Leningrad 1990 - wieder an der Newa

 Leningrad 1990 - wieder an der Newa

1. Tag, Sonntag, 25. März: Anreise - Warten und Tasskaff

 
  

1. Tag, Sonntag, 25. März: Anreise -  Warten und Tasskaff

 Abfahrt ist am Sonntag um 7.30 Uhr, Wilfried knallt in ca. 45 Minuten nach Langenhagen, so daß wir noch in aller Ruhe eine schöne Tasskaff trinken können und dann einchecken. Um 9.50 Uhr ist planmäßig Abflug -  mit einer Propellermaschine, die uns gleichwohl sicher nach Berlin brin­gen wird, auch wenn Wilfried und Andreas es nicht glauben wollen.

In Tegel um 10.40 Uhr angekommen, bringt uns ein Taxi (Fahrer: Typ Berliner Schnauze) zum Busbahnhof am Funkturm.  Das gibt uns Gelegenheit, im benachbarten ICC eine schöne Tasskaff zu trinken.

Auf dem Busbahnhof treffen nach und nach die Reisenden an, die in Leningrad dann unsre Reisegruppe bilden werden.  Der Bus aus der DDR bringt uns nach Berlin-Schönefeld.  Die Grenzabfertigung ist schnell und nervt nicht mehr -  die Mauer ist ja offen.  Auf dem Flughafen einchecken, etwas Aufregung wird von einem "wichtigen" Herrn mit Lederjacke verbreitet, der jemanden sucht, der das "hansa-tourist"-Sammelticket habe -  merkwürdig, aber erst einmal eine Tasskaff, Foto mit den beiden Veteranen vor der Anzeigetafel mit dem Flug "IF 130 LENINGRAD 15.30", dann in die Wartehalle, Leute beobachten, Zeitung lesen, Zollerklärung für die Sowjetunion ausfüllen (tragen wir alle unsere DM ein?), Tasskaff, Toilette, der Flug wird aufgerufen, rein in die Maschine, Flug über Wilnius hinweg, wo gerade die Rote Armee aufmarschiert ist.

Wir stellen die Uhren um 2 Stunden vor, und um 19.40 Uhr Ortszeit landen wir.  Noch auf dem Wege zum Intourist-Schalter, von wo wir in den richtigen Bus, der uns zum Hotel bringen soll, eingewiesen werden, bedrängen uns Leute, die unbedingt schwarz tauschen wollen.  (Noch im letzten Jahr war der Rubel offiziell DM 3,30 wert, schwarz war zum Kurs von 1:3, also 3 Rubel für 1 Mark, zu haben, mitunter auch 1:4. Die Regierung der UdSSR versucht, den Schwarzmarkt auszutrocknen, indem sie auf dessen Kurs eingeht und nun den Rubel zum Touristenkurs von 1:3, also 3 Rubel für 1 DM anbietet.  Die Folge: Schwarz wird er nun 1:5 oder gar 1:6 angeboten ... aber was man mit dem ganzen Geld tun soll in einem Land, in dem es nur wenig zu kaufen gibt und das wenige auch noch spottbillig ist (Tasskaff 25 Kopeken, 50 Rubel entsprechen also 200 Tassen Kaffee -  oder 500 Tassen Tee, für die wir ja bloß 5 Tage Zeit haben), darüber denkt man erst später nach, also erliegt der ökonomisch denkende Westbürger der Versuchung.  Wie unökonomisch das ist, stellt sich am letzten Tag heraus, als wir die Rubel scheineweise verschenken.

Jedenfalls geleitet uns Irina, die Reiseleiterin, ins Hotel "Moskwa" ("MOCKBA") am Alexander-Newski-Platz, direkt an der Newa. Hier gibt es etwas zu essen, und wir gehen bald zu Bett -  immerhin haben wir die Uhr um 3 Stunden vorgestellt (Sommerzeit + Osteuropäische Zeit), und das bedeutet, daß wir am nächsten Morgen 3 Stunden früher aufstehen müssen, als unsere "innere Uhr" anzeigt.


 

2. Tag, Montag, 26. März: St. Petersburg, Petrograd, Leningrad - die Stadt

Es schneit. Vormittags zeigt uns Irina ihre Stadt. Nicht ohne Stolz erzählt sie von der großartigen Geschichte dieser schönen und doch so sehr geprüften Stadt, die Peter der Große, der kluge und rücksichtslose Modernisierer, der große (2,05m Körpergröße!) Zar und Zimmermann, 1703 gegrün­det hatte, nachdem er den Schweden nach der Schlacht bei Narwa die Landbrücke zwischen Finnischem Meerbusen und La­dogasee entrissen hatte -  Rußland hatte nun ein "Fenster zur Ostsee", sein "Fenster zum Westen". Die Stadt wurde 1712 Hauptstadt Rußlands. Peter nannte sie "St. Peters­burg". 1914, bald nach der Kriegserklärung des wilhelmini­schen Deutschland an Rußland, wurde sie umbenannt in "Petrograd" -  die eine der beiden russischen Hauptstädte sollte keinen deutschen Namen tragen. 1924, nach dem Tode Lenins, wurde sie schließlich (?) in "Leningrad" umbenannt, "Stadt Lenins", unter dessen politischer (und Trotzkis or­ganisatorischer) Leitung hier 1917 der Putsch der Bolschewiki, die "Große Sozialistische Oktoberrevolution" erfolgreich durchgeführt wurde.

Heute zählt die Stadt etwa 5 Millionen Einwohner. Wie ein Moloch frißt sie sich ins Umland.

Die vergoldeten Spitzen der Admiralität und der Peter-und-Pauls-Kathedrale sowie die feuervergoldete Kuppel der Isaaks-Kathedrale beherrschen die Silhouette der Stadt. Irina zeigt uns die Newa, die Kanäle, die Brücken, die nachts hochgezogen, damit die Schiffe das Kanalsystem be­fahren können, die Admiralität (1705 als Werft gegründet), das Reiterstandbild Peters des Großen; wir fahren auf die Wasiljewski-Insel, sehen, wieder über eine der Newa-Brücken zurückgelangt, viele prunkvolle Adelspaläste  - jede Adels­familie wurde vom Zaren angewiesen, in der neuen Hauptstadt einen Palast zu errichten. Meist wurden italienische Archi­tekten und Künstler engagiert. Und so kommt man sich bei der Stadtführung manchmal vor wie bei einer Italienischen reise: Rastrelli, Rossi, Trizzini ... Kanäle wie in Vene­dig, Palazzi wie in Florenz, Obelisken und Säulen wie in Rom.

