Hausarbeit von I. Lüthge

Die Geschichte des Heidedorfes Raven
Schularbeit von Irmhild Lüthge


Von der Gründung bis 1951

Vorbemerkung zur Genese dieses Abschnitts:
1991 hat mir Tante Lieselotte (Lieselotte Rüther), die von 1913 bis 2013 ein ganzes Jahrhundert gelebt hat, ein Exemplar der Hausarbeit von I. Lüthge überlassen, damit ich das Werk digitalisieren konnte. Jost hatte alles das 2002 in HTML gesetzt; ich habe es dann für diese Neuauflage von "brammer-online" übernommen; h.b-w.

Einführung
Raven ist ein kleines Dorf in der Lüneburger Heide. Um es zu erreichen, fährt man von Hamburg aus in Richtung Südosten bis zu dem Städtchen Winsen an der Luhe. Dort verläßt man die Hauptstrecke und fährt mit der Kleinbahn. Nach 1 1/4-stündiger Fahrt in Richtung Südosten erreicht man die Bahnstation Eyendorf. Man hat dann einen einstündigen Fußweg vor sich. Die Straße führt durch bebautes Land und durch Wälder. Dieser lange Anmarschweg läßt erkennen, daß Raven sehr abgelegen ist. Alle Bahn- und Autobuslinien sind erst nach einstündigem Fußweg zu erreichen.

Diese Abgelegenheit Ravens war die Ursache, daß es bis in die heutige Zeit den Charakter eines alten Heidedorfes behalten hat. Ebenso beeinflußt durch diese Lage ist das Erhaltenbleiben einiger Vorgeschichtsdenkmäler. Durch diese Sehenswürdigkeiten, zu denen auch die Kirche, ein alter Backsteinbau aus der Spätgotik gehört, ist Raven zu einem interessanten Ort geworden, den zu besuchen es sich wirklich lohnt. Ein weiterer Anziehungspunkt ist die herrliche Landschaft, die den kleinen Heideort einschließt. Da Raven sehr hoch liegt, fällt das Land in alle Richtungen hin mehr oder minder ab. Kleine Höhenzüge und Bergrücken mit ihren Laub- und Nadelwäldern gestalten das Landschaftsbild sehr abwechslungsreich. Von verschiedenen Höhen hat man einen Blick ins Luhe- und Elbetal. An manchen Stellen ähnelt das Bild einer Mittelgebirgslandschaft. Die Heideflächen haben nicht mehr die Ausdehnung früherer Zeiten, sondern sind durch die Anpflanzungen der Kieferwälder erheblich zurückgegangen. Auch der Ackerbau hat zu diesem Rückgang beigetragen. Trotzdem ist noch genug Heide da, um Raven ein Heidedorf zu nennen.

Landschaft
Diese eben beschriebene Landschaft, die Geest, ist während der Eiszeit aus verschiedenen Ablagerungen entstanden. Die vier Höhenzüge der Lüneburger Heide sollen sich während der zweiten Eiszeit gebildet haben. Die Gletscher kamen jeweils von Osten und tauten von Westen her wieder auf. Aus den Endmoränen der damaligen Gletschervorstöße haben sich zuerst der Tot-Rücken, dann der Hauptrücken, als dritter der Toppenstedter Rücken und zuletzt der Lüneburger Rücken gebildet. Während der dritten Vereisung, die das Elbetal nirgends überschritten hat, war die Geest ein Tundragebiet. Der Pflanzenwuchs auf dem Dauerfrostboden war sehr gering, so wie wir ihn ja heute noch aus der Tundra Nordeuropas und Asiens kennen. Die klimatischen Verhältnisse jener Zeit bewirkten eine starke Zertalung der einzelnen Höhenzüge, die bei Raven besonders ausgeprägt zu beobachten ist. Die Zertalung erstreckt sich über einen größeren Zeitraum. Die Täler können sich nur eingeschnitten haben, als die Bodenschichten noch gefroren waren und nur im Sommer oberflächlich auftauten. Das Wasser von den auftauenden Schnee und Eismassen und von den Niederschlägen riß den leichten, aufgetauten Boden mit sich fort und bildete scharf eingeschnittene Täler. Später staute sich das Wasser über dem Frostboden. dadurch kamen die Erdschichten an den Hängen ins Gleiten. Es traten Erdfließbewegungen auf, die den Hängen und Tälern ihre jetzige Form gaben.

Der größte Teil dieser damals entstandenen Täler führt heute kein Wasser mehr. Ihr Boden ist durch das Fortfallen der undurchlässigen Frostschicht so durchlässig geworden, daß alles Niederschlagswasser sofort in die Tiefe sickert. Sie werden darum Trockentäler genannt. In der Ravener Landschaft verlaufen die Trockentäler größtenteils nach Osten und münden ins nördlich verlaufende Luhetal.

Nicht nur das Wasser, sondern auch der Wind hat viel zur Bodengestaltung der Ravener Landschaft beigetragen. Der teilweise sehr fruchtbare Boden der Ravener Äcker ist Flottlehm. Dieser Flottlehm ist ein sehr feines Gestein, das mit dem Löß in Mitteldeutschland zu vergleichen ist und wie dieser durch den Wind zur Zeit der letzten Vereisung abgelagert wurde. Solche Ablagerungen sind nur auf Höhen zu verzeichnen, weil sie im Laufe der Zeit freigespült worden sind. In den Tälern sind die Flottlehmablagerungen von anderen Erdschichten bedeckt.

Nachdem sich nun das Klima nach der letzten Eiszeit verbesserte, wanderten zuerst Birke und Kiefer in die baumlose Tundra ein. Ihnen folgte nach weiteren Klimaverbesserungen die Haselnuß. Dann kamen Eiche, Linde, Ulme und Erle dazu. Seit der Bronzezeit sind bei uns alle Waldbäume vorhanden, die zu der Zusammensetzung unserer heutigen Wälder gehören. Zu der Entstehung der Heidelandschaft hat der Mensch viel beigetragen. Nach der Jungsteinzeit griff er in den Waldbestand ein und drängte ihn durch Rodungen zurück. Er benutzte die abgerodeten Strecken als Weideland. Der Nährstoffgehalt des Bodens ging zurück. Die Heide, die bisher nur an wenigen unfruchtbaren Stellen wuchs konnte sich nun in größtem Maße ausbreiten. Die Weidewirtschaft hatte nun eine größere Bedeutung als der Ackerbau. Schafe und Kühe fanden nun in der Heide ihre Nahrung. Noch bis zum 19. jahrhundert waren die Imkerei und die Schafzucht die hauptsächlichsten Wirtschaftsformen. Dr. Wegewitz sagt hierzu: "Lange Zeit haben wir geglaubt, in der Lüneburger Heide eine Urlandschaft vor uns zu haben. Eine Urlandschaft war aber der Eichen- Birkenwald, ehe der Mensch ihn veränderte. Die Heide ist eine ausgesprochene Wirtschaftslandschaft, die durch den Menschen und seine Wirtschaftsform so geworden ist." In den letzten 50 Jahren ist die Heide wieder sehr vom Wald verdrängt worden. Das ist auch in Raven der Fall.


