Nichts hat Helmuts Leben und Empfinden so beeinflusst und geprägt wie der Krieg. Es ist wohl so, wie Erich Maria Remarque sagt, dass niemand unverletzt aus dem Krieg zurückkehrt. Und wenn einer ohne körperliche Verwundungen oder mit nur geringen physischen Verletzungen nach Hause kommt, so trägt er doch in seinem Innersten an den Wunden, die der Kreig seiner Seele, seinem Gefühl gechlagen hat.

Anders als so viele hat Helmut immer wieder davon erzählt, nachgefragt, darüber gelesen, berichtet - seine Art, mit den erlebten Schrecken umzugehen. (Und seine große Präzision in der Erinnerung an Daten fällt auf - sicherlich war das seine individuelle  Methode, das erlebte Grauen zu strukturieren und fassbar zu machen.)

Schon als wir noch nicht zur Schule gingen, hat er uns Kindern immer wieder erzählt. Und auch die Enkel hörten seine Geschichten, blätterten - mehr oder weniger interessiert - mit ihm in den Bilderalben. Und er ist nach seinem 70. Geburtstag als rüstiger alter Mann noch drei Mal in Leningrad gewesen, 1989 und 1990 mit mir und 1992 mit Otto Drewes und dessen Freund Georg Hemming aus Kirchgellersen.

Verfolgen wir das.

Eigentlich wäre er gern zur Luftwaffe gegangen, und so hat er sich im Sommer 1939  zusammen mit seinem Freund Hans-Georg St. aus Amelinghausen beim "Regiment General Göring" beworben und ist dort auch angenommen worden. Im September 1939 kommt die Zusage, die aber im Dezember 1939 zurückgezogen wird. Die Schreiben sind hier.

Als er 1940 zur Wehrmacht eingezogen wird, lässt er sich wie sein Vater Karl und sein Onkel Hermann in Uniform fotografieren.

Die Wehrmachtsauskunftsstelle in Berlin hat allerhand in den Akten gefunden (das steht unten; bitte hier klicken)

 

Dann die Orte und Ereignisse:

> der Westen, Holland, Belgien, Frankreich - Oostende, Oudenburg, Calais.

> Amiens - “de Spieß schütt sick dod!”

Trouville

Dann Gelbsucht, Lazarett in Hamburg , kurzer Genesungsurlaub in Etzen - und dann

> Russland, Leningrad

> Eisernes Kreuz 2. Kl. am 24.12.1942

> Reval / Tallinn

> Narwa

> Die Verwundung am 14. September 1944

> Das Lazarett in Konitz

> Der Schutzengel

> Gefangenschaft

> Kriegskameraden

> Soldaten, Krieg und "Tourismus"

 

____________

    

 

 


     

    

Wie sein Vater Karl und sein Onkel Hermann, so hat sich auch Helmut fotografieren lassen, bevor er in den Einsatz kam:

 

Der Soldat, etwa 1940

 

 


     

Hier zunächst die Daten, die die Wehrmachtsauskunftsstelle in Berlin zusammentragen konnte; unten dann steht ein mit Schreibmaschine geschriebenes Blatt, auf dem Karl Methling Helmuts verschiedene Einsatzorte aus eigener Erinnerung dokumentiert:

 

Heimatanschrift 1940:  Vater: Karl B., Etzen 4 über Amelinghausen
Diensteintrittsdatum:    nicht verzeichnet
Erkennungsmarke:       -276- Ers. Kp. l. R. Zg. 22   

Truppenteile:
laut Meldung vom 12.02.1940:
Ersatz Kompanie für Infanterie Reiter Züge 22 Standort: Lüneburg

laut Meldung vom 27.02.1940 und vom 05.11.1941:
11. Batterie Artillerie Regiment 225

laut Meldung vom 13.12.1941 und vom 26.01.1942:
Genesenden Batterie leichte Artillerie Ersatz Abteilung (motorisiert) 225

laut Meldung vom 28.01.1942 und vom 20.04.1942:
I. Batterie leichte Artillerie Ersatz Abteilung (motorisiert) 225

laut Meldung vom 28.04.1942: II. Batterie Artillerie Regiment 215

... und vom 09.11.1944: zu: Artillerie Ersatz Abteilung 5, Neu Ulm
 

Die Formulierung „laut Meldung vom" bedeutet, dass es sich hierbei um das Datum einer so genannten Erkennungsmarkenliste handelt, in der verschiedene Veränderungsmeldungen zusammengefasst sind. Der Eintrag in die Liste kann jedoch bis zu drei Monaten vor oder nach dem Datum erfolgt sein.
 


Lazarettaufenthalte/Schädigungen:

02.04.1941 - 12.04.1941: 
Ortslazarett 225, Pont el Evegue/Frankreich - Erkrankung - Abgang: dienstfähig

06.11.1941 - 09.12.1941: 
Kriegslazarett 2/613 Amiens/Frankreich - Gelbsucht - Abgang: dienstfähig zur Truppe

14.09.1944:
Sileni - Bauska/Lettland - Artillerie Geschoss rechter Oberschenkel - Abgang: zum Hauptverbandplatz
 
Dienstgrad:
laut Meldung vom 06.11.1941, laut Meldung vom 14.09.1944 (kein Beförderungsdatum) Gefreiter


Kriegsgefangenschaft:
Am 04.08.1945 von einer britischen Entlassungsstelle registriert. Über die Gefangenschaft selbst sind keine Unterlagen vorhanden.

Einsatzräume und Stationierungen von aktiven Fronttruppenteilen sind in dem hier verwahrten Original-Wehrmachtschriftgut nicht verzeichnet oder nur mit großem Arbeitsaufwand zu ermitteln. Aus Geheimhaltungsgründen wurde in den Truppenlisten in der Regel auf entsprechende Einträge verzichtet. Bei Interesse an derartigen Informationen empfehlen sich Fachliteratur (z. B. „Verbände und Truppen der deutschen Wehrmacht und Waffen-SS im Zweiten Weltkrieg 1939 -1945", Georg Tessin, Biblio Verlag, Osnabrück) sowie Internetrecherchen.
Die hier vorhandenen Unterlagen haben personalwirtschaftlichen Charakter. Sie enthalten (soweit vorhanden) die dafür unbedingt erforderlichen Angaben - im Wesentlichen also Daten und die Art der jeweiligen Veränderung. Hintergründe und Umstände sind in der Regel nicht näher dokumentiert.

    

Aufstellung von Einsatzorten aus der Erinnerung, von Karl Methling mit Schreibmaschine getippt:

 

Mitgemachte Schlachten und Gefechte (Transkription):

1940

27.2. - 10.5. Verwendung im Operationsgebiet der Westfront

10.5. - 14.5. Angriff über Maas und Schelde, Durchbruch bis zur Küste

15.5. - 20.5. Angriff gegen die Festung Antwerpen

18.5. - 18.5. Eroberung der Insel Walcheren

21.5. - 27.5. Angriff über Neuzes-Gent-Kanal

28.5. - 12.6. Entwafffnung von Teilen des belgischen Heeres in Flandern

13.6. - 25.6. Verwendung im Operationsgebiet

26.6. - 6.7.  Besatzung in Nordfrankreich

7.7. - 2.11.  Küstenschutz in belgien (Ostende) (richtig: Oostende)

3.11.- 31.1.41 (in der Vorlage:  31.41) Besatzung in Frankreich


1941

1.2. - 6.11. Küstenschutz an der Kanalküste (Trouville)


1942

 1.5. - 30.11.    Kämpfe zwischen Ilmen- und Ladogasee

 1.7. - 13.1.44   Stellungskämpfe im Bereich der Heeresgruppe Nord  (Datierung unlogsch)

 3.1. - 30.10.42  Stellungskämpfe im Raum von Leningrad

14.1. - 1.3.44    Pleskau, Narwa
                  Rückzug von Leningra, Pleskau, Narwa 

 4.3. - 12.3.44   1. Abwehrschlacht bei Ostrow

31.3. - 17.4.44   2. Abwehrschlacht bei Pleskau

24.4. - 14.9.44   Stellungskämpfe im Bereich der Heeresgruppe Nord

(am 14. September 1944 ist Helmut bei Bauska/Bauske in Lettland verwundet worden.)

 

 

 

 


   

1940/41 - "Vormarsch" durch die Niederlande und Belgien; Besatzungssoldat in Belgien und Nordfrankreich

1939 meldet Helmut sich zusammen mit seinem Freund Hans-Georg Studtmann aus Amelinghausen freiwillig zur Wehrmacht. Am 29. Juni kommt ein Bescheid - angenommen; vorgesehene Verwendung: Luftwaffe.

Sein Vater Karl gibt ihm mit: “Jung, du bist nu Soldat. Dat eine wi'k Di seggen: Mak allns, wot di secht ward. Aber mel’ di tou nix freiwillich. Dat geiht meistendeils nich gout, ick sech di dat.” (Junge, du bist nun Soldat. Das eine will ich dir sagen: Tu alles, was dir gesagt wird. Aber melde dich zu nichts freiwillig. Das geht meistens nicht gut. Ich sage dir das.)
Er wussste Bescheid von 1914 her.

Helmut wird in den Kasernen in Lüneburg und später in Bielefeld "liegen", wie es so heißt.

1940 dann heißt es ausrücken von der Kaserne Dortmund-Brackel aus in die "Bereitstellungsräume" nahe der niederländischen Grenze. Am 10. Mai 1940 - frühmorgens am am Himmelfahrtstag; ganz Holland schläft - bricht der deutsche Überfall auf die Niederlande los. Der “Vormarsch” folgt der Route Tilburg - Breda und weiter Richtung Belgien. Es folgt eine kurze Zeit der Stationierung in Antwerpen. Die Schelde kann nicht so ohne weiteres überquert werden. Und der Schelde-Tunnel ist von der belgischen Armee geflutet worden.

Sommer und Herbst 1940 - Stationierung in Oudenburg bei Oostende beim “Küstenschutz”; hier in dem großen Stall eines Gutshofes von 1671 werden die Pferde untergebracht. Der Bauernsohn Helmut kümmert sich um sie.

Ende 2014 habe ich erfahren, dass der Gutshof - Abdijhove, also Abtei-/Klosterhof - von der Stadt Oudenburg gekauft worden ist - mehr steht hier in der lokalen Zeitung "Nieuwsblad" vom 24.12.2014.

Oft hat er erzählt, dass das Flämische unserem Platt ganz ähnlich ist. Eine junge Frau, Margriet mit Namen (Kosename: “Margrietje”) ist auf dem Hof. Oft fragt er sie: “Magritsche, hest Du noch’n poar Spiegeleier?” Und sie kommt mit Spiegeleiern. Dass “Krieg” auf Flämisch/Niederländisch “orlog” heißt, erfährt man auch. Oft fragen die Einheimischen: “Is de orlog bald vorbi?”

Juni/Juli 1940 wird Helmut in Nordfrankreich stationiert, in Calais. Nach England hätten sie geschossen mit ihren Kanonen; aber da Dover 37 km entfernt ist, sie aber nur 34 km weit hätten schießen können, seien ihre Granaten in den Ärmelkanal gefallen.

Es folgt eine Stationierung bei Amiens. Hier erlebt er etwas, das einen so dramatischen Eindruck hinterlässt, dass er immer wieder davon erzählt:
Er findet, als er an einem Sonntagnachmittag die Pferde füttern will. Da sitzt auf einem Bund Stroh sein Spieß. Er hat sich mit seiner Dienstpistole den halben Schädel weggeschossen. Tags zuvor hatte er sich “fürchterlich einen geblitzt”, war dann in die Dorfkirche gegangen und hatte dort im Vollsuff randaliert, Altargeschirr umhergeworfen und einer Marienstatue den Kopf abgeschossen. Ihm wurde vor versammelter Mannschaft ein Verfahren vor dem Kriegsgericht angekündigt. Das hat er offenbar nicht verwinden können.

Am 14. Juli 1941 sucht er das Grab von Karl Rademacher aus Bienenbüttel auf. Der ist am 28. Mai 1940 gefallen. Er schreibt seinen Eltern und Heinz davon. Mit Rademachers sind wir verwandt, und “mit Karl heff ick ümmer goud künnt”.

Der Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge hat sein Grab gepflegt.

Spätere Stationierungsstandorte sind Honfleur ("hongflöhr"), Trouville, Deauville und Le Havre. Auch der obligatorische Ausflug nach Paris mit Gruppenfoto vor dem Eiffelturm ist drin (1. November 1941).

Eine Gelbsucht - er selbst sagt, da habe sich sein Schutzengel das erste Mal bemerkbar gemacht - erwischt ihn im Herbst 1941. Er liegt zunächst im nordfranzösischen Arras im Lazarett und wird dann nach Hamburg verlegt.Und seine Einheit wird als Artillerieregiment der süddeutschen 215. I.D. (Infanteriedivision) zugeteilt und in diesem Winter 1941/1942 nach Leningrad verlegt.

Im Lazarett kursieren Gerüchte über den mörderischen Winter in Russland, der die Soldaten mit aller Härte trifft - umso mehr, als Hitler persönlich verbietet, Winterkleidung auszugeben - er möchte die Illusion aufrechterhalten, zu Weihnachten sei alles vorbei. Das, obwohl 1941 im Oktober die Schlammperiode einsetzt und der Winter in diesem Jahr ungewöhnlich früh und heftig einbricht. So sind die Soldaten dann bei Temperaturen von -35° C und darunter noch in Sommerbekleidung tief in Russland. (Und ich habe einen pensionierten Realschulrektor Jahrg. 1920 kennengelernt, der als Funker vor Moskau eingesetzt war, und er berichtet von -52°C. Man macht sich kein Bild davon.)  Als alles das im Lazarett erzählt wird, da zieht er sich die Bettdecke über die Ohren - “ick weu je inne Schuul!” (Ich war ja in Geborgenheit.)