Wir fahren am Marsfeld vorbei, sehen die Blutskirche, die der letze Zar, Nikolaus II. hat errichten lassen. Sie ist im altrussischen Stil erbaut und steht an der Stelle am Jekaterinen-Kanal (heute Griborjedow-Kanal), an der Zar Alexander II., der Bauernbefreier, der "gute Zar", 1881 er­mordet wurde. Wir sehen das prachtvolle Winterpalais mit dem majestätischen Schloßplatz, einem der schönsten Plätze, die ich je gesehen habe  - es ist übrigens auch der Platz, auf dem im Januar 1905 am "Petersburger Blutsonntag" die Garde des Zaren ein Massaker anrichtete unter einer Prozes­sion von Petersburger Arbeitern, die mit ihren Frauen, Kin­dern und alten Leuten den Zaren um Besserung ihres Schick­sals anflehten. An der "Aurora" ist "Fotopause"  - wieder umschwärmen uns Schwarztauscher und Verkäufer von T-Shirts, Uhren, Kaviar und Armee-Utensilien. Ich kann schließlich nicht widerstehen und kaufe mir ein Marine-Koppel für 10 Mark, bestes Rindsleder, werde's als Jeans-Gürtel nehmen (in diesem Moment trage ich's), und eine Taschenuhr für 20 Mark. Die "Aurora", 1900 vom Stapel gelaufen und 1904/05 während des russisch-japanischen Krieges im Pazifik in der (von den Japanern gewonnenen) Seeschlacht bei Tsushima eingesetzt, die Mannschaft 1917 revolutionär  - die Legende weiß, daß die "Aurora" sam Abend des 25. Oktober 1917 das Signal zum Sturm auf das Winterpalais gegeben habe; die Aurora wurde bald zum Museumsschiff umgestaltet, dann aber 1941 entmottet und in Gefechtsposition geschleppt, denn ihre Feuerkraft wurde bei der Verteidigung der Stadt gegen die deutsche Belagerungsarmee gebraucht. Stoffer und der Chef sagen, daß, wenn Schiffsartillerie geschossen habe, die Granattrichter größer gewesen seine wegen des größeren Kalibers der Schiffsgeschütze.

Das Wetter klart auf, ab jetzt scheint jeden Tag die Sonne.

Weiter geht's zur Isaaks-Kathedrale mit ihrer vergoldeten Kuppel -  "Fotopause", der Chef kauft Kaviar, vorbei am KGB-Gebäude, dem höchsten der Stadt, wie der Volksmund sagt: vor Gorbatschows Amtszeit konnte man von oben Sibirien sehen ...

Die meisten Wohn- und Fabrikgebäude sind in einem jäm­merlichen Zustand, Fassadenfarbe fehlt offensichtlich, Putz bröckelt ab, Fenster müßten dringend gestrichen werden. Vom Bus aus kann ich ab und zu einen Blick in einen der trost­losen Hinterhöfe werfen. Und die Straßen haben oftmals Schlaglöcher, die eher Fallgruben sind, ein Abenteuer, hier Auto zu fahren. Wir werden's noch erleben.

Und die Busse: rostig, staubig, überfüllt. Was mögen die Insassen von uns denken, die wir sie aus den doch recht gut gepflegten Intourist-Bussen ansehen?Auf dem Newski-Prospekt wimmelt es von Menschen; vor Geschäften, die im Souterrain liegen, stehen Schlangen von 200-300 Menschen, kaum Auslagen, in Lebensmittelgeschäften findet man 4 oder 5 Pyramiden  mit Dosen, es wird gekauft, was da ist, zermürbendes Anstehen für das Allernotwendig­ste, wirtschaftlicher Niedergang, der Verfall wird offen­sichtlich, schon im Vergleich zu 1989, und das in der am zweitbesten versorgten Stadt der UdSSR!

Was wird aus Gorbatschow, diesem "Werkzeug Gottes", wie der Erzbischof von Vilnius ihn einmal genannt hat? Was wird aus seiner für diesen Planeten so segensreichen Außenpoli­tik, wenn sich im Lande selbst nicht die Regale füllen  - was hat denn der Mann auf der Straße davon, wenn sein Präsident weltweit höchstes Ansehen genießt, als ein Mann mit klarem Blick und großartigen Visionen gefeiert wird, wenn er für ein lumpiges Stück Brot stundenlang anstehen muß und Seife gar nicht zu kaufen ist? Wie lange hat die So­wjetunion Bestand? Litauen, nicht nur das, will austreten aus der Union, was wird, wenn die UdSSR zerplatzt? Instabilität, Vakuum, Unberechenbarkeit, Bürgerkrieg, Chaos, Mili­tärdiktatur? Kommt ein neuer Stalin? Beruhigend ist, daß wir keinen einzigen von den in der Presse angekündigten Stalin-Aufklebern auf Autos gesehen haben; die Vergangen­heit holt die Lebenden zwar ein, die Erinnerung an den Terror des Georgiers läßt sie genauso wenig los wie die Schrecken des von dem perversen gefreiten aus Braunau ent­fesselten šberfalls vergessen werden können  - die Seele hat Schaden genommen. Die Vergangenheit ruht aber doch so tief, daß der Ruf nach dem starken Mann (noch?) nicht laut wird.

Wie schlecht es um die Versorgung bestellt sein muß, merken wir auch im Hotel: fast immer Rindfleisch, auf die gleiche Weise zubereitet, manchmal mit Fett  und Sehnen, Hauptsache, der Teller wird voll, dazu Kürbisgemüse, Reis, Bratkartoffeln. Das Brot, das gereicht wird, ist oft noch vom Vortag. Manchmal gibt's Bier, manchmal nur Mineralwasser als Getränk. Auf der 6. Etage gibt es am Mittwoch nur Tee, als ich mit Lothar Tasskaff trinken will; Donnerstag morgen gibt es in der 7. Etage zwar Kaffee, aber nicht genug Tassen ... Und als es Kaffee gibt, kann die Bedienung nicht wechseln, Kleingeld fehlt auch ... Tanja kann auf 1 Rubel nicht herausgeben und sagt, wir hätten Kredit. Wir zahlen ein paar Minuten später, als wir uns von dem älteren Ehepaar aus unserer Gruppe 20 Kopeken geborgt haben.