A) Vorgeschichtliches
1. Erste menschliche Spuren
Die Spuren der ersten Menschen im Ravener Gebiet fand man östlich des Dorfes in Flottlehm eingebettet. Es waren Feuersteingeräte von ungewöhnlicher Größe, die man bei der Feldbestellung in reicher Anzahl fand und die daraufhin von Dr. Wegewitz dort ausgegraben wurden. Er sagt selbst darüber: "Der Fund von Raven ist von besonderer Wichtigkeit, weil zum ersten male Feuersteingeräte dieser Zeitstufe im Flottlehm eingebettet gefunden wurden und sich nachweisen läßt, daß der Eiszeitstaub während des Aufenthaltes der Rentierjäger sich ablagerte." Aus anderen Funden der Altsteinzeit (20.000 v.Chr.) in der Lüneburger Heide war man gut über den Stand der Kultur der Rentierjäger unterrichtet. Sie folgten den Rentierherden und hatten darum keine festen Wohnsitze. Man nimmt an, daß sich die Lebensweise dieser Rentierjäger wenig von den noch heute lebenden Polarvölkern unterscheidet. Jedenfalls waren sie keine beständigen Bewohner der Ravener Gegend, sondern hatten nur für kurze Zeit ihre Wohnlager dort aufgeschlagen. 2. Großsteingräber
Die ersten ansässigen Einwohner haben sich in der Jungsteinzeit (5000 - 2000 v.Chr.) niedergelassen. Dieses bezeugen drei Großsteingräber in der Feldmark Raven. Zwei dieser Grabkammern liegen östlich des Dorfes, etwa 2000m davon entfernt am Wege Raven - Wetzen, auf einer nach Osten gerichteten Hügelnase mit herrlichem Fernblick. Eines davon ist sehr zerstört, und nur ein Steinhaufen zeugt von einer früheren Grabstätte. Bei dem zweiten, nahebei liegenden Grabe ist noch etwas mehr zu erkennen. Die Grabkammer selbst ist auch zerstört. Erhalten sind nur noch ein Wandstein, drei Tragsteine und zwei Decksteine. Die Erbauer dieser Großsteingräber nennt man die Großsteingrableute. Den Steingräbern gegenüber, auf der anderen Seite des Weges im Tal, befindet sich ein Gebiet mit Einzelgräbern in Form von Hügelgräbern, die bis auf geringe Spuren zerstört sind. Die Großsteingrabbevölkerung war schon wesentlich früher dort seßhaft. Sie hatte deshalb die fruchtbarsten Äcker der Umgebung in ihren Besitz genommen. Die später hinzukommenden Einzelgrableute fanden nur noch magere Böden vor, auf denen sich der Ackerbau nicht lohnte. Sie betrieben also nur Weidewirtschaft und vor allen Dingen Schafzucht. Die Großsteingrableute waren Ackerbauern, die Einzelgrableute Viehzüchter. Nach Dr. Wegewitz sind am Ende der Jungsteinzeit die Großsteingrab- und Einzelgrableute zu einem einheitlichen Volk verschmolzen, das man die Germanen nennt. Das dritte Großsteingrab liegt etwa 1000m nordöstlich von Raven und ist noch heute gut erhalten. Auch diese Kultstätte liegt auf einem nach Osten hin abfallenden Hügel. Man hat von dort ebenfalls einen weiten Ausblick auf das Luhe- und das dahinter liegende Elbtal. Die Kultstätten auf den nach Osten weisenden Hügelnasen und die Längsrichtung des Steingrabes Ost-West lassen erkennen, daß die aufgehende Sonne in den Gebräuchen unserer Vorfahren eine große Rolle spielte. Das Grab ist verschiedentlich durchgraben worden. Alte Leute erzählten, daß die Kammer im vorigen Jahrhundert von Engländern geöffnet und durchsucht wurde. Einige fehlende Steine des Steinkranzes sind zum Bau der beiden östlichen Strebepfeiler am Chor der Kirche zu Raven verwendet worden, erzählten alte Maurer im Dorfe. 1904 wurde dann das Grab von Beauftragten des Lüneburger Museums sachgemäß ausgegraben. Die Länge des Steingrabes beträgt 5m, und man kann noch heute in gebückter Stellung so weit hineingehen. Die Breite und die lichte Höhe sind durchschnittlich 1,50m. Zehn mächtige Seitentragsteine, alle mit ihren glatten Seiten nach innen, bilden eine fast regelmäßig geformte Kammer, die durch drei gewaltige Decksteine geschlossen wird. Ein vierter, gesprengter Deckstein liegt einige Meter östlich der Kammer. Der Steinkranz ist größtenteils zerstört. Man nimmt an, daß 7 von 20 anwesenden Steinen noch ihre alte Lage haben. Demnach hatte der Steinkranz die Ausmaße 8x18m.

3. Funde aus der Eisenzeit
In der Nähe der beiden Steingräber sind am Westabhang des Streitberges vor rund zwanzig Jahren Reste eines alten Ofens gefunden worden. Es ließ sich nicht feststellen, ob es sich hier um einen Backofen oder um einen Eisenschmelzofen handelte. Letzteres ist eher anzunehmen, da im weiteren Umkreise mehrere große Klumpen (ca. 50cm Durchmesser) eisenhaltiger Schlacke lagen. Es ist durch mehrere andere Funde im Landkreis belegt, daß Eisengewinnungsanlagen von 800 v.Chr. bis zum ausgehenden Mittelalter bei unseren Bauern in Benutzung waren. Weiterhin fand man noch Gefäßscherben, die in den Lehm eingefügt waren, um dem Ofenloch eine größere Festigkeit zu geben. Der Fund ließ auch noch erkennen, daß es sich um einen Ofen handelte, dessen Oberkante der Steinwände etwa 30-35cm unter der Oberfläche lag. Solche Öfen, so schreibt Dr. Wegewitz, deuten auf die Lage von Siedlungen hin. es ist darum anzunehmen, daß die ersten Siedlungsplätze des Dorfes Raven an dieser Stelle waren, also 1 1/2km östlich der heutigen Dorflage., obgleich bei den Untersuchungen der Umgebung des Ofens keinerlei Spuren von Wohnhäusern beobachtet worden sind. Doch auch die Stein- und Hügelgräber in unmittelbarer Nähe, ebenfalls auf dem Streitberg, lassen auf frühere, schon sehr weit zurückliegende Siedlungen an dieser Stelle schließen.