Im Frühjahr 1942, nach ein paar Wochen Genesung und Arbeiten bei der Frühjahrsbestellung in dem friedlichen Etzen dann heißt es Abschied nahmen - Marschbefehl nach Leningrad. Karl bringt ihn nach Amelinghausen zum Bahnhof. Dort verabschieden sie sich. “Ick hei mienen Vader nie weenen seihen. Aber wie ick na Russland möss, doar hett hei weent.” (Ich hatte meinen Vater nie weinen sehen. Aber als ich nach Russland musste, da hat er geweint.)

Von Amelinghausen geht es nach Lüneburg, von dort nach Hamburg, nach Stettin, nach Königsberg und Tilsit, über Riga und Reval und Narwa nach Leningrad. Das dauerte ungefähr 1 Woche.

Was tat eigentlich man so lange im Zug? “De meiste Tied keik man ut’n Finster oder man schleup. Manchmal dä man Korten spälen, aber dor keum je meist kein ollich Gelach tougang.” (Die meiste Zeit guckte man aus dem Fenster, oder man schlief. Manchmal auch spielte man Karten, aber eine ordentliche Spielergruppe kam kaum zustande.)

Es folgen einige Bilder, die ich aus seinen Fotoalben eingescannt habe:

 

Feuerstellung - die "Bedienungsmannschaft"; Bildmitte: Helmut

Helmut vor dem Geschütz, ziemlich "cool" muss er sich vorkommen.


Helmut mit den Gespannpferden in Oudenburg/Belgien


Karl Rademachers Grab mit frischen Blumen, die Helmut gepflückt und auf sein Grab gelegt hat.

________________

Helmut schreibt nach Hause an seine Eltern Karl und Frieda und an seinen Bruder Heinz:


"Liebe Eltern, lieber Bruder!

Einen Brief habe ich von Euch noch nicht wieder erhalten, habe aber soeben die 4 kleinen Päckchen mit Taback, (sic) Zigarretten (sic) und Bonbon dankend erhalten, jetzt habe ich wieder was zu rauchen. Eben habe ich mir den Bauch mal so richtig voll jungen Kartoffeln geschlagen, das hat tadellos geschmeckt. Früher als ich noch ein kleiner Knirps war, gingen Vater und ich ja denn auch los und holten eine kleine Kaffeebohnentüte voll, so ungefähr habe ich es heute abend auch gemacht.

Gestern am Sonntagnachmittag habe ich mir hier von einem Zivilisten ein Rad geliehen, Urlaub hatte ich eingereicht. Habe denn Karl Rademachers Grab aufgesucht. Ein Kamerad wollte noch mit, wir haben aber kein 2. Rad gekriegt, so bin ich denn alleine losgefahren. Ich mußte ungefähr 12km fahren, denn war ich in den Ort, der Ort hat ja auch ziemlich was abgekriegt vom Krieg. Nun ging das Suchen ja los, ich kann Euch sagen, da habe ich aber geschwizt (sic). Denn ich konnte ja nicht ahnen, nach welcher Richtung aus dem Orte ich das Grab suchen sollte. Auch traf ich keinen Menschen da.

Ich hatte schon bald die Hoffnung aufgegeben das Grab noch zu finden. Da fuhr ich ochmal ein gutes Stück aus dem Ort raus, und da fand ich es, konnte das Grab denn schon vom Weg aus sehen. Karl und sein Kamerad liegen zusammen, etwa 10 – 15 m dahinter sind noch zwei Gräber. Das sind aber keine von der Artillerie. Dann habe ich am Weg einen Blumenstrauß gepflückt, und habe den auf Karls Grab gelegt. Habe das Grab denn noch photographiert, hoffentlich sind die Bilder nun auch was geworden. Habe denn noch eine Zeitlang am Grabe verweilt und alle Erinnerungen aus unsrer Kindheit vorüberschweifen lassen. Da trat ich den Heimweg wieder an. Ich habe mich sehr gefreut, daß es mir vergönnt war, das Grab von dem lieben Karl aufzusuchen.

Ihr Lieben alle, ich will jetzt schließen, denn die Nacht bricht schon an.

Hoffe daß es Euch alle auch recht, recht gut geht

   Viele herzliche Grüße

Euer Helmut"

 

 

Am Effelturm, 1. November 1941 - Helmut steht ganz links im Bild, 2. Reihe


  

Amiens: "De Spieß schütt sick dood!"

Juni/Juli 1940 wird Helmut in Nordfrankreich stationiert, in Calais. Nach England hätten sie geschossen mit ihren Kanonen; aber da Dover 37 km entfernt ist, sie aber nur 34 km weit hätten schießen können, seien ihre Granaten in den Ärmelkanal gefallen.

Es folgt eine Stationierung bei Amiens. Hier erlebt er etwas, das einen so dramatischen Eindruck hinterlässt, dass er immer wieder davon erzählt:
Er findet, als er an einem Sonntagnachmittag die Pferde füttern will, den “Spieß” (Hauptfeldwebel - “der Spieß ist die Mutter der Kompanie”, heißt es schon im Ersten Weltkrieg). Der sitzt auf einem Bund Stroh - tot, und die Wand hinter ihm ist “allns vullschmeert mit Brägen und Bloud” (alles vollgeschmiert mit Hirnmasse und Blut): Er hat sich mit seiner Dienstpistole den halben Schädel weggeschossen. Tags zuvor hatte er sich “fürchterlich einen geblitzt”, war dann in die Dorfkirche gegangen und hatte dort im Vollsuff randaliert, Altargeschirr umhergeworfen und einer Marienstatue den Kopf abgeschossen. Ihm wurde vor versammelter Mannschaft ein Verfahren vor dem Kriegsgericht angekündigt. Das hat er nicht verwunden.


    

August 1941 - Idylle vor dem großen Krieg

August 1941 ist Helmut in Etzen - Urlaub. Klar, dass er auf den Lanz steigt, und zwar in Uniform.

Diese drei Bilder hat er in seinem Fotoalbum so angeordnet, wie man es unten sehen kann. Der Lanz steht für die Geschäftigkeit auf dem Hof, zumal in der Erntezeit, die Uniform für den Krieg - den einen hat er hinter sich, den in Belgien und Frankreich. Er wird nach Frankreich zurückkehren, wo er als Besatzungssoldat einen ruhigen Dienst schieben kann. Aber ahnt er, dass der andere Krieg, der in Russland, auf ihn wartet? Auf dem Bild rechts oder dem zweiten von oben jedenfalls guckt er sehr nachdenklich und skeptisch in die Kamera, als dächte er: “Dat heff ick in’n Kieker, wat dor noch vun kummt.”
Das untere Bild zeigt den tierlieben Helmut, wie er mit dem Kaninchen spielt - die Idylle ist auf 3 Wochen begrenzt, “denn geiht weder na’n Krieg.”
Interessanterweise wird das wie die Bestimmung einer Richtung konstruiert, als ginge man zu einem bestimmten Ort, ähnlich wie "na Lümboch"/nach Lüneburg oder auch "na Kerk" / zur Kirche "na Schoul"/"nach Schule, also zur Schule"). Ob hier die Sprache verharmlost? Immerhin kommt man ja aus Lüneburg oder aus Kirche und Schule wieder gesund nach Hause.

 

Ohne Uniform, mit Kaninchen

Dieses Bild, vor der Giebelwand in Etzen aufgenommen, muss 1941 oder 1942 entstanden sein, als Helmut Urlaub hatte. Links im Bild ist sein Bruder Heinz, rechts sein Vater Karl. Die Frau kann ich nicht identifizieren.

   


Leningrad, 1942-1944

Die Belagerung der Millionenstadt Leningrad - heute wieder: St. Petersburg - gehört zu den abscheulichsten Kriegsverbrechen der Wehrmacht: Eine Stadt mit mehr als 3 Millionen Einwohnern, damals etwa mit Paris zu vergleichen -  wurde vollständig abgeriegelt, aus der Stadt sollte niemand mehr hinausgelangen, und ichts und niemand kam in die Stadt, keine Verpflegung, kein Wasser, kein Brennstoff. Hitler hatte den Befehl gegeben, die Bewohner verhungern zu lassen. Die Stadt wurde zunächst von der Luftwaffe angegriffen mit Flächenbombardements. Nachdem aber die Verteidiger Fesselballons mit aluminiumstreifen hatten aufsteigen - "Dor künnst du toukieken, wie se hendaltrudeln dän" - "Da konntest du zusehen, wie sie (die Maschinen) heruntertrudelten." Nun wurde die Stadt mit all ihren Einwohnern täglich mit Artillerie beschossen, zuerst die Lebensmitteldepots, denn Planquadrat für Planquadrat die Wohngebiete.

Mehr als 1 Million Menschen - etwa ein Drittel der Bewohner - musste einen erbärmlichen Tod sterben, Hunger, Entkräftung, Beschuss. Im Oktober 1991 war ich auf dem Friedhof und habe die Massengräber gesehen.-

Der Belagerungsring wurde erst am 28. Januar 1944 - nach 871 Tagen härtester Belagerung - durch die Rote Armee gesprengt. Anlässlich de 70. Jahrestages dieses Ereignisses sprach der 95 Jahre alte Schriftsteller Daniil Granin, ein Überlebender der "Blockade" oder der "900 Tage", wie es im Russischen heißt, am 27. Januar am Holocaust-Gedenktag im Deutschen Bundestag. Seine Rede ist in Auszügen hier, der Text in deutscher Übersetzung hier.-

 

Am 1. Mai 1942 kommt Helmut in der Stellung vor Leningrad an. Während in Etzen längst die Frühjahrsbestellung angelaufen ist und die Kühe auf der Weide sind, liegt hier noch Schnee.

"Dreiecksdorf" (wegen eines Gleisdreicks in der Nähe ihrer Artilleriestellung; das Dorf heißt Wolodarka), Mga, Gatschina sind Ortsnamen, die mir in Erinnerung geblieben sind und die wir 1989 und 1990 besucht haben.

Peterhof ist nicht weit. Dort hat Peter d. Große - Zar von 1689 bis 1725 - ein großes Schloss mit riesigem Park erbauen lassen, nach dem Vorbild von Versailles, das damals Maßstäbe setzte. Peter, der alles Deutsche bewunderte, nannte es "Peterhof", und weil es im Russischen kein "h" gibt, heißt es dort Петергоф (petergóf). Helmut geht einmal mit Ernst Buckendahl zu Fuß dorthin, den Bahndamm entlang, um das Grab von Ernsts Bruder zu besuchen. Sie haben sich einen gebrannt unterwegs. Als sie zurückkkommen, machen sie sich an den Geschützen zu schaffen. Sie werden abgehalten - heftiges Gegenfeuer aus der Stadt wäre die Folge gewesen und für die beiden ein Kriegsgerichtsverfahren.

Die "Weißen Nächte" haben ihn ubd die anderen Deutschen besonders fasziniert, wenn die Sonne sommers nur kurz unter dem Horizon verschwindet und schon bald wieder da ist, man kann dann den ganzen Tag ohne Beleuchtung auskommen. Die Kehrseite: Dies waren für die eingeschlossene Bevölkerung die schlimmsten Zeiten, denn die deutsche Artillerie konnte nahezu ununterbrochen ihrem Vernichtungswerk nachgehen.

Die Laufkatze im Hafen war ein Ziel für die Artillerie. Hoffentlich wurde sie nie getroffen.

Diesen Kran ("Laufkatze") im Hafen von Leningrad hat Helmut durch ein Scherenfernrohr fotografiert:

 

Während der Belagerung gibt es jeden Tag Artellerieduelle, im Sommer wird aus der Stadt weniger geschossen, weil Munition knapp wird, im Winter aber haben Pioniere der Roten Armee unter Anleitung von Geologen der Universität eine LKW und Eisenbahntrasse über den zugefrorenen Ladoga-See gelegt, die "Straße des Lebens". Kinder und Frauen werden so ins Hinterland evakuiert, Kunstschätze in Sicherheit gebracht, und Lebensmittel, Heizmaterial sowie Ersatzteile und Munition kommen in die Stadt.

Helmut erzählt oft von seiner Begegnung mit Süddeutschen; die Division ist eine württembergische Infanterie-Division (215. I.D.), nur das Artillerie-Regiment, das der Division zugeteilt ist, besteht aus Norddeutschen, sie kommen aus Holstein und Niedersachsen, einige aus Mecklenburg, Plattdeutsch ist ihre Umgangssprache. Die Schwaben verstehen sie nicht, sie fragen: “Seid Ihr Holländer?” Man lacht. Die Spannung löst sich - wären sie Holländer oder Flamen, so wären sie mit großer Wahrscheinlichkeit Waffen-SS-Leute gewesen, Vorsicht, Fanatiker.

Die Plattdeutschen aus Holstein, Hamburg und Niedersachsen machen Witze über die Schwaben (“de Quietschers” nennen sie sie, wohl wegen ihrer singenden Satzmelodie, sagt Helmut. Wahrscheinlicher: Mit  "Quiddje" wird in Hamburg einer bezeichnet, der nicht aus Hamburg oder Umgebung ist und - großer Nachteil! - kein Platt versteht. Ein gutes Dutzend der Soldaten in seiner Einheit kommt aus Großhansdorf, Einzugsbereich Hamburg.) Und die Schwaben sind höflich; es herrscht das vornehme “Sie”, während die Plattdeutschen, meist Bauern oder Handwerker, sofort und selbstverständlich auf “Du” sind: Im Dorf ist jeder “Du”, nur der Pastor und der Schulmeister nicht und der Gutsherr auch nicht, wenn vorhanden.

