Am 9. August 1945 ist Helmut aus US-amerikanischer Kriegsgefangenschaft zu Hause in Etzen angekommen.

Während seiner Zeit in Gefangenschaft hat er Tagebuch geführt. Neben den obligatorischen Wetteraufzeicnungen für fast jeden Tag hat er besondere Vorkommnisse notiert - etwa dass er mit Brettern eine Grube gegraben hatte, um sich da hineinzulegen, die Nachricht von Hitlers Selbstmord ("gefallen") oder das gemeinsame Rauchen einer Zigarette.

Seine Einheit war im Frühjahr 1945 nach Ulm verlegt worden. Als es Ende April hieß, sie werde noch Berlin zwecks Verteidigung der "Reichshauptstadt" abkommandiert, während die Armee der Sowjetunion den Belagerungsring zu schließen begann, hat sich sein Zug dem ersten Soldaten der US-Army, den sie sahen, ergeben.
Das war am 28. April.

Nun folgen Scans aus diesem Tagebuch, beginnend mit dem 1. März 1945 und endend mit dem 9. August - zu Hause! Danach finden sich Adressen und Namen sowie ein Gedicht voller Heimweh. Nicht in dem Notizbuch, aber von großer Bedeutung sind die Entlassungspapiere sowie ein Gedicht ("Die Glocken von Heilbronn"), das er bis zu seinem Tode in seiner Brieftasche bei sich trug.

Ganz unten finden sich Karten, die den Weg verzeichnen.

 

 

Der Kalender zeigt neben persönlichen Daten Jahrestage, die für die NSDAP von politischer oder militärischer Bedeutung waren. Ferner sehen wir eine Übersicht im Format eines Minikalenders, auf der für die Monate Januar bis April einzelne Daten markiert sind. Was das zu bedeuten hat, erschließt sich  nicht. Leider habe ich nicht danach gefragt.

 

1. März:
Angriff auf Ulm
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4. März:
Angriff auf Ulm
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15. April:
1. Tag - ab hier zählt er bis 10 am 23. April  - warum, das kann ich nicht erklären.
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Donnerstag, 19. April, Nachrichten aus der Heimat:
"Soltau ging nach hartem Kampf verloren
erbitterte Kämpfe um Lüneburg und Ülzen (sic)
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Angriff auf Ulm"

 

Dienstag, 24. April:
"Ulm wird aufgegeben, Kämpfe um Neu-Ulm
25km marschiert bis Unteregg"
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Mittwoch, 25. April (Helmuts 26. Geburtstag):
20.00 abmarschiert von Unteregg bis Weiler bei Loppenhausen 25km.
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Donnerstag, 26. April:
Abmarsch von Weiler, Kirchheim Eppishausen

Freitag, 27. April:
Eppishausen
Jaboangriff (Jabo: Jagdbomber)

20.00 in Gefangenschaft
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Sonnabend, 28. April:
Sammelllager Baltzhausen (Balzhausen)
Abnahme aller Sachen
marschiert über Tannhausen (Thannhausen) bis Münsterhausen
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Sonntag, 29. April:
mit L.K.W. nach Aalen (Baracke)
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Montag, 30. April:
Aalen
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Dienstag, 1. Mai:
mit LKW über Backnang, Heilbronn, Heidelberg
Lager in Ludwigshafen, Rhein-Gönnheim
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Mittwoch, 2. Mai:
Hitler gefallen (das war die offizielle Meldung der nationalsozialistischen Propaganda; in Wahrheit hat er Selbstmord begangen und sich so der Verantwortung für seine unfassbaren Menschheitsverbrechen entzogen)

Rhein-Gönheim (richtig: Rheingönheim)
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Donnerstag, 3. Mai:
Rhein-Gönheim   (Regen)  (im Folgenden schreibt er: "Rheingönne")
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Freitag, 4. Mai:
Rheingönne   (Regen)
Ein Loch ausgekratz (sic) mit kleinen Brettern!
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Sonnabend, 5. Mai:
Rheingönne
Den ganzen Tag geregnet
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Sonntag, 6. Mai:
Das Wetter wird besser.
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Montag, 7. Mai:
sehr warm
Der Krieg in Europa ist aus. 
Hierzu erzählte Helmut: Die deutschen Soldaten erhielten plötzlich Befehl anzutreten. In seinem Umfeld kam die Befürchtung auf, nun würden "alle an die Wand gestellt", das hieß: erschossen. Denn kaum war der Befehl anzutreten ausgesprochen, entstand das Gerücht, Hitler habe doch noch eine dieser so oft versprochenen "Wunderwaffen" - noch 1944 hatte die V-2 immerhin aus großer Entfernung Ziele in London getroffen - losgelassen und London, andere meinten sogar New York, in Schutt und Asche gelegt. Und nun folge die Rache auf dem Fuß ...
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Mittwoch, 8. Mai
Sehr warm
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Donnerstag,, 9. Mai
Sehr warm (ebenso an den folgenden Tagen)
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Sonntag, 13. Mai:
(die beiden Striche bedeuten: wie vorher, wie oben)
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Montag, 14. Mai:
Landwirte werden rausgezogen.
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Dienstag, 15. Mai:
Von Lager 3 in Lager 17
Personalaufnahme
Lager 19
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Mittwoch, 16. Mai:
Jeden Tag sehr warm
Johann Sczylo getroffen
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Donnerstag, 17. Mai:
Sehr warm
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Freitag, 18. Mai:
Gewitter, nur sehr wenig Regen
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Sonnabend, 19. Mai:
Regen,. sehr warm
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Sonntag, 20. Mai (Pfingstsonntag):
Pfingstgottesdienst
Untersuchung
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Montag, 21. Mai (Pfingstmontag):
Gewitter, den ganzen Tag Regen
1/2 Tag freier Arbeitsdienst gemacht, dafür 1/2 L. Essen erh.
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Dienstag, 22. Mai:
Das Wetter wird wieder besser.
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Mittwoch, 23. Mai:
Regen + naßkalt
Die ersten Landwirte werden aufgerufen
Aufteilung nach Postleitzahl.
Entlassung, in 1 Std. 4000 Mann
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Donnerstag, 24. Mai:
(Regen, kühl)
Postleitzahl 17 (a,b.c)
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Freitag, 25. Mai:
Postleitzahl 14
Gruppe II und III raus
sehr kühl
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Sonnabend, 26. Mai:
Platzwechsel innerhalb des Lagers 19

