Der Flur

... auch "de Dääl" (die Diele) oder "De Vörplatz" (der Vorplatz), immerhin 60 m2 groß, bildete den Eingangsbereich, denn man kam sogleich durch die Haustür in diesen gewaltigen Raum. Und er war sozusagen das Zentrum des Hauses.

  


Die blau-gelben, diagonal gelegten Fliesen hat wahrscheinlich Emma (Stuhtmann, geb. Wolter) legen lassen. Denn exakt die gleichen Fliesen, sehr solide und sozusagen "unkaputtbar" verlegt (damals gab es noch keinen Fliesenkleber, sondern sie wurden in Zement verlegt), finden sich im Flur der Ravener Schule (die heute als Jugendheim genutzt wird). Emma war Tochter des Küsters Wolter (der auch Organist, Kantor und Lehrer war) und hat am 5. November 1905 Gustav geheiratet, sozusagen den Eichhof hinauf.

Die blaue, mit gläsernen Stäben verzierte Lampe, die an den Wiener Jugendstil des frühen 20. Jahrhunderts erinnert, zeugt von Emmas erlesenem Geschmack.

Übrigens war dieser Flur der Ort, an dem die Stuhtmanns, Gustavs Geschwister zusammenkamen, um Kaffee zu trinken und Zungenragout zu essen - "Stuhtmann scheiten" / "Stuhtmannschießen" nannte Helmut das, weil es zuging wie auf dem Schützenfest.

Bis 1949 wurde auf dem Flur auch gesponnen, 12 Spinnräder, von denen Helmut einige weggegeben hat, waren auf dem Dachboden.

Und war jemand aus der Familie gestorben, so wurde der Leichnam im Flur aufgebahrt:
Johann Friedrich Stuhtmann, Gustavs Vater 1909, Käte Stuhtmann 1924, Gustav 1956, Emma 1964, Ursula 1995, Helmut 2003.

Übrigens stammt die Uhr, die man im Hintergrund sieht, aus Amelinghausen vom heutigen "Glockenhof". Der erste Stuhtmann hat sie 1796 mitgebracht. Ursel und Helmut haben in ihrem Testament verfügt, dass sie auf dem Hof verbleiben muss. Dass jemand mal das Haus abreißen würde, hatte sich ja niemand vorstellen können.

Arbeit auf dem Hof früher

Was heute als "konventionelle" Landwirtschaft bezeichnet wird, ist eigentlich noch keine 50 Jahre alt. In den 60er und 70er Jahren setzte der Umbruch zu einer hoch leistungsfähigen und mechanisierten Wirtschaftsweise ein. Helmut hat 1969/70 den Betrieb auf reinen Ackerbau umgestellt. Die letzte Kuh verließ 1970 den Hof, und 1975 wurde auch die Rinder- und die Schweinemast eingestellt.
"Nu büst Du kein Buer mehr, nu büst Du 'n Farmer", sagte Witten Karl da zu Helmut. Für ihn hatte ein Bauer Ackerbau und Viehwirtschaft zu betreiben, nicht eines von beiden oder Hochspezialisiertes.
Aus alten Fotoalben habe ich einige Bilder zusammengesucht, die zeigen sollen, wie es vor 100 bis 50 Jahren zuging, als erst Gustav, dann Helmut den Betrieb leiteten.

Bis Helmut es 1975 abgerissen hat, stand da im Eichhof das alte Backhaus.
Noch nach dem Krieg wurde hier Brot gebacken, hat Tante Emma erzählt.  - 
Das Backhaus wurde später als Schuppen für Hackholz genutzt.

Beim Dreschen (1958): Von dem Leiterwagen wurden die Garben in den Dreschkasten geführt, eine sehr gefährliche Arbeit, denn man konnte sich an den Messern schwer verletzen (ein Lohndrescher, "Gruben-Louis" genannt wegen der Staubschicht im Gesicht, der aber gelichwohl im weißen Hemd daherkam, hatte dabei einen Arm verloren).
Die Maschine wurde über einen Lederriemen vom Schlepper, einem Lanz Bulldog angetrieben. Der hatte eigens eine Vorrichtung für eine Riemenscheibe. Damit die Dreschmaschine in der richtigen Drehrichtung angetrieben wurde, musste der Riemen umgeschlagen werden.
Auf der Dreschmaschine mit dem Rücken zum Betrachter steht Heinrich Rieckmann, ihm gegenüber Ludwig Thiebe, auf dem Leiterwagen wohl Siegfried Scheefeld.
Das Bild hat Helmut 1958 vom Boden des Speichers gemacht.

 
Lange wurden Schafe gehalten; links: Blick auf den Schafstall (1962 abgebrannt durch Brandstiftung);
rechts: Schafe vor dem Schafstall

 
Vor dem Schweinehaus, mit dem Reisigbesen: Gustav Stuhtmann (undatiert, aber nach 1911, denn da wurde das Schweinehaus erbaut)

 
Der "Sood": Jeder Hof hatte einen eigenen Brunnen.
Der Sood stand hinter dem Haus, ein anderer im Garten an der Südwestseite. Erst in den 60er Jahren wurden alle Höfe und Haushalte an eine zentrale Wasserversorgung angeschlossen.

 
Der Wagenschauer zwischen der Scheune und dem Schafstall (1950): Bis auf einen gummibereiften Anhänger stehen nur Kastenwagen mit eisenbereiften Holzrädern. Der Verschlag rechts im Bild war Gustavs Hundezwinger.
 