Allmählich rückt die Reisegruppe zusammen: Lothar, ein Maler aus Itzehoe mit einem lockeren Spruch, aber auch manchmal einem großen Wort; Elfriede aus Preetz, die zu Hause Immen hält; Ingrid aus Bremerhaven (AFN Bremerhaven, good mornin'!), die letztes Jahr in Jugoslawien zwei Lenin­grader kennengelernt hat und diese nun besucht; eine Frau mit ihrem Sohn, die gut Russisch spricht  - es stellt sich heraus, daß sie aus Leningrad stammt und nach Braunschweig geheiratet hat; ein älteres Ehepaar, das nicht viel sagt; eine Journalistin aus dem Ruhrpott mit ihrer Mutter, mit der ich mich sehr interessant unterhalte; Hermann und seine Freundin Gisela aus Berlin, die rund um sich zu kaufen und die fast jeden Morgen zu spät kommen, weil sie abends so lange zu feiern haben, und wir drei, zwei Veteranen und ich, der Sohn des einen.

Nachmittags besichtigen wir die Peter-und-Paul-Festung mit der Kathedrale, die mit ihren 122 Metern Höhe den höchsten Punkt der Stadt definiert. Die vergoldete Spitze war während der Belagerung im Zweiten Weltkrieg mit dunklen Tüchern verhängt. In der Kathedrale sehen wir die Gräber der Zaren seit Peter d. Gr., der 1725 starb. Nur der letzte Zar Nikolaus II., der 1918 mit seiner Familie in Jekaterinburg im Ural ermordet wurde -  der Geheimpolizeioffizier Swerdlow kommandierte die Erschießung, und ihm zu Ehren wurde die Stadt in Swerdlowsk umbenannt  - liegt irgendwo verscharrt.

Abends fahren wir in die "Tschaika" (Möwe) ein von ei­nem Hamburger Zocker, der die schnelle Mark machen will, in der Nähe der "Blutskirche" aufgezogenes Lokal mit "Jever" und "Astra". Die Preise nehmen uns allerdings den Atem: DM 4,50 für ein Bier, DM 24,- für eine klitzekleine Portion Kaviar mit Pfannkuchen -  Rubel nimmt er überhaupt nicht!  Man hätte auf dem Absatz umdrehen müssen. Wir tun's nicht.

Das Fell wollte nicht ganz über die Ohren, nein, wir haben es noch und gehen 'raus und nehmen ein Taxi zurück zum Hotel, DM 10,- für alle 4. Der Chef bestellt den Fahrer für Dienstag, 14.00 Uhr ans Hotel, Ziel: Peterhof und "Dreiecksdorf". Er will 50 DM haben, abgemacht. Wir gehen noch auf ein Glas in die Rubelbar im 1. Stock, wo es nur einen Fusel namens Portwein gibt, der ziemlich dröhnt. Spä­ter gehen Ilona, Lothar und ich in die Devisenbar und dis­kutieren bis nach eins. Portwein mit Gin bekommt offenbar besser als Portwein mit Bier: Ilona und selbst Lothar haben am nächsten Morgen einen dicken Kopf, und ich habe bloß et­was schlecht geschlafen.

3. Tag, Dienstag, 27. März: Winterpalais, Eremitage und

 
3. Tag, Die
nstag, 27. März: Winterpalais, Eremitage und "Dreiecksdorf"

Nach dem Frühstück -  heute gibt's dazu zwei Spiegeleier  - besichtigen wir die im Winterpalais untergebrachte Ermi­tage, eine Kunstsammlung mit 3 Millionen Exponaten in gut 1000 (eintausend) Räumen, von denen 400 ständig geöffnet sind. Wir sehen vielleicht 20, aber das reicht: Altägypti­sches, Römisches, was mich besonders anzieht, Renaissance, darunter zwei Gemälde von da Vinci, Rembrandt ("Abraham und Isaak" und "Die Rückkehr des verlorenen Sohnes"), van Gogh, Renoir, Chagall usw. Irina zeigt uns die weiße Marmortreppe mit ihren goldenen Verzierungen und Leuchtern. Stoffer sagt, bei all dieser Prachtentfaltung im Angesicht hungern­der Landbevölkerung mußte die Revolution ja kommen -  Torheit der Regierenden ...

Pünktlich um 14.00 Uhr steht der Taxifahrer vor dem Ho­tel. Er fährt uns zunächst mit seinem "Wolga" (100 PS ab Werk, auf 120 PS heißgemacht) nach Peterhof, das eine Mal rechts an einem Bus vorbei, dann wieder mal links vorbei an einem Pkw, mal im Slalom um die Schlaglöcher, aber immer weiß er, was er tut.

Wir kommen nach Urizk, das heute von einer gewaltigen Hochhaussiedlung bedeckt wird. Von dem alten Dorf ist nichts mehr zu sehen, keine Spur. An der Uferstraße, die parallel zu der Vorortbahn und der Eisenbahn nach Peterhof und Oranienbaum (heute Lomonosssow) verläuft, erinnert ein Denkmal mit frischen Blumen an die Blockade der 900 Tage. Der Boden ist noch gefroren, es steht Wasser auf den Feldern, das Gras ist noch braungrau, an schattigen Stellen liegt noch etwas Schnee.

Wir fahren durch Strjelna, vorbei an einem Kloster, das die alten Karten als "Pos. Lenina" ausweisen, nach Peterhof. Das Schloß ist nicht zu besichtigen; ein Bretterzaun umgibt das "Russische Versailles", kann aber die Pracht der goldenen Dächer und Kuppeln nicht verdecken. Auf dem Rückweg steigen der Chef und Stoffer an der Kirche von Peterhof aus, die Ernst Buckendahls Bruder während des Krieges fotografiert hatte. Sie steht noch genauso ehrwürdig wie damals.Nun wollen die beiden Veteranen es wissen. Wir fahren nach Strjelna, biegen nach rechts ab, gelangen an einen Bahnübergang -  und da steht sie, die alte Kirche, die der Chef noch auf einem Foto hat. Sie ist ziemlich verfallen, zwei Jungs sitzen auf dem Dach und werfen etwas nach unten, aber sie ist es! Kein Zweifel, dies ist "Dreiecksdorf", wie das Nest wegen des Gleisdreiecks im Landserjargon genannt wurde, und von dem der Chef mir schon erzählt hat, als ich noch nicht zur Schule ging. Hier, unmittelbar südlich des Bahndamms, ist ihre Stellung gewesen, der Chef weiß es genau, mitten in einem Wald. Wir fahren durch das Dorf, wieder auf die Bahnlinie zu, aber: kein Wald, nur Schlamm, Sumpf, Ende. Da hinten ist der Wald, ach nein, das sind die Chausseebäume der Uferstraße. Zurück ins Dorf, das übrigens, wie sich der Taxifahrer erkundigt hat, "Wolodarka" heißt, wieder über die Bahnlinie, dann rechts in östlicher Richtung, der Wolga kennt keine Furcht vor den Schlaglöchern und Plattenwegen, deren Teile sich infolge des Fro­stes gegeneinander verschoben haben. Der Weg ist zu Ende. Igor, der Fahrer, der übrigens gut deutsch spricht, nur un­serem Platt natürlich nicht folgen kann, erzählt, daß hier einmal ein großer Wald gewesen sei. Als Kind habe er hier gespielt und Pilze gesucht, aber man habe den Wald abgeholzt.