              warm

Gerede von Entlassung
Eine sehr kalte Nacht
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Sonntag, 27. Mai:
  6.30 kath. Gottesdienst
18.30  ev.    "

Montag, 28. Mai:
Postleitzahl 16 / 13a
         
warm
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Dienstag, 29. Mai:  (13b. - Ab jetzt notiert er in Klammern die Postleitzahlen, die zur Entlassung aufgerufen werden.)
sehr warm,
Gewitter und sehr viel Regen
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Mittwoch, 30. Mai:   (22)
              Regen
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Donnerstag, 31. Mai:
21. 15. 23.   (wieder aufgerufene Postleitzahlen)
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Freitag, 1. Juni:
Emil Hawester + Karl Schlumbohm getroffen
    warm   Regen
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Sonnabend, 2. Juni:
Emil H. kommt raus

Regen
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Sonntag, 3. Juni:
18.00 Gottesdienst

sehr warm
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Montag, 4. Juni:
morgens schw. Gewitter und Regen
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Dienstag, 5. Juni:
sehr schönes Wetter
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Mittwoch, 6. Juni:
sehr warm
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Donnerstag, 7. Juni:
Offz. kommen raus  II und III

Postleitz. 21/22/23
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Freitag, 8. Juni:
Im Lager 4.
Karl Schlumbohm auch da.
Den ganzen Tag gregnet (sic)
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Sonnabend, 9. Juni:
Das Wetter wird wieder besser.
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Sonntag, 10. Juni:
8 Uhr Gottesdienst
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Montag, 11. Juni:
In der Nacht sehr viel Regen
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Dienstag, 12. Juni:
Bis Mittag viel Regen.
17 Uhr Essen bekommen
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Mittwoch, 13. Juni:
10 Uhr Postleitzahl 20+24
sofort verladen auf LKW
15 Uhr in Heilbronn

schlechtes Wetter
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Sonntag, 17. Juni:
Sehr schönes Wetter
10.00 ev. Gottesdienst
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Montag, 18. Juni:
Durchsuchung aller Sachen
sehr warm
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Dienstag, 19. Juni und Mittwoch, 20. Juni:
sehr warm
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Donnerstag, 21. Juni:
Abends Gewitter
Sturm + Regen
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Freitag, 22. Juni:
Karl und ich eine Zigarette geraucht
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Sonnabend, 23. Juni:
Gewitter + Regen
warm
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Am Sonntag (24. Juni)  Gottesdienst um 8 Uhr, sonst Wetteraufzeichnungen, die meist über Regen berichten
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Sonntag, 1. Juli:
Umquartierung innerhalb des Lagers, sonst wieder Wetteraufzeichnungen
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Mittwoch, 4. Juli:
Feiertag beim Amerikaner (Unabhängigkeitstag der USA, 4. Juli 1776)
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Sonntag, 8. Juli:
Sehr schönes Wetter
8.00 Gottesdienst
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Es folgen Aufzeichnungen zum Wetter. Bemerkenswert aber:

Donnerstag, 12. Juli:
pro Mann 1/2 Paket Tabak
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Freitag, 13. Juli:
Tabakausgabe
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Sonntag, 15. Juli:
Sehr warm
8.00 Gottesdienst
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Montag, 16. Juli:
Morgens Gewitter
den ganzen Tag Regen
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Dienstag, 17. Juli:
Wetter wird besser
2 x am Tag 1 Ltr. Essen
morgens 8 Kekse + 1/4 Brot
Decke empfangen
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Mittwoch, 18. Juli:
Sehr warm
2 x 1/2 Ltr. Essen
1/2 Kommißbrot
1 Paket Ami Tabak
Badehose genäht
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Donnerstag, 19. Juli:
Sehr warm
1/2 Kommißbrot
Karl eine Mütze für mich genäht
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Freitag, 20. Juli:
Von Lager 5 nach Lager 12
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Sonnabend, 21. Juli:
Sehr warm
____________

 

Sonntag, 22. Juli:
Sehr stzarker Wind
1 Lts. Essen
1/2 Brot
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Montag, 23. Juli:
Sehr warm
1 1/2 Ltr. Essen
1/3 Brot
Uhrkette gemacht
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Dienstag, 24. Juli:
Sehr warm
Haare schneiden lassen
Stiefel repariert
Uhrkette gemacht
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Mittwoch, 25. Juli:
Sehr warm
Abends Gewitter
1 Paket A. Tabak (A.; Ami)
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Donnerstag, 26. Juli:
warm