B) Geschichtliches bis zur Neuzeit Das Ende der Frühgeschichte sowie der Anfang des Mittelalters fallen in die Zeit des Bardengaues (bis ca. 1205). Ihn hat Karl der große nach 780 als Verwaltungseinheit bestehen lassen. Die Langobarden, die Bewohner des Bardengaues, lebten in dem nördlichen Gebiet der Lüneburger Heide. Das Kerngebiet dieses Gaues waren das Ilmenaugebiet und der Kreis Harburg. Demnach waren die Ravener Bewohner Langobarden. Die Frühgeschichte Ravens liegt leider im Dunkeln. Weder Funde noch irgendwelche Urkunden, die uns Auskunft geben könnten, sind uns aus dieser Zeit überliefert.
1. Vermutliche Entstehung des Ortes
Lediglich aus der Lage und Numerierung der Höfe läßt sich die wahrscheinliche Entstehung des Ortes Raven deuten. Es ist anzunehmen, daß Raven Jahrhunderte hindurch ein einstelliger Hof war. Diese Hofstelle ist der Schnittpunkt alter Wege gewesen, die von anderen Dörfern auf den Ort Raven zuführten. Auf der Karte der Kurfürstlichen Landesaufnahme von Hannover von 1776 ist dieses noch deutlich zu erkennen. Pastor Becker, der etwa 35 Jahre (bis 1917) in Raven tätig war, meinte auf Grund seiner Nachforschungen, daß dieser Hof zur heidnischen Zeit ein Priestersitz war und begründete das damit, daß in der näheren Umgebung mehrere Kultstätten waren, zum Beispiel der Opferberg und der Kirchenhügel. Die Hofstelle liegt in unmittelbarer Nähe einer von Wiesenwuchs umgebenen Quelle, die auch heute noch nicht ganz versiegt ist. Solche Wohnlage war für die damaligen Verhältnisse ja sehr wichtig. Der Hof Nr. 2 wird, wie nach der heute noch bestehenden Numerierung wahrscheinlich ist, später entstanden sein. Er liegt auf der anderen Seite des Kirchenhügels, wo ebenfalls eine Quelle vorhanden war. Dieser Hof wurde mit der Zeit aufgeteilt, was daraus zu vermuten ist, daß dir Hofstellen Nr. 2 und 3 nur Halbhöfe sind. Die heutige Hofstelle Nr. 4, ebenfalls ein Halbhof, ist dann wahrscheinlich noch später hinzugekommen. Sie muß durch Neurodung entstanden sein, da der Hof Nr. 1 auch heute noch Vollhof ist, also nie geteilt wurde. Diese vier Hofstellen waren jahrhundertelang die einzigen Siedlungen, denn im Testament des Grafen Iso von Wölpe 1231 und im Winsener Schatzregister von 1450 werden nur je vier Hofstellen genannt.

2. Deutung und Schreibung des Ortsnamens
Über die Bedeutung des Ortsnamens gibt es noch keine sichere Erklärung. Einmal leitet man ihn ab von dem Namen Ravenah, das bedeutet soviel wie Rabenhöhle. [Vielleicht besteht sogar eine Beziehung zu der oberitalienischen Stadt Ravenna in der Lombardei. Die Lombardei ist nach den Langobarden benannt, die im Zuge der Völkerwanderung im 6. Jahrhundert zu einem teil die schon erwähnten Stammesgebiete verließen und in Oberitalien einen mehrere Jahrhunderte bestehenden Staat gründeten, dessen zeitweilige Hauptstadt Ravenna war.] ( ) Man sagt aber auch, daß der Name Raven sich aus dem altdeutschen Worte "rahe" ableitet, was soviel wie Ruhe, recht oder Gerichtsstätte bedeutet. In dem Güterregister des Stifts Verden ist von "rauene" die rede. In zwei alten Briefen von 1217 und 1250, die in der Bardowicker Chronik aus dem Jahre 1704 erwähnt sind, heißt es "Raben" und "Ravene" (siehe Abschnitt V A). In einem Bittschreiben des Ravener Pastors, Johannes Bolte (1586), der in bitterer Not sein Leben verbringen mußte, an den Landesfürsten, lesen wir "Rauen" und "Rauene". Im Winsener Schatzregister von 1450 findet sich die heute noch übliche Schreibweise "Raven". Ein Hinweis auf den Rabenvogel (Raven heißt Plattdeutsch Raben) kommt in einer sage zum Ausdruck, die darüber berichtet, wie es zum Standort der Ravener Kirche kam. Die Sage stammt wahrscheinlich aus der Zeit des Kampfes zwischen Heiden- und Christentum. (Diese Deutung ist nicht haltbar: Die Stadt Ravenna ist eine etruskische Gründung. Sie wurde erst 751 von den Langobarden erobert. Die Lombardei (Hauptstadt: Mailand) liegt im übrigen um einiges entfernt von Ravenna in nordwestlicher Richtung; H.B.-W). 3. Älteste Urkunden
Die älteste schriftliche Nachricht über Raven stammt aus der Zeit von 1205 - 1231. Graf Iso von Wölpe schenkte damals, als er Bischof von Verden war, unter Zustimmung seiner Schwester Adelheid, seine bedeutenden Besitzungen in und um Raven, wozu auch eine Mühle gehörte, dem Bistum von Verden. Zwar focht sein Bruder, Graf Konrad von Wölpe, diese Schenkungen an und griff wegen verweigerter Rückgabe der Güter zu den Waffen. Er mußte sich aber 1250 aller Ansprüche auf die Ravener Familiengüter entsagen, weil er von Isos Nachfolger, Bischof Lüder, in den Kirchenbann getan wurde. Aus den Schenkungen des Grafen wurde die Obedienz (Herrschaft) Raven gebildet, welche dem Go (Gerichts- Verwaltungsbezirk) Salzhausen zugelegt wurde. Auf die Besitztümer der Pfarrherrn-Obedienz Raven bezieht sich folgende Stelle im Mandelsloschen Güterregister des Stiftes Verden: "Allodium in Rauene, soluens quattuor quadrantes siliginis et sex auene et quattuor porcos, Molandinam sex quadrantes siliginis." Die Übersetzung dieses lateinischen Textes lautet: "Ein freies Gut in Raven, welches 4 Viertel Roggen, 6 Viertel Hafer und 4 Schweine gibt! die Mühle gibt 6 Viertel Roggen." Nach einer anderen Vorlage heißt es weiter: "In dem Dorfe sind 4 Hufner, von denen jeder 4 Schilling zahlt. In Gelderdessen (Gellersen) geben zwei Mann mit einer Hausstelle 14 Schilling. Je ein Mann in Döhle und Selehorn (Sellhorn) sind der Kirche in Raven zu 10 Schilling verpflichtet. Desgleichen gehört zum Lehen die Schweineweide und ein gewisses "Sunder", das an Raven grenzt. Ein Haus in Hörpel zahlt dem Meier der Verdener Herren 12 Schilling." Das eben genannte Flurstück Sunder wird heute "Sunderberg" genannt. Bei der in diesem Testament des Grafen Iso erwähnten Mühle muß es sich um die Wassermühle in Luhmühlen handeln (Luhmühlen liegt rund 6 km von Raven entfernt), weil von den umliegenden Mühlen nur sie allein zum Bistum Verden gehörte und von dessen Beamten und auch sonst allgemein immer nur als "die Luhmühle" bezeichnet wurde. Ihre alten Beziehungen zu Raven lassen sich deutlich daraus erkennen, daß die dortigen Eingesessenen in Luhmühlen Mühlendienste zu verrichten hatten und daß die Mühle dem Pfarrer und den Armen zu Raven jährlich eine bestimmte Menge Mehl liefern mußte. An die von Wölpeschen Besitzungen erinnert der in Raven noch vorhandene Name Wölper. Er wird schon 1450 im Winsener Schatzregister erwähnt, und wir können aus dem Ravener Kirchenbuch, das bis 1652 zurückreicht, ersehen, daß sich das Wölpersche Geschlecht bis heute auf diesem Hof erhalten hat. Die nächste Nachricht über Raven finden wir im Winsener Schatzregister von 1450. Dieses Register stellt das älteste Namensverzeichnis der ländlichen Bevölkerung dar. Es ist besonders wertvoll, da es noch in eine Zeit hineinreicht, aus der keine Kirchenbücher mehr vorhanden sind. Die Bauern hatten damals ihre Steuern, die der Größe ihres Hofes entsprachen, an Winsen zu zahlen. Für Raven sind folgende Hofstellen angegeben: "De Meyger 1 Plog, Henneke Wolpers 1/2 Plog, Titeke Koth, Kaberch Custos". Ein Auszug aus der Bardowicker Chronik von Peter Schlöppken aus dem Jahre 1704 ist eine dritte und letzte alte Urkunde für das Dorf Raven (siehe Abschnitt V "Kirche").

