Helmut hat während seiner Zeit in US-amerikanischer Gefangenschaft Tagebuch geführt. Neben den obligatorischen Wetteraufzeiccnungen für fast jeden Tag hat er besondere Vorkommnisse notiert - etwa dass er mit Brettern eine Grube gegraben hatte, um sich da hineinzulegen, die Nachricht von Hitlers Selbstmord ("gefallen") oder das gemeinsame Rauchen einer Zigarette.

Seine Einheit war im Frühjahr 1945 nach Ulm verlegt worden. Als es Ende April hieß, sie werde noch Berlin zwecks Verteidigung der "Reichshauptstadt" abkommandiert, während die Armee der Sowjetunion den Belagerungsring zu schließen begann, hat sich sein Zug dem ersten Soldaten der US-Army, den sie sahen, ergeben.
Das war am 28. April.

Nun folgen Scans aus diesem Tagebuch, beginnend mit dem 1. März 1945 und endend mit dem 12. August - zu Hause! Danach finden sich Adressen und Namen sowie ein Gedicht voller Heimweh. Nicht in dem Notizbuch, aber von großer Bedeutung sind die Entlassungspapiere sowie ein Gedicht ("Die Glocken von Heilbronn"), das er bis zu seinem Tode in seiner Brieftasche bei sich trug.

Ganz unten finden sich Karten, die den Weg verzeichnen.

 

 

Der Kalender zeigt neben persönlichen Daten Jahrestage, die für die NSDAP von politischer oder militärischer Bedeutung waren. Ferner sehen wir eine Übersicht im Format eines Minikalenders, auf der für die Monate Januar bis April einzelne Daten markiert sind. Was das zu bedeuten hat, erschließt sich  nicht. Leider habe ich nicht danach gefragt.

 

1. März:
Angriff auf Ulm
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4. März:
Angriff auf Ulm
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15. April:
1. Tag - ab hier zählt er bis 10 am 23. April  - warum, das kann ich nicht erklären.
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Donnerstag, 19. April, Nachrichten aus der Heimat:
"Soltau ging nach hartem Kampf verloren
erbitterte Kämpfe um Lüneburg und Ülzen (sic)
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Angriff auf Ulm"

 

Dienstag, 24. April:
"Ulm wird aufgegeben, Kämpfe um Neu-Ulm
25km marschiert bis Unteregg"
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Mittwoch, 25. April (Helmuts 26. Geburtstag):
20.00 abmarschiert von Unteregg bis Weiler bei Loppenhausen 25km.
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Donnerstag, 26. April:
Abmarsch von Weiler, Kirchheim Eppishausen

Freitag, 27. April:
Eppishausen
Jaboangriff (Jabo: Jagdbomber)

20.00 in Gefangenschaft
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Sonnabend, 28. April:
Sammelllager Baltzhausen (Balzhausen)
Abnahme aller Sachen
marschiert über Tannhausen (Thannhausen) bis Münsterhausen
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Sonntag, 29. April:
mit L.K.W. nach Aalen (Baracke)
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Montag, 30. April:
Aalen
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Dienstag, 1. Mai:
mit LKW über Backnang, Heilbronn, Heidelberg
Lager in Ludwigshafen, Rhein-Gönnheim
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Mittwoch, 2. Mai:
Hitler gefallen (das war die offizielle Meldung der nationalsozialistischen Propaganda; in Wahrheit hat er Selbstmord begangen und sich so der Verantwortung für seine unfassbaren Menschheitsverbrechen entzogen)