 

 

Aus der Geschichte des Hofes Stuhtmann

Schularbeit von Bernd Kistenmacher (geschrieben 1955)


I. Einführung

a. Wo liegt Raven?
Abseits der großen Straßen und des Hauptverkehrsnetzes liegt in mitten schönster Heide und Wälder, in der niederdeutschen Tiefebene das Kirchdörflein Raven. Es gehört zum Regierungsbezirk Lüneburg und zum Landkreis Harburg.
Das Kirchdorf Raven, niederdeutsch Raben, liegt unterm 53° 10' nördlicher Breite und 10° 10' östlicher Länge in der Landdrostei Lüneburg und in der südöstlichen Spitze des Kreises Harburg und des Amtes Winsen an der Luhe. Es zählt 31 Wohnhäuser und hat einschließlich der Flüchtlinge ca. 400 Einwohner.
Gleich am Anfang des Dorfes liegt einer mit der größten des Landkreises Harburg, der „Stuhtmannsche Hof“
Um nach Raven zu kommen, fährt man zuerst mit dem Zug bis Winsen und steigt dann in die Kleinbahn Winsen-Hützel um, die uns bis nach Eyendorf bringt, wo wir den Zug verlassen.- Von hier führt ein wunderschöner Weg, 4 km, durch Wald und Feld nach Raven.
Bis 1906 mussten die Bauern, um nach Winsen zu kommen, mit Pferd und Wagen fahren, denn erst im Jahre 1906 wurde die Kleinbahnlinie Winsen-Hützel eröffnet. Die Eröffnung wurde ein großes Fest, denn für alle Dörfer dieser Strecke war es die einzige Verkehrsanbindung.
Einige Jahre später wurde auch die Bahnlinie Lüneburg-Soltau eröffnet. Von dem 4 km entferntem Dorf Soderstorf hatte man eine direkte Verbindung nach Lüneburg, wohin die meisten Bauern auch zum Markt fuhren. Der nächstgrößere Ort in der Nähe von Raven ist das 6 km entfernte Salzhausen. Hier befinden sich auch Krankenhaus und größere Geschäfte.
Das Gemeindedorf Raven gehört zum Gau Amelinghausen und nicht zum Gau Salzhausen.


b. Wie kam ich auf den Stuhtmannschen Hof?
Nach unserer Ausbombung im Jahre 1943 wurden wir in die Lüneburger Heide evakuiert. Wir kamen ins Kirchdorf Raven und wurden auf dem größten Bauernhof untergebracht.
Im Herbst 1945 kam ich dort in die Dorfschule und Herr Lehrer Lüthge lehrte mich das A. B. C. Obwohl wir 1947 wieder nach Hamburg zurückkehrten, hielten wir die Verbindung nach Raven aufrecht.
Durch die vielen Jahre, die wir dort lebten, bekam ich Interesse an der Landwirtschaft. So kam es auch, dass ich in meiner Abschlussarbeit über einen Bauernhof schreiben wollte. Da der Stuhtmannsche Hof der älteste und größte Hof in Raven ist, entschloss ich mich, hierüber zu schreiben.
Da uns noch eine enge Freundschaft mit Stuhtmanns verbindet, hatte ich Gelegenheit noch einiges über den Hof und seine Geschichte zu erfahren.              

c. Kleiner Einblick in die Geschichte Ravens
Auf diesem Kirchdorf ruht noch der Friede früherer Jahrhunderte, wie man ihn in der jetzigen Zeit kaum noch kennt.
Über die zum Teil noch strohbedeckten Häuser des Dorfes erhebt sich auf einem kleinen Hügel inmitten des Friedhofes , weithin sichtbar, der schlichte Turm der Martinskirche. Wahrscheinlicher Gründer der Kirche war der Graf Iso von Wölpe.- Am 5.8.1231 starb er und es muss demnach der Bau der Kirche schon festgestanden haben. Im Bau kam die Kirche noch nicht gewesen sein, denn erst einige Jahre später fing man mit Backsteinbauten im norddeutschen Raum an.- Das Baumaterial besteht zur Hauptsache aus Backsteinen und Findlingsblöcken; sie ist im gotischen Stil gebaut.

    

Um 1530 wird die Reformation wohl auch hier Eingang gefunden haben, denn 1543 wird als zweiter evangelischer Prediger Ludolf Smitt genannt; es muss daher schon vor ihm ein evangelischer Prediger dort tätig gewesen sein.
In dem Kir
chturm, der etwas später gebaut wurde, hängen zwei Glocken, wovon die kleinere, die Betglocke, noch heute die Gläubigen dreimal täglich zur kurzen Andacht ruft. Zu dem Kirchsprengel Raven gehören die Dörfer Wetzen, Rolfsen, Soderstorf, Schwindebeck und noch bis vor kurzem Evendorf.
Uralte Kultstätten liegen in der nächsten Umgebung des Dorfes. Große Steingrabkammern und Reste bronzezeitlicher Siedlungsstätten wurden hier entdeckt. Außerdem fand man Steinwaffen, was vermuten lässt, dass hier schon vor Jahrtausenden Menschen wohnten, die es wagten, den Kampf mit Bär und Wolf aufzunehmen.
Über die Entstehung des Namens „Raven“ lässt sich streiten. Viel angenommen wird, dass es eine Ableitung aus dem Namen Ravenah (Rabenhöhe) ist. Eine Sage erzählt, dass der Name von den Raben abgeleitet ist. Die Sage ist wohl so aufgekommen: Als man die Kirche bauen wollte, war man sich nicht einig, wo sie stehen sollte. Man ließ einen Raben fliegen, und wo er sich zuerst niederließ, wollte man die Kirche bauen. Nach dem Raben benannte man wohl das damals aus vier Höfen bestehende Dorf „Raven“.
Die Höhe von 106 m ü. M. hatte einen großen Nachteil für das Dorf. Das Trinkwasser musste tief aus der Erde gebohrt werden. Als im Jahre 1947 die große Dürre herrschte, war das Wasser so knapp, dass man es für das Vieh aus der Luhe heran holen musste. Viele Zisternen waren damals aufgestellt, um jeden Tropfen Regenwasser aufzufangen. Die meisten Wasserverbraucher zogen zum 60 m tiefen Gemeindebrunnen, um das kostbare Nass zu holen. Der Bau einer Wasserleitung war mit großen Kosten verbunden, was aber unumgänglich geworden. Im Jahre 1949 fing man an zu bohren. Nach sehr tiefer und langer Bohrung stieß man endlich auf Wasser, und 1950 konnte man zum ersten Mal Wasser aus einer Leitung bei der Bohrstelle holen. Nun fing man an, nach und nach Wasserleitungen in die Häuser zu legen.