Die Plattdeutschen machen Witze über die Schwaben (“de Quietschers” ... ) Und die Schwaben sind höflich; es herrscht das vornehme “Sie”, während die Plattdeutschen, meist Bauern, sofort und selbstverständlich auf “Du” sind - im Dorf ist nämlich jeder “Du”, nur der Pastor und der Schulmeister nicht und der Gutsherr auch nicht, wenn vorhanden.
Und da, kurz bevor geschossen werden soll, fragt doch einer: “Habe Sie scho' gelade?” Man versteht das plattdeutsche “Schogelade”, also Schokolade ... Antwort: "Hebt we all upfräten" / "Haben wir alles aufgefressen."

Ein halbes Jahr hat er die Stiefel nicht ausgezogen. Ene September 1942 setzt die Schlammperiode ein, und an Heinz’ Geburtstag - 5. Oktober - friert es das erste Mal. Am 2. Mai 1943 dann, eine Woche nach seinem Geburtstag, kann er sich des erste Mal die Stiefel wieder ausziehen. In der Schlammperiode saugt sich das Leder voll Wasser und zieht sich zusammen. Wenn man sie dann noch ausziehen kann, wird man sie nicht wieder anziehen können. Also bleiben sie an - barfuß im Winter oder gar im russischen Winter geht nicht.

Im Herbst 1943 ist Heimaturlaub. Er fährt den Lanz Bulldog, geht mit seinem Cousin Fritz Meinecke aus Mölln (“de Tähnarzt”) spazieren. Er fängt sich eine Grippe ein. Als Karl und Helmut auf dem Bahnhof in Sottorf stehen, kommt Westermann, der Bürgermeister und ruft: “Helmut, giffst Du einen ut, wenn ick Di noch 2 Wäken Urlaub gäben dou?” Karl und Helmut glauben an einen schlechten Scherz. Doch, doch, die Einheit hat telegrafiert: Die Grippe muss zu Hause auskuriert werden; er habe gesund und erholt wieder bei der Truppe zu erscheinen.

Aus Helmuts Fotoalben

Hier kommen Fotos, die ich aus Helmuts Alben eingescannt habe; weitere werden folgen. Manchen habe ich Erläuterungen hinzugefügt, soweit ich mich erinnern kann. Ärgerlicherweise habe ich nicht alles notiert, und ab und an sagte er, dass er mit mir seine Fotoalben nochmal durchgehen wollte, um mir ein paar Namen und Ortschaften zu sagen. Wenn es so weit war, wollte er aber doch lieber über die Dörfer fahren und klönen. So muss dann doch allerhand im Dunklen bleiben. 

 

 

Die Kirche von Wolodarka"; im Landserjargon "Dreiecksdorf" genannt wegen des Gleisdreiecks hier.
In der Nähe waren die Artilleriestellungen.
Hitler hatte nach der vollständigen Einschließung der Stadt am 8. September 1941 den Befehl gegeben, die Stadt mit ihren 3 Millionen Einwohnern zu belagern, unausgesetzt zu beschießen und auszuhungern. Eine eventuelle Kapitulation sollte nicht angenommen werden - die Stadt und ihre Menschen standen also vor der Alternative zu verhungern oder sich zu wehren mit allem, was sie hatten. Das taten sie.
Am 28. Januar 1944 konnte der Belagerungsring endlich gesprengt werden, als sich Soldaten der Roten Armee, die aus Leningrad und aus dem ebenfalls belagerten weiter westlich gelegenen Oranienbaum ("Oranienbaumer Kessel") die Hände reichten.

 

 Bohlenweg aus Birkenstämmen

 

Artilleriestellungen vor Leningrad, vielleicht bei Urizk oder Wolodarka

 

unten: Verladung von Geschützen - leider geht aus den Bildern nicht hervor, wo das geschehen ist.
Der Waggon trägt die Aufschrift "Deutsche Reichsbahn" und "Stuttgart". Die Artillerieeinheit wurde ja der 215. Infanterie-Division unterstellt, und die kam aus Württemberg.

Posieren wie auf einem Urlaubsfoto


 oben: Waggon der Reichsbahndirektion Stuttgart


Posieren mit einer Granate, die Tod und Verderben in die Stadt bringen sollte:

Helmut stemmt eine Granate, die knapp 1 Zentner wiegt, genau 47,5kg ... Kraftmeierei und Spielerei noch, aber was geschieht, wenn das Ding geladen und abgeschossen wird und explodiert? Von 3 Millionen Einwohnern Leningrads sind etwa eine Million während der 900 Tage Belagerung ("Blockade") umgekommen, die meisten jämmerlich verhungert.


Campingplatzatmosphäre, könnte man meinen ...

 

Eine Art Richtfest

Die "Laufkatze", ein großer Verladekran im Hafen von Leningrad, von Helmut durch das Scherenfernrohr der Haubitze fotografiert


Post gekommen; ganz links: Helmut


Wer hier zum Frontbesuch erschienen ist, hat er leider nicht notiert - Oberst Frankewitz?



 

Heiligabend 1942 wird Helmut das Eiserne Kreuz Zweiter Klasse verliehen:

Das Eiserne Kreuz II. Klasse ("EK Zwo") hat er zeitlebens aufbewahrt; unten die dazu gehörige Urkunde, unterschrieben von Oberst Frankewitz:

Oberst Bruno Frankewitz als Unterzeichner  (Frankewitz war zu dem Zeitpunkt bereits Generalleutnant, seit 15. November.)

 

Karl Meyer aus Westergellersen, geboren am 11.10.1910 in Vierhöfen, gefallen am 27.09.1944 bei Oger/Lettland (ca. 10km von Riga)

Die Rückseite des Postkartenfotos: "Die besten grüße sendet euch  Karl"  "Schreibt  bitte mal wieder";
ungelenke Handschrift und Rechtschreibung fallen auf.

 


   

Der Schutzengel

Jeden, der nicht an einen Schutzengel glaubte, hat er ausgelacht. Helmut war felsenfest davon überzeugt, dass er einen gehabt hat. Wenn wir uns darüber unterhalten haben, ob es so etwas gibt - da hatte er mehrere Beispiele parat, an denen er ihm geholfen hat:

  • den kalten Winter 1941/42 muss er im Lazarett in Arras und in Hamburg verbringen - die schwere Gelbsucht stellt sich als lebensrettend heraus,
  • drei Volltreffer im Bunker vor Leningrad überlebt er,
  • der Bunker nebenan von einer Schiffsgranate zerstört und in Stücke gerissen - er war dabei, die Leichenteile einzusammeln und aufzuräumen...
  • die Grippe 1943 - ein paar Tage vor seiner Rückkehr nach Puschkin erhält sein Geschütz einen Volltreffer. Sein Vertreter, Max Rixen ist sofort tot. Helmut trägt seinen Sarg mit zum Grab
  • der Marschbefehl nach Reval (Tallinn) zum Gaslehrgang, als allen klar ist, dass “der Iwan” in der nächsten Zeit den Belagerungsring um Leningrad und Oranienbaum aufbrechen wird
  • dass er ein oder zwei Tage, bevor seine Infanterie-Einheit unter “Soldatenklau” in den Einsatz muss, am Bahnhof jemanden von seiner Einheit trifft, der dafür sorgt, dass er umgehend nach Narwa angefordert wird. (Die Einheit des Soldatenklau wird später vernichtet; die “Verbrecher” und die Fanatiker von der Waffen-SS haben nichts besseres zu tun, als “für Deutschland zu sterben”, wie "Soldatenklau" getönt hat.)
  • am 14. September bei Bauske wird er verwundet, als sie einen Verwundeten bergen und wegtragen - der Verwundete und einer derer, die ihn tragen, sterben, Helmut kommt ins Lazarett.
  • als am 27. April 1945 Ulm zerstört wird, sitzt Helmut im Bau, und zwar im Keller. Einige aus seinem Haufen kommen im Feuersturm um, und als ihre Flakstellungen getroffen werden. 

Noch Fragen?


 

Reval und Narwa - fast bricht ihm  sein Glück das Genick

Man merkt an dem intensiveren Beschuss aus der Stadt, der ab 14. Januar 1944 einsetzt, dass die Truppen der Roten Armee den Ausbruch vorbereiten, und jeder kann sich ausrechnen, dass die Einheiten der Wehrmacht bald zurückgedrängt werden und die Stadt nach 900 Tagen der härtesten Belagerung ("Blockade") der Geschichte befreit wird. Am 15. Januar  erhält Uffz. Helmut Brammer den Marschbefehl nach Reval (heute Tallinn). Dort soll er an einem Gas-Lehrgang teilnehmen. Denn das Oberkommando befürchtet, die Rote Armee werde Gas einsetzen, um den Belagerungsring um Leningrad zu sprengen.

 

“Du hest aber wedder Glück, Helmut,” sagen die Leute, “de Iwan brickt bald ut. Und denn biss Du wiet wech vun’n Schuss! Ick günn tou giern mit Di mit.” / "Du hast du aber wieder Glück, Helmut. Der Iwan bricht bald aus. Und dann bist Du weit weg vom Schuss. Ich ginge zu gern mit Dir mit."

In der Tat: am 28. Januar 1944 beginnt der sowjetische Großangriff, die beiden Kessel von Leningrad und Oranienbaum werden aufgesprengt, und die Wehrmacht wird einige hundert Kilometer zurückgeworfen.

Aber fast bricht ihm hier sein Glück das Genick:
“Soldatenklau”, ein Offizier im Range eines Majors, patroulliert mit Feldjägern durch Reval und lässt sich von jedem Landser den Marschbefehl zeigen. Es spricht sich herum, dass er umgeht - “Soldatenklau” steckt jeden, der nicht klar sagen kann, wo sich seine Einheit befindet - und das sind viele in diesen Tagen des Rückzugs -  in eine zusammengewürfelte Kompanie aus Versprengten. Als er Helmut fragt, wo seine Einheit sei, antwortet er, wie  er’s weiß: “Bei Puschkin, Herrr Major!” “Machen Sie keine Witze, Brammer, da sind wir lange nicht mehr!” In der Tat, er hat recht. Und Helmut findet sich in einer Kompanie wieder, in der auch Angehörige der Waffen-SS (“Nordland-Division”) sind - “Rabauken, Schläger, richtige Verbräkers tou’n Deil” - Norwegen, Dänen, manche direkt aus dem Knast. Sie wollen sich austoben, und Helmut weiß, denen ist alles egal.

Er ist nun “bei der Inf. gelandet” - bei der Infanterie, also ganz unten in der Rangfolge der Wehrmacht, den “Infanterieschweinen”, den “Frontschweinen”, die im Dreck liegen, bei denen, die ganz vorne Mann gegen Mann die Drecksarbeit machen müssen, und sie müssen bald zum Einsatz - aber der Iwan ist hier ja noch ruhig, schreibt er an Heinz - nicht an seine Eltern. Das kann er ihnen nicht schreiben, seinem Vater Karl, der den Ersten Weltkrieg überlebt hat und dessen älterer Bruder Hermann am 1. August 1915 "gefallen" ist, schon gar nicht. Heinz soll ihnen das erzählen, sonst machen sie sich zu viele Sorgen. Man kann das seinem Brief vom 29. Januar deutlich entnehmen. (Er ist anscheinend in 2 Etappen geschrieben; gleich nach dem ersten Satz hat er einen anderen Stift verwendet.) (Und wie gestresst und fertig er ist, wie er auch gealtert ist, kann man auch auf dem Bild rechts erkennen.)

“Soldatenklau” ist altgedienter Offizier und fanatischer Nazi. Im Ersten Weltkrieg haben ihm die Franzosen an der Westfront beide Hacken weggeschossen. Er kann nicht richtig stehen, wippt auf und ab: “Soldaten!” brüllt er die angetretenen Reihen an, “Was gibt es Schöneres, als für Deutschland zu sterben?”
Helmut denkt, aber er sagt es nicht: ”Leben ist besser!”

Er ist in jeder freien Minute am Bahnhof in Reval (Tallinn). Endlich trifft er einen aus seinem Haufen - bei Narwa sind sie jetzt . Er gibt ihm mit, man möge ihn, den Ladekanonier, unbedingt anfordern. Und so kommt es auch: ein Telegramm, ab in den Zug, und bald findet er seinen Haufen wieder, eben bei Narwa.

 

 

 

Osten, d. 29.I.44

Lieber Heinz!

Schnell will ich Dir einige Zeilen schreiben. In N. (offenbar Narwa) bin ich gestern gut angekommen habe in einer großen Fabrik übernachtet, hier wird ein jeder aufgefangen, ob Urlauber, Dienstreisende usw. ganz gleich von welcher Einheit, heute morgen war nun eine große Einteilung, es wurden mehrere Komp. aufgestellt, somit bin ch nun auch bei der Inf. gelandet, gesagt wird ja, daß wir in den nächsten Tagen wieder zur alten Einheit sollen; heute abend sollen wir allerdings noch in Stellung gehen , aber bis hier ist der Iwan ja noch nicht.
Nun lieber heinz, ich will dir man lieber nicht zu Haus schreiben. Du kannst es Vater ja mal erzählen.
Schreibt ruhig weiter auf meine alte F.P.N. (Feldpostnummer;  35860 war das)

Viele Grüße an Vater und Mutter

Dein Bruder

Ernst Buckendahl sein Haufen ist hier, habe schon einige getroffen.