Hier, auf der anderen Seite des Bahndamms muß es gewe­sen sein. Stoffer und der Chef steigen aus, denken an die Zeit, als sie vielleicht so alt waren wie Igor oder jünger, jünger jedenfalls als ich: Wieviel Tod haben sie gesehen, wieviele Kameraden und Freunde beerdigt, wie oft selbst den Tod geschaut, wie oft kam der Tod aus ihren Geschützen in die gepeinigte Stadt in dieser wahnsinnigen Inszenierung des perversen "Größten Feldherrn aller Zeiten", der eine moderne Großstadt, eine Metropole mit 3 Millionen Einwoh­nern, eine Stadt wie ganz Berlin, aushungern und mit Granaten zermürben wollte; jeder geht ein Stück mit seinen Erinnerungen, jeder für sich, der Leutnant und der Unteroffizier. Was geht in ihnen vor?

Ich bleibe im Auto und erzähle Igor, was wir hier wollen. Er hat längst verstanden. Seine Oma gehörte zu den Glücklichen, die über den Ladogasee evakuiert wurden und so dem Tode entrinnen konnten. Ich frage, ob es ihm als Nachfahren einer Überlebenden der Blockade nicht schmerzhaft sei, nun alte Landser und deren nachkommen zu den alten Stellungen zu fahren. Er sagt: "Das ist das Leben." Und: "Wir müssen Freunde sein." Ich bitte ihn, seine Großmutter von mir zu grüßen. Sie wohnt bei ihm in der Neubausiedlung in Urizk. We never knew what friends we had until we came to Leningrad”, singt Billy Joel ...

Abends gehen wir zu fünft in den Zirkus  - eine tolle Vorstellung. Bei manchen Artisten muß ich weggucken. Neben mir sitzt eine Mutter mit ihrem Sohn, der kaum älter als Jost sein kann. In der Pause muß er seine Flasche haben. Er hat sich ausgeschüttet vor Lachen über die Clowns. Viele Kinder sind in dem ausverkauften Zirkus, Kinder, die sich bemerkenswert konzentriLiegt's daran, daß die Berieselung durchs Fernsehen und die permanente Beschallung  durch das Radio zum Weghören (wer hört denn noch zu?) hier noch nicht angekommen ist, daß die Kinder sich noch freuen und genießen können, noch voller Erwartung und neugierig sind, wie wir es waren, wenn es zum Kasperletheater oder in den Zirkus ging?

4. Tag, Mittwoch, 28. März: Puschkin



4. Tag, Mittwoch, 28. März: Puschkin

Gisela und Hermann kommen nicht zum Frühstück, naja, es ist wieder halb vier geworden, Ingrid ist bei ihren Freun­den geblieben, der Vormittag ist ohne Programm. Wir haben den Taxifahrer für 9.45 Uhr bestellt, denn es soll nach Puschkin gehen. Wir wundern uns über eine riesige Lkw-Schlange im Süden der Stadt, bestimmt 500m lang -  sie war­ten alle an einer Tankstelle. Welcher Verlust an Arbeits­zeit! šberhaupt, welcher Verlust an Lebenszeit, wenn man für ein Stück Fleisch einen halben Tag anstehen muß.

In Puschkin gehen wir ein Stück an dem vorzüglich wie­derhergestellten Katharinenpalast entlang, der von der spa­nischen "Blauen Division" böse zugerichtet worden war, se­hen die Trauben von wartenden Besuchern, gehen zurück zum Taxi. Der Fahrer erzählt, daß er mit einer Ärztin verheira­tet sei und einen kleinen Sohn im Alter von 1 Jahr habe. Seine Frau sei im Moment im Erziehungsurlaub und bekomme dafür monatlich 40 Rubel (zum Schwarzmarktkurs vom Montag bekäme sie nicht einmal einen Zehnmarkschein dafür ...) In ihrem Beruf als Ärztin verdient sie ganze 140 -  150 Rubel im Monat (man rechne um ...) Igor interessiert sich in die­sem Zusammenhang sehr für unser Sozialsystem. Im August will er nach Hamburg, um dort einen Freund zu besuchen. Die dreimal 60 DM von uns (nachmittags ist er wieder im Ge­schirr) kommen ihm da sehr gelegen.

Wir fahren an der Kaserne vorbei, in der die Batterie zu Weihnachten 1943 gelegen hat. Hier hat das Geschütz, zu dessen Besatzung der Chef zählte, einen Volltreffer erhal­ten, während er auf Heimaturlaub in Etzen war. Dort hatte er Verlängerung bekommen wegen einer schweren Grippe. Am 23. Dezember kam er zurück zu seiner Einheit, als es hieß: "Helm ab zum Gebet!" Seinen Vertreter Max Rixen hatte es erwischt. - Was mag in einem vorgehen, wenn er den Sarg in die Erde fahren sieht, der für ihn selbst bestimmt zu sein schien?

Igor und ich tauschen die Adressen aus, damit er mich in Osnabrück anrufen kann, wenn er in Hamburg ist.

Nach dem Mittagessen gehe ich mit der Gruppe ins Russi­sche Museum, während Stoffer und der Chef nach Starapanova und Krasnoje Selo 'rausfahren. Dort sehen sie unterwegs eine riesige Baustelle, die an einen gewaltigen Stall erin­nert. Nein, das seien Garagen, bedeutet der Fahrer sie, vielleicht 2000 oder auch 3000. Es gebe nämlich ein Gara­genproblem in der Stadt. Aber was will man mit Garagen so weit draußen? Man müßte ja eine Buslinie herauslegen, damit die Leute zu ihren Autos gelangen könnten ... Der Plan des Baukombinats ist damit jedenfalls erfüllt, und alle sehen zu, wie sie zurechtkommen.

Unterwegs im Dorf fragt der Fahrer ein altes Mütterchen nach dem Weg. Sie wäscht gerade an einem Wasserhahn, aus dem kaltes Wasser rinnt, kaltes Wasser für die Wäsche bei +5° C! Hat sie Seife? Der Chef gibt ihr ein paar Kaugummi, Stoffer ein paar Bonbons "Nimm 2". Sie weiß nicht so recht etwas damit anzufangen, bis Igor sie aufklärt. Vor lauter Dankbarkeit klopft sie noch ans Fenster, winkt.