 

II. Vermutliche Entstehung des Hofes und seine Bedeutung für Raven
Durch Nachforschungen des Pastors Becker, der der etwa 35 Jahre (bis 1917) in Raven tätig war, kam man darauf, dass der Stuhtmannsche Hof Wahrscheinlich aus der heidnischen Zeit stammt. Es ist anzunehmen, dass der Hof damals ein Priestersitz war, denn es gibt in der näheren Umgebung einige Kultstätten, die darauf hinweisen, z.B. der Opferberg, der Kirschenhügel und die Hünengräber. (Ob der Hof bis zur Überbringung des Christentums ein Priestersitz war, weiß man noch nicht). Noch nicht festgestellt ist, ob der Hof damals schon an der gleichen Stelle lag wie heute. Das einzige, was darauf schließen lässt, ist ein Wiesenquell, der noch heute auf einer Wiese des Hauses zu sehen ist; auch ein Teich auf dem Hof, unter dem eine Quelle ist, lässt darauf schließen.

Da sich früher fast alle Wege beim Stuhtmannschen Hof trafen, ist es anzunehmen, dass er lange Zeit der einzige Hof in Raven war.- Auf einer Karte der Kurfürstlichen Landesaufnahme von Hannover 1776 ist dies noch deutlich zu sehen.

Erst später gesellte sich noch ein zweiter Hof (Abb. 11) an einer anderen Wasserquelle hinzu. Jahrhunderte später teilte sich dieser Hof aber und es wurden zwei Halbhöfe daraus (Abb. 12). Von dieser Zeit an bis jetzt ist der Stuhtmannsche Hof der einzige Vollhof in Raven.

In der Zeit von 1205 – 31 wurde ein Teil der Pfarrherrschaft Raven, worunter auch der Hof war, vom Grafen „Iso von Wölpe“ an den „Bischof von Verden“ verschenkt. Aus dieser Zeit stammt auch die älteste Urkunde. In dieser Urkunde heißt es:
„Wir wollen, dass man unsern Brüdern aus unserer Mitte an einem jährlich wieder kehrendem Tag dient. Wir haben unseren Brüdern mit allen Rechten unsern Gütern zu Raven (mit allem, was dazugehört) die väterlichem Erbe übernommen haben, ohne Nutznießung der menschlichen Dienstleistung der Acker, Weiden, Wälder und Gewässer mit Einwilligung unserer seligen Schwester Adelheid und ihres Sohnes Johann von Brüninghausen, seines Neffen der ihr einziger Beschützer war, was man gewöhnlich Vormund nennt. Wir übertragen den Besitz derselben Güter ihnen selbst. Die Erträge derselben durch die Hand der Vorgesetzten Mayer aus Teilen genommen, hat er den Arhidakonus verpflichtet für eine Zeit lang.“

Hiernach gehörte der Hof zum Bistum Verden und der Bischof war wahrscheinlich Gutsherr.
Schon unter Karl dem Großen war der Hof ein Maier-Hof (Verwalterhof), und es wurden Verwalter auf den Hof gesetzt.
Als nun um 1300 die Nachnamen aufkamen, wurden die Verwalter der Maier-Höfe natürlich Meyer genannt. - Zum ersten mal ist der Name im Winsener Schatzregister von 1450 registriert, wo folgendes steht:
De Meyger 1 Plog (60 Morgen) (bedeutet Vollhof)
Alle anderen Aufschreibungen über die Familie Meyer bis 1652 sind leider durch die Wirrnisse im 30 jährigen Krieg verloren gegangen.
Da der Stuhtmannsche Hof der größte Hof in Raven ist, hat er auch eine besondere Stellung in Raven.
Die Feldmark Raven ist ungefähr 502 ha groß. Dieses Gebiet teilen sich 1 Vollhof, 3 Halbhöfe, 6 Brinkbesitzer und 5 Anbauer.
Von diesen 502 ha fallen 128 ha, also ¼ auf den Stuhtmannschen Hof – 10 ha hat der Hof auch noch in der angrenzenden Eyendorfer Feldmark. Über 40 ha hat der Hof mehr als der zweitgrößte im Ort.
Aus dieser Ackergrundlage konnte der Hof nun auch mehr Vieh als die anderen Höfe halten. Eine Viehzählung aus dem Jahre 1951 zeigt es m deutlichsten. Damals waren 25 Pferde, 143 Stück Rindvieh, 8 Schafe, 297 Schweine, 6 Ziegen, 40 Bienenstöcke, 996 Hühner, 60 Gänse und 7 Enten in Raven; 7 Pferde, 43 Stück Rindvieh, 4 Schafe, 55 Schweine, 80 Hühner und drei Gänse waren auf dem Stuhtmannschen Hof. Außerdem befanden sich noch 3 Puten und 30 Tauben auf dem Hof.

 
 
 

III. Älteste Urkunden und Bewohner des Hofes bis heute

Urkunden über den Hof und seine Geschichte sind nicht mehr vorhanden. Das einzige, was etwas über die Familien auf dem Hof sagen kann, ist das Familienbuch. Im Familienbuch der Kirche zu Raven sind die Bewohner des Hofes bis jetzt aufgeführt. Im Jahre 1652 beginnt es mit Lütke Meyer und endet jetzt mit Helmut Brammer. Einzelne Daten und noch andere Angaben über die Familie Stuhtmann, die bis jetzt auf dem Hof lebte, holte ich mir von dem heute noch lebendem Landwirt Herrn Gustav Stuhtmann.

Im Jahre 1652 übernimmt Lütke Meyer von seinem Vater den Hof. Er war Kirchenjurat und hatte zwei Söhne. Sein zweiter Sohn Hans war Küster in Raven.
1665 übernimmt sein erster Sohn Christopher Meyer den Hof, der wie sein Vater Kirchenjurat war. Er hatte fünf Kinder und war bis 1687 im Besitz des Hofes.