 


   
 

Reval (heute Tallinn)

In Reval scheint er sich zuweilen wie ein Tourist gefühlt zu haben, jedenfalls bevor er "Soldatenklau" über den Weg gelaufen ist.
Unten findet sich ein ausklappbares Fotoalbum mit Ansichten der Stadt, das er seinen Eltern und seinem Bruder Heinz geschickt hat. Auf der Rückseite finden sich Stichworte zu den Ansichten in estnischer und in deutscher Sprache.

von oben: 1. Blick von See; 2. Tornide väljak / Platz der Türme; 3. Vana Raekoda / Altes Rathaus

 

4. Majad Toompea verul / Alte Häuser auf dem Domberge; 5. Vaade Toompeale / Totalansicht auf dem Domberg; 6. Aleksander Nevski peakirik / Alexander-Newski-Kathedrale (im Original nach links gedreht)

7. Toompea kindlus / Mittelalterliche Burg; 8. Viruvärav / Mittelalterliches Stadttor; 9. Vaade Toompealt / Aussicht vom Domberge


Muster: Rückseite der Fotos, die auch als Postkarten verwendet werden konnten

 

 

 


    

Verwundung und Lazarett

Am 14. September - Donnerstag war’s - begann ein gewaltiges Trommelfeuer - “uund hei* scheut! Klock acht güng’t los, dor künns’ de Klock na stelln. Und dat geif Karbid! Dor wüssen wei, att wei nu anne Reech weun.” (... uund er* schoss. Um 8 Uhr ging's los, du konntest Du die Uhr danach stellen. Und das gab Karbid. Da wussten wir, dass wir nun an der Reihe waren.)

*Helmut pflegte "hei"/"er" zu sagen, er meinte aber "der Iwan", wie es im Jargon der Landser hieß.

Helmut und seine Einheit lagen in einem Waldstück bei Bauske, ca. 50 km südwestlich von Riga in Lettland. Es war die Gegend, in der die für Lettland typischen Einzelgehöfte stehen. In diesem Haus sind bestimmt 20 Leute, Zivilisten, alte Leute, Kinder, Frauen. Das Haus steht auf einer Lichtung. Hier ein Waldstück mit der Batterie von Helmut, Bunker, Tarnnetze, alles das. Kaum hört das Trommelfeuer der rückwärtigen Artillerie auf, da brechen aus dem Wald T-34-Panzer hervor, Infanteristenschwärme bei jedem Panzer. 

Aber da kommt ein Anruf von der Feuerleitstelle: “Schussfeld freimachen!” Das hätte bedeutet, das Geschütz in fast waagrechte Stellung zu bringen und das Bauernhaus wegzuschießen. Helmut verweist auf die vielen Zivilisten in dem Haus. Er schießt nicht. Standgericht? Er hat uns das ganz oft erzählt, diese seine bewusste Verweigerung eines unsinnigen Befehls.

Helmut sieht, dass hier nichts mehr zu machen ist. “Herr Hauptmann, Geschütz sprengen?” fragt er Hauptmann Umlauff (Christopher Umlauff, genannt “Stoffer”,  mit dem er sich später anfreundet und mit dem der Chef und ich 1990 in Leningrad waren.)

Mittlerweile sind die Rotarmisten nähergekommen; der Hauptmann ruft: “Sprengladung fertigmachen!” Die Russen kommen näher, “ick scheuf de Sprengladung rin, und Stoffer scheut sick mit jüm mit sien MP”, “und denn leupen wei über dann Acker as de Hasen” (Ich schob die Sprengladung 'rein, und Stoffer lieferte sich mit ihnen einen Schusswechsel mit der MP/Maschinenpistole).  Sie laufen über das Feld, schlagen Haken, um nicht getroffen zu werden. Plötzlich ruft einer: “Ich muss noch in den Bunker zurück, habe meine Schluckbuddel vergessen!” Er kommt nicht wieder, ob er umkommt oder gefangengenommen wird, weiß man nicht; sie haben den Verdacht, dass er überlaufen will. Denn es sind Flugblätter aufgetaucht: “Deutsche Soldaten! Lauft über! Lasst Euch nicht von diesen Verbrechern benutzen!” Wer weiß?

Einer wird getroffen, Helmut und Kurt Gosch .(der Vater war Juwelier in Hamburg)  laufen herzu und nehmen ihn zwischen sich, um ihn aus dem Schussfeld zu bringen. Da schlägt eine Granate neben ihnen ein, Splitter und Erde überall. Kurt Gosch und der Verwundete sind sofort tot, Helmut denkt, als er das Blut an seinem Bein sieht: “Das ist die Schlagader - jetzt bist Du auch dran.” Ein KRad-Melder kommt angefahren: “Setz’ Dich hinten ‘rauf, ich bring’ Dich zum Verbandsplatz.” Tieffliegger donnern über sie hinweg, schießen aus MGs auf die Flüchtenden, Verwundeten, Gespanne, alles, was sich noch bewegt. Ab und zu springt der Melder in den Chausseegraben, Helmut kann aber nicht ‘runter mit seinem Bein (es stellt sich heraus, dass er einen Granatsplitter in der rechten Backe hat), und er hat schwer Glück, dass ihn keiner mehr trifft. Endlich treffen sie auf dem Verbandsplatz ein, dort erhält er einen Notverband, dann kommt er in eine Lazarett-Baracke - und da kann er nicht mehr, ihm wird schwarz vor Augen und er klappt zusammen. 

ZUM GEDENKEN


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Nachname: Gosch

Vorname: Kurt

Dienstgrad:Stabsgefreiter

Geburtsdatum:05.12.1919

Geburtsort:Hamburg

Todes-/Vermisstendatum:14.09.1944

Todesort:Silemi/Bauski

Quelle: Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

Lettland mit Riga und Bauskas/Bauske

Quelle: maps.google.de    


Das Lazarett in Konitz

Nach ganz ruhiger Überfahrt von Riga aus - zwischen dem 16. und 18. September auf der spiegelglatten Ostsee, “wot woi dat fein, ick heff de meiste Tied an Deck inne Sünn lägen”, in der Sonne an Deck auf einem zum Lazarett-Schiff umgerüsteten  KdF-Dampfer - legt der Transport in Danzig an. Die Verwundeten werden auf verschiedene Lazarette verteilt, Helmut kommt nach Konitz (heute Chojnice); dieses alte Städtchen liegt in Westpreußen, etwa 100 km südwestlich von Danzig an der Strecke nach Schneidemühl in Pommern. (Die Verknüpfung hinter Konitz zeigt auf den Eintrag bei Wikipedia, die hinter Chojnice verweist auf den offinziellen Internet-Auftritt der Stadt; man kann sich vielleicht ein Bild von der Stadt machen, in der Helmut bis nach Weihnachten 1944 gewesen ist. Weihnachten 1944 war er bei Familie Wiese, Gartenstr. 17; und die Tochter Helene hatte es ihm angetan. Das Haus hätte er gerne nochmal sehen wollen.)

Am 28. September 1944 wird ihm das Verwundetenabzeichen verliehen.
Am 26. Oktober spendet er dem Gefreiten Herbert Redeleit 400ccm Blut.

Hier im Lazarett spielt er 17 und 4 und haut sein Postsparbuch auf den Kopf - mit gut 4000 RM, die eigentlich als Aussteuer und Startkapital für die Zeit nach dem Krieg gedacht sind. “So kaputt, oder so kaputt”, das ist die Devise. Wenn der Krieg schon verloren ist, dann muss es aber bitteschön lustig zugehen, so lange es geht. (17 und 4 bleibt eine seiner Leidenschaften, auch noch 25 Jahre später im Hinterzimmer nach dem Preisskat.)

Er schreibt nach Etzen, dass er nunmehr im Lazarett sei, aber dass er zusehen wolle so schnell wie möglich wieder an die Front zu kommen.

Karl schreibt zurück mit einer geheimnissvollen verschlüsselten Botschaft: “Halte die Stellung! Denke daran, was ich Dir aus Eger erzählt habe!” Eger? Natürlich, das böhmische Eger, damals zu Österreich-Ungarn gehörig, war 1914 Lazarettort, und Karl lag dort 1914 nach seiner Verwundung, die er sich in den Gefechten gegen die Russen in Galizien (heute Südpolen) zugezogen hatte. Er hatte einen Beindurchschuss, genau zwischen Schienbein und Wadenbein, aber ohne dass der Knochen zertrümmert worden wäre - Glück im Unglück.

Was hatte er gemacht? Helmut denkt nach. - Klar, man nehme eine Kupfermünze, möglichst mit etwas Patina dran, und schiebe sie unter den Verband - in jedem Falle eitert die Wunde, das bedeutet Verlängerung im Lazarett. Das machen viele so, man muss nur wissen, wann Visite ist und wann Verbandswechsel. Sonst kommt man vor das Standgericht - wegen Selbstverstümmelung (gleich “Feigheit vor dem Feind”) ist mit manchem schon “kurzer Prozess” gemacht worden.

Chojnice, damals Konitz

Quelle: maps.google.de

      


     

     


Gefangenschaft

> Die Glocken von Heilbronn

> Entlassungspapiere

Im Frühjahr 1945 wurde Helmuts Einheit nach Süddeutschland verlegt, nach Ulm. Das Ulmer Münster hat es ihm angetan; die Treppen nach oben zählen 768 Stufen - 768 kann er sich gut merken - 768 war das Jahr, als Karl der Große König der Franken wurde. Geschichtszahlen hat er immer genau gewusst.

Als am Abend des 24. April 1945 in die Stadt gehen will - vielleicht will er in seinen 26. Geburtstag hineinfeiern? - wird er von einem fanatischen Nazi in Uniform angehalten. “Wo wollen Sie hin? Heute um 6 ist eine politische Versammlung.” Helmut weigert sich hinzugehen. Da muss er in den Bau; Kriegsgericht?

Er hat wieder Glück: Ulm wird bombardiert, und zwar heftig. Es kommt nicht zu dem befürchteten Verfahren.

Wieder bei seinem “Haufen” erfährt er die Neuigkeiten: Berlin muss verteidigt werden, alle verfügbaren Einheiten sollen dorthin. Nun reicht’s; sie beschließen, dass der erste, der einen Amerikaner sieht, sofort die weiße Flagge zeigen solle, “und wenn’t ‘n Ünnerhemd weu”, zur Not eben auch ein Unterhemd - Schluss, aus, Ende, sofort.

Am 25. April ergibt sich Ulm den vorrückenden Einheiten der US-Army. Die Amerikaner nehmen sie gefangen. Sie weren beschimpft, manche verprügelt - die Wut über das, was manche in befreiten Konzentrationsdlagern gesehen haben, was manche von ihren Verwandten wissen - es sind viele Exil-Deutsche und Polen und Juden in der US-Army - bricht sich Bahn.

Die nächsten Wochen muss Helmut auf einer Wiese bei Heilbronn verbringen - tödliche Langeweile hinter Stacheldraht; man macht aus allem, was es gibt, Tabak. Man versucht irgendwie an Zigaretten zu kommen.  Man versucht sich irgendwie zu rasieren. Man schiebt Kohldampf. Immer wieder hat er uns, wenn wir Jungs unser Essen nicht mochten, fettes Fleisch usw., vorgehalten: “Kommt erstmal in Gefangenschaft, da fresst Ihr alles. Ich gönne es keinem.”

Von ein paar Episoden will ich noch erzählen:

1. Helmut hat bis hierher ein kaiserliches 20-Goldmark-Stück bei sich gehabt, das ihm ein Vater Karl geschenkt hatte. Er selbst hatte es ihm Ersten Weltkrieg dabei. Eines tages spielte er damit am Stacheldrahtzaun, als ein Wachsoldat “’n ganzen Schwatten, so as in’n Schostein” (ein ganz schwarzer, so wie im Schornstein). Der fragt ihn, ob er das Geldstück mal sehen könne - und steckt es in die Tasche. Als Helmut protestiert, das sei Diebstahl, fragt der Ami: “Boxing?” und ballt die Fäuste. Helmut versteht:  “Wenn ick an’n Draht gahn weu, hei he mi dotschoten, Fluchtversuch. Denn het hei dormit afgahn.” / "Wenn ich an den Draht gegangen wäre, hätte er mich totgeschossen - Fluchtversuch. Dann ist er damit abgegangen."

2. Er wandert umher zwischen den Zelten auf der Wiese, auf der sie interniert sind. Da hört er Platt, kein Mecklenburger, Holsteiner, Hamburger, sondern reines Heidjerplatt. Und Stimme und Tonfall kommen ihm bekannt vor. Und wer war’s? Karl Schlumbohm, Dachdecker aus Steinbeck. Er hatte vor dem Krieg Etzen mal ein Reetdach gedeckt, und nun treffen sie sich hier wieder. Immerhin haben sie den Krieg überlebt; die Gefangenschaft kriegen sie auch noch hinter sich. Die beiden haben sich angefreundet, und Karl und seine Frau Ella sollten noch oft zu Besuch nach Raven kommen.

3. Eines guten Tages müssen alle Aufstellung nehmen. Da raunt es im Lager: “Adolf hat doch noch eine seiner Wunderwaffen gezündet, vielleicht hat er ja New York bombardiert! Zur Vergletung stellen sie jetzt ein MG auf und erschießen uns alle.” - Der Glaube an den “GröFaZ” (“Größter Feldherr aller Zeiten”, wie sich Hitler in seiner Selbstüberschätzung nennen lässt) scheint auch jetzt noch ungebrochen. Aber es kommt anders. Mit höhnischem Unterton ruft ein Soldat in akzentfreiem Deutsch aus: “Deutsche Wehrmachtssoldaten! Euer geliebter Führer hat sich heute in Berlin feige selbst erschossen und sich vor seiner gerechten Strafe davongeschlichen. Es ist vorbei.” Das ist am 30. April 1945.