Freitag, 27. Juli:
warm
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Sonnabend, 28. Juli:

warm
nach Lager 5 C
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Sonntag, 29. Juli:
Durchschleusung nach Lager 8
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Montag, 30. Juli:
Arbeitdienst gemacht
Zeltpflöcke gesägt und gesp (gespalten)
'____________


Dienstag, 31. Juli:
Arbeitdienst gemacht
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Mittwoch, 1. August:
Regen
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Donnerstag, 2. August:
Entlassungslager.
Papiere werden fertig gemacht.
40 M Entlassungsgeld.
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Freitag, 3. August:
Von E-Lager nach Lager 5 C!
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Sonnabend, 4. August:
12 Uhr antreten
5. Waggon
17 Uhr Abfahrt von Heilbronn
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Sonntag, 5. August:
Mannheim, Hanau, Kassel
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Montag, 6. August: keine Eintragung
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Dienstag, 7. August:
Um 2.00 Uhr in Wunstorf
8.00 Abmarsch nach Luther (Lutter),
Papiere in Ordn. gemacht,
Sachen durchsucht
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Mittwoch, 8. August:
11.00 Abmarsch z. Bahnhof
18.00 in Uelzen
L.K.W. zum Arbeitsamt
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Donnerstag, 9. August:

Um 10.00 in Lüneburg

12.00 Uhr zu Haus

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Die Glocken von Heilbronn

Das unten stehende Gedicht "Die Glocken von Heilbronn", mit Blaustift aufgeschrieben,
hat er immer in seiner Brieftasche mit sich getragen.

 

Übertragung:

 

Die Glocken von Heilbronn


1.
Kalt und dunkel war die Nacht,
Gedanken gehen in die Runde.
Im Osten graut der neue Tag mit Macht.
Es schlägt die sechste Stunde
Die Glocke von Heilbronn.


2.
Trüb ist mein Herz und trüb mein Sinn.
Ich lieg auf kalter Erde.
Still schlägt mein Herz zum Himmel hin.
Geb‘ Gott,daß dies ein Ende werde.
So klagt die Glocke von Heilbronn
 
3.
Durch Stacheldraht und Zaunespfähle
Die ersten warmen Strahlen
Der hellen Morgenröte
Zu mir ins Zelt reinfallen
Es schweigt die Glocke von Heilbronn.

4.
Ja, ist’s denn Sonntag heute?
Mir ist als würd ich Heimatglocken hören.
Sind's an der Zeit vier oder dreie?
Und plötzlich fängt es an zu dröhnen
Die Glocke von Heilbronn.

5.
O welche Lust euch zuzuhören,
Mein Herz, es schlägt im wilden Takt.
Hier sieht man nur noch Stacheldrähte
Wir sind ja in Gefangenschaft
O, ihr Glocken von Heilbronn.


6.
Bald hör' ich Heimatglocken wieder.
Drum läutet weiter euren heil‘gen Ton
Dann schließ' ich meine Augenlider
Und denk an euch
Ihr Glocken von Heilbronn


Heim.

1.
In weiter, weiter Ferne,
Da blühet all mein Glück.
Ich möchte‘ nach Haus so gerne,
Doch hält mich hier gefangen,
Mein Harren und mein Bangen,
Mein trauriges Geschick.

2.
Zu Hause sind die Lieben,
Besorgt um ihren Sohn.
Die Augen rot gerieben,
Das Herz so tränenschwer.
Die Mutter harrt auf ihn so sehr.
Ist das der vielen Liebe Lohn?

3.
Ihr Lieben, laßt das Weinen,
Ich komm ja bald zurück.
Es will ein jeder zu den Seinen,
Auch ich bin bald daheim.
Dann woll'n wir dankbar sein,
Dem Gott für unser Glück.

 

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Die Entlassungspapiere:

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Kartenmaterial (Quelle: maps.google)

 

Alle Karten: maps.google.de

 

 

An dieser Stelle folgen Bilder aus Helmuts Zeit während des Verbnichtungskrieges gegen die Sowjetunion. Viele der Bilder muten eher wie Urlaubsbilder an, etwa wenn man im Freien Bratkartoffeln isst, Holz einschlägt, am Tische sitzt mit Waschschüssel im Vordergrund, wenn im Freien Haare geschnitten werden oder Christian "Krischan" Eggers akrobatische Kunststücke mit einem Stuhl vorführt, dann wieder Bilder von Zerstörung, vom Geschütz, von marschierenden Soldaten, von der Mannschaft, wenn sie das Geschütz mit tödlicher Munition ausrichten, nur mit Badehose bekleidet: 


Leningrad, 1942-1944

Die Belagerung der Millionenstadt Leningrad - heute wieder: St. Petersburg - gehört zu den abscheulichsten Kriegsverbrechen der Wehrmacht: Eine Stadt mit mehr als 3 Millionen Einwohnern, damals etwa mit Paris zu vergleichen -  wurde vollständig abgeriegelt, aus der Stadt sollte niemand mehr hinausgelangen, und ichts und niemand kam in die Stadt, keine Verpflegung, kein Wasser, kein Brennstoff. Hitler hatte den Befehl gegeben, die Bewohner verhungern zu lassen. Die Stadt wurde zunächst von der Luftwaffe angegriffen mit Flächenbombardements. Nachdem aber die Verteidiger Fesselballons mit aluminiumstreifen hatten aufsteigen - "Dor künnst du toukieken, wie se hendaltrudeln dän" - "Da konntest du zusehen, wie sie (die Maschinen) heruntertrudelten." Nun wurde die Stadt mit all ihren Einwohnern täglich mit Artillerie beschossen, zuerst die Lebensmitteldepots, denn Planquadrat für Planquadrat die Wohngebiete.

