Beitragsseiten

     

Gefangenschaft

> Die Glocken von Heilbronn

> Entlassungspapiere

Im Frühjahr 1945 wurde Helmuts Einheit nach Süddeutschland verlegt, nach Ulm. Das Ulmer Münster hat es ihm angetan; die Treppen nach oben zählen 768 Stufen - 768 kann er sich gut merken - 768 war das Jahr, als Karl der Große König der Franken wurde. Geschichtszahlen hat er immer genau gewusst.

Als am Abend des 24. April 1945 in die Stadt gehen will - vielleicht will er in seinen 26. Geburtstag hineinfeiern? - wird er von einem fanatischen Nazi in Uniform angehalten. “Wo wollen Sie hin? Heute um 6 ist eine politische Versammlung.” Helmut weigert sich hinzugehen. Da muss er in den Bau; Kriegsgericht?

Er hat wieder Glück: Ulm wird bombardiert, und zwar heftig. Es kommt nicht zu dem befürchteten Verfahren.

Wieder bei seinem “Haufen” erfährt er die Neuigkeiten: Berlin muss verteidigt werden, alle verfügbaren Einheiten sollen dorthin. Nun reicht’s; sie beschließen, dass der erste, der einen Amerikaner sieht, sofort die weiße Flagge zeigen solle, “und wenn’t ‘n Ünnerhemd weu”, zur Not eben auch ein Unterhemd - Schluss, aus, Ende, sofort.

Am 25. April ergibt sich Ulm den vorrückenden Einheiten der US-Army. Die Amerikaner nehmen sie gefangen. Sie weren beschimpft, manche verprügelt - die Wut über das, was manche in befreiten Konzentrationsdlagern gesehen haben, was manche von ihren Verwandten wissen - es sind viele Exil-Deutsche und Polen und Juden in der US-Army - bricht sich Bahn.

Die nächsten Wochen muss Helmut auf einer Wiese bei Heilbronn verbringen - tödliche Langeweile hinter Stacheldraht; man macht aus allem, was es gibt, Tabak. Man versucht irgendwie an Zigaretten zu kommen.  Man versucht sich irgendwie zu rasieren. Man schiebt Kohldampf. Immer wieder hat er uns, wenn wir Jungs unser Essen nicht mochten, fettes Fleisch usw., vorgehalten: “Kommt erstmal in Gefangenschaft, da fresst Ihr alles. Ich gönne es keinem.”

Von ein paar Episoden will ich noch erzählen:

1. Helmut hat bis hierher ein kaiserliches 20-Goldmark-Stück bei sich gehabt, das ihm ein Vater Karl geschenkt hatte. Er selbst hatte es ihm Ersten Weltkrieg dabei. Eines tages spielte er damit am Stacheldrahtzaun, als ein Wachsoldat “’n ganzen Schwatten, so as in’n Schostein” (ein ganz schwarzer, so wie im Schornstein). Der fragt ihn, ob er das Geldstück mal sehen könne - und steckt es in die Tasche. Als Helmut protestiert, das sei Diebstahl, fragt der Ami: “Boxing?” und ballt die Fäuste. Helmut versteht:  “Wenn ick an’n Draht gahn weu, hei he mi dotschoten, Fluchtversuch. Denn het hei dormit afgahn.” / "Wenn ich an den Draht gegangen wäre, hätte er mich totgeschossen - Fluchtversuch. Dann ist er damit abgegangen."

2. Er wandert umher zwischen den Zelten auf der Wiese, auf der sie interniert sind. Da hört er Platt, kein Mecklenburger, Holsteiner, Hamburger, sondern reines Heidjerplatt. Und Stimme und Tonfall kommen ihm bekannt vor. Und wer war’s? Karl Schlumbohm, Dachdecker aus Steinbeck. Er hatte vor dem Krieg Etzen mal ein Reetdach gedeckt, und nun treffen sie sich hier wieder. Immerhin haben sie den Krieg überlebt; die Gefangenschaft kriegen sie auch noch hinter sich. Die beiden haben sich angefreundet, und Karl und seine Frau Ella sollten noch oft zu Besuch nach Raven kommen.

3. Eines guten Tages müssen alle Aufstellung nehmen. Da raunt es im Lager: “Adolf hat doch noch eine seiner Wunderwaffen gezündet, vielleicht hat er ja New York bombardiert! Zur Vergletung stellen sie jetzt ein MG auf und erschießen uns alle.” - Der Glaube an den “GröFaZ” (“Größter Feldherr aller Zeiten”, wie sich Hitler in seiner Selbstüberschätzung nennen lässt) scheint auch jetzt noch ungebrochen. Aber es kommt anders. Mit höhnischem Unterton ruft ein Soldat in akzentfreiem Deutsch aus: “Deutsche Wehrmachtssoldaten! Euer geliebter Führer hat sich heute in Berlin feige selbst erschossen und sich vor seiner gerechten Strafe davongeschlichen. Es ist vorbei.” Das ist am 30. April 1945.

Noch einmal müssen sie am 8. Mai Aufstellung nehmen und hören, dass der Krieg in Europa nun endlich vorbei sei - mit den Japanern werde man auch noch fertig.

Von der Bombardierung Hiroshimas am 6. August hört er noch im Lager.

Am 7. August 1945 wird er entlassen. Er wird zusammen mit anderen mit einem Militär-Laster der US-Army gefahren, dann in einen Zug gesetzt, geht zu Fuß, fährt wieder eine Strecke mit der Bahn, “wo nich alles keputtschmäten weu”, und am 19. August 1945 kommt er in Amelinghausen auf dem Bahnhof an. Von dort ist es nur mehr 1 Kilometer bis Etzen, über den Haasloop. (Immer, wenn wir beide über die Dörfer fuhren, mussten wir von Amelinghausen nach Etzen “öber’n Haasloop” fahren. Er hat die letzten Meter wohl immer wieder durchlebt.)

Er kommt auf dem Hof an. Seine Mutter empfängt ihn auf dem Trittstein an der Tür.

Er hat erst kaum etwas gegessen nach der Hungerzeit. Und die ersten Nächte hat er auf dem Fußboden geschlafen - im weichen Bett kann er nicht liegen.

Die Glocken von Heilbronn

Das unten stehende Gedicht "Die Glocken von Heilbronn", mit Blaustift aufgeschrieben,
hat er immer in seiner Brieftasche mit sich getragen.

 

    

    

Entlassungspapiere

Die Entlassungspapiere tragen die Unterschriften zweier Offiziere der US-Army, Captain Dr. Hanlon (Sanitätsarzt) und Captain S.M. Stone und sind auf den 7. August 1945 datiert.