Noch einmal müssen sie am 8. Mai Aufstellung nehmen und hören, dass der Krieg in Europa nun endlich vorbei sei - mit den Japanern werde man auch noch fertig.

Von der Bombardierung Hiroshimas am 6. August hört er noch im Lager.

Am 7. August 1945 wird er entlassen. Er wird zusammen mit anderen mit einem Militär-Laster der US-Army gefahren, dann in einen Zug gesetzt, geht zu Fuß, fährt wieder eine Strecke mit der Bahn, “wo nich alles keputtschmäten weu”, und am 19. August 1945 kommt er in Amelinghausen auf dem Bahnhof an. Von dort ist es nur mehr 1 Kilometer bis Etzen, über den Haasloop. (Immer, wenn wir beide über die Dörfer fuhren, mussten wir von Amelinghausen nach Etzen “öber’n Haasloop” fahren. Er hat die letzten Meter wohl immer wieder durchlebt.)

Er kommt auf dem Hof an. Seine Mutter empfängt ihn auf dem Trittstein an der Tür.

Er hat erst kaum etwas gegessen nach der Hungerzeit. Und die ersten Nächte hat er auf dem Fußboden geschlafen - im weichen Bett kann er nicht liegen.

Die Glocken von Heilbronn

Das unten stehende Gedicht "Die Glocken von Heilbronn", mit Blaustift aufgeschrieben,
hat er immer in seiner Brieftasche mit sich getragen.

 

    

    

Entlassungspapiere

Die Entlassungspapiere tragen die Unterschriften zweier Offiziere der US-Army, Captain Dr. Hanlon (Sanitätsarzt) und Captain S.M. Stone und sind auf den 7. August 1945 datiert.


 

 

 

 

 

    


Kriegskameraden

Zu seinen Kriegskameraden hat er immer Kontakt gehalten. Jedes Jahr haben sie sich getroffen, meistens in oder bei Großhansdorf in Holstein, wo die meisten wohnten.

Beim Aufräumen habe ich eine Namensliste gefunden; die Kriegskameraden, die 1989 noch lebten und zu seinem 70. Geburtstag eingeladen wurden, stehen hier:

Fritz Ladiges, Otto Möller, Erich Frahm (der hat sie alle überlebt), Arnold Trenner, Hermann Fischer, Christopher Umlauff (Hauptmann), H. Hohmann, Ew. Kruse, Hans Rüdel, W. Mannshardt, Heinz Eckhoff, Ernst Meins, Ernst Appel, Rudi Behn, Walter Hansen, Fritz Hoffmann, Horn, W. Schulz, Walter Fick, Hans Hutzfeld, Fritz Knickrehm

 


    

Leningrad#2 (1990)

 

> 1. Tag, Sonntag, 25. März: Anreise -  Warten und Tasskaff

> 2. Tag, Montag, 26.03.:  St. Petersburg, Petrograd, Leningrad  - die Stadt

> 3. Tag, Dienstag, 27. März: Winterpalais, Ermitage und "Dreiecksdorf"

> 4. Tag, Mittwoch, 28. März: Puschkin

> 5. Tag und Rückreise: Donnerstag, 29. März

> Predigt von Wolfram Suhr, Hauptkirche St. Katharinen, Hamburg, 8. September 1991 zur Ausstellung „Die 900 Tage der Blockade Leningrads”

 

Leningrader Eindrücke  - Fünf Tage im März (25. bis 29. März 1990)  

1. Tag, Sonntag, 25. März: Anreise -  Warten und Tasskaff

 Abfahrt ist am Sonntag um 7.30 Uhr, Wilfried knallt in ca. 45 Minuten nach Langenhagen, so daß wir noch in aller Ruhe eine schöne Tasskaff trinken können und dann einchecken. Um 9.50 Uhr ist planmäßig Abflug -  mit einer Propellermaschine, die uns gleichwohl sicher nach Berlin brin­gen wird, auch wenn Wilfried und Andreas es nicht glauben wollen.

In Tegel um 10.40 Uhr angekommen, bringt uns ein Taxi (Fahrer: Typ Berliner Schnauze) zum Busbahnhof am Funkturm.  Das gibt uns Gelegenheit, im benachbarten ICC eine schöne Tasskaff zu trinken.

Auf dem Busbahnhof treffen nach und nach die Reisenden an, die in Leningrad dann unsre Reisegruppe bilden werden.  Der Bus aus der DDR bringt uns nach Berlin-Schönefeld.  Die Grenzabfertigung ist schnell und nervt nicht mehr -  die Mauer ist ja offen.  Auf dem Flughafen einchecken, etwas Aufregung wird von einem "wichtigen" Herrn mit Lederjacke verbreitet, der jemanden sucht, der das "hansa-tourist"-Sammelticket habe -  merkwürdig, aber erst einmal eine Tasskaff, Foto mit den beiden Veteranen vor der Anzeigetafel mit dem Flug "IF 130 LENINGRAD 15.30", dann in die Wartehalle, Leute beobachten, Zeitung lesen, Zollerklärung für die Sowjetunion ausfüllen (tragen wir alle unsere DM ein?), Tasskaff, Toilette, der Flug wird aufgerufen, rein in die Maschine, Flug über Wilnius hinweg, wo gerade die Rote Armee aufmarschiert ist.

Wir stellen die Uhren um 2 Stunden vor, und um 19.40 Uhr Ortszeit landen wir.  Noch auf dem Wege zum Intourist-Schalter, von wo wir in den richtigen Bus, der uns zum Hotel bringen soll, eingewiesen werden, bedrängen uns Leute, die unbedingt schwarz tauschen wollen.  (Noch im letzten Jahr war der Rubel offiziell DM 3,30 wert, schwarz war zum Kurs von 1:3, also 3 Rubel für 1 Mark, zu haben, mitunter auch 1:4. Die Regierung der UdSSR versucht, den Schwarzmarkt auszutrocknen, indem sie auf dessen Kurs eingeht und nun den Rubel zum Touristenkurs von 1:3, also 3 Rubel für 1 DM anbietet.  Die Folge: Schwarz wird er nun 1:5 oder gar 1:6 angeboten ... aber was man mit dem ganzen Geld tun soll in einem Land, in dem es nur wenig zu kaufen gibt und das wenige auch noch spottbillig ist (Tasskaff 25 Kopeken, 50 Rubel entsprechen also 200 Tassen Kaffee -  oder 500 Tassen Tee, für die wir ja bloß 5 Tage Zeit haben), darüber denkt man erst später nach, also erliegt der ökonomisch denkende Westbürger der Versuchung.  Wie unökonomisch das ist, stellt sich am letzten Tag heraus, als wir die Rubel scheineweise verschenken.

Jedenfalls geleitet uns Irina, die Reiseleiterin, ins Hotel "Moskwa" ("MOCKBA") am Alexander-Newski-Platz, direkt an der Newa. Hier gibt es etwas zu essen, und wir gehen bald zu Bett -  immerhin haben wir die Uhr um 3 Stunden vorgestellt (Sommerzeit + Osteuropäische Zeit), und das bedeutet, daß wir am nächsten Morgen 3 Stunden früher aufstehen müssen, als unsere "innere Uhr" anzeigt.



2. Tag, Montag, 26.03.:  St. Petersburg, Petrograd, Leningrad  - die Stadt

Es schneit. Vormittags zeigt uns Irina ihre Stadt. Nicht ohne Stolz erzählt sie von der großartigen Geschichte dieser schönen und doch so sehr geprüften Stadt, die Peter der Große, der kluge und rücksichtslose Modernisierer, der große (2,05m Körpergröße!) Zar und Zimmermann, 1703 gegrün­det hatte, nachdem er den Schweden nach der Schlacht bei Narwa die Landbrücke zwischen Finnischem Meerbusen und La­dogasee entrissen hatte -  Rußland hatte nun ein "Fenster zur Ostsee", sein "Fenster zum Westen". Die Stadt wurde 1712 Hauptstadt Rußlands. Peter nannte sie "St. Peters­burg". 1914, bald nach der Kriegserklärung des wilhelmini­schen Deutschland an Rußland, wurde sie umbenannt in "Petrograd" -  die eine der beiden russischen Hauptstädte sollte keinen deutschen Namen tragen. 1924, nach dem Tode Lenins, wurde sie schließlich (?) in "Leningrad" umbenannt, "Stadt Lenins", unter dessen politischer (und Trotzkis or­ganisatorischer) Leitung hier 1917 der Putsch der Bolschewiki, die "Große Sozialistische Oktoberrevolution" erfolgreich durchgeführt wurde.

Heute zählt die Stadt etwa 5 Millionen Einwohner. Wie ein Moloch frißt sie sich ins Umland.

Die vergoldeten Spitzen der Admiralität und der Peter-und-Pauls-Kathedrale sowie die feuervergoldete Kuppel der Isaaks-Kathedrale beherrschen die Silhouette der Stadt. Irina zeigt uns die Newa, die Kanäle, die Brücken, die nachts hochgezogen, damit die Schiffe das Kanalsystem be­fahren können, die Admiralität (1705 als Werft gegründet), das Reiterstandbild Peters des Großen; wir fahren auf die Wasiljewski-Insel, sehen, wieder über eine der Newa-Brücken zurückgelangt, viele prunkvolle Adelspaläste  - jede Adels­familie wurde vom Zaren angewiesen, in der neuen Hauptstadt einen Palast zu errichten. Meist wurden italienische Archi­tekten und Künstler engagiert. Und so kommt man sich bei der Stadtführung manchmal vor wie bei einer Italienischen reise: Rastrelli, Rossi, Trizzini ... Kanäle wie in Vene­dig, Palazzi wie in Florenz, Obelisken und Säulen wie in Rom.

Wir fahren am Marsfeld vorbei, sehen die Blutskirche, die der letze Zar, Nikolaus II. hat errichten lassen. Sie ist im altrussischen Stil erbaut und steht an der Stelle am Jekaterinen-Kanal (heute Griborjedow-Kanal), an der Zar Alexander II., der Bauernbefreier, der "gute Zar", 1881 er­mordet wurde. Wir sehen das prachtvolle Winterpalais mit dem majestätischen Schloßplatz, einem der schönsten Plätze, die ich je gesehen habe  - es ist übrigens auch der Platz, auf dem im Januar 1905 am "Petersburger Blutsonntag" die Garde des Zaren ein Massaker anrichtete unter einer Prozes­sion von Petersburger Arbeitern, die mit ihren Frauen, Kin­dern und alten Leuten den Zaren um Besserung ihres Schick­sals anflehten. An der "Aurora" ist "Fotopause"  - wieder umschwärmen uns Schwarztauscher und Verkäufer von T-Shirts, Uhren, Kaviar und Armee-Utensilien. Ich kann schließlich nicht widerstehen und kaufe mir ein Marine-Koppel für 10 Mark, bestes Rindsleder, werde's als Jeans-Gürtel nehmen (in diesem Moment trage ich's), und eine Taschenuhr für 20 Mark. Die "Aurora", 1900 vom Stapel gelaufen und 1904/05 während des russisch-japanischen Krieges im Pazifik in der (von den Japanern gewonnenen) Seeschlacht bei Tsushima eingesetzt, die Mannschaft 1917 revolutionär  - die Legende weiß, daß die "Aurora" sam Abend des 25. Oktober 1917 das Signal zum Sturm auf das Winterpalais gegeben habe; die Aurora wurde bald zum Museumsschiff umgestaltet, dann aber 1941 entmottet und in Gefechtsposition geschleppt, denn ihre Feuerkraft wurde bei der Verteidigung der Stadt gegen die deutsche Belagerungsarmee gebraucht. Stoffer und der Chef sagen, daß, wenn Schiffsartillerie geschossen habe, die Granattrichter größer gewesen seine wegen des größeren Kalibers der Schiffsgeschütze.

Das Wetter klart auf, ab jetzt scheint jeden Tag die Sonne.

Weiter geht's zur Isaaks-Kathedrale mit ihrer vergoldeten Kuppel -  "Fotopause", der Chef kauft Kaviar, vorbei am KGB-Gebäude, dem höchsten der Stadt, wie der Volksmund sagt: vor Gorbatschows Amtszeit konnte man von oben Sibirien sehen ...

Die meisten Wohn- und Fabrikgebäude sind in einem jäm­merlichen Zustand, Fassadenfarbe fehlt offensichtlich, Putz bröckelt ab, Fenster müßten dringend gestrichen werden. Vom Bus aus kann ich ab und zu einen Blick in einen der trost­losen Hinterhöfe werfen. Und die Straßen haben oftmals Schlaglöcher, die eher Fallgruben sind, ein Abenteuer, hier Auto zu fahren. Wir werden's noch erleben.

Und die Busse: rostig, staubig, überfüllt. Was mögen die Insassen von uns denken, die wir sie aus den doch recht gut gepflegten Intourist-Bussen ansehen?Auf dem Newski-Prospekt wimmelt es von Menschen; vor Geschäften, die im Souterrain liegen, stehen Schlangen von 200-300 Menschen, kaum Auslagen, in Lebensmittelgeschäften findet man 4 oder 5 Pyramiden  mit Dosen, es wird gekauft, was da ist, zermürbendes Anstehen für das Allernotwendig­ste, wirtschaftlicher Niedergang, der Verfall wird offen­sichtlich, schon im Vergleich zu 1989, und das in der am zweitbesten versorgten Stadt der UdSSR!