Mehr als 1 Million Menschen - etwa ein Drittel der Bewohner - musste einen erbärmlichen Tod sterben, Hunger, Entkräftung, Beschuss. Im Oktober 1991 war ich auf dem Friedhof und habe die Massengräber gesehen.-

Der Belagerungsring wurde erst am 28. Januar 1944 - nach 871 Tagen härtester Belagerung - durch die Rote Armee gesprengt. Anlässlich des 70. Jahrestages dieses Ereignisses sprach der damals 95 Jahre alte Schriftsteller Daniil Granin, ein Überlebender der "Blockade" oder der "900 Tage", wie es im Russischen heißt, am 27. Januar 2014 am Holocaust-Gedenktag im Deutschen Bundestag. Seine Rede ist in Auszügen hier, der Text in deutscher Übersetzung hier.-

 

Schon am 2. August 1914, das ist der 1. Mobilisierungstag gerade einen Tag nach der deutschen Kriegserklärung an Russland, wurde Karl mobilisiert, und am 5. August war er wieder in Berlin. Dort lässt er ein Foto anfertigen - das haben viele Soldaten für ihre Angehörigen getan. (Von seinem Bruder Hermann existiert ebenfalls ein Foto aus Munsterlager, abgelichtet in voller Ausrüstung.)
Am 10. rückte Karls Einheit nach Westen ab und wurde in Lothringen und in Belgien in schwere Kämpfe verwickelt. Ende August wurde sie nach Ostpreußen verlegt, dann nach Galizien (damals eine Provinz Österreich-Ungarns, heute Südpolen), nachdem die Österreicher eine russische Offensive nicht hatten abwehren können. Im Herbst 1914 wurde er schwer verwundet; ein Schrapnell durchschlug sein Bein.

All dieses Geschehen hat er in seinem Notizbuch aufgezeichnet, manchmal mit unglaublicher Genauigkeit, wenn es um Ortschaften oder Uhrzeiten ging. Hier kommen nun Auszüge aus diesem handlichen Notizbüchlein, das in jede Hosen- oder Jackentasche passte (aufgeschlagen gerade 18x15cm misst, Format kariert. Dieses Format scheint in der deutschen Armee Standard zu sein, denn in verschiedenen Reportagen und Berichten über den Ersten Weltkrieg wird, wenn aus Tagebüchern zitiert wird, oft ein solches Heft mit abgebildet).

Ich habe die einzelnen Seiten des Tagebuches eingescannt und transkribiert. Der Scan erscheint jeweils oben, darunter dann die Transkription.
Wo es mir sinnvoll erschienen ist, habe ich Scans aus einer Landkarte aus dem Jahre 1910 zwischengeschoben.

Ferner habe ich es gegliedert; hier sind die einzelnen Abschnitte:

> Notizen zur Person
> Truppentransport nach Westen - Belgien und Frankreich
> 10. August: Abfahrt "nach dem Krieg"
> Die ersten Gefechte
> Notizen zu Längeneinheiten und zum Kaliber der Geschütze
> 10. August: Abfahrt "nach dem Krieg"
> Weiterer Bericht über die Zeit zwischen dem Transport nach Frankreich bis zum Abmarsch nach Osten

> Truppentransport per Bahn nach Ostpreußen

> Karte Ostpreußen

> Karte Truppenbewegungen bis Tilsit

> Marsch durch Ostpreußen bis ans Kurische Haff, dann südwärts über Oberschlesien nach Galizien
> Der geschulte Blick des Landwirts auf die Dörfer in Russisch-Polen
> Ankunft in Ostpreußen, erste Gefechte mit den russischen Truppen
> Ostpreußen II und Verwundung
> Lazarettaufenthalte, Autofahrt und immer schlechtere Verpflegung
> Beschreibung der Verwundung und Komplikationen
> Tiefe Verzweiflung - eine katholische Schwester spendet Trost
> Zwei Adressen von Krankenschwester und Pflegerin in schweren Stunden
> Eine Währungstabelle
> Im Lazarett in Eger: Tod, Selbstmord, Selbstverstümmelungen, Hinrichtungen
> Transport von Krakau nach ins Lazarett Eger - 3 Tage im Zug
> Rückfahrt aus Eger
> Auf den letzten Seiten finden sich Adressen

 

 

Notizen zur Person:

Hier sehen wir Angaben zu Dienstgrad und Einheit, dann die Anschrift seiner Frau Frieda.
Wer Heinrich Röhrs ist, den er ganz unten nennt, wissen wir nicht. Vielleicht war er einer der wenigen, die Plattdeutsch sprachen; immerhin kam er aus dem Kreis Fallingbostel, war also auch Heidjer.