Rhein-Gönheim (richtig: Rheingönheim)
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Donnerstag, 3. Mai:
Rhein-Gönheim   (Regen)  (im Folgenden schreibt er: "Rheingönne")
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Freitag, 4. Mai:
Rheingönne   (Regen)
Ein Loch ausgekratz (sic) mit kleinen Brettern!
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Sonnabend, 5. Mai:
Rheingönne
Den ganzen Tag geregnet
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Sonntag, 6. Mai:
Das Wetter wird besser.
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Montag, 7. Mai:
sehr warm
Der Krieg in Europa ist aus. 
Hierzu erzählte Helmut: Die deutschen Soldaten erhielten plötzlich Befehl anzutreten. In seinem Umfeld kam die Befürchtung auf, nun würden "alle an die Wand gestellt", das hieß: erschossen. Denn kaum war der Befehl anzutreten ausgesprochen, entstand das Gerücht, Hitler habe doch noch eine dieser so oft versprochenen "Wunderwaffen" - noch 1944 hatte die V-2 immerhin aus großer Entfernung Ziele in London getroffen - losgelassen und London, andere meinten sogar New York, in Schutt und Asche gelegt. Und nun folge die Rache auf dem Fuß ...
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Mittwoch, 8. Mai
Sehr warm
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Donnerstag,, 9. Mai
Sehr warm (ebenso an den folgenden Tagen)
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Sonntag, 13. Mai:
(die beiden Striche bedeuten: wie vorher, wie oben)
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Montag, 14. Mai:
Landwirte werden rausgezogen.
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Dienstag, 15. Mai:
Von Lager 3 in Lager 17
Personalaufnahme
Lager 19
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Mittwoch, 16. Mai:
Jeden Tag sehr warm
Johann Sczylo getroffen
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Donnerstag, 17. Mai:
Sehr warm
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Freitag, 18. Mai:
Gewitter, nur sehr wenig Regen
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Sonnabend, 19. Mai:
Regen,. sehr warm
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Sonntag, 20. Mai (Pfingstsonntag):
Pfingstgottesdienst
Untersuchung
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Montag, 21. Mai (Pfingstmontag):
Gewitter, den ganzen Tag Regen
1/2 Tag freier Arbeitsdienst gemacht, dafür 1/2 L. Essen erh.
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Dienstag, 22. Mai:
Das Wetter wird wieder besser.
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Mittwoch, 23. Mai:
Regen + naßkalt
Die ersten Landwirte werden aufgerufen
Aufteilung nach Postleitzahl.
Entlassung, in 1 Std. 4000 Mann
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Donnerstag, 24. Mai:
(Regen, kühl)
Postleitzahl 17 (a,b.c)
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Freitag, 25. Mai:
Postleitzahl 14
Gruppe II und III raus
sehr kühl
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Sonnabend, 26. Mai:
Platzwechsel innerhalb des Lagers 19

              warm

Gerede von Entlassung
Eine sehr kalte Nacht
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Sonntag, 27. Mai:
  6.30 kath. Gottesdienst
18.30  ev.    "

Montag, 28. Mai:
Postleitzahl 16 / 13a
         
warm
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Dienstag, 29. Mai:  (13b. - Ab jetzt notiert er in Klammern die Postleitzahlen, die zur Entlassung aufgerufen werden.)
sehr warm,
Gewitter und sehr viel Regen
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Mittwoch, 30. Mai:   (22)
              Regen
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Donnerstag, 31. Mai:
21. 15. 23.   (wieder aufgerufene Postleitzahlen)
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Freitag, 1. Juni:
Emil Hawester + Karl Schlumbohm getroffen
    warm   Regen
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Sonnabend, 2. Juni:
Emil H. kommt raus

Regen
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Sonntag, 3. Juni:
18.00 Gottesdienst

sehr warm
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Montag, 4. Juni:
morgens schw. Gewitter und Regen
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Dienstag, 5. Juni:
sehr schönes Wetter
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Mittwoch, 6. Juni:
sehr warm
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Donnerstag, 7. Juni:
Offz. kommen raus  II und III

Postleitz. 21/22/23
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Freitag, 8. Juni:
Im Lager 4.
Karl Schlumbohm auch da.
Den ganzen Tag gregnet (sic)
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Sonnabend, 9. Juni:
Das Wetter wird wieder besser.
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Sonntag, 10. Juni:
8 Uhr Gottesdienst
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Montag, 11. Juni:
In der Nacht sehr viel Regen
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Dienstag, 12. Juni:
Bis Mittag viel Regen.
17 Uhr Essen bekommen
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Mittwoch, 13. Juni:
10 Uhr Postleitzahl 20+24
sofort verladen auf LKW
15 Uhr in Heilbronn

schlechtes Wetter
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Sonntag, 17. Juni:
Sehr schönes Wetter
10.00 ev. Gottesdienst
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Montag, 18. Juni:
Durchsuchung aller Sachen
sehr warm
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Dienstag, 19. Juni und Mittwoch, 20. Juni:
sehr warm
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Donnerstag, 21. Juni:
Abends Gewitter
Sturm + Regen
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Freitag, 22. Juni:
Karl und ich eine Zigarette geraucht
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Sonnabend, 23. Juni:
Gewitter + Regen
warm
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Am Sonntag (24. Juni)  Gottesdienst um 8 Uhr, sonst Wetteraufzeichnungen, die meist über Regen berichten
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Sonntag, 1. Juli:
Umquartierung innerhalb des Lagers, sonst wieder Wetteraufzeichnungen
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Mittwoch, 4. Juli:
Feiertag beim Amerikaner (Unabhängigkeitstag der USA, 4. Juli 1776)
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Sonntag, 8. Juli:
Sehr schönes Wetter
8.00 Gottesdienst
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Es folgen Aufzeichnungen zum Wetter. Bemerkenswert aber:

Donnerstag, 12. Juli:
pro Mann 1/2 Paket Tabak
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Freitag, 13. Juli:
Tabakausgabe
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Sonntag, 15. Juli:
Sehr warm
8.00 Gottesdienst
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Montag, 16. Juli:
Morgens Gewitter
den ganzen Tag Regen
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Dienstag, 17. Juli:
Wetter wird besser
2 x am Tag 1 Ltr. Essen
morgens 8 Kekse + 1/4 Brot
Decke empfangen
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Mittwoch, 18. Juli:
Sehr warm
2 x 1/2 Ltr. Essen
1/2 Kommißbrot
1 Paket Ami Tabak
Badehose genäht
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Donnerstag, 19. Juli:
Sehr warm
1/2 Kommißbrot
Karl eine Mütze für mich genäht
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Freitag, 20. Juli:
Von Lager 5 nach Lager 12
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Sonnabend, 21. Juli:
Sehr warm
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Sonntag, 22. Juli:
Sehr stzarker Wind
1 Lts. Essen
1/2 Brot
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Montag, 23. Juli:
Sehr warm
1 1/2 Ltr. Essen
1/3 Brot
Uhrkette gemacht
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Dienstag, 24. Juli:
Sehr warm
Haare schneiden lassen
Stiefel repariert
Uhrkette gemacht
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Mittwoch, 25. Juli:
Sehr warm
Abends Gewitter
1 Paket A. Tabak (A.; Ami)
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Donnerstag, 26. Juli:
warm


Freitag, 27. Juli:
warm
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Sonnabend, 28. Juli:

warm
nach Lager 5 C
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Sonntag, 29. Juli:
Durchschleusung nach Lager 8
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Montag, 30. Juli:
Arbeitdienst gemacht
Zeltpflöcke gesägt und gesp (gespalten)
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Dienstag, 31. Juli:
Arbeitdienst gemacht
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Mittwoch, 1. August:
Regen
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Donnerstag, 2. August:
Entlassungslager.
Papiere werden fertig gemacht.
40 M Entlassungsgeld.
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Freitag, 3. August:
Von E-Lager nach Lager 5 C!
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Sonnabend, 4. August:
12 Uhr antreten
5. Waggon
17 Uhr Abfahrt von Heilbronn
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Sonntag, 5. August:
Mannheim, Hanau, Kassel
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Montag, 6. August: keine Eintragung
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Dienstag, 7. August:
Um 2.00 Uhr in Wunstorf
8.00 Abmarsch nach Luther (Lutter),
Papiere in Ordn. gemacht,
Sachen durchsucht
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Mittwoch, 8. August:
11.00 Abmarsch z. Bahnhof
18.00 in Uelzen
L.K.W. zum Arbeitsamt
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Donnerstag, 9. August:

Um 10.00 in Lüneburg

12.00 Uhr zu Haus

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Die Glocken von Heilbronn

Das unten stehende Gedicht "Die Glocken von Heilbronn", mit Blaustift aufgeschrieben,
hat er immer in seiner Brieftasche mit sich getragen.

 

Übertragung:

 

Die Glocken von Heilbronn


1.
Kalt und dunkel war die Nacht,
Gedanken gehen in die Runde.
Im Osten graut der neue Tag mit Macht.
Es schlägt die sechste Stunde
Die Glocke von Heilbronn.


2.
Trüb ist mein Herz und trüb mein Sinn.
Ich lieg auf kalter Erde.
Still schlägt mein Herz zum Himmel hin.
Geb‘ Gott,daß dies ein Ende werde.
So klagt die Glocke von Heilbronn
 
3.
Durch Stacheldraht und Zaunespfähle
Die ersten warmen Strahlen
Der hellen Morgenröte
Zu mir ins Zelt reinfallen
Es schweigt die Glocke von Heilbronn.

4.
Ja, ist’s denn Sonntag heute?
Mir ist als würd ich Heimatglocken hören.
Sind's an der Zeit vier oder dreie?
Und plötzlich fängt es an zu dröhnen
Die Glocke von Heilbronn.

5.
O welche Lust euch zuzuhören,
Mein Herz, es schlägt im wilden Takt.
Hier sieht man nur noch Stacheldrähte
Wir sind ja in Gefangenschaft
O, ihr Glocken von Heilbronn.


6.
Bald hör' ich Heimatglocken wieder.
Drum läutet weiter euren heil‘gen Ton
Dann schließ' ich meine Augenlider
Und denk an euch
Ihr Glocken von Heilbronn


Heim.