Aus dem Lagerbuch des Amtes Winsen von 1681 geht hervor, dass er ein Krüger war (also ein Gastwirt), welcher : 66 Himtsaat Land, 1 Fuder Heu, 2 Pferde, 21 Kopf Rindvieh, 9 Schweine, 160 Schafe, 4 Immen, besaß und dafür dem Gutsherrn 1 Taler 24 Schilling Zins, dem Amte Winsen 12 Schilling Burgfestengeld und 1 Taler 18 Schilling Akzise für den Krug bezahlen musste. In Raven galt Christopher Meyer wahrscheinlich als Hexer, und muss er wahrscheinlich in einen Hexenprozess verwickelt gewesen sein, denn er wurde später hingerichtet. Im Familienbuch der Gemeinde Raven steht hierüber folgendes:
Am 6. Oktober des Jahres 1687 wurde Chr. Meyer in Garlstorf gerichtet und verbrannt.
Hiernach übernimmt sein ältester Sohn Hans Christopher Meyer den Hof. 1695 verheiratet er sich, und seine Frau schenkt ihm 7 Kinder. Am 4 Januar 1721 stirbt er plötzlich.
Seine Frau Anna geb. Völker heiratet am 2. März 1721 den Interimswirt Heinrich Blank. Heinrich Blank stirbt am 24. Oktober 1748, im 67. Lebensjahr kinderlos. Seine Frau lebt noch bis zum 4. Dezember 1751; sie ist 84 Jahre alt geworden. Nach dem Tode übernimmt der zweite Sohn von drei Söhnen aus der ersten Ehe den Hof. Hinrich Claus Meyer lebt von 1702 bis zum 4. Januar 1753. Am 13. November 1732 heiratete er, bleibt aber auch ohne Nachkommen.
Der Hof geht nun auf seinen Bruder Peter Meyer über. Peter Meyer wurde am 13. Mai 1711 geboren; im Jahre 1736 heiratet er, und er stirbt am 26.6.1782. Er hinterlässt sechs Kinder.
Seine beiden einzigen Söhne Peter (1746- 1807) und Johann Hinrich Meyer (1747-1808) hinderten einander unter den größten Gewalttätigkeiten am Heiraten. Dadurch, dass keiner heiratete, waren keine Erben auf dem Hof, und er konnte nicht im Besitz der Familie Meyer, die ihn jahrhundertelang gut erhalten hatte, bleiben.
Da der Hof von den Erben nicht zu halten war, wurde er ausgetan, und die Erben wurden auf demselben verpflegt.

So wurde der Hof um 1800 [1796] an den Konstabler Johann Friedrich Christoph Stuhtmann aus Hannover für ca. 100 Taler verkauft. Mit diesem Kauf waren alle Verpflichtungen gegenüber dem Stift Verden (nach der Reformation wurde aus dem Bistum ein Stift Verden) abgegolten.

Am 15. Januar 1834 stirbt J. F. C. Stuhtmann. Das Datum seiner Eheschließung ist nicht bekannt, denn er war schon verheiratet, als er nach Raven kam. Friedrich Stuhtmann hatte 6 Kinder.
Sein erster Sohn Johann Friedrich Christian Stuhtmann übernimmt jetzt den Hof. Er wird am 28. Januar des Jahres 1796 geboren und stirbt im Jahre 1865. 1819 verheiratet er sich. Aus der Ehe entstanden neun Kinder.
Nach seinem Tode bekommt sein Sohn Peter Heinrich August Friedrich Stuhtmann, geb. am 12. März 1831, den Hof. Im Jahre 1862 heiratete er Maria Cordes aus Ahrendorf.-
1869 (1863/65, ausweislich der Aufschrift über der Haustür; h.b-w) lässt Heinrich Stuhtmann das alte Wohnhaus abreißen und lässt ein neues, das jetzige Haus bauen.

Um diese Zeit waren 4 Pferde, 12 Kühe und 130 Schafe auf dem Hof. In den Jahren 1889-1901 war Heinrich Stuhtmann Bürgermeister in der Gemeinde Raven. Am 6.3.1909 verstirbt er kurz vor der Vollendung des 79. Lebensjahres. Pastor Becker sagte mal über Heinrich Stuhtmann: „So floss sein Leben still dahin, mit Mühe und viel Arbeit“.

Von seinen sieben Kindern bekommt der älteste Sohn Gustav Heinrich Friedrich Stuhtmann, geb. am 8.Mai 1886, den Hof. Seit 1900 ist er Hofbesitzer. 1905 heiratet H. G. F. Stuhtmann die Lehrerstochter Emma Wolter (geb. 12. Januar 1880) aus Raven. Am 01.06.1906 wird das einzige Kind, die Tochter Käte geboren. Infolge eines Herzklappenfehlers verstirbt sie nach einigen Jahren [16. Juni 1924]. Für das Ehepaar Stuhtmann ein schmerzvoller Verlust, über den sie über Jahrzehnte nicht hinweg kamen.

Nebenbei war seine großen Passionen die Jagd, die Hunde-, Pferde- und Hühnerzucht. So kommt es, dass das Zimmer der Stuhtmanns heute voll von Ehrenbriefen, Sieger- und Ehrenurkunden hängt. Der alte G. Stuhtmann ist in die Hannoversche Warmblutzüchtung einstiegen und wird wohl durch seine großen Verdienste nie vergessen werden. Trotz seiner 86 Jahre fehlt Herr Stuhtmann auf keiner Celler Hengstparade.

Als nach dem Kriege Stuhtmanns sich zur Ruhe setzen wollten und alle Brüder schon einen Hof hatten, wurde der Hof der Nichte Ursula Stuhtmann aus Eyendorf vermacht.
Da es im Krieg keine Arbeiter gab und der Besitzer schon zu alt war, um den Hof allein zuführen, wurde viel Land verpachtet.
Am 15. Juli 1949 heiratete Ursel Stuhtmann den Landwirtssohn Helmut Karl Hermann Brammer, geb. am 25.4.1919, aus Etzen.- Aus dieser Ehe sind bis jetzt 3 Kinder hervorgegangen.
Unter dem Namen Brammer hat der Hof wieder seine alte führende Stellung in Raven angenommen.