 

Reservist Karl Brammer
Maschinengewehrkomp.
III. Bataljon ??? Inf. Rgt.
6. Garde Division
Garde Reserve Korps
_______________________
Adr. nach Hause
Frau Frieda Brammer
Gr. Süstedt b. Gerdau
Kr. Uelzen Pr. Hann. (Kr.: Kreis; Pr.: Provinz)
__________________________

Heinrich Röhrs
Ostenholz b. Fallingbostel



L.I.R. ????
M.G.K. Reservist
Nr. 76 Karl Brammer

________________

 

Truppentransport nach Westen - Belgien und Frankreich


Am 5. August abgereist von der Heimat
" 10. " abgefahren von Berlin
über Rathenow Stendal
Obisfelde (Oebisfelde)  Isenbüttel Gifhorn
Lehrte Hannover Minden
Portawestfalika Löhne
Herfort Bielefeld
Gütersloh Hamm Hagen
Barmen Elberfeld Obladen (Opladen)
Mülheim a. Reihn (sic). Cöln (sic)
Bonn Hillersheim (Eifel)


Am 11.+12. August
bei Jakob Müller
Am 13. August Statkül
Am 15. " Krinkel

_____________________



10. August: Abfahrt "nach dem Krieg"

Ab dem 10. August ist fast jeder Tag verzeichnet. Nach 2 Ruhetagen in Bonnines wird die Einheit nach Osten verlegt. Denn wider Erwarten sind russische Truppen tief ins Reichsgebiet vormarschiert und hatten große Teile Ostpreußens besetzt. (Der "Schlieffenplan" von 1905 sah einen schnellen Vormarsch von 7 deutschen Armeen im Westen vor, durch Belgien nach Paris in 4 Wochen - "Wenn Sie nach Frankreich einmarschieren", sagte er, "dann lassen Sie den rechten Flügelmann den Kanal mit seinem Ärmel streifen," bemerkte Schlieffen - dann Schwenk nach Osten und Sieg über die Russen. Der deutsche Generalstab rechnete damit, dass die russische Armee auf dem riesigen Gebiet mindestens 6 Wochen benötigen würde, bis sie kriegsbereit sei - was für eine große Fehleinschätzung! Während dieser Zeit wollte man im Westen Frankreich besiegen. Dazu war ein sehr schneller Vormarsch nötig, und der musste nach dieser Logik durch das neurale Belgien gehen, wie es auch geschah. Damit aber halste sich die deutsche Heeresleitung auch England als Gegner auf.)

 

10. August Abfahrt nach dem Krieg (= in den Krieg)*
11. " Fahrt nach Frankreich
12. " Ruhetag in Berndorf
13. " "
14. " " Stadtkühl
15. " Marsch
16. " " Odenwal
17. " " Werbemont
18. " " Lissamont
19. " " Lavad
20. " " Hingeon
21. " " Frank Wanet
22. " Belagerung von Namur
23. Schlacht bei "
24. Ruhetag Bonnines
25. " "
Marsch von Namur nach Aachen

In Aachen 1. Zug in Quartier
bei Fam. Adolf Meyer Aachen
Wilhelmstraße 90

* Karl hat auch als alter Mann in seinen Formlierungen den Krieg wie einen Ort behandelt - "he möss na'n Krieg" (er musste zum Krieg); parallel konstruiert werden auch die Richtungsangaben z.B. "na Schoul" oder "na Stadt" ("nach Schule", "nach Stadt" _ das haben früher die Kinder im Dorf noch in den 50er Jahre so gesagt.

_________

 

Karls Einheit war der 6. Armee unter Kronprinz Rupprecht von Bayern eingegliedert worden.
Hier schreibt er über die ersten Gefechte in Frankreich:

1. Schlacht bei Hingeon
am 20. August
Baier* erschossen Dorf abgebrannt
Frankfore Flieger

23. August Schlacht bei 3000 F.
Bonnines Fort erstürmt
________________

Bei Diedenhofen 21000 Franzosen
gefangen genommen
________________

Am 23. August Belfort gefallen
________________

45000 Mann gefangen

Die Schlacht um Hingeon und Namur ist auf wikipedia beschrieben (engl. Version).


* Baier: Bayer - die 3. Armee wurde von dem bayrischen Kronprinzen Rupprecht befehligt

________________________

Notizen zu Längeneinheiten und zum Kaliber der Geschütze

Nach dem Gefecht bei Hingeon wurde die belgische Festung Namur belagert und nach drei Tagen eingenommen. Gegen Namur kamen schwerste Geschütze zum Einsatz, darunter auf Ersuchen des deutschen Generalstabs auch 4 Batterien mit  österreichisch-ungarischen Geschützen der Marke Škoda. Vielleicht ist das der Anlass für seine Notizen geographischer und technischer Natur zu den großen Geschützen:

1 Artillerie Geschoß 42cm Durchm
15km nach 30 (unverständl.)

1 Meile 7 1/2 Kilometer

Krup (sic) Kanonen 60cm Durchm

36km Tragweite Eng 30km
(30km nach England von Calais aus? - 37 km sind es)

 

_____________________
Ein Geschoß von Dmm 42 kostet 35000 Mark
Schwere 14 Centner

Ein ???geschoß kostet dasselbe

Östreichische* (sic) Mörser 38cm Durchm

* "Östreichische" / "Östreich" heißt es immer, wohl weil man auf Plattdeutsch "Östriek" sagt

 

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Weiterer Bericht über die Zeit zwischen dem Transport nach Frankreich bis zum Abmarsch nach Osten

Nach einigen unbeschriebenen Seiten erscheint ein weiterer Bericht über die Zeit zwischen dem Transport nach Frankreich bis zum Abmarsch nach Osten :


Am 1. August Nachts 1 Uhr Verladung
unserer Komp. auf dem Mo-
abiter Bahnhof. Fahrt über
Stendal Hannov. Minden
Hamm Barmen Cöln
Bonn bis Lissendorf ausgeladen
Quartier in Berndorf in
der Eifel.
Am 24. August Gefecht bei Hingeon
der Feind zog sich zurück
Am 23. August Fort Markorilette*
gefallen
Marsch durch Namur bis Vitrival
daselbst Befehl zum Rückmarsch
nach Rußland.
Von Vitrival bis Liege / bis Lüttich
marschiert am 28. August von Liege nach Bleiberg, von Bleiberg
nach Achen (sic)

