Onkel Gustav / Gustav Stuhtmann (8. Mai 1868 - 6. Juli 1956)

... als junger Mann    Gustav und sein Schnurrbart - ... und “Thanse-Meier” - Pass- und Führerscheinfotos - Gustav zum 85. - Gustav Stuhtmann ist tot
Zeitweilig war die - modern gesprochen - Fluktuation auf dem Hof groß, kamen und gingen in rascher Folge die "Knechte" und "Mägde", wie sie früher hießen. Das hatte damit zu tun, dass Gustav Stuhtmann öfters seinen Schabernack mit ihnen trieb. Eines Nachts stieg er auf den Heuboden. Er hatte eine Strohpuppe in Arbeitskleidung dabei, die er ins Gebälk hängte. Als nun der Schweizer (der Melker) früh am Morgen - die Schweizer fingen schon um 3 Uhr an - heraufkam, um Heu und Stroh herunterzuwerfen für die Kühe, da zog Gustav an dem Strick und machte Geräusche. Der Schweizer bekam es mit der Angst. Er machte seine Arbeit fertig und ging zum Bauern: "Bei Dir spukt das. Mach man die Papiere fertig, ich höre sofort auf."

Kann sein, dass das der Tag war, an dem Franz kam.

Im Sommer ging die Schule um 7 los, im Winter um 8. Gustav hatte eines schönen Tages eine Idee. Er zog sich seinen Lodenmantel an, denn es war Winters Tag und es war kalt. Im fahlen Licht des Mondscheins auf dem Schnee stand er vor der Schule, den Schnurrbart in's Gesicht gekämmt und den Hut tief ins Gesicht gezogen, und begann, als die ersten Kinder kamen, ein großes Messer an einem Wetzstein zu wetzen. Das schleifende Geräusch, die unheimliche Figur, die Stimmen, die er machte, jagte den Kindern einen gehörigen Schrecken ein. Gustav ging danach zum Schulmeister und sagte: "Na, Köster, näm sind denn hüt de Kinner afbläben? Denn lat uns man wat vertelln," und ging in die Küche.

Das mochte er, Leute "Grouen maken". Mit seinem gewaltigen Schnurrbart konnte er ganz grauslige Grimassen schneiden. Und er war eine stattliche Erscheinung, eine große, breitschultrige Gestalt mit langem schwarzem Jackett. Noch als alter Mann "bedrohte" er Jungs mit seinem großen Handstock - und gab ihnen anschließend Himbeerbonbons, von denen er einen unerschöpflichen Vorrat in seinen großen Tasche hatte.

In Luhmühlen bei den Reitern war er ein angesehener Mann; als junger Mann hat er auch geritten, und er war ein großer Pferdezüchter. Auch in der Hundezucht hatte er einen großen Namen. - Onkel Gustav hatte zu allem Lust, bloß nicht zur Landwirtschaft . Aber die war ihm in die Wiege gelegt worden; die ungeschriebenen Gesetze seiner Zeit sahen unerbittlich vor, dass der erstgeborene Sohn das Hoferbe antreten musste, ob er wollte oder nicht. Vielleicht ist er deswegen - wie man heute sagen würde - etwas "abgedreht" gewesen. Und dass er seine liebe Tochter Käte schon mit 17 Jahren verloren hat, hat er nie verwunden.

So saß er denn auch oft mit "Thansemeier" - Otto Diederichs vom Hof Thansen - zusammen. "De bei hebbt vör de Missendör säten und hebbt logen", erzählen die Leute.
Eines Tages saß er mit seiner Zigarre und Thansemeier mit seiner Pfeife da. Sagte Gustav: "Ick heff `n neie Deern in'n Huus." "Sü," sagte Thansemeier, "denn lat er mal vördraben." Gustav rief: "Anna, hal mal Holt!" Anna musste an den beiden vorbei, um in ihrer Schürze ein paar Scheite Holz zu holen. Als sie wieder in die Küche gegangen war, fragte Gustav: "Na, wat dücht Di dor bi?" Thansemeier: "Gesang 74, Vers 2" (und das war die Strophe, die anfing mit "Unser Wissen und Verstand ist mit Finsternis umhüllet.") Was uns wie eine Geheimsprache anmutet, war den meisten Leuten damals ganz offensichtlich. Denn damals konnten die Leute viel mehr auswendig als wir heute; Gesänge, den Katechismus, Bibelstellen. Da reichen wenige Angaben, um ganze Passagen anzudeuten.

Ich habe Opa, wie wir unseren Großonkel Gustav nannten, denn er lebte ja als Altenteiler auf dem Hof, als einen großen und gütigen, immer zu Scherzen aufgelegten und verschmitzten alten Mann erlebt.
Und ich habe noch in lebhafter Erinnerung, wie er morgens in seinem Bett lag und unsere Mutter ihm sein Frühstück ans Bett brachte - eine Tasse heiße Milch und ein "Rundstück", die untere Hälfte mit Butter und "Honnich" bestrichen, die obere Hälfte mit Butter und Salz. Er aß die untere Hälfte, die Honig-Hälfte, lutschte sich den Schnurrbart aus. Dann stippte er die obere Hälfte in die heiße Milch und bot mir das erste Stück an: "Kumm, Jung, ät man tau, dat is för di!". Noch heute ist mir ein Brötchen mit Butter und Salz und heiße Flüssigkeit - bei mir Tass' Kaff' - ein Hochgenuss. Aber nur, wenn es die obere Hälfte ist, versteht sich. Und Honig schmeckt mir irgendwie "gediegen".

