1877 schreibt Lehrer und Küster Wolter in der Schulchronik:

Das Dorf Raven.

Das Kirchdorf Raven, niederdeutsch Raben, liegt in der niederdeutschen Tiefebene unterm 35°10 n. Br.  und 27°49 ö. L. in der Landdrostei Lüneburg und in der südöstlichen Spitze des Kreises Harburg und des Amtes Winsen an der Luhe. Es zählt 20 Wohnhäuser und nach einer im Oktober 1876 vorgenommenen amtlichen Zählung 159 Einwohner. Das Dorf liegt im Stromgebiete der Elbe auf einer kleinen Hochebene, welche sich nach Süden, Osten und Norden zum Luhetale, nach Westen zur Flußsohle der Aue, einem kleinen Zufluße der Seeve absenkt. Die Waldstreifen, welche das Dorf nördlich und westlich umgeben, sind Teile einer vielfach zusammengehörenden Forstfläche, welche im Norden im Garlsdorfer und Quarendorfer Walde, im Süden in der Raubkammer endigen.

Seiner Lage wegen hat Raven kein fließendes Wasser, und in den Brunnen, die Wasser haben, ist kein Quellwasser, sondern nur Wasser, das die Lehmschicht, welche sich unter der oberen Sandschicht hinzieht und auch vielfach zu Tage tritt, nicht durchlässt, s. g. (so genanntes) Oberwasser. Nur ein Brunnen am Südende des Dorfes, der „Saalsod“, scheint durch wirkliches Quellwasser gespeist zu werden. Wenn alle Brunnen des Dorfes versiegen, was jährlich im Spätsommer und Herbste regelmäßig geschieht, so gibt dieser Brunnen das nötige Wasser für das ganze Dorf her, ohne nachzulassen. Das Wasser dieses Brunnens hat auch eine andere chemische Beschaffenheit, als dasjenige der übrigen Brunnen. Den Wassermangel teilt aber auch Rolfsen mit Raven. An der Ostseite des Dorfes, da, wo die Höhen zum Luhetal abfallen, finden sich Quellen, welche während der kühleren Jahreszeit kleine Bäche zur Luhe entsenden, tritt im Sommer jedoch nachhaltende Dürre ein, so versiegen auch sie bald.

Der Boden besteht aus einer Mischung von Sand und Lehm, im Westen, Süden und Norden des Dorfes ist der Lehmboden vorherrschend, im Osten dagegen der leichtere Sandboden. Ersterer ist sehr fruchtbar und erzeugt nicht nur sehr gute Feld- und Gartenfrüchte, sondern auch üppiges Buchen- und Eichenholz. Die Buchenholzungen in der Umgegend des Dorfes bieten bei richtiger Hauung eine nie versiegende Quelle des Wohlstandes für die Besitzer. Hier ist zugleich auch eines Vorteiles zu gedenken, welchen Raven an seiner hohen, freien, fast allen Winden ausgesetzten Lage hat. Es entstehen hier nämlich keine Epidemien und wenn sie durch Einschleppung, wie 1872 die Blattern, vorkommen, so beschränkt sich ihr Verlauf nicht auf den Herd ihres Ausbruchs. Das kalte Fieber (Wechselfieber) ist fast ganz unbekannt. Dagegen treten Erkältungskrankheiten (besonders Disteritis / Diphterie / und Croug -? -) gewöhnlich mit Heftigkeit auf und fordern oft ihre Opfer. Auch hier besteht zwischen Raven und dem nahegelegenen Rolfsen Übereinstimmung.

Daß die Gegend von Raven schon seit den ältesten Zeiten bewohnt gewesen, davon zeugen auch die alten Grabstellen, Heidengräber, welche sich hier und da zerstreut finden. Es sind diese teils einzelne liegende Grabkammern und Opferstätten, aus Steinen und Decksteinen bestehend und über der Erde liegend, teils auch große Gräberflächen, wo ein Grab sich an das andere reiht, wie am Wege nach Wetzen beim Bienenzaune. Leider sind viele davon schon zerstört, und den Nützlichkeitsprincipien zum Opfer gefallen. Auf das vorchristliche Altertum deutet auch der Name des am Nordende des Dorfes befindlichen Höhenzuges hin, welcher „Opferberg“ heißt und von dem man sagt, daß auf diesem Berge die alten heidnischen Vorfahren den Göttern ihre Opfer, meist blutige Menschenopfer, dargebracht haben sollen. Ebenso gehört hier der „Sonderberg“, welcher früher ganz mit Holz bewachsen und als ein heiliger (abgesonderter) Hain für den Cultus der alten Deutschen bestimmt war. Auf seinem nordöstlichen Ausläufer ist der „Heidenkirchhof“, eine andere uralte Opferstätte, jetzt freilich zerstört, befindet sich auf dem „Strietberg“.