* Marchovelette

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Truppentransport per Bahn nach Ostpreußen

Am 31. August Nachmittags
3 Uhr aus Herzogenrath abgefahren nach Rußland *
Hamm Löhne Minden
Wunstorf Hannover Lehrte
Isenbütel Fallersleben
Oebisfelde Gardelegen
Berlin Bernau
Eberswalde Angermünde
Stettin Freinenwalde
Ruknow Dierschau Weichsel
Marienburg Mühlhausen**

3. Sept. Donnerstag angekommen
durch Mehlsack
10 Meilen vor Königsberg
durch Landsberg gekommen Markt (?)
In Pr. Eylau in Quartier gewesen
durch Friedland Russen gewesen

* (warum er über "Russland" "Holland" geschrieben hat, wird nicht klar; vielleicht will er nur darauf hinweisen, dass die Stadt Herzogenrath unmittelbar an der Grenze zu den neutralen Niederlanden liegt)
** (darunter steht klein: "umgeladen")

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Karte#1 - Marschroute (Marienburg, Mühlhausen - hier heißt es "umgeladen", Mehlsack, Preußisch Eylau, Friedland)

Hier nun die erste Karte mit Straßen und Eisenbahntrassen - rot umkreist sind die Orte, die Karl benennt; Marienburg ist gerade noch auf dem Ausschnitt ganz im Westen, im Norden dann Labiau am Südufer des Kurischen Haffs und Tilsit ganz im Nordosten.
Hier nun die erste Karte mit Straßen und Eisenbahntrassen - rot umkreist sind die Orte, die Karl benennt; Marienburg ist gerade noch auf dem Ausschnitt ganz im Westen, im Norden dann Labiau am Südufer des Kurischen Haffs und Tilsit ganz im Nordosten.

 Quelle: Carl Flemmings Generalkarten, No. 33: F. Handtke, Westliches Rußland (Polen). 10. Auflage. Berlin und Glogau o. J.


    
Karte#2 - Ostpreußen und westliches Litauen (Überblick)

Eine Überblickskarte Ostpreußen mit dem westlichen Litauen; grün markliert ist die russische Grenze.
Eine Überblickskarte Ostpreußen mit dem westlichen Litauen; grün markliert ist die russische Grenze.

 Quelle: Carl Flemmings Generalkarten, No. 33: F. Handtke, Westliches Rußland (Polen). 10. Auflage. Berlin und Glogau o. J.

 

___________________________

 


Ankunft in Ostpreußen, erste Gefechte mit den russischen Truppen

 

Am 31. August von Aachen nach Herzogenrath daselbst verladen
um 6 Uhr Abends.
Am 3. Sept. Morgens 9 Uhr
in Mühlhausen Ostpr.
ausgeladen. Am 6. Sept.
Quartier in Pr. Eylau.
Von Pr. Eylau nach Friedland
nach Schönbaum
Am 9. Sept. daselbst starkes
Artilleriegefecht
Am 10. Sept.

... hier bricht die Eintragung ab.

Offenbar wird Karls Einheit in die Schlacht an den Masurischen Seen (9. bis 14. September) verwickelt. Am 14. 9. nimmt er die Eintragungen wieder auf.

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Karte: Ostpreußen, Truppenbewegungen
Wir hatten gelesen, dass Karls Einheit bis Preußisch Eylau marschiert waren. Weiter ging's über Insterburg bis Tilsit; "Quartier in Labiau", schreibt er.

Hier nun die erste Karte mit Straßen und Eisenbahntrassen - rot umkreist sind die Orte, die Karl benennt; Marienburg ist gerade noch auf dem Ausschnitt ganz im Westen, im Norden dann Labiau am Südufer des Kurischen Haffs und Tilsit ganz im Nordosten.
Hier nun noch einmal die Karte mit Straßen und Eisenbahntrassen - rot umkreist sind die Orte, die Karl benennt; Marienburg ist gerade noch auf dem Ausschnitt ganz im Westen, im Norden dann Labiau am Südufer des Kurischen Haffs und Tilsit ganz im Nordosten.

 Quelle: Carl Flemmings Generalkarten, No. 33: F. Handtke, Westliches Rußland (Polen). 10. Auflage. Berlin und Glogau o. J.



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Nach den Gefechten in Ostpreußen und "Quartier in Labiau" am 14. September sowie in Kuggen am 15. September Marschbefehl Richtung Süden. Russische Truppen sind bis tief in österreich-ungarisches Gebiet eingedrungen und haben große Teile Galiziens besetzt.
Deutsche Truppen werden zur Unterstützung herbeigerufen.

Marsch durch Ostpreußen bis ans Kurische Haff, dann südwärts über Oberschlesien nach Galizien

Links bei Königsberg vorbei
Rechts bei Insterburg vorbei 2 km
Russen eilige Flucht
In der Höhe von Tilsit 250000 Russen
Am 14. Sept. in Labiau in Quartier

Am 15. Quartier in Kuggen
Dienstag 5 Uhr (das war der 15.9.)
Fahrt über Braunsberg Elbing
Weichselbrücke 783 (?)
Marienburg Pr. Stargardt
Lissa Banitsch Brieg
Tarnowitz Donnerstag Abend 11 Uhr
(das ist jetzt der 17.9.)