Was wird aus Gorbatschow, diesem "Werkzeug Gottes", wie der Erzbischof von Vilnius ihn einmal genannt hat? Was wird aus seiner für diesen Planeten so segensreichen Außenpoli­tik, wenn sich im Lande selbst nicht die Regale füllen  - was hat denn der Mann auf der Straße davon, wenn sein Präsident weltweit höchstes Ansehen genießt, als ein Mann mit klarem Blick und großartigen Visionen gefeiert wird, wenn er für ein lumpiges Stück Brot stundenlang anstehen muß und Seife gar nicht zu kaufen ist? Wie lange hat die So­wjetunion Bestand? Litauen, nicht nur das, will austreten aus der Union, was wird, wenn die UdSSR zerplatzt? Instabilität, Vakuum, Unberechenbarkeit, Bürgerkrieg, Chaos, Mili­tärdiktatur? Kommt ein neuer Stalin? Beruhigend ist, daß wir keinen einzigen von den in der Presse angekündigten Stalin-Aufklebern auf Autos gesehen haben; die Vergangen­heit holt die Lebenden zwar ein, die Erinnerung an den Terror des Georgiers läßt sie genauso wenig los wie die Schrecken des von dem perversen gefreiten aus Braunau ent­fesselten šberfalls vergessen werden können  - die Seele hat Schaden genommen. Die Vergangenheit ruht aber doch so tief, daß der Ruf nach dem starken Mann (noch?) nicht laut wird.

Wie schlecht es um die Versorgung bestellt sein muß, merken wir auch im Hotel: fast immer Rindfleisch, auf die gleiche Weise zubereitet, manchmal mit Fett  und Sehnen, Hauptsache, der Teller wird voll, dazu Kürbisgemüse, Reis, Bratkartoffeln. Das Brot, das gereicht wird, ist oft noch vom Vortag. Manchmal gibt's Bier, manchmal nur Mineralwasser als Getränk. Auf der 6. Etage gibt es am Mittwoch nur Tee, als ich mit Lothar Tasskaff trinken will; Donnerstag morgen gibt es in der 7. Etage zwar Kaffee, aber nicht genug Tassen ... Und als es Kaffee gibt, kann die Bedienung nicht wechseln, Kleingeld fehlt auch ... Tanja kann auf 1 Rubel nicht herausgeben und sagt, wir hätten Kredit. Wir zahlen ein paar Minuten später, als wir uns von dem älteren Ehepaar aus unserer Gruppe 20 Kopeken geborgt haben.

Allmählich rückt die Reisegruppe zusammen: Lothar, ein Maler aus Itzehoe mit einem lockeren Spruch, aber auch manchmal einem großen Wort; Elfriede aus Preetz, die zu Hause Immen hält; Ingrid aus Bremerhaven (AFN Bremerhaven, good mornin'!), die letztes Jahr in Jugoslawien zwei Lenin­grader kennengelernt hat und diese nun besucht; eine Frau mit ihrem Sohn, die gut Russisch spricht  - es stellt sich heraus, daß sie aus Leningrad stammt und nach Braunschweig geheiratet hat; ein älteres Ehepaar, das nicht viel sagt; eine Journalistin aus dem Ruhrpott mit ihrer Mutter, mit der ich mich sehr interessant unterhalte; Hermann und seine Freundin Gisela aus Berlin, die rund um sich zu kaufen und die fast jeden Morgen zu spät kommen, weil sie abends so lange zu feiern haben, und wir drei, zwei Veteranen und ich, der Sohn des einen.

Nachmittags besichtigen wir die Peter-und-Paul-Festung mit der Kathedrale, die mit ihren 122 Metern Höhe den höchsten Punkt der Stadt definiert. Die vergoldete Spitze war während der Belagerung im Zweiten Weltkrieg mit dunklen Tüchern verhängt. In der Kathedrale sehen wir die Gräber der Zaren seit Peter d. Gr., der 1725 starb. Nur der letzte Zar Nikolaus II., der 1918 mit seiner Familie in Jekaterinburg im Ural ermordet wurde -  der Geheimpolizeioffizier Swerdlow kommandierte die Erschießung, und ihm zu Ehren wurde die Stadt in Swerdlowsk umbenannt  - liegt irgendwo verscharrt.

Abends fahren wir in die "Tschaika" (Möwe) ein von ei­nem Hamburger Zocker, der die schnelle Mark machen will, in der Nähe der "Blutskirche" aufgezogenes Lokal mit "Jever" und "Astra". Die Preise nehmen uns allerdings den Atem: DM 4,50 für ein Bier, DM 24,- für eine klitzekleine Portion Kaviar mit Pfannkuchen -  Rubel nimmt er überhaupt nicht!  Man hätte auf dem Absatz umdrehen müssen. Wir tun's nicht.

Das Fell wollte nicht ganz über die Ohren, nein, wir haben es noch und gehen 'raus und nehmen ein Taxi zurück zum Hotel, DM 10,- für alle 4. Der Chef bestellt den Fahrer für Dienstag, 14.00 Uhr ans Hotel, Ziel: Peterhof und "Dreiecksdorf". Er will 50 DM haben, abgemacht. Wir gehen noch auf ein Glas in die Rubelbar im 1. Stock, wo es nur einen Fusel namens Portwein gibt, der ziemlich dröhnt. Spä­ter gehen Ilona, Lothar und ich in die Devisenbar und dis­kutieren bis nach eins. Portwein mit Gin bekommt offenbar besser als Portwein mit Bier: Ilona und selbst Lothar haben am nächsten Morgen einen dicken Kopf, und ich habe bloß et­was schlecht geschlafen.


 
3. Tag, Die
nstag, 27. März: Winterpalais, Eremitage und "Dreiecksdorf"

Nach dem Frühstück -  heute gibt's dazu zwei Spiegeleier  - besichtigen wir die im Winterpalais untergebrachte Ermi­tage, eine Kunstsammlung mit 3 Millionen Exponaten in gut 1000 (eintausend) Räumen, von denen 400 ständig geöffnet sind. Wir sehen vielleicht 20, aber das reicht: Altägypti­sches, Römisches, was mich besonders anzieht, Renaissance, darunter zwei Gemälde von da Vinci, Rembrandt ("Abraham und Isaak" und "Die Rückkehr des verlorenen Sohnes"), van Gogh, Renoir, Chagall usw. Irina zeigt uns die weiße Marmortreppe mit ihren goldenen Verzierungen und Leuchtern. Stoffer sagt, bei all dieser Prachtentfaltung im Angesicht hungern­der Landbevölkerung mußte die Revolution ja kommen -  Torheit der Regierenden ...

Pünktlich um 14.00 Uhr steht der Taxifahrer vor dem Ho­tel. Er fährt uns zunächst mit seinem "Wolga" (100 PS ab Werk, auf 120 PS heißgemacht) nach Peterhof, das eine Mal rechts an einem Bus vorbei, dann wieder mal links vorbei an einem Pkw, mal im Slalom um die Schlaglöcher, aber immer weiß er, was er tut.

Wir kommen nach Urizk, das heute von einer gewaltigen Hochhaussiedlung bedeckt wird. Von dem alten Dorf ist nichts mehr zu sehen, keine Spur. An der Uferstraße, die parallel zu der Vorortbahn und der Eisenbahn nach Peterhof und Oranienbaum (heute Lomonosssow) verläuft, erinnert ein Denkmal mit frischen Blumen an die Blockade der 900 Tage. Der Boden ist noch gefroren, es steht Wasser auf den Feldern, das Gras ist noch braungrau, an schattigen Stellen liegt noch etwas Schnee.

Wir fahren durch Strjelna, vorbei an einem Kloster, das die alten Karten als "Pos. Lenina" ausweisen, nach Peterhof. Das Schloß ist nicht zu besichtigen; ein Bretterzaun umgibt das "Russische Versailles", kann aber die Pracht der goldenen Dächer und Kuppeln nicht verdecken. Auf dem Rückweg steigen der Chef und Stoffer an der Kirche von Peterhof aus, die Ernst Buckendahls Bruder während des Krieges fotografiert hatte. Sie steht noch genauso ehrwürdig wie damals.Nun wollen die beiden Veteranen es wissen. Wir fahren nach Strjelna, biegen nach rechts ab, gelangen an einen Bahnübergang -  und da steht sie, die alte Kirche, die der Chef noch auf einem Foto hat. Sie ist ziemlich verfallen, zwei Jungs sitzen auf dem Dach und werfen etwas nach unten, aber sie ist es! Kein Zweifel, dies ist "Dreiecksdorf", wie das Nest wegen des Gleisdreiecks im Landserjargon genannt wurde, und von dem der Chef mir schon erzählt hat, als ich noch nicht zur Schule ging. Hier, unmittelbar südlich des Bahndamms, ist ihre Stellung gewesen, der Chef weiß es genau, mitten in einem Wald. Wir fahren durch das Dorf, wieder auf die Bahnlinie zu, aber: kein Wald, nur Schlamm, Sumpf, Ende. Da hinten ist der Wald, ach nein, das sind die Chausseebäume der Uferstraße. Zurück ins Dorf, das übrigens, wie sich der Taxifahrer erkundigt hat, "Wolodarka" heißt, wieder über die Bahnlinie, dann rechts in östlicher Richtung, der Wolga kennt keine Furcht vor den Schlaglöchern und Plattenwegen, deren Teile sich infolge des Fro­stes gegeneinander verschoben haben. Der Weg ist zu Ende. Igor, der Fahrer, der übrigens gut deutsch spricht, nur un­serem Platt natürlich nicht folgen kann, erzählt, daß hier einmal ein großer Wald gewesen sei. Als Kind habe er hier gespielt und Pilze gesucht, aber man habe den Wald abgeholzt.

Hier, auf der anderen Seite des Bahndamms muß es gewe­sen sein. Stoffer und der Chef steigen aus, denken an die Zeit, als sie vielleicht so alt waren wie Igor oder jünger, jünger jedenfalls als ich: Wieviel Tod haben sie gesehen, wieviele Kameraden und Freunde beerdigt, wie oft selbst den Tod geschaut, wie oft kam der Tod aus ihren Geschützen in die gepeinigte Stadt in dieser wahnsinnigen Inszenierung des perversen "Größten Feldherrn aller Zeiten", der eine moderne Großstadt, eine Metropole mit 3 Millionen Einwoh­nern, eine Stadt wie ganz Berlin, aushungern und mit Granaten zermürben wollte; jeder geht ein Stück mit seinen Erinnerungen, jeder für sich, der Leutnant und der Unteroffizier. Was geht in ihnen vor?

Ich bleibe im Auto und erzähle Igor, was wir hier wollen. Er hat längst verstanden. Seine Oma gehörte zu den Glücklichen, die über den Ladogasee evakuiert wurden und so dem Tode entrinnen konnten. Ich frage, ob es ihm als Nachfahren einer Überlebenden der Blockade nicht schmerzhaft sei, nun alte Landser und deren nachkommen zu den alten Stellungen zu fahren. Er sagt: "Das ist das Leben." Und: "Wir müssen Freunde sein." Ich bitte ihn, seine Großmutter von mir zu grüßen. Sie wohnt bei ihm in der Neubausiedlung in Urizk. We never knew what friends we had until we came to Leningrad”, singt Billy Joel ...

Abends gehen wir zu fünft in den Zirkus  - eine tolle Vorstellung. Bei manchen Artisten muß ich weggucken. Neben mir sitzt eine Mutter mit ihrem Sohn, der kaum älter als Jost sein kann. In der Pause muß er seine Flasche haben. Er hat sich ausgeschüttet vor Lachen über die Clowns. Viele Kinder sind in dem ausverkauften Zirkus, Kinder, die sich bemerkenswert konzentriLiegt's daran, daß die Berieselung durchs Fernsehen und die permanente Beschallung  durch das Radio zum Weghören (wer hört denn noch zu?) hier noch nicht angekommen ist, daß die Kinder sich noch freuen und genießen können, noch voller Erwartung und neugierig sind, wie wir es waren, wenn es zum Kasperletheater oder in den Zirkus ging?




4. Tag, Mittwoch, 28. März: Puschkin

Gisela und Hermann kommen nicht zum Frühstück, naja, es ist wieder halb vier geworden, Ingrid ist bei ihren Freun­den geblieben, der Vormittag ist ohne Programm. Wir haben den Taxifahrer für 9.45 Uhr bestellt, denn es soll nach Puschkin gehen. Wir wundern uns über eine riesige Lkw-Schlange im Süden der Stadt, bestimmt 500m lang -  sie war­ten alle an einer Tankstelle. Welcher Verlust an Arbeits­zeit! šberhaupt, welcher Verlust an Lebenszeit, wenn man für ein Stück Fleisch einen halben Tag anstehen muß.

In Puschkin gehen wir ein Stück an dem vorzüglich wie­derhergestellten Katharinenpalast entlang, der von der spa­nischen "Blauen Division" böse zugerichtet worden war, se­hen die Trauben von wartenden Besuchern, gehen zurück zum Taxi. Der Fahrer erzählt, daß er mit einer Ärztin verheira­tet sei und einen kleinen Sohn im Alter von 1 Jahr habe. Seine Frau sei im Moment im Erziehungsurlaub und bekomme dafür monatlich 40 Rubel (zum Schwarzmarktkurs vom Montag bekäme sie nicht einmal einen Zehnmarkschein dafür ...) In ihrem Beruf als Ärztin verdient sie ganze 140 -  150 Rubel im Monat (man rechne um ...) Igor interessiert sich in die­sem Zusammenhang sehr für unser Sozialsystem. Im August will er nach Hamburg, um dort einen Freund zu besuchen. Die dreimal 60 DM von uns (nachmittags ist er wieder im Ge­schirr) kommen ihm da sehr gelegen.