1.
In weiter, weiter Ferne,
Da blühet all mein Glück.
Ich möchte‘ nach Haus so gerne,
Doch hält mich hier gefangen,
Mein Harren und mein Bangen,
Mein trauriges Geschick.

2.
Zu Hause sind die Lieben,
Besorgt um ihren Sohn.
Die Augen rot gerieben,
Das Herz so tränenschwer.
Die Mutter harrt auf ihn so sehr.
Ist das der vielen Liebe Lohn?

3.
Ihr Lieben, laßt das Weinen,
Ich komm ja bald zurück.
ES will ein jeder zu den Seines,
Auch ich bin bald daheim.
Dann woll'n wir dankbar sein,
Dem Gott für unser Glück.

 

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Die Entlassungspapiere:

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Kartenmaterial (Quelle: maps.google)

 

Alle Karten: maps.google.de

 

  > direkt zu den Bildern

1939 meldet Helmut sich zusammen mit seinem Freund Hans-Georg Studtmann aus Amelinghausen freiwillig zur Wehrmacht. Am 29. Juni kommt ein Bescheid - angenommen; vorgesehene Verwendung: Luftwaffe.

Sein Vater Karl gibt ihm mit: “Jung, du bist nu Soldat. Dat eine wi'k Di seggen: Mak allns, wot di secht ward. Aber mel’ di tou nix freiwillich. Dat geiht meistendeils nich gout, ick sech di dat.” (Junge, du bist nun Soldat. Das eine will ich dir sagen: Tu alles, was dir gesagt wird. Aber melde dich zu nichts freiwillig. Das geht meistens nicht gut. Ich sage dir das.)
Er wussste Bescheid von 1914 her.

Helmut wird in den Kasernen in Lüneburg und später in Bielefeld "liegen", wie es so heißt.

1940 dann heißt es ausrücken von der Kaserne Dortmund-Brackel aus in die "Bereitstellungsräume" nahe der niederländischen Grenze. Am 10. Mai 1940 - frühmorgens am Himmelfahrtstag; ganz Holland schläft - bricht der deutsche Überfall auf die Niederlande los. Der “Vormarsch” folgt der Route Tilburg - Breda und weiter Richtung Belgien. Es folgt eine kurze Zeit der Stationierung in Antwerpen. Die Schelde kann nicht so ohne weiteres überquert werden. Und der Schelde-Tunnel ist von der belgischen Armee geflutet worden.

Sommer und Herbst 1940 - Stationierung in Oudenburg bei Oostende beim “Küstenschutz”; hier in dem großen Stall eines Gutshofes von 1671 werden die Pferde untergebracht. Der Bauernsohn Helmut kümmert sich um sie.

Ende 2014 habe ich erfahren, dass der Gutshof - Abdijhoeve, also Abtei-/Klosterhof - von der Stadt Oudenburg gekauft worden ist - mehr steht hier in der lokalen Zeitung "Nieuwsblad" vom 24.12.2014.

Oft hat er erzählt, dass das Flämische unserem Platt ganz ähnlich ist. Eine junge Frau, Margriet mit Namen (Kosename: “Margrietje”) ist auf dem Hof. Oft fragt er sie: “Magritsche, hest Du noch’n poar Spiegeleier?” Und sie kommt mit Spiegeleiern. Dass “Krieg” auf Flämisch/Niederländisch “orlog” heißt, erfährt man auch. Oft fragen die Einheimischen: “Is de orlog bald vorbi?”

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Diese Bilder hat Helmut mit seiner AGFA-Kamera gemacht. Die Qualität ist manchmal sehr schlecht, auch weil manche Bilder aus dem Zug oder vom Pferd aus gemacht worden sind. Manche erscheinen doppelt, weil ich sie zwei Mal mit unterschiedlichen Einstellungen gescannt habe.
Seine handschriftlichen Überschriften oder Bildunterschriften habe ich übernommen, auch den gezackten Rand mancher Bilder mit eingescannt.

Mit "St. Capelln", wie es unter einem der Bilder heißt, ist wohl die Gemeinde "Kapellen" bei Antwerpen gemeint.

 

Nichts hat Helmuts Leben und Empfinden so beeinflusst und geprägt wie der Krieg. Es ist wohl so, wie Erich Maria Remarque sagt, dass niemand unverletzt aus dem Krieg zurückkehrt. Und wenn einer ohne körperliche Verwundungen oder mit nur geringen physischen Verletzungen nach Hause kommt, so trägt er doch in seinem Innersten an den Wunden, die der Kreig seiner Seele, seinem Gefühl gechlagen hat.