Zunächst stelle ich hier recht ungeordnet Bilder vor, die ich im Nachlass meiner Eltern gefunden habe, weiter unten dann folgen einige der Bilder mit Erläuterungen.

 

 

 

      


Bei diesem Bild vermute ich, dass es Gustav zeigt, als er Anfang/Mitte zwanzig ist.

   

 

Gustav, Käte und Emma Stuhtmann, etwa 1922 (Emma steht vorne vor der Veranda, zwei Haushaltshilfen sind mit auf dem Bild.



Onkel Gustav konnte seinen gewaltigen Schnurrbart so kämmen, dass er die ganze Wangenpartie zudeckte. (Seine Schnurrbarts-Tasse mit einem Steg, so dass er ohne den Bart in die Milch zu tauchen, trinken konnte, habe ich noch.)

So ähnlich stelle ich ihn mir vor, als er eines finsteren Wintermorgens vor der Schule aufgetaucht war.

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Gustav Stuhtmann und "Thansemeier" Otto Dieterichs

Gustav und sein Freund, Otto Dieterichs ("Thanse-Meier"; links im Bild) auf Hof Thansen im Jagdzimmer. Otto war mit Martha verheiratet, und Martha war die Schwester von Ella Stuhtmann, geb. Völker, der Frau seines jüngsten Bruders Heinrich.

Ursel sagte: “Otto het sien Läf nix dan. Hei hett in 3 Joar ein Scheeselong keputtlägen.” (Otto hat sein Lebtag nichts getan. Er hat in 3 Jahren eine Chaiselongue kaputtgelegen - sie hatte keine Vokabel für “Sofa”; der französische Ausdruck war in Eyendorf ganz gebräuchlich.)

Dieterichs in Thansen waren sehr vornehme und sehr gütige Leute;
vornehm: Was man sich so vorstellt darunter - wenn sie am Sontagnachmittag spazierengingen, so musste ein “Knecht” mitgehen. Der hatte ein Brett zu schleppen. Wenn sie an eine Pfütze kamen, warf er  das Brett darüber, so dass alle trockenen Fußes weitergehen konnten, ohne einen Bogen um die Pfütze zu machen.
gütig: Es hatte sich herumgesprochen unter den “Hampudels”, den Landstreichern, dass es den Leuten bei Otto D. gutgehe. Wenn ein “Hampudel” auf den Hof kam, so bekam er ordentlich ‘was zu essen. Am nächsten Tag zog er dann weiter. (Das sprach sich natürlich in der Szene herum. Man weiß ja, dass Landstreicher/Vagabunden an Balen oder Holzständern  Markierungen anbrachten, die darüber informierten, ob oder wie man an Essen oder Schlafplätze kommen konnte.)
Und zu seinen Leuten kam Otto D. öfters aufs Feld und sagte: “So, Lü, nu hebbt Jü nouch dahn, nu gift dat wat to äten.” Oder er hat ihnen zu Mittag gesagt, sie könnten Feierabend machen.

Großes Problem: Otto war offensichtlich zu gut. Der Hof war bald hoch verschuldet. Ende Januar 1933 machte ihm der Hamburger Getreidehändler Töpfer ein Angebot: Otto möge ihm, Töpfer den Hof überlassen. Dafür wolle Töpfer alle Schulden übernehmen. Otto und seine Familie mussten Knall auf Fall Thansen verlassen - “sei hebt nich mal dat Linnen ut’n Schapp mitnähmen künnt”, sagte Ursel oft voller Bitterkeit - sie haben ncht mal das (Familien-)Leinen aus dem Schrank mitnehmen können.-
War Otto vielleicht übers Ohr gehauen worden? Er wusste jedenfalls eines nicht: Die kommende Regierung Hitler würde die Schulden der Güter annullieren zu Lasten des Reiches.
Er hatte also den Hof umsonst erhalten - und Otto den großen Hof für nichts hergegeben. - “Insidergeschäft” nennt man so etwas heute.
Otto hat danach in einer kleinen Wohnung in Lüneburg gewohnt und ist als armer Mann gestorben. 1991 ging durch die Presse, dass man im Garten eines Mehrfamilienhauses nahe dem Lüneburgere Zentrum eine größe Anzahl Jagdgewehre gefunden habe. Das waren die von "Thansemeyer", die er offenbar 1945 dort vergraben hatte, als die britischen Truppen anrückten. 
Sein Sohn Willi, der ein hochgebildeter Mann war, schlug sich als Milchkontrolleur (“Kuh-Titten-Kommissar”) durch. Er kam öfters mal nach Raven zu seiner Cousine Ursel und erzählte und erzählte. Manchmal blieb er ein paar Tage. Dann lag er gerne auf dem Sofa in der Eßstube und las und las.

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Führerscheinfoto (1938)


Ausweis (1953)

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Zigarrenreklame aus dem Hause Knust in Hamburg:


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Zum 85. Geburtstag

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Die Traueranzeigen aus dem "Winsener Anzeiger"

Emma hat nach Gustavs Tod die Uhren angehalten, auch das Kalenderblatt riss sie nicht ab. das blieb 6 Wochen lang so. Gustavs Zeit war angehalten.

Namens der Mitarbeiter auf dem Hof  hat Heinrich Rieckmann als deren Ältester die Anzeige unterzeichnet. 


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Gustav Stuhtmann, Raven, verstorben am 4. Juli 1956