4. Lebensverhältnisse
Im Mittelalter waren die Lebensverhältnisse der Bewohner des Lüneburger Landes und so auch die der Ravener Bevölkerung sehr schlecht. Sie lebten in drückender Armut. Ein Rolfser Einwohner sagte 1588: "In Raven hat ein jeder nicht mehr Acker und Wiesen bei seinem Hofe, als daß er etwa ein paar Kühe und Ochsen und ein Pferd zu seiner notdürftigen Unterhaltung und schwerlich ein Kalb aufziehen und auffüttern kann." In einem kleinen Sprichwort heißt es: "In Rulfsen und Raben, dor is nichts to haben, een wittbunte Kau hört beide Dörpe tau." Die Äcker wurden größtenteils mit Hilfe von Ochsen und Kühen bestellt. Nicht einmal alle Höfner des Dorfes konnten sich ein Pferd halten. 1760 wurden in Raven nur 6 Pferde gezählt. Heutzutage sind es rund 30. Diese völlige Armut ist wohl darauf zurückzuführen, daß der Ackerboden von dem alljährlichen Getreideanbau, denn die Kartoffel gab es ja noch nicht, vollkommen aufgebraucht war. Auch für die Viehzucht bestand keine planmäßige Weidewirtschaft. Der überaus fruchtbare Waldboden war für den Ackerbau und die Weidewirtschaft noch nicht dienstbar gemacht. Die Bauernsöhne konnten keine neuen Hofstellen gründen, weil das für das Gesamtwohl der Bevölkerung unzuträglich war. Auch die Abwanderung nach den Städten war wegen des ausgeprägten Zunftwesens keineswegs verlockend. Die Familien aus den Dörfern wohnten also eng zusammen, da die zweiten Söhne Häuslinge, Einlieger oder Schäfer auf dem väterlichen Hofe blieben. Kleine Nebenverdienste schafften sie sich durch Schaf- und Bienenzucht. Solche Zustände blieben dann im allgemeinen bis zur Verkopplung bestehen. Im 19. jahrhundert änderte sich dieser Zustand etwas. Die Bauernsöhne wanderten zum Teil in die Städte und zum Teil in die Vereinigten Staaten von Nordamerika ab. Zu den 4 Höfnern des Dorfes Raven waren noch vor dem Dreißigjährigen Kriege 5 Brinksitzer hinzugekommen, die weniger Rechte hatten und nur sehr wenig Land besaßen ( ). Sie waren deshalb meistens nebenbei noch Handwerker. An Acker besaßen der Vollhöfner des Dorfes Raven 100, die Halbhöfner je 50, die Brinksitzer je 35, der Pastor 24 und der Küster 3 Himten Einsaat. An Vieh zählte man in Raven im Jahre 1804 folgendes: 8 Pferde, 6 Zugochsen, 30 Kühe, 300 Schafe, 17 Sauen und einige Ferkel. Ein Beweis für den schlechten Boden waren die immer geringen Heu-, Roggen- und Haferernten, so daß sich die Bauern jedes Jahr von allem etwas dazukaufen mußten.

Flurnamen
Die Flurstücke, die um ein Dorf lagen, machten sich die Bauern nach und nach immer mehr nutzbar. Um die einzelnen Stücke auseinanderzuhalten, gaben sie ihnen Namen, die nicht von heuten auf morgen entstanden sind, sondern erst allmählich allgemein gebräuchlich wurden. Die Ravener Feldmark hat heute rund 100 Flurbezeichnungen aufzuweisen. Die Dorfbewohner erwählten sie nach den verschiedensten Gesichtspunkten. Solche sind unter anderem: der Ort und die Lage, die Bodenbeschaffenheit, die vorwiegend vorhandenen Merkmale (Tierarten, Pflanzenwuchs), die Verwendungsmöglichkeit, geschichtliche und sagenhafte Überlieferungen u.a.m. Hierfür einige Beispiele aus der Ravener Feldmark: Ort und Lage:
Westerhop ist ein ringförmig nach Westen gelegenes Flurstück
Welle ist ein Gebiet um eine Quelle (Welle = Quelle)
Wischbeck Wiesenbach sind Wiesen, die um den einzigen Bach der Ravener Feldmark liegen.
Hellkuhl ist ein tief eingeschnittenes Tal mit steilen Abhängen
Hohwegen ist ein Weg auf einer Höhe, die durch den Wald führt
Barbesaal ist ein Teich beim Barbusch
Himmelsacker ist ein neugerodeter Acker an einem steilen Berg

Bodenbeschaffenheit:

Säuten Barg /säut = süß, fruchtbar. Acker
beziehungsweise Säuten Grund/Wiesen auf fruchtbarem Boden
Suern Kamp sören, soren = trockenes, ausgedorrtes Land
Im Kolk kleiner, sumpfiger Talkessel mit einem runden
Im Moor Sumpfgebiet, Wasserloch
Sal: Wasserstelle

Vorwiegend vorhandene Merkmale:
Bassenkuhl: Waldtal, von Wildschweinen (Bassen) bevorzugt
Kreinsal: eine feuchte Stelle, an der sich Krähen aufhielten
Foßlöcker war früher eine Holzung mit vielen Fuchsbauten
Addersal: feuchte Stelle, wo häufig Schlangen angetroffen wurden
Impenbarg: Ameisenberg
Brümmerdal: Tal mit Brombeeren bestanden
Heinbusch: von Hindin = Hirschkuh, oder von Himbeere
Baukkuhl: Tal mit altem Buchenbestand Verwendungsmöglichkeiten:
Peerhagen hagen = eingefriedigt, eine eingefriedigte Pferdeweide
Pracherbarg Pracher = Bettler; ein Flurstück, das fahrendem Volk zugewiesen wurde, um dort zu lagern
Schapwasch: vom Quellgraben durchflossene Wasserstelle zum Waschen der Schafe
Farkenkaben: eingehegte Ferkel- (Farken-) weide Geschichtliche und sagenhafte Überlieferung:
Sunderbarg sunder - etwas abgesondertes, besonderes.
Der Sunderbarg war früher ein heiliger, abgesonderter Hain. Es ist die höchste Stelle Ravens. Man hat von dort eine weite Sicht.
Strietbarg: ein zwischen den Ortschaften Raven und Wetzen umstrittenes Flurstück. Die KircheDiese Aufnahme zeigt die Ravener Kirche St. Martin vom Opferberg, fast zu Schnells hin. Und der Garten vorne rechts gehört zur Schule - ihr Vater war ja Küster, Kantor und Schulmeister.So etwa wird der Blick gewesen sein, den Irmhild Lüthge 1950/1951 auf die Kirche hatte.