Der jetzige Herr Superintendent Dr. ... Schulze in Winsen an der Luhe hat davon erzählt, daß er sich noch aus seiner Knabenzeit erinnere, diese Stätte ziemlich unversehrt gesehen zu haben. Sie sei mit einem großen flachen Decksteine belegt gewesen, der nach der einen Seite einen Abguss ob zum Ablaufen des Blutes oder zum Hineinlegen des Halses des Opfertieres bestimmt gehabt habe.

Als das Evangelium den im Lüneburgischen wohnenden Sachsen durch die drei Ausgangspunkte der Mission, Hermannsburg, St. Michaelis Kloster in Lüneburg und Ramelsloh gebracht wurde, da nahmen dieselben es freudig an. Es entstanden Klöster, von wo aus wieder missioniert wurde, wie z. B. das Kloster zu Heiligenthal (was jetzt zu Kirchgellersen), und an der Stelle der alten steinernden Götzenaltüre erheben sich in der grauen Heide hier und da freundliche Gotteshäuser.

Vom Kloster St. Michaelis in Lüneburg zogen missionierende Mönche in den Tälern der Flüsse hinauf, bildeten Gemeinden und bauten Kirchen. So enstand Salzhausen, ein Dorf welches beiläufig gemerkt seinen Namen nicht von einer Salzquelle, sondern von einem Salzdepot hatte, von wo aus das Lüneburger Salz durch die Heide in die Bistümer Bremen und Verden transportiert wurde. Von der Mutterkirche (Mater) in Salzhausen zweigten sich die Tochtergemeinden ab wie ... Egestorf und Kirchgellersen ,,,

Die hiesige Kirche kommt aus dem 12. Jahrhunderte und ist zum größten Teile aus starken Felsen erbaut, welche durch Lüneburger Gipsmörtel so fest miteinander verbunden sind, daß die ganze Wand eine ganze steinharte Masse bildet. Der Turm scheint einer späteren Zeit anzugehören. Die Reformation wird hier wohl bald nach der Ankunft des Urbanus Rhegius in Lüneburg (1531), vielleicht auch schon einige Jahre früher, Eingang gefunden haben. Von den Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges ist Raven nicht verschont geblieben. Namentlich weiset darauf ein in der hiesigen Feldmark befindlichen, jetzt mit dem Studmannschen (Stuhtmannschen) Hofe vereinigter s.g. wüster Hof hin. (vielleicht meint Wolter die "Hustääch" / Hausstelle im Wald nahe der Grenze zur gemarkung Eyendorf).

In der französischen Zeit zu Anfang dieses Jahrhunderts haben Franzosen sowohl wie Russen im Dorfe Quartiere gesucht und genommen. Auch ist noch ein Schwiegersohn aus der Dittmärschen Hofstelle mit der großen Armee nach Russland geführt und dort verschollen.

Die Neuzeit hat für Raven wenig Veränderung gebracht, durch die Energie, welche seit zwei Jahrzehnten dem Ackerbau gewidmet wird, hat sich der Wohlstand des Dorfes gehoben, durch die gefallenen Schranken, welche der Gewerbefreiheit entgegen standen, sind mehrere neue Geschäfte, als Chöker / Höker / (F.. Wölper seit 1867) Kaufflächen (Rüter) und leider auch zwei Gastwirtschaften (Schlumbohm und Koch) seit 1877 gegründet. (Wolter war ein strenggläubiger pietistischer Protestant, das mag seine Abneigung gegen Gastwirtschaften erklären.)

Der Haupterwerbszweig der Bewohner Ravens ist die Landwirtschaft. Sie wird von sämtlichen Einwohnern in größeren und kleineren Maßstabe betrieben. Vor 40 Jahren war der Ertrag des Ackerbaues sehr gering, die Leute holten die Gelder für die laufenden Ausgaben von Lüneburg, wohin sie Holz fuhren und es verkauften. Ein Bauer fuhr im Winter oft täglich zur „Stadt“, wenigstens wöchentlich drei Mal.