 
 
 
 
 
 
 
 
 


IV. Lebensverhältnisse und Wirtschaftsweise auf dem Hof bis zur Verkoppelung 1845

Bis zur Verkoppelung herrschte auf diesem Hof wie in der ganzen Umgebung große Armut, denn der Hof hatte noch nicht die Größe von heute.- Die Ursache der Verarmung bestand vor allem darin, dass der ohnehin sandige Ackerboden wegen des ewigen Anbaues von Körnerfrüchten völlig ausgepowert (ausgeackert) war. Die Kartoffel war damals noch unbekannt, für das Vieh gab es noch keine richtigen Weiden, und der tragfähige Waldboden war noch nicht urbar gemacht.
Die Brüder des jeweiligen Besitzer des Hofes blieben meistens auf dem Hof. Sie wurden Knecht oder Häusler und verschafften sich durch Schaf- oder Bienenzucht einen Nebenverdienst. Wegen der Wohnungsnot wohnten die Familien meist eng zusammen.
Die Ernte an Roggen oder Hafer war oft auf dem Hof so gering, dass noch etwas hinzugekauft werden musste. In der Zeit, wo das Korn schlecht gediehen war, brachte man das bittere Bohnenbrot auf den Tisch.
Heu erntete man auf den Grashöfen beim Hause, Stroh holte man auf dem Hof aus Wulfsode und Gödenstorf; wenn man noch Heu brauchte, fuhr man nach Wetzen, Putensen, Salzhausen und Luhdorf.

1588 sagte ein Bauer aus Rolfsen (Nachbardorf): „In Raven hat ein jeder nicht mehr Acker und Wiesen bei seinem Hofe, als dass er etwa ein paar Kühe und Ochse und ein Pferd zu seiner Notdürftigen Unterhaltung halten und sich schwerlich ein Kalb dabei aufziehen und auffüttern kann.“

Zur Bestellung des Ackers nahm man bis zum Jahre 1700 Kühe und Ochsen. 1760 gibt es in der Vogtei Amelinghausen nur 161 Pferde, 3 davon in Raven. Von diesen 3 Pferden waren nach Erzählungen 2 auf dem Stuhtmannschen Hof.
Von dieser Zeit an, wo es Pferde auf dem Hof gab, ging die Bestellung der Äcker schneller, und es wurde dadurch mehr geerntet.
Im Jahre 1700 wurde vor dem Haus eine Eiche gepflanzt, die jetzt unter Naturschutz [und Denkmalschutz] steht. Von dieser Eiche, die einen Umfang von 5,50 m hat, brach im Jahre 1952 ein Ast ab, welcher ein ganzes Fuder (2 Raummeter) Holz ergab.
In den Jahren 1750-1850 wurden weitere 280 Eichen, die jetzt den Hof umgeben, gepflanzt. (Anfang 2014 ließ Hans die meisten davon fällen, denn der Landkreis schreibt vor, dass der Eigentümer von Bäumen für alle Schäden haftet, die an öffentlichen Wegen z.B. durch herabfallende Äste entstehen; h.b-w)

 

 

V. Die Verkoppelung schafft heutige Wirtschaftsverhältnisse

Durch die Verkoppelung, die am 29. April 1845 stattfand, kam der Hof zu seinen heutigen Stand. Da der Hof aber schon vor der Verkoppelung mit 100 Himtsaat Land der größte im Dorf war, stand ihm auch das meiste Land zu.

Bei der Verkoppelung wurden zuerst die Grenzen der Feldmark festgelegt (Abb. 26).Danach teilte man die einzelnen Grundstücke ein.
Der Stuhtmannsche Hof, der sich um diese Zeit noch Maier-Hof nannte, bekam jetzt mit 58,0090 Kuhweiden 28,0000 Kuhweiden mehr als der zweitgrößte im Dorfe. (Tabelle mit Angabe des Landes siehe Ende). Dadurch, dass das meistens in Kuhweiden eingeteilt wurde,, kann ich die genaue Größe des Hofes 1845 nicht feststellen. Vielleicht gab es damals für eine Kuh oder drei Schafe eine Weide, die sich dann Kuhweide nannte. Wenn das so stimmen sollte, mögen damals 160 Schafe und fünf Kühe auf dem Hof gewesen sein.

Durch großzügigen Tausch und durch Verschenkung von kleineren Stücken Land gelang es Johann Fredrich Christian Stuhtmann sein Land in die Nähe vom Hof zu bekommen. Gleich hinter dem Hof, auf dem Weg nach Eyendorf gehört ihm eine Fläche von 462 Morgen (das entspricht der Größe von sieben Brinkbesitzungen).

Im Rezessbuch der Gemeinde Raven von 1845 steht zu der Einteilung der einzelnen Länder unter den Paragrafen folgendes:

§ 4 Abs. 6

Hat der Höfner Stuhtmann durch seine Koppel No 13 der Charte, nach der Koppel der Pfarre, No 13, und nach den Abfindungen der Brinkbesitzer auf dem Heidberge führenden, eine Ruthe breiten, Weg, welcher Weg ihm in dieser Maaße vergütet worden, jederzeit zu gestatten und für den Verkehr offen zu halten.

Abs. 8
Sind die beiden durch die Koppel der Pfarre No1 und des Vollhöfners Studtmann, No 2 der Charte, führende Wege von diesen beiden Grundstücken, welche dafür eine entsprechende Vergütung erhalten haben, in der Breite von 1ner Ruthe für den Verkehr offen zu halten.

§ 8 Abs. 1
Die zur Heitzung der Schulstube erfoderlichen Feuerungsmittel sind nach der bisherigen Abservanz allein von den vier Höfenern in Raven anzuliefern und kostenfrei für den Schullehrer anzufahren.

§ 11 Abs. 1
30 Morgen Heidebodens mussten zur Anlage einer gemeinschaftlichen Forst abgegeben werden, und zwar in der Baukuhle. Die über verschiedene Koppeln, nach Paragraph 3 dieses Receßes, reservierten Überwege dürfen zu Viehtriften niemals benutzt werden, mit Ausnahme jedoch des daselbst sub. No 6, durch die Stuhtmannsche Koppel, No 13, vorbehaltenen Weges, welchen die Pfarre zu Raven, außer zum Fahren, auch zum Viehtreiben nach deren Koppel No 12 der Charte zu benutzen befugt ist.

