Gustav Stuhtmann

 der Schnurrbart
 Gustav Stuhtmann 1938
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 Gustav u. Otto Diederichs
("Thansemeier")
 Gustav Stuhtmann 1953
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Onkel Gustav / Gustav Stuhtmann (8. Mai 1868 - 6. Juli 1956)

... als junger Mann    Gustav und sein Schnurrbart - ... und “Thanse-Meier” - Pass- und Führerscheinfotos - Gustav zum 85. - Gustav Stuhtmann ist tot
Zeitweilig war die - modern gesprochen - Fluktuation auf dem Hof groß, kamen und gingen in rascher Folge die "Knechte" und "Mägde", wie sie früher hießen. Das hatte damit zu tun, dass Gustav Stuhtmann öfters seinen Schabernack mit ihnen trieb. Eines Nachts stieg er auf den Heuboden. Er hatte eine Strohpuppe in Arbeitskleidung dabei, die er ins Gebälk hängte. Als nun der Schweizer (der Melker) früh am Morgen - die Schweizer fingen schon um 3 Uhr an - heraufkam, um Heu und Stroh herunterzuwerfen für die Kühe, da zog Gustav an dem Strick und machte Geräusche. Der Schweizer bekam es mit der Angst. Er machte seine Arbeit fertig und ging zum Bauern: "Bei Dir spukt das. Mach man die Papiere fertig, ich höre sofort auf."

Kann sein, dass das der Tag war, an dem Franz kam.

Im Sommer ging die Schule um 7 los, im Winter um 8. Gustav hatte eines schönen Tages eine Idee. Er zog sich seinen Lodenmantel an, denn es war Winters Tag und es war kalt. Im fahlen Licht des Mondscheins auf dem Schnee stand er vor der Schule, den Schnurrbart in's Gesicht gekämmt und den Hut tief ins Gesicht gezogen, und begann, als die ersten Kinder kamen, ein großes Messer an einem Wetzstein zu wetzen. Das schleifende Geräusch, die unheimliche Figur, die Stimmen, die er machte, jagte den Kindern einen gehörigen Schrecken ein. Gustav ging danach zum Schulmeister und sagte: "Na, Köster, näm sind denn hüt de Kinner afbläben? Denn lat uns man wat vertelln," und ging in die Küche.

Das mochte er, Leute "Grouen maken". Mit seinem gewaltigen Schnurrbart konnte er ganz grauslige Grimassen schneiden. Und er war eine stattliche Erscheinung, eine große, breitschultrige Gestalt mit langem schwarzem Jackett. Noch als alter Mann "bedrohte" er Jungs mit seinem großen Handstock - und gab ihnen anschließend Himbeerbonbons, von denen er einen unerschöpflichen Vorrat in seinen großen Tasche hatte.

In Luhmühlen bei den Reitern war er ein angesehener Mann; als junger Mann hat er auch geritten, und er war ein großer Pferdezüchter. Auch in der Hundezucht hatte er einen großen Namen. - Onkel Gustav hatte zu allem Lust, bloß nicht zur Landwirtschaft . Aber die war ihm in die Wiege gelegt worden; die ungeschriebenen Gesetze seiner Zeit sahen unerbittlich vor, dass der erstgeborene Sohn das Hoferbe antreten musste, ob er wollte oder nicht. Vielleicht ist er deswegen - wie man heute sagen würde - etwas "abgedreht" gewesen. Und dass er seine liebe Tochter Käte schon mit 17 Jahren verloren hat, hat er nie verwunden.

So saß er denn auch oft mit "Thansemeier" - Otto Diederichs vom Hof Thansen - zusammen. "De bei hebbt vör de Missendör säten und hebbt logen", erzählen die Leute.
Eines Tages saß er mit seiner Zigarre und Thansemeier mit seiner Pfeife da. Sagte Gustav: "Ick heff `n neie Deern in'n Huus." "Sü," sagte Thansemeier, "denn lat er mal vördraben." Gustav rief: "Anna, hal mal Holt!" Anna musste an den beiden vorbei, um in ihrer Schürze ein paar Scheite Holz zu holen. Als sie wieder in die Küche gegangen war, fragte Gustav: "Na, wat dücht Di dor bi?" Thansemeier: "Gesang 74, Vers 2" (und das war die Strophe, die anfing mit "Unser Wissen und Verstand ist mit Finsternis umhüllet.") Was uns wie eine Geheimsprache anmutet, war den meisten Leuten damals ganz offensichtlich. Denn damals konnten die Leute viel mehr auswendig als wir heute; Gesänge, den Katechismus, Bibelstellen. Da reichen wenige Angaben, um ganze Passagen anzudeuten.

Ich habe Opa, wie wir unseren Großonkel Gustav nannten, denn er lebte ja als Altenteiler auf dem Hof, als einen großen und gütigen, immer zu Scherzen aufgelegten und verschmitzten alten Mann erlebt.
Und ich habe noch in lebhafter Erinnerung, wie er morgens in seinem Bett lag und unsere Mutter ihm sein Frühstück ans Bett brachte - eine Tasse heiße Milch und ein "Rundstück", die untere Hälfte mit Butter und "Honnich" bestrichen, die obere Hälfte mit Butter und Salz. Er aß die untere Hälfte, die Honig-Hälfte, lutschte sich den Schnurrbart aus. Dann stippte er die obere Hälfte in die heiße Milch und bot mir das erste Stück an: "Kumm, Jung, ät man tau, dat is för di!". Noch heute ist mir ein Brötchen mit Butter und Salz und heiße Flüssigkeit - bei mir Tass' Kaff' - ein Hochgenuss. Aber nur, wenn es die obere Hälfte ist, versteht sich. Und Honig schmeckt mir irgendwie "gediegen".

 

Gustav, Käte und Emma Stuhtmann (Emma steht auf der Veranda, an einen Pfosten gelehnt, um 1922

Onkel Gustav konnte seinen gewaltigen Schnurrbart so kämmen, dass er die ganze Wangenpartie zudeckte. (Seine Schnurrbarts-Tasse mit einem Steg, so dass er ohne den Bart in die Milch zu tauchen, trinken konnte, habe ich noch.)

So ähnlich stelle ich ihn mir vor, als er eines finsteren Wintermorgens vor der Schule aufgetaucht war.


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Zum 85. Geburtstag
 
Die Traueranzeigen aus dem "Winsener Anzeiger"

Emma hat nach Gustavs Tod die Uhren angehalten, auch das Kalenderblatt riss sie nicht ab. das blieb 6 Wochen lang so. Gustavs Zeit war angehalten.

Namens der Mitabrieter hat Heinrich Rieckmann die Anzeige gezeichnet. 
Gustav Stuhtmann, Raven, verstorben am 4. Juli 1956
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