> Die Kirche St. Martin

XIX. Kapitel. Kirchliches.
1. Das Kirchengebäude.
Die hiesige Kirche steht seit ungefähr 500 Jahren und soll im 14. Jahrhundert gebaut sein. Im Laufe der Jahrhunderte sind vielfache Änderungen daran vorgenommen. Am Ende des 16. Jahrhunderts stellte sich eine bedenkliche Ausweichung der beiden Seitenwände ein, weshalb durch die Kirche tannene Querbalken gezogen wurden. Auch diese haben die Ausweichung nicht ganz aufhalten können, wie man an den Balken über der Kanzel sehen kann.
Seit 30 Jahren sind die Pfeiler an der Süd- und Nordseite der Kirche teils erneuert, teils vermehrt und verstärkt. Anfang der 70er Jahre wurde über eine Tür an der Nordseite der Überbau nach Johann Ballhorn neu hergestellt. 1850 wurde die Süd- und Westseite des Turmes erneuert; auch wurde in der Kirche der Taufstein angeschafft und das Altarbild in wenig künstlerischer Weise bemalt.
Da der Kirchenvorstand wegen des baulichen Zustandes besorgt war, so wurde der Konsitorialbaumeister Herr Baurat Hase aus Hannover gebeten, die Kirche einer Besichtigung zu unterziehen und sein Gutachten darüber abzugeben. Dies geschah im Anfang der 60er Jahre. Sein Gutachten lautet dahin, daß der Gipsmörtel, welcher zu Anfange beim Bau der Kirche benutzt sei, anfinge zu krystallisieren und daß dieser Krystallisierungsprozess unaufhaltsam fortschreiten und noch die Mauern durch Zerbröckelung der Ziegelsteine zerstören werde.
Seit der Zeit, also seit etwa 30 Jahren, hat man aber, trotz genauer Messungen der im Gewölbe vorhandenen Risse, eine fortschreitende Zerstörung nicht bemerken können. Bis 1890 hatte der Altar nur einen schmalen Aufgang; in diesem Jahre wurde die Vorderseite der Einfriedung ganz fortgenommen. Frau Pastor Halvern schenkte der Kirche zwei neue versilberte Leuchter, welche zum Osterfest 1890 zuerst den Altar zierten.
1889 wurde die Vorderseite der Kirche, von welcher sich schlechte mit Wasserfarben gemalte Sinnbilder der Tugenden z. B. Mose usw. befanden, mit Holzfarbe überstrichen. Die Bänke für die Kinder auf dem Chore sind 1889 gemacht. Im November 1890 ist unter der Priche ein neuer Stuhl für die Hebammen hergerichtet worden. Die schönen großen Zinnleuchter, die bis Ostern 1890 den Altar wirklich zierten, sind vorläufig zurückgestellt. Hoffentlich werden auch sie bald wieder benutzt werden wohin sie gehören.
Seit Weißensonntag[1] (Konfirmation) 1908 sind die Zinnleuchter neben den versilberten wieder in Gebrauch.
Im November 1903 erhielt die Kirche aus einer Ulmer Fabrik ein schönes Pedalharmonium. Dasselbe hat etwa 900 M. gekostet. Im Laufe der Jahre hat es aber in Folge der Feuchtigkeit in unserer Kirche stark gelitten. Mehrere Reparaturen wurden daran vorgenommen.
Im Herbst 1912 wurde der Kirchengemeinde die überaus günstige Gelegenheit geboten, eine noch sehr gut, erst 12 Jahre alte Orgel für 1500 M. zu erwerben. Es war die Kirchenorgel der Gemeinde zu Schnega, Bezirk Uelzen. Wegen eines Erweiterungsbaues ihrer Kirche mußten sie diese Orgel, weil sie für das neue Gebäude zu klein, billig verkaufen. Nach Einforderung eines Gutachtens von den zuständigen Orgelrevisor Merkens Uelzen und nach vorheriger Besichtigung wurde sie im April dann von der hiesigen Kirchengemeinde zu dem genannten Preis gekauft. In den ersten beiden Juniwochen des Jahres 1913 wurde sie von der Firma Furtwängler u. Hamruer Hannover, die sie erbaut, aufgestellt. Kurz vorher war noch eine Vergrößerung der Priche vorgenommen worden. Am 15. Juni, den 4. Sonntag nach Trinitatis 1913 wurde die Orgel hier zum ersten Male benutzt. Den ersten Gesang dieses Sonntags war No. 1 unseres Gesangbuches: „Nun jauchzt den Herrn alle Welt“. Das Harmonium, welches Pfingsten d. J. zum letzten Male benutzt wurde, ist von der Mutter unseren Herrn Pastor Becker für 350 M. gekauft und dem Krankenhause in Peine geschenkt worden. Bemerken möchte ich noch, daß die Gemeinde von Herrn Lehrer Wolter[2] Hannover, dem Sohn meines Vorgängers, auf den günstigen Schnega-Orgelverkauf zuerst aufmerksam gemacht worden ist. Er hat viel Umgang gepflegt mit dem Orgelrevisor Merkens Uelzen.

Der Fortgang des Krieges erforderte es, daß am 14. Juli 1917 14 Pfeifen unseres Orgelprospektes an die Firma St. Sievers Winsen abgeliefert werden mußten. Dort war die Metallsammelstelle. Die Zinnpfeifen wogen 40 Pfund. Unsere Glocken sind wegen ihres Alters bis jetzt 30.7.18 von der Enteignung befreit geblieben. Sie sind auch später nicht enteignet worden.
(28.7.20 L.) (L.=Lüthge)

Am 11. Juli 1920, dem 6. Sonntag nach Trinitatis, wurde die Gedenktafel für die gefallenen Kämpfer des Weltkrieges unserer Kirchengemeinde eingeweiht. Ein gemischter Chor sang die Pineksche Motette: „Selig sind des Himmels Erben“ und das Lied: „Wie sie so sanft ruhen alle Seligen, die gläubig kämpften den großen Lebenskampf“.
Im Herbst 1929 erhielt die Kirche eine elektrische Heizung, und im Frühjahr 1930 die Orgel einen elektrisch betriebenen Winderzeuger. Näherer Ausführungen hierüber im 2. Band der Schulchronik S. 97 desgleichen ein Blitzschlag in den Kirchturm S. 96. /365/

 

[1]   Der Sonnntag nach Ostern, der „Weiße Sonnntag“, ist traditionell der Konfirmationssonntag im Kirchspiel Raven; h.b-w

[2]   Julius Wolter, der Sohn des Lehrers Wolter und Bruder von Emma, die 1905 Gustav Stuhtmann heiraten wird.

 

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