Im Jahre 1842 wurden die Ackerländereien und Gemeinschaften verkoppelt, und hiernach auch den einzelnen Grundbesitzern Gelegenheit gegeben, freier und rationeller über das Seine zu verfügen. Man fing auch zu Mergeln an, und wenn diese Bodenerschließung auch Anfangs auf Vorurteile stieß, so brach sich diese Methode doch durch den Erfolg, welcher vor jedermanns Augen lag, bald allgemein Bahn. Der Erste, welcher die Bemergelung des Bodens ausführte, war der Höfner, jetzt Altenteiler, Kröger, es war im Jahre 1843, und er wurde dadurch zu einem wohlhabenden Manne. Jetzt ist das Fahren nach Lüneburg längst nicht mehr die Hauptsache, doch ist Lüneburg der Absatzort für Getreide, Holz und Obst geblieben.

Obgleich der Amtsitz (seit 1885 Kreisstadt) in Winsen an der Luhe ist, so wird diese Stadt doch für Raven nie die Bedeutung erlangen, wie Lüneburg hat. Außer der Landwirtschaft bietet die Obstbauzucht eine bedeutende Einnahmequelle für die Ravener Gartenbesitzer. Bei guten Obstjahren und erhöhten Preisen nimmt einer wohl in einem Herbste 300 M. und darüber ein. Das Obst aus Raven hat in Lüneburg einen guten Ruf und die Preise schwanken zwischen 2 M. als niedrigsten Preis und 9 M. als höchsten Preis für den alten Himpten oder 31 Liter.

Als Nebenerwerbszweige werden in Raven noch verschiedene Handwerke getrieben: 1 Schuster (H. Könemann + 1895), 1 Schneider (F. Rüter), 1 Schmied (F. Hedder), 1 Maurer (Hoger), 2 Dachdecker (Lemke und Dierhsen), 2 Hausschlachter (Heuer und Dierhsen), 1 Tischler (Staacke), 2 Zimmerleute (Westermann, Gödeke), 1 Böttcher (H. Hedder), 1 Rademacher (Dittmer) und 1 Bäcker (Koch), bis 1872 war auch ein Drechsler (Maack) hier, welcher im genannten Jahre verstarb.

An geistlichen und kirchlichen Gebäuden vier: die Kirche, das 1792 erbaute Pfarrhaus, das Pfarrwitwenhaus, erbaut 1840, und das Küsterhaus. ...

Prediger: Bertram war 1842, Oehme bis 1858, Halven seit 1858. Kirchenvorsteher: Bei meiner Hierkunft waren es Stuhtmann und Rüther Raven, Wedemann Schwindebeck und Otte Thansen. 1871 traten für Stuhtmann und Wedemann ein A.Wölper Raven und Becken Wetzen, 1874 für Rüter und Otte Lühr Rolfsen und Meyer Evendorf. In diesem Jahre 1877 ist wieder Neuwahl zweier Kirchenvorsteher. Küster siehe Cap. III. (A. Wölper und Becken wiedergewählt).

Öffentliche Gemeindegebäude sind das Armenhaus, für zwei Familien eingerichtet, 1850 erbaut, das Bauernbrackhaus, zum Brechen des Flachses und Hanfes, abgebrochen im Jahre 1895 auf Abbruch dem Brinksitzer H. Hagemann für 90 M. verkauft.

Seit 1843 sind hier folgende Ortsvorsteher gewesen:
Brinksitzer und Tischler Dittmer bis 1849 (auf der jetzigen Hagemannschen Stelle),
Halbhöfner ol. Dittmer bis 1855,
Vollhöfner ol. Stuhtmann bis 1861,
Halbhöfner F. Wölper bis 1867,
Halbhöfner H. Dittmer bis 1873,
Vollhöfner H. Stuhtmann bis 1879 (ist Neujahr 1879 wiedergewählt).
[In der Bauernrechnung am 29. Jan. 89 ist der Halbhöfner Kröger zum Ortsvorsteher gewählt worden. In der Bauernrechnung am 1. April 1901 ist der Höfner Adolf Wölper zum Gemeindevorsteher gewählt worden.] Letzterer ist auch während der Zeit seines Gemeindevorsteheramtes Standesbeamter seit dem 1. Oktober 1874, sein Stellvertreter ist der jetzige Küster und Lehrer. Waisenrat ist der Halbhöfner Peter Kröger, seit 1889 der Höfner Wölper.

Noch mag hier bemerkt werden, daß seit dem Jahre 1852 hier alle zwei Jahre ein Missionsfest gefeiert worden ist. Der Festfeierplatz befindet sich hinter dem Opferberge auf Stuhtmannschen Grund und Boden. Das letzte war im Jahre 1876.

Das sind im allgemeinen die Verhältnisse, die bei einer Beschreibung des Dorfes Raven zu berücksichtigen sein mögen. Spätere Veränderungen oder Berichtigungen werden nachgeführt werden.

Raven, den 25. Juni 1877 Wolter

Quelle: Schulchronik Raven, S. 2ff.