Reval und Narwa - fast bricht ihm  sein Glück das Genick

Man merkt an dem intensiveren Beschuss aus der Stadt, der ab 14. Januar 1944 einsetzt, dass die Truppen der Roten Armee den Ausbruch vorbereiten, und jeder kann sich ausrechnen, dass die Einheiten der Wehrmacht bald zurückgedrängt werden und die Stadt nach 900 Tagen der härtesten Belagerung ("Blockade") der Geschichte befreit wird. Am 15. Januar  erhält Uffz. Helmut Brammer den Marschbefehl nach Reval (heute Tallinn). Dort soll er an einem Gas-Lehrgang teilnehmen. Denn das Oberkommando befürchtet, die Rote Armee werde Gas einsetzen, um den Belagerungsring um Leningrad zu sprengen.

 

“Du hest aber wedder Glück, Helmut,” sagen die Leute, “de Iwan brickt bald ut. Und denn biss Du wiet wech vun’n Schuss! Ick günn tou giern mit Di mit.” / "Du hast du aber wieder Glück, Helmut. Der Iwan bricht bald aus. Und dann bist Du weit weg vom Schuss. Ich ginge zu gern mit Dir mit."

In der Tat: am 28. Januar 1944 beginnt der sowjetische Großangriff, die beiden Kessel von Leningrad und Oranienbaum werden aufgesprengt, und die Wehrmacht wird einige hundert Kilometer zurückgeworfen.

Aber fast bricht ihm hier sein Glück das Genick:
“Soldatenklau”, ein Offizier im Range eines Majors, patroulliert mit Feldjägern durch Reval und lässt sich von jedem Landser den Marschbefehl zeigen. Es spricht sich herum, dass er umgeht - “Soldatenklau” steckt jeden, der nicht klar sagen kann, wo sich seine Einheit befindet - und das sind viele in diesen Tagen des Rückzugs -  in eine zusammengewürfelte Kompanie aus Versprengten. Als er Helmut fragt, wo seine Einheit sei, antwortet er, wie  er’s weiß: “Bei Puschkin, Herrr Major!” “Machen Sie keine Witze, Brammer, da sind wir lange nicht mehr!” In der Tat, er hat recht. Und Helmut findet sich in einer Kompanie wieder, in der auch Angehörige der Waffen-SS (“Nordland-Division”) sind - “Rabauken, Schlägers, richtige Verbräkers tou’n Deil” ("Rabauken, Schläger - richtige Verbrecher zum Teil") - Norwegen, Dänen, manche direkt aus dem Knast. Sie wollen sich austoben, und Helmut weiß, denen ist alles egal.

Er ist nun “bei der Inf. gelandet” - bei der Infanterie, also ganz unten in der Rangfolge der Wehrmacht, den “Infanterieschweinen”, den “Frontschweinen”, die im Dreck liegen, bei denen, die ganz vorne Mann gegen Mann die Drecksarbeit machen müssen, und sie müssen bald zum Einsatz - aber der Iwan ist hier ja noch ruhig, schreibt er an Heinz - nicht an seine Eltern. Das kann er ihnen nicht schreiben, seinem Vater Karl, der den Ersten Weltkrieg überlebt hat und dessen älterer Bruder Hermann am 1. August 1915 "gefallen" ist, schon gar nicht. Heinz soll ihnen das erzählen, sonst machen sie sich zu viele Sorgen. Man kann das seinem Brief vom 29. Januar deutlich entnehmen. (Er ist anscheinend in 2 Etappen geschrieben; gleich nach dem ersten Satz hat er einen anderen Stift verwendet.) (Und wie gestresst und fertig er ist, wie er auch gealtert ist, kann man auch auf dem Bild rechts erkennen.)

“Soldatenklau” ist altgedienter Offizier und fanatischer Nazi. Im Ersten Weltkrieg haben ihm die Franzosen an der Westfront beide Hacken weggeschossen. Er kann nicht richtig stehen, wippt auf und ab: “Soldaten!” brüllt er die angetretenen Reihen an, “Was gibt es Schöneres, als für Deutschland zu sterben?”
Helmut denkt, aber er sagt es nicht: ”Leben ist besser!”

Er ist in jeder freien Minute am Bahnhof in Reval (Tallinn). Endlich trifft er einen aus seinem Haufen - bei Narwa sind sie jetzt . Er gibt ihm mit, man möge ihn, den Ladekanonier, unbedingt anfordern. Und so kommt es auch: ein Telegramm, ab in den Zug, und bald findet er seinen Haufen wieder, eben bei Narwa.


Osten, d. 29.I.44

Lieber Heinz!

Schnell will ich Dir einige Zeilen schreiben. In N. (offenbar Narwa) bin ich gestern gut angekommen habe in einer großen Fabrik übernachtet, hier wird ein jeder aufgefangen, ob Urlauber, Dienstreisende usw. ganz gleich von welcher Einheit, heute morgen war nun eine große Einteilung, es wurden mehrere Komp. aufgestellt, somit bin ch nun auch bei der Inf. gelandet, gesagt wird ja, daß wir in den nächsten Tagen wieder zur alten Einheit sollen; heute abend sollen wir allerdings noch in Stellung gehen , aber bis hier ist der Iwan ja noch nicht.
Nun lieber heinz, ich will dir man lieber nicht zu Haus schreiben. Du kannst es Vater ja mal erzählen.
Schreibt ruhig weiter auf meine alte F.P.N. (Feldpostnummer;  35860 war das)

Viele Grüße an Vater und Mutter

Dein Bruder

Ernst Buckendahl sein Haufen ist hier, habe schon einige getroffen.

 


   
 

Reval (heute Tallinn)

In Reval scheint er sich zuweilen wie ein Tourist gefühlt zu haben, jedenfalls bevor er "Soldatenklau" über den Weg gelaufen ist.
Unten findet sich ein ausklappbares Fotoalbum mit Ansichten der Stadt, das er seinen Eltern und seinem Bruder Heinz geschickt hat. Auf der Rückseite finden sich Stichworte zu den Ansichten in estnischer und in deutscher Sprache.

von oben: 1. Blick von See; 2. Tornide väljak / Platz der Türme; 3. Vana Raekoda / Altes Rathaus

 

4. Majad Toompea verul / Alte Häuser auf dem Domberge; 5. Vaade Toompeale / Totalansicht auf dem Domberg; 6. Aleksander Nevski peakirik / Alexander-Newski-Kathedrale (im Original nach links gedreht)

7. Toompea kindlus / Mittelalterliche Burg; 8. Viruvärav / Mittelalterliches Stadttor; 9. Vaade Toompealt / Aussicht vom Domberge


Muster: Rückseite der Fotos, die auch als Postkarten verwendet werden konnten