§ 24
Die allgemeinen Theilungs und Verkoppelungskosten, werden der Vereinbarung gemäß nach Verhältnis des in Kuhweiden ausgedrückten Bonitaitswerthes der aus der Theilung und Verkoppelung erfolgten Abfindungen aufgebracht. Demnach concurrieren dazu wie folgt.
Für die bei der Verkoppelung entstandenen Kosten mußten Stuhtmanns 12 Simpla (Steuereinheit) bezahlen.

Nach der Verkoppelung wurde vom Stuhtmannschen Hof noch eine Brinksitzerstelle abgenommen. Die Brinksitzerstelle bekam Adolf Wölper, der noch bis ins Jahr 1945 dafür einen Erbzins an Stuhtmanns bezahlen musste.

Die Flurnamen der Felder sind folgende:

  1. Langewiese
  2. Sandwege
  3. Buchkuhle
  4. Im Graben vor dem Wolde
  5. Mattensbleck
  6. Heerdensaal
  7. Auf dem Heidberge
  8. Sonderberg
  9. Dieksoot
10. Hasenwinkel
11. Altenkamp
12. Hausstätte (Siehe Abb. 26)

 

 

VI. Änderung der wirtschaftlichen Verhältnisse durch Chemie und Technik

Als Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts Chemie und Technik auch nach Raven gedrungen waren, kam es auf dem Hof zu einer neuen Wirtschaftsweise.

Der Lehmboden, der bis jetzt so schlecht zu beackern war und dadurch keine guten Ernten gab, wurde jetzt durch den Kunstdünger und durch die Maschinen wertvoll gemacht.
Schon früher hatte man mit Mergel gedüngt, was sich aber Jahre später nicht als gut erwies. Der Mergel, der in Raven ausgegraben wurde, nahm die letzte Kraft aus dem Ackerboden. In den ersten Jahren hatte man Rekordernten, dafür später einen ausgepowerten Boden. So wurde es Zeit, dass der Kunstdünger aufkam.
Durch die Maschinen konnte nun der Wald gerodet werden und der Boden urbar gemacht werden. Den Waldboden, der ja noch nicht mit Mergel gedüngt war, konnte man sehr gut brauchen. So kam es, dass durch die Chemie und die Technik die Armut vom Hof verschwand.
Durch die größeren Ernten war man in der Lage, sich rentablere Maschinen anzuschaffen, die dazu beitrugen, die Ernte schneller unter Dach zu bringen.
Im Jahre 1900 bekam der Hof eine Dreschmaschine (die sich noch heute auf dem Hof befindet, und erst im letzten Jahr von einer modernen Maschine abgelöst wurde). Durch die Dreschmaschine ging nicht mehr so viel Korn verloren und die Einnahmen steigerten sich von Jahr zu Jahr.´-
An Maschinen befinden sich heute auf dem Hof:
1 Trecker, 1 Dreschmaschine, 1 Strohpresse, 1 Zapfwellenbinder (Getreidemäher), 1 Grasmäher, Lanz VR2 (Kartoffelrodemaschine für den Treckerzug), 1 Kartoffelroder für Pferde, 1 Kartoffelsortiermaschine mit Benzinmotor, 1 Drillmaschine (Sämaschine), Vielfachgerät zur Kartoffelbearbeitung, 1 Treckerpflug, 1 Untergrundpflug, 2 Schwingpflüge für Pferde, 2 Zweischarpflüge, 1 Kultivator (Grubber), 1 Schrotmühle, 1 Rübenmühle, 1 Rübenmusmühle, 1 Elektromotor 15 PS und 3 kleinere, 1 Hackmaschine, 2 Ackerstriegel, 4 Gespanneggen, 1 Untergrundpacker, 1 Düngerstreuer, 1 Walze, 1 Kreissäge, 1 Heuwender und 1 elektrische Jauchepumpe.-
Da man bis 1890 kein Trinkwasser auf dem Hof hatte (es wurde aus dem Brunnen in der Mitte des Dorfes geholt), fing man an, nach Wasser zu bohren. Da der Grundwasserspiegel in Raven sehr tief lag, musste man lange bohren. Als man das Wasser erreicht hatte, baute man eine Pumpe vor der Küche, welche bis in den Krieg noch in Betrieb war und von drei starken Männern bedient werden musste. Einige Jahre später wurde auch in der Waschküche eine Pumpe aufgestellt, und man brauchte nicht immer aus dem Haus zu gehen, um Wasser zu holen. Auch in die Küche kam ein Wasserhahn; hier aber wurde das Wasser von einer Quelle im Garten (Abb.) durch eine Pumpe aufgesogen und in einen Druckkessel im Keller gepumpt. Durch den Druck, der im Kessel herrscht, gelangt das Wasser in die Leitung und kann dann in der Küche aus dem Wasserhahn entnommen werden.

Vor ca. 33 Jahren knipste man zum ersten mal eine Lampe mit elektrischem Strom an. Bis dahin kannte man auf dem Hof wie in der ganzen Umgebung nur Petroleumlampen.
 

 

 

VII. Wirtschaftliche Verhältnisse der Gegenwart

Als der Bauer Helmut Brammer auf den Hof kam, fing für den Hof eine neue Epoche an.
Zuerst mussten die durch den Krieg sehr zurück gekommenen Felder neu gedüngt und beackert werden. Bauer Stuhtmann hatte viel Land verpachtet, und dieses musste wieder zurückerworben werden.
So gab es für den neuen Hofbesitzer am Anfang sehr viel Arbeit, die nur durch großen Fleiß überwunden werden konnte.
In den ersten Jahren kam es vor, dass Tag und Nacht gearbeitet wurde.- Den Trecker, den man nachts zum pflügen gebrauchte, holte sich Helmut Brammer abends von seinem Bruder aus Etzen, einem 8 km von Raven entfernten Dorf. Am anderen Morgen musste der Trecker wieder zurückgebracht werden. Nach diesen beiden schweren Jahren war man in der Lage, sich einen Trecker anzuschaffen, und war dadurch nicht mehr nur auf die Pferde angewiesen. Mit dem Trecker geht die Arbeit schneller voran, und die Ernten wurden von Jahr zu Jahr ertragreicher.