19. Sept. in der Kaserne Reitende
Jäger eine Nacht in Quartier
Am 19. September Nachmittags 31/2 Uhr
die Russische Grenze überschritten
Am 20. In einer deutschen Fabrik
in Quartier Russisches Dorf
Am 21. Sept. Quartier " "

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Der geschulte Blick des Landwirts auf die Dörfer in Russisch-Polen 

Man befindet sich nun in Südpolen, eine der ärmsten Regionen des westlichen Zarenreichs.

Dörfer schlecht, Häuser alles
mit Stroh und Holzschindel
gedeckt Mancherorts (?) selten
hölzerne Bohlen auf
geschichtet. Obstbäume
wilder. Land 1 Meter Stücke
Kühe klein und mager
Pferde dasselbe
In Russisch Polen die
Leute durchweg Juden
Straßen sehr schlecht u. sehr selten.
Häuser so mickrig das
mit der Hand das Dach zu
reichen ist. Boden sehr schlecht,
stellenweise wächst garnichts
Untergrund alles steinig.

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Ich füge hier wieder eine Karte ein:

Karte#3 - Russisch Polen mit Warschau, ferner nördl. Galizien, Krakau (zu Österreich-Ungarn) und Breslau (Deutsches Reich)

Russisch Polen mit Warschau, dazu Krakau (zu Österreich-Ungarn) und Breslau (Deutsches Reich)
Russisch Polen mit Warschau, dazu Krakau (zu Österreich-Ungarn) und Breslau (Deutsches Reich)

 Quelle: Carl Flemmings Generalkarten, No. 33: F. Handtke, Westliches Rußland (Polen). 10. Auflage. Berlin und Glogau o. J.

 

 

Am 26. August Brief von Etzen
Am 30. " " " "
Am 30. August " " Frieda
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Am 22. + 23. (September) Marsch
Am 24. Quartier Pinzewit
Stadt Markt

Habe am 28. Sept. bei toschoff (Staszów?)*
eine Schrapnel Kugel durch
die linke Wade und einen
Streif Schuß durch den linken
Rockärmel (zwei Worte gestrichen)
am Seitengewehr abgeprallt
das linke Pferd** erschossen
gelegen in der Schule vom
28-2. Okt. Darauf 35 klm
(unleserlich) nach Mechow (richtig: Miechów)
gefahren von 10 Uhr bis 6 Uhr Uhr (sic)
Am Sonnabend 10. Okt. Müller
und ich im Auto nach Krakau gefahren
1/2 Stunde gefahren

*vermutlich Staszów, das ca. 35km von Miechów entfernt liegt

** Karl gehörte einer "bespannten Maschinengewehr-Einheit" an - zwei Pferde bilden üblicherweise ein "Gespann"

 

Kartenausschnitt mit dem Operationsgebiet von Karls Einheit und dem Ort seiner Verwundung

Quelle: Carl Flemmings Generalkarten, No. 33: F. Handtke, Westliches Rußland (Polen). 10. Auflage. Berlin und Glogau o. J.

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Lazarettaufenthalte, Autofahrt und immer schlechtere Verpflegung

Eine deutsche Gräfin hat uns hin
gefahren, hat sehr viel Gutes
an uns getan.
In Krakau Morgens Kaffe (sic) 2 Brötchen
10 Uhr Kakao Schinken 2 Brötchen
Mittags Fleisch Kartoffel Apfelbrei
1 Teller Suppe 2 Glas Apfelwein

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In Mechow Morgens Kaffe 1 Brötchen
Mittags Fleisch und vier große Kartoffeln
Abends Teller Suppe

----------------

In Androschenof Morgens
Tee ohne Zucker 1 Stück trocken Brot
Mittags 1 Trinkbecher Gemüsekonserven
Abends Tee o. Z. 1 St. Brot

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Am 21. Oktober ist um mein
Bein ein Gips Veband gelegt,
es wurde mit Röntgenstrahlen
durchleuchtet und wurde fest-
gestellt, daß noch ein Riß
im Knochen war. Außerdem
das Schienbein gebrochen.
Am 2. November Wunde aufgemacht
war vereitert,

- Die Eintragung bricht hier ab. -



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Tiefe Verzweiflung - eine katholische Schwester spendet Trost

O Maria ohne Sünde em
pfangen bitte für uns die
wir zu dir unsere Zuflucht
suchen.
Den Spruch und Medaljon
von einer Katholischen
Schwester in schwerer Stunde
meines Lebens erhalten.

Harre meine Seele, harre
des Herrn, alles ihm befehle
hilft er doch so gern in
allen Stürmen in aller
Not wird er dich beschirmen
der treue Gott.

Wie mein Gott mich führet, so will ich
gehen, ohne selbst irgend wählen.

 

Dass er hervorhebt, dass es sich um eine katholische Schwester handelt, die ihm beisteht, ist wohl nur so zu erklären, dass es ja in seiner Heimat in der Lüneburger Heide keine Katholiken gab. Überdies war die Vokabel "getoulsch" gleichbedeutuend mit "falsch", "nicht vertrauenswürdig". (Erst 1945 mit den Flüchtlingen kamen Katholiken aus Schlesien und Westpreußen in die Lüneburger Heide).
Österreich-Ungarn aber war katholisch geprägt, und die polnische Bevölkerung war es noch viel mehr. Das gilt auch für die Polen in der preußischen Provinz Posen-Westpreußen wie auch für Russisch-Polen, aber auch für die deutschprachige Bevölkerung dort.