Wir fahren an der Kaserne vorbei, in der die Batterie zu Weihnachten 1943 gelegen hat. Hier hat das Geschütz, zu dessen Besatzung der Chef zählte, einen Volltreffer erhal­ten, während er auf Heimaturlaub in Etzen war. Dort hatte er Verlängerung bekommen wegen einer schweren Grippe. Am 23. Dezember kam er zurück zu seiner Einheit, als es hieß: "Helm ab zum Gebet!" Seinen Vertreter Max Rixen hatte es erwischt. - Was mag in einem vorgehen, wenn er den Sarg in die Erde fahren sieht, der für ihn selbst bestimmt zu sein schien?

Igor und ich tauschen die Adressen aus, damit er mich in Osnabrück anrufen kann, wenn er in Hamburg ist.

Nach dem Mittagessen gehe ich mit der Gruppe ins Russi­sche Museum, während Stoffer und der Chef nach Starapanova und Krasnoje Selo 'rausfahren. Dort sehen sie unterwegs eine riesige Baustelle, die an einen gewaltigen Stall erin­nert. Nein, das seien Garagen, bedeutet der Fahrer sie, vielleicht 2000 oder auch 3000. Es gebe nämlich ein Gara­genproblem in der Stadt. Aber was will man mit Garagen so weit draußen? Man müßte ja eine Buslinie herauslegen, damit die Leute zu ihren Autos gelangen könnten ... Der Plan des Baukombinats ist damit jedenfalls erfüllt, und alle sehen zu, wie sie zurechtkommen.

Unterwegs im Dorf fragt der Fahrer ein altes Mütterchen nach dem Weg. Sie wäscht gerade an einem Wasserhahn, aus dem kaltes Wasser rinnt, kaltes Wasser für die Wäsche bei +5° C! Hat sie Seife? Der Chef gibt ihr ein paar Kaugummi, Stoffer ein paar Bonbons "Nimm 2". Sie weiß nicht so recht etwas damit anzufangen, bis Igor sie aufklärt. Vor lauter Dankbarkeit klopft sie noch ans Fenster, winkt.

Abends fahren der Chef und ich mit der Metro -  sie liegt bis zu 100 Meter unterhalb der Stadt, denn sie ist unter der Newa hindurch geführt  - zum Newski-Prospekt, um noch ein paar Bücher zu kaufen. Zu spät, die Geschäfte haben schon geschlossen.


  
5. Tag und Rückreise: Donnerstag, 29. März:

Alles verläuft planmäßig, die letzten Rubel werden ver­schenkt, Essen im Flughafenrestaurant, Abflug um 14.55 Uhr, Ankunft in Berlin-Schönefeld 15.15 Uhr  - bloß 20 Minuten für die ganze Strecke! Ach nein, die Uhren müssen wieder zurückgestellt werden. In Berlin-Tegel erfahren wir dann, daß unsere Maschine erst mit 2 Stunden Verspätung ankommt -  Maschinenschaden! Abflug nicht um 18.10 Uhr, sondern est gegen 20.00 Uhr. Auch das noch., unsere innere Uhr zeigt doch 2 Stunden später. Doch das geht vorbei, wir esse noch einen Happen im Flughafenrestaurant, fliegen nach Hannover. Hans und Andreas warten schon auf uns und schnurren mit uns nach Raven.

Die beiden Veteranen haben sich wacker geschlagen, aber nun sind sie redlich müde, ich auch. Freitag, bald nach dem Frühstück bei Mudders löst sich unser Trio auf, Stoffer fährt nach Hause zu seiner Frau nach Großhansdorf, ich muß mittags nach Osnabrück zurück.

Jeder Augenblick war's wert.

 


St. Petersburg, wie die Stadt seit 1991 wieder heißt, und Hamburg sind Partnerstädte. 1991 fand in Hamburg eine Ausstellung über "Die 900 Tage der Blockade Leningrads" statt.

Unten steht der Text der Predigt von Wolfram Suhr, Hauptkirche St. Katharinen, Hamburg, die er am 8. September 1991 zu der Ausstellung gehalten hat:

Predigt von Wolfram Suhr, Hauptkirche St. Katharinen, Hamburg, 8. September 1991
zur Ausstellung „Die 900 Tage der Blockade Leningrads”

"Dinge gibt es, die verstehen sich von selbst. Wenn fünfzig Jahre nach der Blockade Leningrads durch deutsche Truppen heute die „Blokadnikijs“ als hoch geehrte Mütter Rußlands ins Land ihres einstigen Feindes reisen und die alten Blockadelieder singen, dann geht etwas von Herzen zu Herzen. Wir lassen uns anrühren, und es versteht sich von selbst, daß wir sie gewähren lassen. Die Zeit der gellenden Befehle soll gewesen sein. Nun soll Zeit sein zu singen, wichtige Gefühle zuzulassen und unwichtige Gedanken fahren zu lassen.

Es gibt innere Notwendigkeiten, die sich durch sich selbst erklären. Eine innere Notwendigkeit ist, wenn sie sich uns in den Weg stellt, die unerläßliche Erinnerung an vergangenes Leiden, wo immer es geschah und wer immer es durchstehen mußte. Eine innere Notwendigkeit ist ganz gewiß die Erinnerung, daß wir auf den Schultern der Kriegsopfer in den Reichtum unserer mittlerweile lang andauernden Friedensepoche hinüberleben durften.

Da komme uns keiner mit dem aufstöhnenden Einwand: „Nicht schon wieder! Hat denn das kein Ende?“ Es darf keins haben, weil die großen Aufbrüche dieser Tage und Monate keine neuen Wunden reißen dürfen. Es darf kein Ende haben mit der Erinnerung daran, daß aller Fortschritt der Geschichte seinen Tribut an Opfern gefordert hat und immer fordern wird.

Nichts ist vergessen und niemand ist vergessen

Diese Erde ist zu klein für die nur anscheinend große Geschichte der Sieger. Unsere Welt weitet sich aber und eröffnet neue Lebensräume, wenn wir aufhören, die Geschichte der Verlierer klein zu schreiben. Nicht wo die Sieger ihr Besitzrecht beanspruchen, sondern wo die Verlierer ihr Lebensrecht behalten, da ist gut leben.

„Nichts ist vergessen und niemand ist vergessen". Diese Worte beschließen das Gedicht der Olga Bergholz, das vor fünfzig Jahren im eingeschlossenen Leningrad jeder Mensch kannte. Ihre Worte haben die Leningrader auch zum Überleben gestärkt und wurden zu gegenseitigen Lebenszeichen wie des tickende Metronom im Stadtrundfunk. Auf dem Piskarjowa-Friedhof in Leningrad stehen diese Worte zu lesen, wo die meisten der einen Million Toten der 900 Tage dauernden Blockade von 1941 bis 1944 liegen.

„Nichts ist vergessen und niemand ist vergessen.“ Darin äußert sich der Wunsch, die Würde der gegenwärtigen Menschheit möge durch den Schmerz der vergangenen, aber nicht vergessenen Opfer bewehrt und versiegelt sein. Die Schmerzens- und Sterbeopfer gerade auch der Leningrader Kinder, Frauen und Männer sind die Juwelen einer Liebe, die sich durch nichts und niemanden kränken lassen will.

„Nichts ist vergessen und niemand ist vergessen.“ Unmöglich meinen diese Worte eine immer noch offene Abrechnung, sondern sehr dringlich werben sie für eine immer noch ausstehende Annäherung. Sie dienen keiner geringeren Absicht, aus der tiefschürfenden Einsicht, daß um Gottes willen die Botschaft der Liebe zum Leben unter keinen Umständen mehr vergessen werden möge.

Die offen gehaltene Tradition

Die Dichterworte der Olga Bergholz richten sich heute allerdings euch gegen unsere mittlerweile ganz alltägliche Überheblichkeit, die alles und jedes erklären, einordnen und einer vorherrschenden Ideologie einpassen will. Wir haben eine nicht nur unbedachte, sondern oft euch unmenschliche Art entwickelt, uns die Dinge einleuchtend zu machen, ihnen Bedeutung zu verleihen und sie entsprechend darzustellen.

Was wäre denn, wenn wir uns offenhalten könnten für die Möglichkeit, daß tatsächlich „der morgige Tag für das Seine sorgen wird“ - komme, was da wolle? Das wäre eine Offenheit, in der wir der Empfehlung Christi folgend die Wahrheit erkennen könnten und in der uns die Wahrheit Frei machen könnte (Johannes 8, 32), in welcher Tradition oder Kultur wir auch zuhause sind. In solcher Offenheit könnten wir uns verwahren gegen eine falsche Geschichtsschreibung, die sich wieder auf die Seite der Gewinner zu schlagen beginnt. In solcher Offenheit müßten wir uns aber auch verwahren für das Mitteilen alles dessen, was das Leben lebenswert macht.

Das ist nichts Geringeres als ein langwieriger Heilungsprozeß. Er betrifft unsere Geschichte so gut wie unsere Seelen, und er erstreckt sich nach dem offensichtlichen Ende des globalen Kalten Krieges der Nachkriegszeit auf den mentalen Kalten Krieg in unserer alltäglichen Wohlstandsgesellschaft. Wir brauchen einen Arzt, der uns die Kaltschnäuzigkeit austreibt, mit der wir die Zukunft gegen die Vergangenheit aufrechnen. Gnade uns Gott, damit es Jesus Christus sein kann, dessen Wahrheit uns dazu bringen will, daß „Ströme lebendigen Wassers“ (Johannes 7, 38) von uns fließen und unsere Vereisungen schmelzen lassen.

Das Vorbild des Durchlittenen

Wie sollten wir dann nicht je das Eis brechen, das über unserer Erinnerung an die Leiden liegt, an denen vor fünfzig Jahren die Bewohner Leningrads so über alle Maßen zu tragen hatten! Verräterisch unbekannt waren uns diese Leiden und Opfer bis heute. Sollen wir den Einwand gelten lassen, die vernichtende Blockade Leningrads mit ihren maßlosen Leiden sei nicht so spektakulär wie die Eroberung und Rückeroberung Stalingrads oder die atomare Vernichtung und Verseuchung Hiroshimas? In Leningrad starben die Menschen beklemmend alltäglich dahin, leise und hautnah. Da blitzte nicht der grelle atomare Tod auf oder glühten die Steine wie im Ofen.

In Leningrad haben die Opfer überlebt, weil sie im Leiden und mit dem Leiden leben konnten. An Leningrad aber wollen sich die ehemaligen Täter nicht erinnern, weil sie nicht mit diesem nicht totzusagenden Leiden leben wollen. Für die Täter kam und kommt das alte Leiden immer wieder hoch, weil es niedergehalten wurde und wird. Sie mußten damals stark sein und bekamen doch, je länger sie ihre Stärke zeigten, nur ihre Ohnmacht zu spüren. So kränkt sie noch heute jene Sinnlosigkeit. Der Widerstand der Leningrader Bevölkerung gegen die Blockade von außen korrespondiert mit unserer inneren Blockade gegen die Erinnerung, weil und wenn sie dem unbeschwerten Weiterleben widersteht.

Solange immer wieder Beteiligte oder Unbeteiligte unter uns abwinken, wegschieben, wegerklären und nicht wissen wollen, solange macht unsere Vergangenheit unsere Gegenwart krank. Dabei geht es um die Heilung unserer Gegenwart mittels der Wunden unserer Vergangenheit. Wenn die Wunden der Schuld nicht wirklich verheilen, müssen wir immer wieder neu in die Arbeit der Therapie einsteigen. Vom Leiden loskommen heißt immer: es durchleiden bis zur Neige, wo die blanke Vernichtung durch neue Lebenskraft aufgewogen und erleichtert aufgehoben wird.

Wir müssen uns vom Elend und von den Klagen der unzähligen Opfer in Leningrad anrühren lassen bis unter die Haut, um diesen Teil unserer gemeinsamen Geschichte nicht nur zu verstehen, sondern ihn begreifen und angemessen handhaben zu können. Nicht nur um nachzufühlen, was geschehen ist, sondern erst recht um vorauszuahnen, was geschehen kann, müssen wir die alten Wunden der Leningrader fühlen wie Thomas mit seinem Finger die Wundmale Christi berührte.

Gegen die Vernichtung der Erinnerung

Schwierig ist diese Heilung; und sie braucht eine genaue, nüchterne Diagnose des Unheilen. Daß wir uns nicht erinnern wollen, macht nur das Symptom unserer Krankheit aus. Die Ursache schimmert herauf, wenn wir die Blockade Leningrads als ein pures Vernichtungsunternehmen erkennen und benennen. Der als Blitzkrieg 1941 begonnene Rußlandfeldzug hatte als eins seiner vorgegebenen Ziele die Vernichtung Leningrads.

Wir müssen das heute wahrnehmen als die ohne jeden Skrupel gewollte Vernichtung einer Stadtzivilisation, die nicht auf den Krieg eingestellt war. Im Befehl des Oberkommandos der Wehrmacht vom 29. September 1941 heißt es, der Führer sei entschlossen, „Leningrad vom Erdboden verschwinden zu lassen“. Daher sei beabsichtigt, „die Bevölkerung zu vernichten“. Militärisch gesehen war für die deutsche Wehrmacht die Versorgung die Achillesferse. Politisch aber bestand im engsten Umkreise Hitlers keinerlei Interesse, das „minderwertige Slawentum“ am Leben zu erhalten.