A Entstehung und Baugeschichte
Zu den ältesten und wegen ihrer Baulichkeit hervorragenden Gotteshäusern des Kreises Harburg gehört die Kirche des Dorfes Raven. Sie ist dem Heiligen Martin geweiht. St. Martin ist der Schutzheilige der Armen. Als er einmal, hoch zu Roß einhersprengend, einen in Lumpen gehüllten Bettler gewahrte, trennte er mit einem Schwertstreich soviel von seinem eigenen Mantel ab, daß der Arme genug hatte, um seine Blöße zu bedecken. Die Geschichte der Ravener Kirche ist sehr alt und läßt sich nicht mit Sicherheit in allen Einzelheiten belegen. Im Dunkel der Vergangenheit mischen sich heidnische und christliche Elemente, was wir aus einer überlieferten Sage deutlich erkennen können. Sie lautet etwa folgendermaßen: Als das Christentum in Raven und seiner Umgebung Fuß zu fassen begann, wollte das christliche Volk dem neuen Gotte auch ein Heiligtum bauen. Doch der bisherige heidnische Priester suchte das mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zu verhindern, weil er im Stillen hoffte, daß das Volk allmählich wieder zum Heidentum zurückkehren würde. Schließlich wurde er aber von den Gläubigen so bestürmt, daß er den geplanten Bau des Gotteshauses nicht mehr verhindern konnte. Er griff zu einem letzten Mittel und schlug vor, daß Wodan, ihr bisher oberster Gott, selbst in einem Gottesurteil entscheiden möge. Der Priester hatte zu diesem Zweck die Gemeinde auf dem Opferberg versammelt. Dort ließ er einen gegangenen Raben, den Wodansvogel, fliegen, und zwar mit der Bestimmung, daß dort, wo sich der Vogel zuerst niederließe, dem neuen Gotte eine Kirche (Heiligtum) gebaut werden solle. Er hegte natürlich die Hoffnung, daß der freigelassene Vogel auf und davon fliegen und somit den Bau noch einmal verhindern würde. Der Rabe, des Fliegens nicht mehr ganz mächtig, ließ sich ganz in der Nähe auf einem kleinen Hügel nieder. So soll es zu der Gründung des Gotteshauses an der Stelle gekommen sein, wo sich heute der gotische Backsteinbau erhebt.

 

Diese geschichtlich sehr unwahrscheinliche sage berichtet also aus der Übergangszeit vom Heidentum zum Christentum, also der Zeit Karls des großen, in der dieses Gegend mit Gewalt bekehrt wurde. Deshalb ist vielleicht zu schließen, daß auf uralter, geweihter heidnischer Kultstätte die ersten Christenpriester eine einfache Holzkapelle bauten, um den sich hartnäckig haltenden Resten des an diese Stätte gebundenen Brauchtums jeden Rückhalt zu nehmen. Damit das Volk der neuen Gottesstätte ebenfalls die erforderliche Ehrfurcht erwies, erfanden sie wahrscheinlich für spätere Generationen die Sage. Irgendwelche Reste eines früheren Kapellen-Gebäudes sind allerdings heute nicht mehr feststellbar. Als Gründer des heutigen Kirchenbaues vermuten manche Heimatforscher den Bischof von Verden, Graf Iso von Wölpe, der im Anfang des 13. Jahrhunderts lebte. Der Baubeginn der Kirche müßte also auch in dieser Zeit liegen. Da es aber ein gotischer Backsteinbau ist und solche bauten in Norddeutschland nicht vor 1270 auftauchen, kann die Kirche unmöglich von 1200-1250 gebaut worden sein. Graf Iso kann also höchstens den Bau angeregt haben, der dann später vom Bistum Verden ausgeführt wurde, dem Graf Iso ja seine privaten Besitzungen in und um Raven vermachte. Aus eigenen Mitteln eine Kirche zu bauen, war den wenigen Dörfern um Raven auf keinen Fall möglich, da sie dem mageren Boden und dichten Wald nur kärglichen Lebensunterhalt abrangen. Außerdem ist ihnen der zehnte, der jahrhundertelang nach Verden ging, niemals, auch nicht zu Gunsten der Kirche, erlassen worden. Auch von einer frommen Stiftung von anderer Seite ist nie etwas zu hören.
Die Vermutung, daß das Bistum Verden die Kosten des Kirchenbaus aufbrachte, ist darum durchaus glaubwürdig. Die Bauweise ist für dörfliche Verhältnisse ungewöhnlich.

 

Das gotische Kreuzrippengewölbe im Kirchenschiff, das weit und breit in den Dorfkirchen nicht seinesgleichen hat, erforderte außer gutem und vielem Material auch erstklassige Baumeister. Doch nicht nur die Bauweise, sondern auch die Materialbeschaffung war sehr schwierig und daher auch sehr teuer. Man versuchte deshalb an allem zu sparen. Die Grundmauern wurden nicht stark genug ausgeführt, so daß das Gewölbe mit der Zeit immer mehr nach außen auswich. Nicht einmal die von außen entgegengesetzten Pfeiler konnten das Gewölbe halten, denn schon 1692 mußten große Balken quer durch das Kirchengewölbe gezogen werden und mit schweren Eisenhaken in der Mauer verankert werden. Über diese und viele andere Reparaturen wird in der Bardowicker Chronik folgendes berichtet:

 

Südwestwerts 3 Meilen von Bardowick gelegen / wird Seculo XIII in einigen alten Briefen von 1217 und 1250 Raben / und beim Cranzio Ravene genennet. Es gehören zu dieser Pfarre (1) Raven / wo die Kirche ist / (2) Rolfsen (3) Sohrstorp (4) Thahnsen (5) Evendorf (6) Wetzen (7) Svindbek. Die Kirche ist dem heiligen Martino gewidmet. Was die ersten evangelischen Prediger hiesiger Gemeine betrifft / ist davon keine Nachricht, bis 1614 zu finden / von welcher Zeit an bis hierher folgende gezehlet werden.

 

Johannes Bolchen / welcher in gemeldtem 1614 Jahr / indem er sich seines unanstendlichen Lebens halber eine remotion besorget / selber resigniret.