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Zwei Adressen von Krankenschwester und Pflegerin in schweren Stunden

Die Tagebucheinträge legen nahe, dass es sich bei Gräfin Gersdorff um die Gräfin handelte, die Müller und ihm "sehr viel Gutes" getan hat. Und Helene Engelman wird die "katholische Schwester" sein, die ihm "Spruch und Medaljon" gegeben und ihm Trost gespendet hat.

 

Schwester Gräfin Marguerite Bernsdorf*
Krakau Postlagernd Hauptpostamt

*Dies wird Gräfin Gersdorff selbst geschrieben haben.


"Meine Pflegerin in schwersten Stunden", schreibt Karl.

Helene Engelman in Krakau
ul. Staszica 8.*

*Namen und Adresse sind wohl von Frau Engelman geschrieben worden.

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Frau Engelman scheint auch die Adresse des Lazaretts in das Notizbuch geschrieben zu haben (s. rechts):

Krakau - Garnisonsspital No.15
Abteilung 2. Zimmer 6.

 

Bei GoogleEarth kann man das Haus an der ulica Staszica Nr. 8 sehen - es ist nicht auszuschließen, dass hier die Pflegerin Helene Engelman gewohnt hat.


 

Karls kleine Währungstabelle:

Die deutsche Armee hatte fast ganz Belgien, große Teile Nordfrankreichs und Gebiete in Russisch-Polen besetzt. Hauptverbündeter war Österreich-Ungarn.
Die Soldaten kamen in den besetzten Gebieten natürlich mit der Bevölkerung zusammen, und sie hatten mit deren Geld zu tun. Vielleicht hat Karl deshalb eine Art Umrechnungstabelle angefertigt.

Östreiches (sic) Geld

1 Krone = 80 Pfg. (hier mit dem alten Symbol, das einem griechischen "Delta" gleicht, geschrieben)
1 Kreuzer 2 Heller
3 Heller 2 Pfg.

------------

Russisches Geld
1 Rubel = 2,16 M.
1 Kopeken = 1 Pfg.
------------

Französches (sic) Geld

1 Frank = 85 Pfg.
4 Cent = 5 "


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Im Lazarett in Eger: Tod, Selbstmord, Selbstverstümmelungen, Hinrichtungen

Ende Oktober 1914 wird Karl ins böhmische Eger (heute Cheb in Tschechien) ins Lazarett verlegt. Er schreibt nur von schlimmsten Vorkommnissen. Einziger Lichtblick ist Frau Dr. Schubert mit "Cigarren und Cigaretten".

Res. Spital Rudolfinum
Eger in Böhmen
Zimmer 2 b
II. 8 II/8

Das Rudolfinum in Eger (heute Cheb) war ein 1875 fertiggestelltes Schulgebäude, das nun als Lazarett genutzt wurde. Bilder sind hier. 1999 wurde das Gebäude abgerissen.

In der Nacht auf den 15. Oktober
Kamerad Gärtner gestorben
hatte Lungenschuß . Inhaber
des Eisernen Kreuzes


Am 16. Oktober ein Östreicher gest.


Frau Doktor Schubert hat
täglich Cigarren und Cigaretten gespendet.

 

18 Östreicher und 2 Tiroler haben
sich selbst mit Absicht in die
Hand geschossen, wurden erhängt

Ein Wachtmeister in Eger aus
dem 2. Stock gesprungen gestorben
Verheiratet 4 Kinder

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Transport von Krakau nach ins Lazarett Eger -

 

Diese Notiz, die die Bahnstrecke des Verwundetentransports dokumentiert, hat nicht Karl geschrieben, sondern vielleicht eine der begleitenden Schwestern, vielleicht Helene Engelman (s.o.) - jedenfalls legt die Ähnlichkeit der Handschrift diese Vermutung nahe.

Krakau (26. Oktober,
5 Uhr nachmittags),
Oświęcim, Oderberg,
Prerau (27. Oktober, 6 bis
8 Uhr früh), Olmütz,
Böhmisch-Turau,
Pardubitz, Kolin,
Prag (28. Oktober,
1 Uhr nachts), Marien-
bad, Eger 1/2 1 Uhr
vormittags
28. Oktober

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Am 11.12.1914 Vormittags
10 Uhr aus Eger gefahren
Wiesau, Weiden, Regensburg,
Hof, Plauen, Reichenbach,
Altenburg, Leipzig, Halle

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Auf den letzten Seiten finden sich Adressen:

oben:

Franz Lindemann
Bln-Niederschönhausen
Kaiser Wilhelmstr.92

 

unten:

Gemeindepastor Döring
Cassel Wilhelmshöhe
Kunoldstr. 32

 

oben:

Musketier Eilers Wilhelm
Ilmenau/Thür. Teisstr. 1


unten:

Nikolaus Brandt
Oberlohma
b. Franzensbad
Böhmen

 

Wehrman (sic) Herm. Cohrs II.
2. Komp. Reserve Rgt. 208
22. Armeekorps
44. Division
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Wehrmann H. Drewes 6. Komp.
Reserve Regt. N. 208
22 Armee Korps
44. Division
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Kanonier Sengstaake 13. Armeekorps
Fußartelerie (sic) Rgt. N. 13 .
1. Linien Baterie (sic)
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Wehrmann H. Sengstacke
Res. Inf. Rgt. 28 12. Komp.
19. Res. Division 10. Res. Armeekorps
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dann, kopfüber:
Thomas Rosser
L... Schürmann
K... Kreuzburg

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