2 Häuslerfamilien, 3 Knechte und 2 – 4 Tagelöhner halfen H. Brammer bei seiner Arbeit.- Auch der Viehbestand vergrößerte sich auf dem Hof zusehends. Heute befindet sich an Vieh auf dem Hof:
40 Stück Rindvieh, 60 Schweine, 100 Hühner, 7 Pferde, 5 Legeenten, 3 Hochflugenten, 3 Gänse, 3 Puten und 50 Tauben.

Da die alten Maschinen jetzt nicht mehr ausreichten, mussten neue gekauft werden. Immer mehr modernisierte sich der Hof, bis fast keine Maschine auf dem Hof mehr fehlte. Bei der diesjährigen Kartoffelernte, es waren ca. 60 Morgen mit Kartoffeln beackert, halfen ca. 30 Leute. Trotz des schlechten Wetters gab es in diesem Jahr eine gute Kartoffelernte. Auch die anderen Ernten waren auf dem Hof zufrieden stellend. Im Jahre 1954 wurden auf dem Hof 9000 Ztr. Kartoffel, 4000 Ztr. Zuckerrüben, 700 Ztr. Runkelrüben, 300 Ztr. Hafer, 400 Ztr. Gemenge und 30 Fuder Heu geerntet.
Mit der Kartoffelernte können bei 4 Ztr. pro Mensch, 2250 Menschen ein Jahr lang ernährt werden. - In den letzten Jahren ging etwas der Ernte durch die Panzer verloren, die beim Manöver quer durchs Feld fahren. Soviel Verlust wie andere Höfe hat dieser Hof nicht zu beklagen; das ist darauf zurückzuführen, dass der Hof fast alle Felder in der Nähe des Dorfes hat und die Panzer nur außerhalb des Dorfes fahren dürfen.

 

 
 
 
 

 
Litteral des Vollhöfner Friedrich Stuhtmann
Benennung der Gegend Ackerland Wiesen Raumerangerboden Raumerheideboden Bestandener Angerboden Bestandener Heideboden Brauchbarer Boden Unbrauchbarer Boden Total  
Fläche Kuhw. Fläche Kuhw. Fläche Kuhw. Fläche Kuhw. Fläche Kuhw. Fläche Kuhw. Fläche Kuhw. Fläche Kuhw.
Morgen x Morgen x Morgen x Morgen x Morgen x Morgen x Morgen x Morgen x Morgen x
81 Beim Hause ----- --- ----- 3 19 0,8914 7 11 1,6091 ----- 6 0,0035 ----- --- ----- ----- --- ----- 10 36 2,5040 ----- --- ----- 10 36  
13 Im Graben vorm Wolde 145 29 25,2470 ----- 75 0,1114 4 17 0,8769 56 12 2,9269 25 46 2,9269 91 96 9,5711 323 35 44,0625 ----- --- ----- 323 35 Durch diese Koppel ist 1° breiter Fahrweg für die Brinkbesitzer nach Heidberge reserviert.
113 Der Schafsboden auf der Ortsbünte ----- 111 0,1819 ----- --- ----- 2 57 0,4221 ----- 111 0,1181 ----- --- ----- ----- 108 0,1149 5 27 0,8370 ----- --- ----- 5 27  
21 Auf dem Hasenberge ----- --- ----- ----- --- ----- ----- --- ----- 23 103 0,9165 ----- --- ----- ----- --- ----- 23 103 0,9165 ----- --- ----- 23 103 Hierdurch ist 1° breiter Fahrweg reserviert.
  Die Langenwiesen ----- --- ----- ----- --- ----- ----- --- ----- ----- --- ----- 5 14 0,65 55 113 6,7530 61 7 7,3993 ----- --- ----- 61 7  
117 Am Sandwege ----- --- ----- ----- --- ----- ----- --- ----- ----- --- ----- ----- --- ----- 22 34 2,2897 22 34 2,2897 ----- --- ----- 22 34  
Summa 146 20 25,4289 3 94 1 19 85 2,9075 80 112 5,4650 30 60 5,9761 170 111 18,7287 446 2 58,0090 ----- --- ----- 446 2  
x = Quadratruten
Der Vollhöfner Stuhtmann hat von Dittmer und Langeloh deren Koppel auf dem Heidberge No. 15 und 16 eingetauscht und dafür an Dittmer an der Langewiese No. 130 einen Morgen und 100x und an Langeloh von der Koppel No. 113 1 Morgen abgetreten; welches damit hier zur Nachricht mitgeteilt wird.

 

 

Flüchtlinge nach 1945

1948 wohnten etwa 25 Ausgebombte, Flüchtlinge und Vertriebene im Haus. Die ersten waren Kistenmachers aus Hamburg; sie haben ihre Wohnung am 30. Juli 1943 während des Feuersturms über Hamburg verloren. (Damals, so erzählte Tante Emma, habe man eine Woche lang in Raven nach Norden zu den roten Schein am Himmel gesehen, dunkel wurde es nicht. Es habe gestürmt wie sonst im Herbst nicht, und die Kühe hätten nachts gebrüllt. Und Ursel erzählte, dass bei ihnen zu Hause in Eyendorf auf dem Misthaufen Notenblätter aus der Hamburger Oper gelandet seien, aufgewirbelt durch die Thermik.)

Hier kommt eine handgeschriebene Liste - kann sein, dass sie von Heinrich Dittmer stammt, dem langjährigen Bürgermeister. Der Chef hat - fälschlich - hinzugefügt: “Flüchtlinge hier im Hause” - das stimmt nicht ganz, denn auf die obersten 3 (Onkel Gustav, Tante Emma, Ursel) trifft das ja nicht zu.
Man hört, dass Tante Emma, die viel auf ihre Bildung hielt und sich immer vom “Dorf” fernhielt, die Leute, die ein Dach über dem Kopf suchten, regelrecht ausgefragt habe: "Was macht Ihr Mann?" "Soso, Lagerarbeiter..." "Auf Wiedersehen. Und was macht Ihr Mann?" "Ah, Kapitän, kommen Sie bitte!" ... 
Und so kam es, dass dann eben, Frau Kistenmacher, deren Mann Kapitän auf großer Fahrt war und dessen Schiff 1944 vor Island versenkt wurde, mit ihren beiden kleinen Kindern Bernd und Maren nach Raven kam, nachdem ihre Hamburger Wohnung 1943 durch Bomben zerstört worden war, und dass ein ebenfalls ausgebombter Opernsänger aus Hamburg sowie Zimmermeister Karl Narzinski aus dem Krs. Alleinstein/Ostpreußen dort zu wohnen kamen.