 

Georgius Bolchenius, ein Sohn N. Bolschenii Predigers zum heiligen Geist in Lüneburg / ward von Winsen an der Luh / woselbst er vorhin Rector gewesen / Anno 1614 hierher beruffen / und hat auff derselben Cantzel / welche sein sel. Vater zu Lüneburg in der heiligen Geist Kirche 50 Jahr betreten und von da hierher verehret worden / hiesiger Gemeine mit großer Treue 43 Jahre gelehret. Ist selig im Herrn entschlaffen Anno 1657.

 

Gottfried Fritschius, Dresdensis, Misnicus ist 1656 noch bey Lebzeiten gedachten Bolschenii, hiesiger Gemeine vorgesetzet. Zu seiner Zeit ward 1658 der Kirchturm inwendig nebst dem Kirchen-Gewölbe repariret / 1661 ein neu Pharr-Haus gebauet und 1666 der Thurm neu gedechet. Anno 1680 ist dieser Thurm / weil er an einer Seite sehr baufällig / wieder ergäntzet worden. Anno 1686 im Monat Octobri, ist vorgemeldter Herr Gottfried Fritschius (nachdem er dieser Gemeine 30 Jahre vorgestanden) sanfft und selig in seinem Erlöser eingeschlaffen. Nach dessen tödtlichem Hintritt ist an seiner Stelle zum Pastore erwählet sein ältester Sohn

 

Nicolaus Gottfried Fritschius, welcher nach abgelegter Predigt d. 7.Jan. Anno 1687 drauff in der Wochen nach dem Sonntage Invocavit introduciret worden. Bey dessen Zeiten ist Anno 1692 die Kirche allhier zu Raven / (weil sie sehr baufällig gewesen) repariret worden / da nicht allein große neue Balcken in das Gewölbe geleget und mit starcken eisernen Klamern verwahret / sondern auch die Pfeiler (als welche auch baufällig waren) ergäntzet / ja ein gantz neuer Pfeiler dran gebauet worden. Das alte Kirchen-Dach ist gantz heruntergekommen / und neue Sparren wieder hinauffgebracht / die Sacristey ist gantz weggebrochen / und der Kalck wie auch die Steine davon zum Bau mit angewandt / imgleichen sind die beyden Vorkirchen abgebrochen / und anders gebauet. Zu diesem zwecke sind zweitausend neue Pfannsteine gekaufft / auch eine Last gemahlen Kalck. Es hat dieser Kirchen-Bau bey viertehalb hundert Rthlr. gekostet. Anno 1695 sind unterschiedliche neue Fenster in die Kirche eingesetzt. Anno 1697 ist die kleine Glocke (weil sie einen Riß bekommen) umgegossen; Die alte Glocke 290 Pfund gewogen / die neue aber wieget 324 Pfund / kostet über 43 Rthlr. Anno 1700 ist der Kirchenthurm wieder neu gedeckt / und weil der Sturm-Wind die Stange mit dem Knopff und dem Wetterhahn herunter geworffen gehabt - / eine neue Stange drauffgesetzt."

 

In dieser Bardowicker Chronik finden wir Angaben bis zu dem Jahre 1704. Die Reparaturen an der Kirche nahmen aber kein Ende. Die größten sind die Turmreparaturen gewesen. Es wurden 1850 die Süd- und Westwand des Turmes neu hochgezogen. An der Südwand ist die eingemauerte Zahl 1850 noch gut zu lesen. Eine weitere Turmreparatur fand 1925 statt. Das Turmdach wurde neu gedeckt. Es waren 225 Jahre seit der letzten Turmdachdeckung vergangen. Die vorherigen Holzschindeln, die der Wind immer herunterriß, wurden nun durch Schieferplatten ersetzt. In dem alten Knauf fand man einige unleserliche Urkunden. Der uralte Wetterhahn ziert auch heute noch den höchsten Punkt des spitzen Turmes, in dessen Knauf Urkunden in eine Flasche eingeschlossen wurden, um sie besser vor den Witterungseinflüssen zu schützen, als die vorherigen. Der heutige Kirchturm ist übrigens gar nicht der ursprüngliche, wie nach dem Grundriß der Kirche festgestellt wurde. Es wird in früherer Zeit also auch ein hölzerner Glockenturm neben der Kirche gestanden haben, wie man es heute noch in verschiedenen Kirchdörfern findet.

B Die Ausstattung der Kirche

Der Innenraum der Kirche ist bei der letzten großen Renovierung 1938 in schmuckloser weißgrauer Tönung gehalten, damit der Kirchenbesucher nicht von den Hauptblickpunkten Altar und Kanzel abgelenkt wird, die bei dieser Renovierung wesentlich schöner und künstlerischer umgestaltet wurden. Leider treten die schönen Formen des Kreuzrippen Gewölbes nicht mehr so hervor wie vordem, als das ganze Gewölbe in lichtem grünen Farbton gehalten war, von dem sich die gotische Linienführung der backsteinroten Rippen wunderbar absetzte. Die schöne Raumwirkung hat auch der Heidemaler Bruno Dittmann in seinem Gemälde festgehalten, worin er, um das Gewölbe noch besser hervorzuheben, die 1692 eingezogenen Balken und die daran befestigten Kronleuchter fortlief. Auf diesem Gemälde ist auch zu sehen, wie stark die Seitenwände dem Druck des Gewölbes nachgegeben haben. Schaut man nun vom Altar zurück, so bleibt der Blick an der Orgelempore hängen, die auf drei flachen Rundbogen ruht. Davor hängen in einigem Abstand zwei radförmige, mit Kerzen besteckte Kronleuchter, die nicht alt sind, sondern erst 1906 nach einem Entwurf von Kantor H. Lütge angefertigt wurden. 1. Der Altar

Der Altar ist gotisch, er war ursprünglich wahrscheinlich einmal ein Flügelaltar, denn die Figuren stehen in einem Schrank. Die Türen konnten also geschlossen werden, ohne daß sie die Figuren beschädigten. Diese sind wahrscheinlich im 15. Jahrhundert entstanden, können aber auch aus etwas früherer Zeit stammen. Der Künstler ist unbekannt. Die Formen, besonders das Gesicht der einzelnen Figuren deuten auf süddeutschen Einfluß. Es sind Holzfiguren, die an der Rückseite ausgehöhlt wurden. Das Kernholz ist also entfernt worden, um ein Reißen des Holzes zu verhindern. In der Romanik (9.-11. Jahrhundert) haben die Plastiken eine steife Haltung, die in der Gotik beweglicher wurde, bis sie in der Barockzeit zur äußersten Beweglichkeit, ja bis zur Wildheit gesteigert wurde, was bei den Ravener Figuren nicht der Fall ist. Die gotischen Figuren zeigen immer die Haltung mit Standbein und Spielbein, daher die "gebogene" Haltung der Figuren. Die Figuren sind, von links nach rechts gesehen: Johannes, mit dem Kelch dargestellt; Petrus mit dem Himmelsschlüssel; dann sitzend die Madonna mit der Krone und Christus; es folgen stehend Paulus mit dem Schwert und Jakobus mit dem Stab. Die Malerei am Altarschrank besteht in der Gotik immer aus Türmchen und Gitterwerk. Daran hat man sich bei der letzten Altarrenovierung gehalten.

