Nach 1945: Ausgebombte, Flüchtlinge und Vertriebene

1948 wohnten etwa 25 Ausgebombte, Flüchtlinge und Vertriebene im Haus. Die ersten waren Kistenmachers aus Hamburg; sie haben ihre Wohnung am 30. Juli 1943 während des Feuersturms über Hamburg verloren. (Damals, so erzählte Tante Emma, habe man eine Woche lang in Raven nach Norden zu den roten Schein am Himmel gesehen, dunkel wurde es nicht. Es habe gestürmt wie sonst im Herbst nicht, und die Kühe hätten nachts gebrüllt. Und unsere Mutter Ursel erzählte, dass bei ihnen zu Hause in Eyendorf auf dem Misthaufen Notenblätter aus der Hamburger Oper gelandet seien, aufgewirbelt durch die Thermik.)

Hier kommt eine handgeschriebene Liste - kann sein, dass sie von Heinrich Dittmer stammt, dem langjährigen Bürgermeister. Der Chef hat - fälschlich - hinzugefügt: “Flüchtlinge hier im Hause” - das stimmt nicht ganz, denn auf die obersten 3 (Onkel Gustav, Tante Emma, Ursel) trifft das ja nicht zu. Eher ist gemeint: "Bewohner des Hauses"; Stand: 1946.
Das ganze Dorf Raven zählte 1950 367 Einwohner, 212 Einheimische und 155 Füchtlinge. 925 waren es 175 Einwohner, in den 60er Jahren immer um die 230. Viele der Flüchtlinge zogen nämlich zu Verwandten, etliche Ravener zogen berufs- oder heiratsbedingt an andere Orte.

Man hört, dass Tante Emma, die viel auf ihre Bildung hielt und sich immer vom “Dorf” fernhielt, die Leute, die ein Dach über dem Kopf suchten, regelrecht ausgefragt habe: "Was macht Ihr Mann?" "Soso, Lagerarbeiter..." "Auf Wiedersehen. Und was macht Ihr Mann?" "Oh, Kapitän, kommen Sie bitte!" ...  .
Und so kam es, dass dann eben Frau Kistenmacher, deren Mann Kapitän auf großer Fahrt war und dessen Schiff 1944 vor Island versenkt wurde, mit ihren beiden kleinen Kindern Bernd und Maren nach Raven kam, nachdem ihre Hamburger Wohnung 1943 durch Bomben zerstört worden war, und dass ein ebenfalls ausgebombter Opernsänger aus Hamburg (Hagemann?) sowie Zimmermeister Karl Narzinski aus dem Krs. Alleinstein/Ostpreußen dort zu wohnen kamen.

Manche der Zimmer, die meist von Frauen mit Kindern bewohnt waren, weil ja die Männer entweder tot oder in Gefangenschaft waren, haben wir noch in den 60er Jahren nach den Flüchtlingsfamilien benannt, z.B. "Oma Willmanns Kammer" oder "Frau Reinkobers Kammer" (das wurde 1963 Jungszimmer). Und noch in den 80er Jahren - locker 40 Jahre nach Kriegsende, Flucht und Vertreibung - wurde ein Landwirt von manchen Leuten im Dorf immer noch "Flichtling" genannt.

Doch zurück: Manche zogen bald aus: Karl Narzinski - "der Meister", wie er überall im Dorf genannt wurde - sagte: "Helmut, wenn du mir Holz gibst, bau' ich für meine Familie eine Baracke. Dann ziehen wir aus, und ihr habt mehr Platz im Haus." Gesagt, getan - bald stand die Baracke im Eichhof - rechts am Weg von der alten Schule zur Kirche. Später baute "der Meister" für Helmut auch den Holzstall mit seinen drei Kammern. Andere Flüchtlinge und Vertriebene zogen zu Verwandten, Narzinskis 1958 oder 1959 z.B. nach Emsdetten oder - wie Kistenmachers - zurück nach Hamburg.
Helmut erzählte, dass er und Ursel eines Abends in der Stube saßen und immer wieder dumpfe Geräusche hörten, als ob jemand oder etwas auf den Boden fallle.Da sägte hagemann oben in der "Schulstube" Brennholz, das er im Zimmer aufschichtete. Denn seines war geklaut worden.
Und eine Frau kam die Treppe herunter, ihr Mann hinterher, und sie rief: "Vater, Vater, vergreif' Dir nech!" Offensichtlich wurde er gewalttätig, wollte sie schlagen - kein Wunder, wenn man mit 4 oder 5 Personen in einem Zimmer sitzt (und zu Hause in Ostpreußen vielleicht ein ganzes Haus oder einen Hof hatte...). Übrigens, aus aktuellem Anlass, das hat zunächst wenig mit der Religion zu tun, sondern mit der beengten Situation, der Verzweiflung, dem Heimweh, der Langeweile.

Zuletzt ist Josef Willmann 1976 zu seiner Tochter gezogen; er ist 1981 verstorben. Nach Ziegenhals im Kreis Hirschberg / Grafschaft Glatz, - heute heißt es Glucholazy - wo er einen kleinen Zimmereibetrieb hatte und 1 Kuh, wollte er nicht wieder. Im Februar 1946 standen sie in Raven in der Tür, er mit 2 Mänteln, Anzug, Koffern , seine Frau Berta mit Reisetasche, die die wichtigsten Dokumente - Taufscheine, Heiratsurkunde, Meisterbrief, Grundbucheintragungen für ihr Haus in Schlesien - und der kleinen Edith, die gerade anderthalb Jahre alt war, auf dem Arm.

Das Deutsche Historische Museum hat eine Reihe von Dokumenten zum Thema "Flucht und Vertreibung" ins Internet gestellt - hier steht mehr.

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Marie Frost, geb. 4. Oktober 1882
Bernd Kistenmacher geb. 1. März 1939
Karl Narzinski geb. 7. Dezember 1884
Anna Narzinski geb. 3. April 1889
Heinrich Narzinski geb. 11. Oktober 1920
Otto Klann geb. 17. September 1901
Laura Klann geb. 8. Juli 1906
Gerda Klann geb. 28. März 1935
Helga Klann geb. 5. August 1937
Amanda Berg geb. 25. November 1887
Rudolf Habermann geb. 20. Januar 1920
Maren Habermann geb. 2. August 1921
Olaf Habermann geb. 30. November 194*
Mina Böhm geb. 10. Mai 1908
Michael Böhm, geb. 27. September 1933
Joseph Willmann geb. 3. Juli 1906
Bertha Willmann geb. 25. Mai 1910
Edith Willmann geb. 27. Mai 1944
Anna Willmann geb. 16. Januar 1880
Ernestine Reinkober geb. 30. September 1906
Heinr. Klann geb. 27. September 1928
Karl Narzinsiki geb. 16. August 1922
Karl Reinkober geb. 15. Juni 1928

 

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