Manche der Zimmer, die meist von Frauen mit Kindern bewohnt waren, weil ja die Männer entweder tot oder in Gefangenschaft waren, haben wir noch in den 60er Jahren nach den Flüchtlingsfamilien benannt, z.B. "Oma Willmanns Kammer" oder "Frau Reinkobers Kammer" (das wurde 1963 das Jungszimmer).Und noch in den 80er Jahren - locker 40 Jahre nach Kriegsende, Flucht und Vertreibung - wurde ein Landwirt von manchen Leuten im Dorf immer noch "Flichtling" genannt.

Doch zurück: Manche zogen bald aus, Karl Narzinski baute sich eine Baracke im Eichhof - rechts am Weg von der alten Schule zur Kirche; andere zogen zu Verwandten oder - wie Kistenmachers - zurück nach Hamburg.
Zuletzt ist Josef Willmann 1976 ausgezogen; er ist 1981 verstorben. Nach Ziegenhals im Kreis Hirschberg / Grafschaft Glatz, - heute heißt es Glucholazy - wo er einen kleinen Zimmereibetrieb hatte und 1 Kuh, wollte er nicht wieder. Im Februar 1946 standen sie in Raven in der Tür, er mit 2 Mänteln, Anzug, Koffern , seine Frau Berta mit Reisetasche, die die wichtigsten Dokumente - Taufscheine, Heiratsurkunde, Meisterbrief, Grundbucheintragungen für ihr Haus in Schlesien - und der kleinen Edith, die gerade anderthalb Jahre alt war, auf dem Arm.

Das Deutsche Historische Museum hat eine Reihe von Dokumenten zum Thema "Flucht und Vertreibung" ins Internet gestellt - hier steht mehr.

 

Michael Böhm, geb. 27. September 1908

Joseph Willmann, geb. 3. Juli 1906
Bertha Willmann, geb. 25. Mai 1910
Edith Willmann, geb. 27. Mai 1944
Anna Willmann, geb. 16. Januar 1880

Ernestine Reinkober, geb. 30. September 1906
Heinr. Klann, geb. 27. September 1928
Karl Narzinsiki, geb. 16. August 1992
Karl Reinkober, geb. 15. Juni 1928

 


Das Haus

Die Geschichte eines Hauses
ist die Geschichte seiner Bewohner,
die Geschichte seiner Bewohner
ist die Geschichte der Zeit,
in welcher sie lebten und leben,
die Geschichte der Zeiten
ist die Geschichte der Menschheit.
(Wilhelm Raabe)

1863 ist das ältere Haus wohl nach einem Blitzeinschlag abgebrannt, andere sagen, Gustavs Vater Johann Friedrich Stuhtmann habe es abreißen lassen. Jedenfalls wurde 1865 das neue Haus fertig, solides Eichenfachwerk. Es war übrigens mit 40m Länge und ca. 15m Breite das größte Haus im Kreis Harburg. (Das sind annähernd die Abmessungen des großen Rathauses der Hansestadt Bremen. Ob J. F. Stuhtmann in einer solchen Liga spielen wollte, ist nicht überliefert; das ist wohl eher Zufall. Wie wohlhabend er war, das wollte er aber sicherlich zeigen.)
Gustav wurde hier geboren, seine Schwestern Wilhelmine und Meta auch und seine Brüder Julius, Karl und Heinrich ebenfalls.
Und wir 4 Brammer-Kinder sind hier aufgewachsen, haben im Garten, auf den Wiesen, unter den alten Eichen, die den Hof seit gut 200 Jahren umgeben, und im Eichhof gespielt.

Es folgen Bilder (Fotos: privat), die den Wandel über 150 Jahre zeigen - eine versunkene Welt.
Nachtrag: Das Haus wurde Ende Februar/Anfang März 2016 abgerissen, zerstört nach zweieinhalb Jahren Leerstand.

1984
 
 Gustav und Käte stehen vor dem Haus, auf der Veranda steht Emma.

1950  

Ähnliche Perspektive 1990

 
1963 - in den 60er Jahren war der "Jägerzaun" angesagt.

Anfang der 70er Jahre; die alten Sprossenfenster hat Helmut durch größere, besser isolierte "Löcher" ersetzen lassen. Man wollte eben keinen "Schnickschnack" damals. Immerhin gehörten nun die "Eisblumen" an den Innenseiten der Fenster der Vergangenheit an.
(In Berlin hat man ja auch den Stuck von den Häuserwänden abgeschlagen und aus den Zimmern entfernt, Decken abgehängt und mehr Sünden begangen - heutzutage versucht man, das alles mit großem Aufwand rückgängig zu machen.)

Dieses Bild ist vor 1975 entstanden, denn Hasso ist noch abgebildet. Er war Walters Hund und ist auf dem Hof geblieben, nachdem Walter gekündigt hatte, um in Hamburg zu arbeiten.

1984 - es grünt so grün, wenn Ravens Blumen blühen

Die blau-gelben, diagonal gelegten Fliesen hat wahrscheinlich Emma (Stuhtmann, geb. Wolter) legen lassen. Denn exakt die gleichen Fliesen, sehr solide und sozusagen "unkaputtbar" verlegt,  finden sich in im Flur der Ravener Schule (die heute als Jugendheim genutzt wird). Emma war Tochter des Küsters Wolter (der auch Organist, Kantor und Lehrer war) und hat am 5. November 1905 Gustav geheiratet, sozusagen den Eichhof hinauf.
Übrigens war dieser Flur der Ort, an dem die Stuhtmanns, Gustavs Geschwister zusammenkamen, um Kaffee zu trinken und Zungenragout zu essen. Bis 1949 wurde auf dem Flur auch gesponnen, 12 Spinnräder, von denen Helmut einige weggegeben hat, waren auf dem Dachboden.

 
Der Giebel an der Südseite (1990) oder: Wann wird es endlich wieder Winter?

2002