2.Die Kanzel

Die Kanzel entstammt einer späteren Zeit. Sie hat die Formen der Renaissance, bei der die waagerechte Linie betont wird. Sie ist wegen des vielen schmückenden Beiwerks ein typisches Beispiel der deutschen Renaissance. Wie aus der Bardowicker Chronik hervorgeht, hat die Kanzel ursprünglich in der Heiligen-Geist-Kirche gestanden und wurde 1614 dem hier in Raven amtierenden Sohn des Lüneburger Predigers Heiligen-Geist-Kirche aus Dankbarkeit verehrt.
3. Die Orgelempore


Die Orgelempore ruht auf drei flachen Rundbogen, die ein Merkmal der deutschen Renaissance sind. Sie wird wahrscheinlich erst um diese Zeit eingebaut worden sein. Das geht auch aus der Brüstung hervor, die mit einem Schnitzwerk verziert ist. Der eingeschnitzte Fries an der Empore. der von einem unbekannten Meister geschaffen wurde, stammt auch aus diesem Zeitabschnitt. Der Künstler schnitzte Gesichter in Felder, die durch zwei umeinander geschlungene Bänder entstanden. Er wollte zeigen, wie der Pastor von der Kanzel aus die Gemeinde während des Gottesdienstes sieht. In dieser lustigen Auseinandersetzung findet man den Aufmerksamen, den Andächtigen, den Toren, den während der Predigt sanft ein Nickerchen Haltenden, den Skeptiker, den Erstaunten, den Enttäuschten, den Begeisterten usw. Der künstlerische Wert dieses Gesichtsfrieses ist umstritten, auf jeden Fall ist er aber sehenswert. Er entstand zu Lebzeiten des Pastors Bolte im Jahre 1601. Johan Bolte ist in der Bardowicker Chronik noch nicht angegeben, er war der Vater des dort zuerst angegebenen Johannes Bolchen, der von 1601 - 1614 in Raven Pastor war.
Um 1900 erwarb die Kirche in Raven ein Harmonium, das aber schon nach einigen Jahren, wegen der großen Feuchtigkeit in der Kirche, nicht mehr zu gebrauchen war. 1913, nachdem man eine Erweiterung der Empore vorgenommen hatte, wurde die heutige Orgel eingebaut. Die Gemeinde konnte diese schon 10 Jahre gebrauchte Orgel für einen verhältnismäßig günstigen Preis erwerben. Zu der Zeit, als es in Raven weder Harmonium noch Orgel gab, wurde jeglicher Gesang durch den Kantor intoniert.4. Die Glocken

Im Turm der Kirche hängen zwei Glocken, eine große und eine kleine. Die große Glocke hat den Ton "gis". Ihre Inschrift lautet: "O REX GLORIAE VENI CUM PACE", das heißt: "O König der Ehren, komm mit Frieden!" In der Mitte, auf den gegenüberliegenden Seiten, steht "A - O" ("Alpha - Omega"). Die beiden Buchstaben sind Anfang und Ende des griechischen Alphabets. "A - O" kann also soviel bedeuten wie "Gott von Anfang bis Ende". Der Lüneburger Glockenforscher Wrede meint etwa folgendes zu der großen Glocke: "Sie ist an Ort und Stelle gegossen worden, und zwar von dem Glockengießermeister Ulricus. Ihr Gewicht ist 12 - 14 Zentner. Ulricus gehörte mit zu den besten Glockengießern seiner Zeit. Auf der Ravener Glocke ist der Name dieses Meisters nicht zu finden. Eine Glocke aus dem Bardowicker Dom, die die gleiche Form, Größe und Inschrift wie die Ravener Glocke hat, zeigt ganz klein die Inschrift: "Ulricus me fecit" (Ulricus hat mich gemacht). Dasselbe gilt auch für die Veerser Betglocke, bei der noch die Jahreszahl MCCCXXXII (1332) angegeben ist. Bei der Ravener als auch der Bardowicker Glocke befinden sich zwei Brakteaten (einseitig geprägte Münzen) am unteren Rand der Glocke. Es sind Löwenbrakteaten, die erkennen lassen, daß es sich hier um eine Lüneburger Prägung aus der Zeit um 1300 handelt. Es ist also anzunehmen, daß auch die Ravener große Glocke auf Grund der aufgestellten Vergleiche um 1300 von Meister Ulricus gegossen wurde. Sie gehört somit zu den ältesten Glocken im Lüneburgischen. Wesentlich jünger ist die kleine Glocke, die den Ton "e" hat. Sie wurde im Jahre 1697 gegossen und wiegt 324 Pfund. Die frühere kleine Glocke wog 290 Pfund. Sie hatte einen Riß bekommen und mußte umgegossen werden. Die Inschrift der heutigen kleinen Glocke lautet: "Ich freue mich des, daß wir werden ins Haus des Herrn gehen. Nicolaus Gottfried Fritschius Pastor. Cord Otte, Hans Witthöved, Paul Voss me fecit in Lüneburg den 15. Juli Anno 1697". Gegenwart Die Lebensverhältnisse der Ravener Bauern wurden seit der Mitte des 19. Jahrhunderts immer besser. Die Landwirte widmeten all ihr Tun und Können dem Ackerbau, so da sich der Wohlstand des Dorfes hob. Diese allgemein verbesserte Lage ist zum größten Teil auf die Verkopplung zurückzuführen, die 1841 - 1846 durchgeführt wurde. Vorher war der Lebensstandard der Dorfbevölkerung wegen der geringen Erträge der Äcker sehr niedrig. Das Hauptgeschäft, mit dem sie sich etwas Bargeld für ihren Zusatzbedarf verdienen konnten, war der Holzverkauf. Die Bauern fuhren deswegen fast täglich im Winter nach Lüneburg. Diese Verhältnisse änderten sich nach der Verkopplung wesentlich. Jeder Hofbesitzer bekam seine Ländereien zugewiesen und konnte nun freier und rationeller das Seine verwalten. Die Bauern hatte bis zu dieser Zeit ihre Äcker nur alle 6 Jahre gedüngt und sie das erste Jahr mit Buchweizen, dann drei Jahre mit Roggen und zuletzt ein oder zwei Jahre mit Hafer besät. Doch nun begann die Mergelei, die anfangs allerdings auf heftige Vorurteile stieß. Ein Höfner des Dorfes (Kröger) ließ sich aber nicht beirren und begann 1843 dennoch mit der Bemergelung seiner Äcker. Durch besonders gute Ernten war er bald zu einem wohlhabenden Manne geworden. Nun wurde die Mergelei bis zur Einführung des Kunstdüngers allgemein üblich. Auf diese Art der Düngung weisen noch zahlreiche Mergelkuhlen in der Feldmark Raven hin. Die Bauern hatten nun durch reiche Ernten überzählige Acker- und Gartenerzeugnisse, die sie bis zum Bau der Kleinbahn vor dem 1. Weltkrieg mit Fuhrwerken allgemein nach Lüneburg beförderten, um sie dort abzusetzen. Bald bekam man auch heraus, daß die Ravener Böden und das Klima den Obstbau begünstigten, so daß dieser ebenfalls eine gute Einnahmequelle wurde., denn das Ravener Obst hatte in Lüneburg einen guten Ruf bekommen. In der Ravener Schulchronik wird um 1880 berichtet, daß mancher Bauer im Herbst 300 M und darüber einnahm. Bei dem damaligen Durchschnittspreis von etwa 10 Pfg. je Pfund entspricht dies einer verkauften Obstmenge von rund 30 Zentnern. Nach dem ersten Weltkrieg ging der Ravener Obstbau durch mangelhafte Pflege und šberalterung des Bestandes stark zurück. Aber nicht nur die Verkopplung und die bessere Bodennutzung, sondern auch die Gewerbefreiheit hat mit zum Wohlstand beigetragen. Der Chronist zählt um 1880 folgende Gewerbetreibende auf: 2 Kaufläden, 2 Gastwirtschaften, 1 Schneider, 1 Schuster, 1 Schmied, 1 Maurer, 2 Dachdecker, 2 Hausschlachter, 1 Tischler, 2 Zimmerleute, 1 Böttcher, 1 Rademacher, 1 Bäcker und ein Drechsler. Bei der geringen Einwohnerzahl fanden diese aber auf die Dauer nicht genügend Absatz und Beschäftigung. Deshalb ist ein großer Teil von ihnen nach und nach in größere Orte abgewandert. Zur Zeit sind noch vorhanden: 1 Kaufladen, 1 Bäckerei, 1 Gastwirtschaft, 1 Schneiderei, 1 Schmiede, 1 Schuhmacherei, 2 Maurer, 1 Hausschlachter und ein Zimmermann.
Nachdem sich nun die Lebensverhältnisse in Raven gebessert hatten, fing man an, die Wege, die aus dem Dorf herausführten, Stück um Stück zu pflastern., was sich bis 1910 hinzog.