Abends fahren der Chef und ich mit der Metro -  sie liegt bis zu 100 Meter unterhalb der Stadt, denn sie ist unter der Newa hindurch geführt  - zum Newski-Prospekt, um noch ein paar Bücher zu kaufen. Zu spät, die Geschäfte haben schon geschlossen.

5. Tag und Rückreise: Donnerstag, 29. März:

 
 
5. Tag und Rückreise: Donnerstag, 29. März:

Alles verläuft planmäßig, die letzten Rubel werden ver­schenkt, Essen im Flughafenrestaurant, Abflug um 14.55 Uhr, Ankunft in Berlin-Schönefeld 15.15 Uhr  - bloß 20 Minuten für die ganze Strecke! Ach nein, die Uhren müssen wieder zurückgestellt werden. In Berlin-Tegel erfahren wir dann, daß unsere Maschine erst mit 2 Stunden Verspätung ankommt -  Maschinenschaden! Abflug nicht um 18.10 Uhr, sondern est gegen 20.00 Uhr. Auch das noch., unsere innere Uhr zeigt doch 2 Stunden später. Doch das geht vorbei, wir esse noch einen Happen im Flughafenrestaurant, fliegen nach Hannover. Hans und Andreas warten schon auf uns und schnurren mit uns nach Raven.

Die beiden Veteranen haben sich wacker geschlagen, aber nun sind sie redlich müde, ich auch. Freitag, bald nach dem Frühstück bei Mudders löst sich unser Trio auf, Stoffer fährt nach Hause zu seiner Frau nach Großhansdorf, ich muß mittags nach Osnabrück zurück.

Jeder Augenblick war's wert.

 


St. Petersburg, wie die Stadt seit 1991 wieder heißt, und Hamburg sind Partnerstädte. 1991 fand in Hamburg eine Ausstellung über "Die 900 Tage der Blockade Leningrads" statt.

Unten steht der Text der Predigt von Wolfram Suhr, Hauptkirche St. Katharinen, Hamburg, die er am 8. September 1991 zu der Ausstellung gehalten hat:

 

Nichts ist vergessen, niemand ist vergessen

Predigt von Wolfram Suhr, Hauptkirche St. Katharinen, Hamburg, 8. September 1991
zur Ausstellung „Die 900 Tage der Blockade Leningrads”

"Dinge gibt es, die verstehen sich von selbst. Wenn fünfzig Jahre nach der Blockade Leningrads durch deutsche Truppen heute die „Blokadnikijs“ als hoch geehrte Mütter Rußlands ins Land ihres einstigen Feindes reisen und die alten Blockadelieder singen, dann geht etwas von Herzen zu Herzen. Wir lassen uns anrühren, und es versteht sich von selbst, daß wir sie gewähren lassen. Die Zeit der gellenden Befehle soll gewesen sein. Nun soll Zeit sein zu singen, wichtige Gefühle zuzulassen und unwichtige Gedanken fahren zu lassen.

Es gibt innere Notwendigkeiten, die sich durch sich selbst erklären. Eine innere Notwendigkeit ist, wenn sie sich uns in den Weg stellt, die unerläßliche Erinnerung an vergangenes Leiden, wo immer es geschah und wer immer es durchstehen mußte. Eine innere Notwendigkeit ist ganz gewiß die Erinnerung, daß wir auf den Schultern der Kriegsopfer in den Reichtum unserer mittlerweile lang andauernden Friedensepoche hinüberleben durften.

Da komme uns keiner mit dem aufstöhnenden Einwand: „Nicht schon wieder! Hat denn das kein Ende?“ Es darf keins haben, weil die großen Aufbrüche dieser Tage und Monate keine neuen Wunden reißen dürfen. Es darf kein Ende haben mit der Erinnerung daran, daß aller Fortschritt der Geschichte seinen Tribut an Opfern gefordert hat und immer fordern wird.

Nichts ist vergessen und niemand ist vergessen

Diese Erde ist zu klein für die nur anscheinend große Geschichte der Sieger. Unsere Welt weitet sich aber und eröffnet neue Lebensräume, wenn wir aufhören, die Geschichte der Verlierer klein zu schreiben. Nicht wo die Sieger ihr Besitzrecht beanspruchen, sondern wo die Verlierer ihr Lebensrecht behalten, da ist gut leben.

„Nichts ist vergessen und niemand ist vergessen". Diese Worte beschließen das Gedicht der Olga Bergholz, das vor fünfzig Jahren im eingeschlossenen Leningrad jeder Mensch kannte. Ihre Worte haben die Leningrader auch zum Überleben gestärkt und wurden zu gegenseitigen Lebenszeichen wie des tickende Metronom im Stadtrundfunk. Auf dem Piskarjowa-Friedhof in Leningrad stehen diese Worte zu lesen, wo die meisten der einen Million Toten der 900 Tage dauernden Blockade von 1941 bis 1944 liegen.

„Nichts ist vergessen und niemand ist vergessen.“ Darin äußert sich der Wunsch, die Würde der gegenwärtigen Menschheit möge durch den Schmerz der vergangenen, aber nicht vergessenen Opfer bewehrt und versiegelt sein. Die Schmerzens- und Sterbeopfer gerade auch der Leningrader Kinder, Frauen und Männer sind die Juwelen einer Liebe, die sich durch nichts und niemanden kränken lassen will.

„Nichts ist vergessen und niemand ist vergessen.“ Unmöglich meinen diese Worte eine immer noch offene Abrechnung, sondern sehr dringlich werben sie für eine immer noch ausstehende Annäherung. Sie dienen keiner geringeren Absicht, aus der tiefschürfenden Einsicht, daß um Gottes willen die Botschaft der Liebe zum Leben unter keinen Umständen mehr vergessen werden möge.

Die offen gehaltene Tradition

Die Dichterworte der Olga Bergholz richten sich heute allerdings euch gegen unsere mittlerweile ganz alltägliche Überheblichkeit, die alles und jedes erklären, einordnen und einer vorherrschenden Ideologie einpassen will. Wir haben eine nicht nur unbedachte, sondern oft euch unmenschliche Art entwickelt, uns die Dinge einleuchtend zu machen, ihnen Bedeutung zu verleihen und sie entsprechend darzustellen.