Das besondere und heute Unbegreifliche an der Blockade Leningrads war die gewollte Vernichtung einer Zivilbevölkerung durch Leiden. Sogar noch das Erlittene selbst und der Schmerz darüber sollten vernichtet werden. Erst wenn auch die Erinnerung an das Erlittene und an den Schmerz vernichtet und unmöglich gemacht wäre, wären die Folgen ihres Tuns für die Täter 'unschädlich'. Darum gebärdete sich auf der Seite der Täter der „Führer“ Adolf Hitler wie der von ihm selbst als „asiatischer Despot“ verspottete Gott der Juden, der die Bosheit der Menschheit nicht länger hinnehmen und darum alle Zivilisation vernichten will.

Wunder der Menschlichkeit aber! Auf der anderen Seite lebten die Leningrader trotz der alltäglichen Vernichtung auf sehr zivilisierte Weise weiter. Sie führten die T. Symphonie Dimitrij Schostakowitschs auf, eines der Ihren. Sie schützten ihre Denkmäler vor den Granaten und widerstanden der Versuchung, ihre teuren Bücher gegen teures Brot zu tauschen. Weiß Gott, „der Mensch Lebt nicht vom Brot allein“, sondern als es schon besser stand, im Sommer 1942, lebten die Leningrader von Wegerichsuppe, Püree aus Brennesseln und Sauerampfer, Beefsteaks aus Rübenblättern und Klößchen aus Melde.

Die Täuschung durch das Eigene

Es ist und bleibt ein Trauma, aus dem wir solange nicht erlöst sind, als wir uns nicht der bösen Faszination der Vernichtung und des blanken Nichts stellen Wir kommen von unserem Trauma erst los, wenn wir, wie Jesus von Nazareth sich ausdrückte, aufbegehren gegen den „Vater der Lüge“, der nur „aus Eigenem“ spricht. Wir gewinnen statt erneut zu verlieren, wenn wir die Sprache der im eingeschlossenen Leningrad d em Tod trotzenden Schwestern und Brüder verstehen lernen wollen.

Selbst als alle Aufgeschlossenen unter den Juden mit ihm ins Gespräch kommen wollten, hielt Jesus von Nazareth ihnen vor, daß ihre Tradition zum Teufel ginge, wenn sie nichts zulasse als sich selbst und alles zunichte mache, was ihr nicht entspricht: „Warum versteht ihr denn meine Sprache nicht? Weil ihr mein Wort nicht hören könnt: Ihr habt den Teufel zum Vater, und nach eures Vaters Gelüste wollt ihr tun ... Wenn er Lügen redet, so spricht er aus Eigenem; denn er ist ein Lügner und der Vater der Lüge.“ (Johannes 8, 43+44)

Der göttliche Einspruch Christi gegen die Juden richtete sich gegen deren vergottete Tradition. Es bedeutet eine tiefe Ironie der Geschichte, daß der die Juden vernichtende Nationalsozialismus in seiner eigenen Tradition selber derart quasijüdisch „auserwählt“ war, daß er von nichts anderem als nur dem Eigenen sprach und sich so zum „Vater der Lüge“ für unser fast ganz verblendetes Volk erhob.

„Vater der Lüge“: diese Benennung des Antichristen durch Jesus von Nazareth meint auf uns Deutsche bezogen die falsche, weil nur sich selbst bespiegelnde Erinnerung. Ihr folgt eine eigenmächtige, alles fälschende 'Tradition auf dem Fuße. Sich von einer solchen Tradition abzunabeln, bedeutet eine auch in jüngster Zeit wieder schmerzhafte Geburt. Mag sie auch selbst die Schmerzen der Abnabelung von einer schließlich doch irreführenden Tradition zu spüren bekommen haben: Christa Wolf mahnte in ihrem Buch 'Kassandra' aber doch richtig, schon den Vorkrieg vor dem Krieg zu verhindern, und schrieb uns den Merksatz: „Laßt euch nicht von den Eigenen täuschen!“

Die Besinnung auf die Schmerzfähigkeit

Noch genauer gefaßt bedeutet „Vater der Lüge“ die Faszination des Bösen, wo sie unsere Herzen vergiftet und unsere Hirne benebelt, so daß wir nicht den Gewalttätern ihre Unmenschlichkeit vorhalten, sondern die Opfer der Gewalt zu Unmenschen erniedrigen. Das geschieht auf keine perversere Art, als die Schmerzfähigkeit der Opfer zu verneinen und zu verdrängen oder sogar zu kalkulieren. Mußte der Apostel Paulus sich aber nicht von Christus sagen lassen: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (2. Korinther 12,9)

Heilung, seelisch wie geschichtlich, kollektiv wie als Einzelne, erleben wir da, wo wir die Schmerzfähigkeit des anderen nicht nur im Blick haben, sondern seine Empfindlichkeiten uneingeschränkt wahrnehmen. Die Schwachen haben eine gottgewollte Kraft, das ist ihr Geheimnis vor der Welt und ihre Gnade vor Gott.

Hat sich aber nicht der Größenwahn gerade durch die Ohnmacht seiner Opfer selbst heillos verwundet? Das erfordert zur Heilung eine angemessene Therapie. Die fängt mit dem ungetrübten Erinnern an. Erinnern muß ein allgemeiner Prozeß der Besinnung sein. Das jedenfalls meint auch das russische Wort „Pamjat“, das wir nach anfänglich nationalistischer Engführung heute wohl doch weiter gefaßt verstehen lernen müssen.

Die Bewegung gleichen Namens ist heute eine sehr breite „Erinnerungs“-Bewegung des russischen Volkes. Sie richtet sich sowohl gegen pauschale Beschuldigung als auch gegen falsche Heldenverehrung. Zu dieser breiten Erinnerungsbewegung müssen wir auch die von Andrej Sacharow mitbegründete Organisation „Memorial“ zählen, die sich den Opfern des Stalinismus verpflichtet.

Und die deutsche Besinnung? Gibt es eine ungetrübte kollektive Erinnerung in unserem Land? Gibt es auf den Spuren der kollektiven Erinnerung eine Generationen übergreifende Scham? Immer noch und immer wieder gibt es unter uns Sündenbekenntnisse, die sind lächerlich, weil sie sich selbst verzeihen wollen. Im Rückblick besonders auf die Leiden der Bevölkerung Leningrads während der 900 Tage dauernden Blockade ihrer Stadt müssen wir wohl eine neue Deutungs- und Erklärungstherapie entwickeln.

Die Heilung unserer Sprache

Die beginnt mit der Heilung unserer Sprache. Dazu müssen wir zunächst die Sprachtrennung zwischen den damaligen Opfern und den damaligen Tätern wahrnehmen. Die Sprache der Opfer war und bleibt immer zivil, um nichts mehr als das Leben besorgt. „Drückt den Daumen, damit mich im blutigen Gefecht keine feindliche Kugel trifft. Ich muß leben, für euch leben, meine lieben Grünschnäbel“, heißt es in einem Brief eines Leningrader Vaters, der sich 1941 freiwillig zur „Volkswehr“ meldete. Wo immer auch gesiegt wird, die Besiegten sind immer die Zivilisten.

Die Sprache der Täter dagegen war und bleibt ausgrenzend, abschreckend und erniedrigend. Im März 1941, wenige Wochen vor dem Überfall auf die Sowjetunion, notierte sich der Generalstabschef Franz Halder in sein Tagebuch: „Der Kommunist ist vorher kein Kamerad und nachher kein Kamerad. Es handelt sich um einen Vernichtungskampf.“

Die Heilung unserer Sprache beginnt damit, daß wir die Sprache Christi verstehen und sprechen lernen. Sie äußert sich immer in deutlicher, unmißverständlicher Rede, die sich zwischen Ja und Nein klar entscheidet (Matthäus 5,37). Die Sprache Christi läßt kein Reden oder Debattieren zu, wenn es nur um seiner selbst willen geführt wird. Sie meidet die geistvolle Rhetorik, soweit sie nur auf die Pointe zielt, und enthält sich der Abstraktion, wenn ihre Botschaft nicht schließlich Hand und Fuß hat. Dafür ist sie aber in allen Themen durchlässig für den Heiligen Geist (Matthäus 10,20). Indem und wo immer die Sprache Christi gesprochen wird, da heilt, befreit und erlöst sie. Immer aber bekennt sie in allem, was sie anspricht, woher sie hat, was sie zu sagen hat.

Das meint, „in" der Sprache Christi nicht nur zu reden, sondern „in“ ihr zu leben. Die Sprache Christi bedeutet so sehr Leben, daß nur ein Wort von Christus heute so wie gestern Seelen gesunden, Hungernde satt werden, Lahme gehen und Blinde sehen läßt. Seine Sprache ist wie keine andere lebenspendend und lebenerhaltend, weil in jedem Wort die Konkretion der Liebe Gottes hörbar und spürbar wird.

Paul Gerhardt besang die fortwährende Schöpferkraft Gottes durch sein Wort: „Und was er spricht, geschicht.“ Darin ist auch die Sprache Christi immer ein konkretes Geschehen, denn wer christlich spricht, nimmt Schuld an und vergibt, tröstet und liebt. Wir müssen - im griechischen Urtext ist der Bezug beider Verben aufeinander fast ein Sprachspiel - in der Wahrheit „stehen“ und für die Wahrheit in allen Themen dieser Welt unmißverständlich Standpunkt beziehen, dann „ist“ die Wahrheit auch in unserem Tun und Lassen.

Die unbegrenzte Vergebung

Die Sprache Christi stiftet demnach immer und unter allen Umständen Gemeinschaft, fördert Vertrauen und wirbt um Einverständnis. Heute ist die Welt zu eng für Ausgrenzungen. Jeder ist heute weltweit Mit-Wisser. Damit gibt es keine Flucht mehr aus der Verantwortung. Jedermanns „Sünde“ berührt und trifft immer andere Menschen und Kulturen. Wer das nicht akzeptiert, ist weltweit ein halber Mensch, und was er tut, ist nichts Halbes und nichts Ganzes.

Die neue Verantwortung muß heute grenzenlos sein, nicht weil die neuen Ereignisse die Grenzen übersprangen, sondern weil die alte Schuld alle Grenzen sprengte. Das bedeutet, daß wir die alten Begrenzungen und Blockierungen sichten müssen, um nicht erneut engstirnig und hartherzig zu werden. Wo nun der Kommunismus untergegangen ist, da ist auch die Utopie der Gleichheit aller Menschen verblaßt. Tatsächlich hat sich die ideologisch verordnete Gleichheit niemals mit der menschlichen Verschiedenartigkeit in ihrer Dynamik vereinbaren lassen.

Wenn wir dennoch an der Gleichheit aller Menschen quer durch alle Sprachen und Kulturen festhalten, dann tun wir es allein im Blick auf die jederzeit mögliche Schuld jedes Menschen weltweit. Im Kernkapitel seines Buches 'Die Dämonen' läßt Fjodor Dostojewskij den mönchisch lebenden Priester Tichon mit dem reichen St. Petersburger Nikolai Wsewolodowitsch Stawrogin zusammentreffen. Der bläht sich auf sich mit einer monströsen Beichte, bis endlich der Priester dem Prasser die Mahnung wie einen Trost entgegenhält: „In seiner Sünde hat jeder Mensch allen gegenüber gesündigt, und jeder Mensch ist irgendwie an des andern Sünde schuld. Es gibt keine vereinzelte Sünde.“

Das ist nichts anderes als eine weise Auslegung der fünften Bitte des Vaterunsers: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Die Gleichheit aller Menschen, aller Völker und Kulturen besteht heute vorrangig darin, daß alle in gleicher Weise und in gleichem Ausmaß auf Vergebung angewiesen sind.

Die einzig gültige Utopie

Wenn heute die Leningrader Blockadefrauen als Mütter Rußlands ihre alten Lieder in unserer Kirche singen, dann geben sie uns die erneute Gelegenheit, die Sprache der Opfer zu hören und zu lernen, sich in sie hineinzuversetzen. Immer ist bei ihnen die Sehnsucht nach dem Rettenden herauszuhören. Diese Sehnsucht hat sich als zählebiger erwiesen als das Streben nach Macht. Heute danken wir Gott dafür.

Darum halten wir nach dem Ende aller Utopien, insbesondere der kommunistischen Utopie, an der einzigen noch zulässigen, weil gottgewollten Utopie fest: „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!“ (Offenbarung 21, 3-5)

Lenin mit seiner doktrinären Utopie vom Kommunismus sollte uns eine Lehre sein - und ist es auch geworden. Wie anders aber steht Johannes mit seiner uralten utopischen Vision da! Sie will nicht belehren, sondern beleben. Sie kann es auch, weil sie durchzogen ist von einer scharfblickenden Philosophie: Das ganz Große fängt stets im ganz Kleinen an. In jenem für diese Ausstellung nachgebauten dunklen Zimmerchen hinter dem Altar ist davon eine genaue Ahnung zu bekommen."

 

Die Texte zur Predigt

In seiner Sünde hat jeder Mensch allen gegenüber gesündigt, und jeder Mensch ist irgendwie an des anderen Sünde schuld. Es gibt keine vereinzelte Sünde.

(aus: Fjodor M. Dostojewskij, Die Dämonen)

 
Da sprach nun Jesus zu den Juden, die an ihn glaubten: Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.

Warum versteht ihr denn meine Sprache nicht? Weil ihr mein Wort nicht hören könnt! Ihr habt den Teufel zum Vater, und nach eures Vaters Gelüste wollt ihr tun. Der ist ein Mörder von Anfang an und steht nicht in der Wahrheit; denn die Wahrheit ist nicht in ihm. Wenn er Lügen redet, so spricht er aus dem Eigenen; denn er ist ein Lügner und der Vater der Lüge. Weil ich aber die Wahrheit sage, glaubt ihr mir nicht.

 

(Johannes-Evangelium Kap. 8, 31-32 und 43-45))