Anders als so viele hat Helmut immer wieder davon erzählt, nachgefragt, darüber gelesen, berichtet - seine Art, mit den erlebten Schrecken umzugehen. (Und seine große Präzision in der Erinnerung an Daten fällt auf - sicherlich war das seine individuelle  Methode, das erlebte Grauen zu strukturieren und fassbar zu machen.)

Schon als wir noch nicht zur Schule gingen, hat er uns Kindern immer wieder erzählt. Und auch die Enkel hörten seine Geschichten, blätterten - mehr oder weniger interessiert - mit ihm in den Bilderalben. Und er ist nach seinem 70. Geburtstag als rüstiger alter Mann noch drei Mal in Leningrad gewesen, 1989 und 1990 mit mir und 1992 mit Otto Drewes und dessen Freund Georg Hemming aus Kirchgellersen.

Verfolgen wir das.

In dieser Gruppe von Bildern, die den Marsch durch Nordfrankreich zeigt, sehen wir vorrückende Soldaten, manche zu Pferde oder im Auto, die meisten marschierend, zerstörte Häuser, Rast auf der Treppe eines beschlagnahmten Hauses, Soldaten, die "Essen fassen", Wachtmeister Otto Schulz zu Pferde, Otto Schulz' Grab, Helmut vor einer Blechhütte, Helmut mit Stahlhelm und geschultertem Gewehr, wie er eine Pferdekoppel bewacht, einen Panzer in der Stadt und dort ein Verkehrsschild, das Richtung Cambrai zeigt, dann Bilder von einer Übung im Januar 1941 ("Schaergfschießen in Lounoa Ardennen Januar 1941" - ich vermute, er meint Launois-sur-Vence, bin mir aber nicht sicher.-

Juni/Juli 1940 wird Helmut in Nordfrankreich stationiert, in Calais. Nach England hätten sie geschossen mit ihren Kanonen; aber da Dover 37 km entfernt ist, sie aber nur 34 km weit hätten schießen können, seien ihre Granaten in den Ärmelkanal gefallen.

Es folgt eine Stationierung bei Amiens. Hier erlebt er etwas, das einen so dramatischen Eindruck hinterlässt, dass er immer wieder davon erzählt:
Er findet, als er an einem Sonntagnachmittag die Pferde füttern will. Da sitzt auf einem Bund Stroh sein Spieß. Er hat sich mit seiner Dienstpistole den halben Schädel weggeschossen. Tags zuvor hatte er sich “fürchterlich einen geblitzt”, war dann in die Dorfkirche gegangen und hatte dort im Vollsuff randaliert, Altargeschirr umhergeworfen und einer Marienstatue den Kopf abgeschossen. Ihm wurde vor versammelter Mannschaft ein Verfahren vor dem Kriegsgericht angekündigt. Das hat er offenbar nicht verwinden können.

Am 14. Juli 1941 sucht er das Grab von Karl Rademacher aus Bienenbüttel auf. Der ist am 28. Mai 1940 gefallen. Er schreibt seinen Eltern und Heinz davon. Mit Rademachers sind wir verwandt, und “mit Karl heff ick ümmer goud künnt” ("mit Karl habe ich immer gut gekonnt").

Der Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge hat sein Grab gepflegt.

Spätere Stationierungsstandorte sind Honfleur ("hongflöhr"), Trouville, Deauville und Le Havre. Auch der obligatorische Ausflug nach Paris mit Gruppenfoto vor dem Eiffelturm ist drin (1. November 1941).

Eine Gelbsucht - er selbst sagt, da habe sich sein Schutzengel das erste Mal bemerkbar gemacht - erwischt ihn im Herbst 1941. Er liegt zunächst im nordfranzösischen Arras im Lazarett und wird dann nach Hamburg verlegt.Und seine Einheit wird als Artillerieregiment der süddeutschen 215. I.D. (Infanteriedivision) zugeteilt und in diesem Winter 1941/1942 nach Leningrad verlegt.

> Otto Schulz' Grab

 

Diese Bilder hat Helmut mit seiner AGFA-Kamera gemacht. Die Qualität ist manchmal sehr schlecht, auch weil manche Bilder aus dem Zug oder vom Pferd aus gemacht worden sind. Manche hat Helmut vom Negativ nachentwickeln lassen; das erklärt die unterschiedliche Färbung.
Seine handschriftlichen Überschriften oder Bildunterschriften habe ich übernommen, auch den gezackten Rand mancher Bilder mit eingescannt.  

 

Bilder: privat

Der Besuch von Paris und das Gruppenfoto vor dem Eiffelturm war unvermedilich.

Foto: privat

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