Was wäre denn, wenn wir uns offenhalten könnten für die Möglichkeit, daß tatsächlich „der morgige Tag für das Seine sorgen wird“ - komme, was da wolle? Das wäre eine Offenheit, in der wir der Empfehlung Christi folgend die Wahrheit erkennen könnten und in der uns die Wahrheit Frei machen könnte (Johannes 8, 32), in welcher Tradition oder Kultur wir auch zuhause sind. In solcher Offenheit könnten wir uns verwahren gegen eine falsche Geschichtsschreibung, die sich wieder auf die Seite der Gewinner zu schlagen beginnt. In solcher Offenheit müßten wir uns aber auch verwahren für das Mitteilen alles dessen, was das Leben lebenswert macht.

Das ist nichts Geringeres als ein langwieriger Heilungsprozeß. Er betrifft unsere Geschichte so gut wie unsere Seelen, und er erstreckt sich nach dem offensichtlichen Ende des globalen Kalten Krieges der Nachkriegszeit auf den mentalen Kalten Krieg in unserer alltäglichen Wohlstandsgesellschaft. Wir brauchen einen Arzt, der uns die Kaltschnäuzigkeit austreibt, mit der wir die Zukunft gegen die Vergangenheit aufrechnen. Gnade uns Gott, damit es Jesus Christus sein kann, dessen Wahrheit uns dazu bringen will, daß „Ströme lebendigen Wassers“ (Johannes 7, 38) von uns fließen und unsere Vereisungen schmelzen lassen.

Das Vorbild des Durchlittenen

Wie sollten wir dann nicht je das Eis brechen, das über unserer Erinnerung an die Leiden liegt, an denen vor fünfzig Jahren die Bewohner Leningrads so über alle Maßen zu tragen hatten! Verräterisch unbekannt waren uns diese Leiden und Opfer bis heute. Sollen wir den Einwand gelten lassen, die vernichtende Blockade Leningrads mit ihren maßlosen Leiden sei nicht so spektakulär wie die Eroberung und Rückeroberung Stalingrads oder die atomare Vernichtung und Verseuchung Hiroshimas? In Leningrad starben die Menschen beklemmend alltäglich dahin, leise und hautnah. Da blitzte nicht der grelle atomare Tod auf oder glühten die Steine wie im Ofen.

In Leningrad haben die Opfer überlebt, weil sie im Leiden und mit dem Leiden leben konnten. An Leningrad aber wollen sich die ehemaligen Täter nicht erinnern, weil sie nicht mit diesem nicht totzusagenden Leiden leben wollen. Für die Täter kam und kommt das alte Leiden immer wieder hoch, weil es niedergehalten wurde und wird. Sie mußten damals stark sein und bekamen doch, je länger sie ihre Stärke zeigten, nur ihre Ohnmacht zu spüren. So kränkt sie noch heute jene Sinnlosigkeit. Der Widerstand der Leningrader Bevölkerung gegen die Blockade von außen korrespondiert mit unserer inneren Blockade gegen die Erinnerung, weil und wenn sie dem unbeschwerten Weiterleben widersteht.

Solange immer wieder Beteiligte oder Unbeteiligte unter uns abwinken, wegschieben, wegerklären und nicht wissen wollen, solange macht unsere Vergangenheit unsere Gegenwart krank. Dabei geht es um die Heilung unserer Gegenwart mittels der Wunden unserer Vergangenheit. Wenn die Wunden der Schuld nicht wirklich verheilen, müssen wir immer wieder neu in die Arbeit der Therapie einsteigen. Vom Leiden loskommen heißt immer: es durchleiden bis zur Neige, wo die blanke Vernichtung durch neue Lebenskraft aufgewogen und erleichtert aufgehoben wird.

Wir müssen uns vom Elend und von den Klagen der unzähligen Opfer in Leningrad anrühren lassen bis unter die Haut, um diesen Teil unserer gemeinsamen Geschichte nicht nur zu verstehen, sondern ihn begreifen und angemessen handhaben zu können. Nicht nur um nachzufühlen, was geschehen ist, sondern erst recht um vorauszuahnen, was geschehen kann, müssen wir die alten Wunden der Leningrader fühlen wie Thomas mit seinem Finger die Wundmale Christi berührte.

Gegen die Vernichtung der Erinnerung

Schwierig ist diese Heilung; und sie braucht eine genaue, nüchterne Diagnose des Unheilen. Daß wir uns nicht erinnern wollen, macht nur das Symptom unserer Krankheit aus. Die Ursache schimmert herauf, wenn wir die Blockade Leningrads als ein pures Vernichtungsunternehmen erkennen und benennen. Der als Blitzkrieg 1941 begonnene Rußlandfeldzug hatte als eins seiner vorgegebenen Ziele die Vernichtung Leningrads.

Wir müssen das heute wahrnehmen als die ohne jeden Skrupel gewollte Vernichtung einer Stadtzivilisation, die nicht auf den Krieg eingestellt war. Im Befehl des Oberkommandos der Wehrmacht vom 29. September 1941 heißt es, der Führer sei entschlossen, „Leningrad vom Erdboden verschwinden zu lassen“. Daher sei beabsichtigt, „die Bevölkerung zu vernichten“. Militärisch gesehen war für die deutsche Wehrmacht die Versorgung die Achillesferse. Politisch aber bestand im engsten Umkreise Hitlers keinerlei Interesse, das „minderwertige Slawentum“ am Leben zu erhalten.

Das besondere und heute Unbegreifliche an der Blockade Leningrads war die gewollte Vernichtung einer Zivilbevölkerung durch Leiden. Sogar noch das Erlittene selbst und der Schmerz darüber sollten vernichtet werden. Erst wenn auch die Erinnerung an das Erlittene und an den Schmerz vernichtet und unmöglich gemacht wäre, wären die Folgen ihres Tuns für die Täter 'unschädlich'. Darum gebärdete sich auf der Seite der Täter der „Führer“ Adolf Hitler wie der von ihm selbst als „asiatischer Despot“ verspottete Gott der Juden, der die Bosheit der Menschheit nicht länger hinnehmen und darum alle Zivilisation vernichten will.

Wunder der Menschlichkeit aber! Auf der anderen Seite lebten die Leningrader trotz der alltäglichen Vernichtung auf sehr zivilisierte Weise weiter. Sie führten die T. Symphonie Dimitrij Schostakowitschs auf, eines der Ihren. Sie schützten ihre Denkmäler vor den Granaten und widerstanden der Versuchung, ihre teuren Bücher gegen teures Brot zu tauschen. Weiß Gott, „der Mensch Lebt nicht vom Brot allein“, sondern als es schon besser stand, im Sommer 1942, lebten die Leningrader von Wegerichsuppe, Püree aus Brennesseln und Sauerampfer, Beefsteaks aus Rübenblättern und Klößchen aus Melde.