Interessant ist auch die Veränderung in der Postzustellung. In folgenden Orten war das für Raven zuständige Postamt:
um 1823 in Lüneburg, ca. 20km entfernt,
um 1844 in Pattensen, ca. 18km entfernt,
um 1872 in Salzhausen, ca. 7 km entfernt,
um 1913 in Eyendorf, ca. 4 km entfernt,
seit 1923 in Amelinghausen, ca. 10 km entfernt.
Während früher die Post durch Briefboten direkt zugestellt wurde, bediente das Postamt Amelinghausen durch eine Kraftpostlinie die in jedem Ort eingerichtete Posthilfsstelle, die die Post annimmt und austragen läßt. Wie überall haben auch in Raven die beiden großen Weltkriege das Wirtschafts- und Privatleben stark beeinflußt. Jedesmal wurden etwa 25-30% der männlichen Bewohner nach und nach zum Wehrdienst eingezogen. Ihre Arbeitskraft wurde dann durch Kriegsgefangene ersetzt, die auf das Dorf verlegt wurden und, auf verschiedene Höfe verteilt, dort den Krieg über lebten.
Große Veränderungen verursachte der Flüchtlingsstrom der aus den östlichen Gebieten vertriebenen Deutschen. Die großen Trecks erreichten im Frühjahr 1945 auch Raven, das vorher schon viele Bombengeschädigte aufgenommen hatte. Raven ist somit auch zu einem übervölkerten Dorfe geworden. Die Einheimischen mußten sehr zusammenrücken, so daß in dem sonst von einer Familie bewohnten Hause nun mindestens drei, oft sogar sechs Familien wohnen. Die Flüchtlinge waren darum, nachdem es infolge des Kriegsausgangs feststand, daß sie bleiben würden, zunächst keine willkommenen Gäste. Sie sind aber heute unentbehrlich geworden, denn nachdem die ausländischen Kriegsarbeiter nicht mehr da waren, fehlten sehr viele Arbeitskräfte im Dorf. Die Flüchtlinge gehen mit auf die Felder und helfen auf den Höfen. Sie leben durchweg in friedlichem Einvernehmen mit den Einheimischen. Die Flüchtlinge, die das kleine Raven teilweise schon sehr liebgewonnen haben, erhielten alle einen kleinen Garten. Einige erbauten sich sogar kleine Holzhäuschen, wobei sie von den Einheimischen unterstützt wurden.
Die Einwohnerzahl ist mit den neuhinzugekommenen Bewohnern auf das Doppelte gestiegen. Aus der folgenden Tabelle ist die Veränderung der Einwohnerzahl in den letzten 75 Jahren zu ersehen:

Einwohner
Jahr insgesamt männlich weiblich Wohngebäude Haushaltungen
1820 154 79 75 21 30
1900 142 71 71 21 30
1925 176 87 83 27 40
1951 367 182 185 36x 87
Flüchtl. + Einh. 155+212 74+108 81+104 36+Holzgebäude 49+38

[Flüchtl. + Einh.] (davon 5 155+212 74+108 81+104 Holzgebäude) 49+38

Mit den stets zunehmenden Erträgen der Äcker war die Futtergrundlage für einen größeren Viehbestand gegeben und gesichert. In der folgenden Tabelle, die den Viehbestand der letzten 150 Jahre anzeigt, ist aus der steigenden Anzahl der Pferde bis 1929 zu ersehen, daß immer mehr Land unter den Pflug gebracht wurde. Der Rückgang des Pferdebestandes ist darauf zurückzuführen, daß etwa seit 1935 die Bauern größtenteils mit Traktoren arbeiteten. Die schwankenden Zahlen einiger anderer Tierarten hingen von der jeweiligen Marktlage ab.

Jahr Pferde Rindvieh Schweine Schafe Ziegen Hühner
1804 8 36 20 300 -- --
1900 12 88 228 -- 30 467
1929 35 125 369 13 -- --
1951 25 143 297 8 6 986


Quellenangabe:
1. Tecklenburg - Dageförde, Geschichte der Provinz Hannover
2. Ferdinand Hirts, Heimat - Sachlesehefte "Lüneburger Land"
3. Dr. Wegewitz, Harburger Heimat. Die Landschaft um Hamburg-Harburg
4. Lüneburger Heimatbuch
5. Dr. Gabaus, Das obere Luhetal in der Lüneburger Heide
6. Dr. Ehlert, Die Markgenossenschaft (Holtung) der 17 Dörfer um Amelinghausen
7. W.v.Hodenberg, Verdener Geschichtsquellen
8. E. Rüther, Heimat und Geschichte eines alten Bauerngeschlechts der Lüneburger Heide
9. G. Matthias, Sprachlich-sachliche Flurnamendeutung auf volkskundlicher Grundlage
10. Verkopplungsrezeß der Feldmark Raven
11. Schulchronik Raven
12. Lüneburger Museumsblätter
13. "Heimatglocken", Beilage der "Winsener Nachrichten"
14. "Unsere Heide". Heimatkundliche Blätter
15. Familienbuch der Kirche zu Raven