Postkarten verwendet werden konnten