Die Täuschung durch das Eigene

Es ist und bleibt ein Trauma, aus dem wir solange nicht erlöst sind, als wir uns nicht der bösen Faszination der Vernichtung und des blanken Nichts stellen Wir kommen von unserem Trauma erst los, wenn wir, wie Jesus von Nazareth sich ausdrückte, aufbegehren gegen den „Vater der Lüge“, der nur „aus Eigenem“ spricht. Wir gewinnen statt erneut zu verlieren, wenn wir die Sprache der im eingeschlossenen Leningrad d em Tod trotzenden Schwestern und Brüder verstehen lernen wollen.

Selbst als alle Aufgeschlossenen unter den Juden mit ihm ins Gespräch kommen wollten, hielt Jesus von Nazareth ihnen vor, daß ihre Tradition zum Teufel ginge, wenn sie nichts zulasse als sich selbst und alles zunichte mache, was ihr nicht entspricht: „Warum versteht ihr denn meine Sprache nicht? Weil ihr mein Wort nicht hören könnt: Ihr habt den Teufel zum Vater, und nach eures Vaters Gelüste wollt ihr tun ... Wenn er Lügen redet, so spricht er aus Eigenem; denn er ist ein Lügner und der Vater der Lüge.“ (Johannes 8, 43+44)

Der göttliche Einspruch Christi gegen die Juden richtete sich gegen deren vergottete Tradition. Es bedeutet eine tiefe Ironie der Geschichte, daß der die Juden vernichtende Nationalsozialismus in seiner eigenen Tradition selber derart quasijüdisch „auserwählt“ war, daß er von nichts anderem als nur dem Eigenen sprach und sich so zum „Vater der Lüge“ für unser fast ganz verblendetes Volk erhob.

„Vater der Lüge“: diese Benennung des Antichristen durch Jesus von Nazareth meint auf uns Deutsche bezogen die falsche, weil nur sich selbst bespiegelnde Erinnerung. Ihr folgt eine eigenmächtige, alles fälschende 'Tradition auf dem Fuße. Sich von einer solchen Tradition abzunabeln, bedeutet eine auch in jüngster Zeit wieder schmerzhafte Geburt. Mag sie auch selbst die Schmerzen der Abnabelung von einer schließlich doch irreführenden Tradition zu spüren bekommen haben: Christa Wolf mahnte in ihrem Buch 'Kassandra' aber doch richtig, schon den Vorkrieg vor dem Krieg zu verhindern, und schrieb uns den Merksatz: „Laßt euch nicht von den Eigenen täuschen!“

Die Besinnung auf die Schmerzfähigkeit

Noch genauer gefaßt bedeutet „Vater der Lüge“ die Faszination des Bösen, wo sie unsere Herzen vergiftet und unsere Hirne benebelt, so daß wir nicht den Gewalttätern ihre Unmenschlichkeit vorhalten, sondern die Opfer der Gewalt zu Unmenschen erniedrigen. Das geschieht auf keine perversere Art, als die Schmerzfähigkeit der Opfer zu verneinen und zu verdrängen oder sogar zu kalkulieren. Mußte der Apostel Paulus sich aber nicht von Christus sagen lassen: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (2. Korinther 12,9)

Heilung, seelisch wie geschichtlich, kollektiv wie als Einzelne, erleben wir da, wo wir die Schmerzfähigkeit des anderen nicht nur im Blick haben, sondern seine Empfindlichkeiten uneingeschränkt wahrnehmen. Die Schwachen haben eine gottgewollte Kraft, das ist ihr Geheimnis vor der Welt und ihre Gnade vor Gott.

Hat sich aber nicht der Größenwahn gerade durch die Ohnmacht seiner Opfer selbst heillos verwundet? Das erfordert zur Heilung eine angemessene Therapie. Die fängt mit dem ungetrübten Erinnern an. Erinnern muß ein allgemeiner Prozeß der Besinnung sein. Das jedenfalls meint auch das russische Wort „Pamjat“, das wir nach anfänglich nationalistischer Engführung heute wohl doch weiter gefaßt verstehen lernen müssen.

Die Bewegung gleichen Namens ist heute eine sehr breite „Erinnerungs“-Bewegung des russischen Volkes. Sie richtet sich sowohl gegen pauschale Beschuldigung als auch gegen falsche Heldenverehrung. Zu dieser breiten Erinnerungsbewegung müssen wir auch die von Andrej Sacharow mitbegründete Organisation „Memorial“ zählen, die sich den Opfern des Stalinismus verpflichtet.

Und die deutsche Besinnung? Gibt es eine ungetrübte kollektive Erinnerung in unserem Land? Gibt es auf den Spuren der kollektiven Erinnerung eine Generationen übergreifende Scham? Immer noch und immer wieder gibt es unter uns Sündenbekenntnisse, die sind lächerlich, weil sie sich selbst verzeihen wollen. Im Rückblick besonders auf die Leiden der Bevölkerung Leningrads während der 900 Tage dauernden Blockade ihrer Stadt müssen wir wohl eine neue Deutungs- und Erklärungstherapie entwickeln.

Die Heilung unserer Sprache

Die beginnt mit der Heilung unserer Sprache. Dazu müssen wir zunächst die Sprachtrennung zwischen den damaligen Opfern und den damaligen Tätern wahrnehmen. Die Sprache der Opfer war und bleibt immer zivil, um nichts mehr als das Leben besorgt. „Drückt den Daumen, damit mich im blutigen Gefecht keine feindliche Kugel trifft. Ich muß leben, für euch leben, meine lieben Grünschnäbel“, heißt es in einem Brief eines Leningrader Vaters, der sich 1941 freiwillig zur „Volkswehr“ meldete. Wo immer auch gesiegt wird, die Besiegten sind immer die Zivilisten.

Die Sprache der Täter dagegen war und bleibt ausgrenzend, abschreckend und erniedrigend. Im März 1941, wenige Wochen vor dem Überfall auf die Sowjetunion, notierte sich der Generalstabschef Franz Halder in sein Tagebuch: „Der Kommunist ist vorher kein Kamerad und nachher kein Kamerad. Es handelt sich um einen Vernichtungskampf.“

Die Heilung unserer Sprache beginnt damit, daß wir die Sprache Christi verstehen und sprechen lernen. Sie äußert sich immer in deutlicher, unmißverständlicher Rede, die sich zwischen Ja und Nein klar entscheidet (Matthäus 5,37). Die Sprache Christi läßt kein Reden oder Debattieren zu, wenn es nur um seiner selbst willen geführt wird. Sie meidet die geistvolle Rhetorik, soweit sie nur auf die Pointe zielt, und enthält sich der Abstraktion, wenn ihre Botschaft nicht schließlich Hand und Fuß hat. Dafür ist sie aber in allen Themen durchlässig für den Heiligen Geist (Matthäus 10,20). Indem und wo immer die Sprache Christi gesprochen wird, da heilt, befreit und erlöst sie. Immer aber bekennt sie in allem, was sie anspricht, woher sie hat, was sie zu sagen hat.

