Franz Quante, geb. am 9. Juni 1906, hatte von 1931 bis 1965 auf dem Hof gearbeitet, erst bei Gustav Stuhtmann, dann bei Helmut Brammer. Er kam 1931, seine Frau Ida und die beiden Söhne kamen nach.

"Jaaha," sagte er immer mit seinem Ruhrpott-Akzent, "dat war 'ne schlechte Zeit dammals." Dann erzählte er, wei er nach Raven gekommen war. Er "hatte auf Berchmann gelernt gehabt", wie er sagte, kam aus Wanne-Eickel und war "in der schlechten Zeit" in der Weltwirtschaftskrise arbeitslos geworden. Da ging eine ganze Gruppe junger Männer zu Fuß los, um sich "beim Bauern oder sonstwo" Arbeit zu suchen, erstmal im Münsterland. "Da gibt's ja immer was zu tun, beim Bauern." Auf jeden Fall gab's meist eine warme Suppe oder auch einen Schlafplatz im Heu. Oder man musste in eine Art Wärmestube in der Stadt. Da wurde ein großer Strick quer über den Raum gespannt, und die Männer legten die Arme drüber und schliefen ein, halb im Stehen. Morgens wurde das Tau durcjhgeschnitten, alle fielen auf den Boden, bekamen eine Tasse Tee und mussten wieder 'raus. Und weiter ging's, immer zu Fuß. "Ich wär' bis Ostpreußen gegangen, wenn der Pole mich durchgelassen hätte." Und da kam er nach Raven, wo Gustav gerade händeringend einen Schweizer suchte. Der freute sich: "Denn man tau. Kannst fuant (=sofort) anfangen, musst aber Schweizer spälen!" (Schweizer - so hießen die Melker. Gustav hatte 8 Kühe.)

Und Franz fing an.Er hatte seine Frau Ida und seine beiden kleinen Jungs zu Hause lassen müssen. Bald fragte Gustav: "Wullt Du dien Frou und dien Jungs nich bald ma halen?" Sie zogen in das "Deputathaus" am Ortsausgang nach Eyendorf, das er 1911 gebaut hatte, 2 Wohnungen (heute würde man "Doppelhaushälften" sagen), Franz und Familie bekamen die nördliche Wohnung nach Eyendorf zu, die andere bewohnten Heinrich und Anna Rieckmann. Zu beiden Wohnungen gehörten jeweils Stall und Garten.

Während des Krieges musste er "Soldat spielen", die meiste Zeit als Besatzungsgssoldat in Frankreich.

Wir Jungs sind oft mit ihm mitgegangen, wenn er Kühe oder Schweine fütterte, Silage auflud, streute, Stroh schnitt. Er hat uns viel erzählt und auch viel "vorgesponnen" - ich denke sehr gerne und mit einem dankbaren und wohligen Gefühl an ihn.

"Onkel Franz" und "Tante Ida", wie wir Kinder sie nannten, waren - neben dem alten Herrn Lüthge. dem pensionierten Dorfslehrer - die ersten im Dorf, die einen Fernseher hatten, schon ab 1959, wenn ich mich recht erinnere. Da konnten wir ab 17 Uhr die Kinderstunde sehen, manchmal abends auch die "Nordschau" ("Nordsau", sagte er, und um 8 abends die "Tagessau") und am Sonntagnachmittag auch mal einen Film ("Fury", "Corky und der Zirkus", "Lassie" - wenn ich diese Namen höre, sehe ich sofort ihre Stube vor Augen.

Großereignisse waren Rosenmontagsumzüge und Fußballspiele - das halbe Dorf kam dann in die Stube von Franz und Ida. Die Leute brachten Butterbrote, Thermoskannen und Stühle mit - Fernsehen als gesellschaftliches Ereignis. (Und heute? Jeder sitzt für sich zu Hause vor der Glotze.)