Gustav Stuhtmann und "Thansemeier" Otto Dieterichs

Gustav und sein Freund, Otto Dieterichs ("Thanse-Meier"; links im Bild) auf Hof Thansen im Jagdzimmer. Otto war mit Martha verheiratet, und Martha war die Schwester von Ella Stuhtmann, geb. Völker, der Frau seines jüngsten Bruders Heinrich.

Ursel sagte: “Otto het sien Läf nix dan. Hei hett in 3 Joar ein Scheeselong keputtlägen.” (Otto hat sein Lebtag nichts getan. Er hat in 3 Jahren eine Chaiselongue kaputtgelegen - sie hatte keine Vokabel für “Sofa”; der französische Ausdruck war in Eyendorf ganz gebräuchlich.)

 

Dieterichs in Thansen waren sehr vornehme und sehr gütige Leute;
vornehm: Was man sich so vorstellt darunter - wenn sie am Sontagnachmittag spazierengingen, so musste ein “Knecht” mitgehen. Der hatte ein Brett zu schleppen. Wenn sie an eine Pfütze kamen, warf er  das Brett darüber, so dass alle trockenen Fußes weitergehen konnten, ohne einen Bogen um die Pfütze zu machen.
gütig: Es hatte sich herumgesprochen unter den “Hampudels”, den Landstreichern, dass es den Leuten bei Otto D. gutgehe. Wenn ein “Hampudel” auf den Hof kam, so bekam er ordentlich ‘was zu essen. Am nächsten Tag zog er dann weiter. (Das sprach sich natürlich in der Szene herum. Man weiß ja, dass Landstreicher/Vagabunden an Balen oder Holzständern  Markierungen anbrachten, die darüber informierten, ob oder wie man an Essen oder Schlafplätze kommen konnte.)
Und zu seinen Leuten kam Otto D. öfters aufs Feld und sagte: “So, Lü, nu hebbt Jü nouch dahn, nu gift dat wat to äten.” Oder er hat ihnen zu Mittag gesagt, sie könnten Feierabend machen.

großes Problem: Otto war offensichtlich zu gut. Der Hof war bald hoch verschuldet. Ende Januar 1933 machte ihm der Hamburger Getreidehändler Töpfer ein Angebot: Otto möge ihm, Töpfer den Hof überlassen. Dafür wolle Töpfer alle Schulden übernehmen. Otto und seine Familie mussten Knall auf Fall Thansen verlassen - “sei hebt nich mal dat Linnen ut’n Schapp mitnähmen künnt”, sagte Ursel oft voller Bitterkeit - sie haben ncht mal das (Familien-)Leinen aus dem Schrank mitnehmen können.-
War Otto vielleicht übers Ohr gehauen worden? Er wusste jedenfalls eines nicht: Die kommende Regierung Hitler würde die Schulden der Güter annullieren zu Lasten des Reiches.
Er hatte also den Hof umsonst erhalten - und Otto den großen Hof für nichts hergegeben. - “Insidergeschäft” nennt man so etwas heute.
Otto hat danach in einer kleinen Wohnung in Lüneburg gewohnt und ist als armer Mann gestorben. 
Sein Sohn Willi, der ein hochgebildeter Mann war, schlug sich als Milchkontrolleur (“Kuh-Titten-Kommissar”) durch. Er kam öfters mal nach Raven zu seiner Cousine Ursel und erzählte und erzählte. Manchmal blieb er ein paar Tage. Dann lag er gerne auf dem Sofa in der Eßstube und las und las.