Das meint, „in" der Sprache Christi nicht nur zu reden, sondern „in“ ihr zu leben. Die Sprache Christi bedeutet so sehr Leben, daß nur ein Wort von Christus heute so wie gestern Seelen gesunden, Hungernde satt werden, Lahme gehen und Blinde sehen läßt. Seine Sprache ist wie keine andere lebenspendend und lebenerhaltend, weil in jedem Wort die Konkretion der Liebe Gottes hörbar und spürbar wird.

Paul Gerhardt besang die fortwährende Schöpferkraft Gottes durch sein Wort: „Und was er spricht, geschicht.“ Darin ist auch die Sprache Christi immer ein konkretes Geschehen, denn wer christlich spricht, nimmt Schuld an und vergibt, tröstet und liebt. Wir müssen - im griechischen Urtext ist der Bezug beider Verben aufeinander fast ein Sprachspiel - in der Wahrheit „stehen“ und für die Wahrheit in allen Themen dieser Welt unmißverständlich Standpunkt beziehen, dann „ist“ die Wahrheit auch in unserem Tun und Lassen.

Die unbegrenzte Vergebung

Die Sprache Christi stiftet demnach immer und unter allen Umständen Gemeinschaft, fördert Vertrauen und wirbt um Einverständnis. Heute ist die Welt zu eng für Ausgrenzungen. Jeder ist heute weltweit Mit-Wisser. Damit gibt es keine Flucht mehr aus der Verantwortung. Jedermanns „Sünde“ berührt und trifft immer andere Menschen und Kulturen. Wer das nicht akzeptiert, ist weltweit ein halber Mensch, und was er tut, ist nichts Halbes und nichts Ganzes.

Die neue Verantwortung muß heute grenzenlos sein, nicht weil die neuen Ereignisse die Grenzen übersprangen, sondern weil die alte Schuld alle Grenzen sprengte. Das bedeutet, daß wir die alten Begrenzungen und Blockierungen sichten müssen, um nicht erneut engstirnig und hartherzig zu werden. Wo nun der Kommunismus untergegangen ist, da ist auch die Utopie der Gleichheit aller Menschen verblaßt. Tatsächlich hat sich die ideologisch verordnete Gleichheit niemals mit der menschlichen Verschiedenartigkeit in ihrer Dynamik vereinbaren lassen.

Wenn wir dennoch an der Gleichheit aller Menschen quer durch alle Sprachen und Kulturen festhalten, dann tun wir es allein im Blick auf die jederzeit mögliche Schuld jedes Menschen weltweit. Im Kernkapitel seines Buches 'Die Dämonen' läßt Fjodor Dostojewskij den mönchisch lebenden Priester Tichon mit dem reichen St. Petersburger Nikolai Wsewolodowitsch Stawrogin zusammentreffen. Der bläht sich auf sich mit einer monströsen Beichte, bis endlich der Priester dem Prasser die Mahnung wie einen Trost entgegenhält: „In seiner Sünde hat jeder Mensch allen gegenüber gesündigt, und jeder Mensch ist irgendwie an des andern Sünde schuld. Es gibt keine vereinzelte Sünde.“

Das ist nichts anderes als eine weise Auslegung der fünften Bitte des Vaterunsers: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Die Gleichheit aller Menschen, aller Völker und Kulturen besteht heute vorrangig darin, daß alle in gleicher Weise und in gleichem Ausmaß auf Vergebung angewiesen sind.

Die einzig gültige Utopie

Wenn heute die Leningrader Blockadefrauen als Mütter Rußlands ihre alten Lieder in unserer Kirche singen, dann geben sie uns die erneute Gelegenheit, die Sprache der Opfer zu hören und zu lernen, sich in sie hineinzuversetzen. Immer ist bei ihnen die Sehnsucht nach dem Rettenden herauszuhören. Diese Sehnsucht hat sich als zählebiger erwiesen als das Streben nach Macht. Heute danken wir Gott dafür.

Darum halten wir nach dem Ende aller Utopien, insbesondere der kommunistischen Utopie, an der einzigen noch zulässigen, weil gottgewollten Utopie fest: „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!“ (Offenbarung 21, 3-5)

Lenin mit seiner doktrinären Utopie vom Kommunismus sollte uns eine Lehre sein - und ist es auch geworden. Wie anders aber steht Johannes mit seiner uralten utopischen Vision da! Sie will nicht belehren, sondern beleben. Sie kann es auch, weil sie durchzogen ist von einer scharfblickenden Philosophie: Das ganz Große fängt stets im ganz Kleinen an. In jenem für diese Ausstellung nachgebauten dunklen Zimmerchen hinter dem Altar ist davon eine genaue Ahnung zu bekommen."

 

Die Texte zur Predigt

In seiner Sünde hat jeder Mensch allen gegenüber gesündigt, und jeder Mensch ist irgendwie an des anderen Sünde schuld. Es gibt keine vereinzelte Sünde.

(aus: Fjodor M. Dostojewskij, Die Dämonen)

 
Da sprach nun Jesus zu den Juden, die an ihn glaubten: Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.

Warum versteht ihr denn meine Sprache nicht? Weil ihr mein Wort nicht hören könnt! Ihr habt den Teufel zum Vater, und nach eures Vaters Gelüste wollt ihr tun. Der ist ein Mörder von Anfang an und steht nicht in der Wahrheit; denn die Wahrheit ist nicht in ihm. Wenn er Lügen redet, so spricht er aus dem Eigenen; denn er ist ein Lügner und der Vater der Lüge. Weil ich aber die Wahrheit sage, glaubt ihr mir nicht.

(Johannes-Evangelium Kap. 8, 31-32 und 43-45))

 


 

 

> 1. Tag, Sonntag, 25. März: Anreise -  Warten und Tasskaff

> 2. Tag, Montag, 26. März:  St. Petersburg, Petrograd, Leningrad  - die Stadt

> 3. Tag, Dienstag, 27. März: Winterpalais, Ermitage und "Dreiecksdorf"

> 4. Tag, Mittwoch, 28. März: Puschkin

> 5. Tag und Rückreise: Donnerstag, 29. März

> Predigt von Wolfram Suhr, Hauptkirche St. Katharinen, Hamburg, 8. September 1991 zur Ausstellung „Die 900 Tage der Blockade Leningrads”