Heute vor 100 Jahren wurde mein Vater Helmut Brammer sen. in Etzen geboren, am 25. April 1919.
Hier steht mehr über sein Leben.


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Auf diesem Internetauftritt möchte ich einen Beitrag zur Familiengeschichte der Brammers und der Stuhtmanns leisten.

 

Bild gemalt von Mark Bishop 1984

Hinweis: Alle Bilder auf diesem Internetauftritt: privat

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Wer in der Zukunft lesen will,
muss in der Vergangenheit blättern*.


Über Sinn und Unsinn eines solchen Internetauftritts

Auf diesem Internetauftritt möchte ich einen Beitrag zur Familiengeschichte der Brammers und der Stuhtmanns liefern. 
Dabei muss man die beiden Höfe in Etzen und in Raven berücksichtigen. Jedoch dient diese Seite nicht betrieblichen Belangen, sondern ausschließlich der Geschichte unserer Familien. Ein besonderer Abschnitt ist den Soldaten gewidmet, denn mit Ausnahme meiner (Nachkriegs-)Generation haben alle den Wehrdienst geleistet und mussten auch in den Krieg ziehen.

Ferner habe ich eine Abteilung zur Dorfgeschichte Ravens eingefügt. 
Denn alles das gehört unseren Familien und auch dem Dorf.

Alles das ist in stetem Fluss, ich stoße auf neue Dokumente, ändere Abteilungen oder ergänze sie.

In einem besonderen Kapitel über meinen Vater Helmut sen. - den "Chef" - habe ich zusammengetragen, was er mir erzählt hat oder was ich in seinem Nachlass gefunden habe. Der Großteil der Materialien und Berichte bezieht sich auf die Zeit vor dem Jahre 2003, dem Jahre, in dem Helmut sen. ("der Chef") verstorben ist.
Deshalb können Veränderungen, die sich seither vollzogen haben, nur gestreift werden, auch dramatische wie die Zerstörung des Stuhtmann-Brammerschen Bauernhauses, unseres Elternhauses, das Ende Februar/Anfang März 2016 ohne Not abgerissen wurde, nachdem man es zweieinhalb Jahre und drei Winter hat leerstehen lassen.

Auch diesem Haus will ich ein Denkmal setzen.

 

* André Malraux


 

Kurze Zeittafel

 

Etzen

  

Raven

    1231 - erste urkundliche Erwähnung des Meyerhofes zu Raven
1799 - Georg II. übereignet Land und Wald an Johann Heinrich Witthöft aus Dehnsen. Er erbaut das "alte" Haus.   1796 - Johann Friedrich Stuhtmann aus Amelinghausen kauft den Meyerhof
1883 - Heinrich Brammer baut in Etzen das erste aus massivem Stein gemauerte "neue" Haus im Kreis Lüneburg   1865 - Friedrich Stuhtmann baut in Raven das größte Bauernhaus im Kreis Harburg
1885 - Hermann wird geboren
1887 - Karl wird geboren
  1868 - Gustav Stuhtmann wird geboren,
1881 - Heinrich Stuhtmann wird geboren
1913 - Karl und Frieda heiraten   1905 - Gustav und Emma heiraten
1913 - Karl kauft einen Hof in Groß Süstedt      1906 - Käte Stuhrmann wird  geboren.


1914 - Karl wird Soldat  
1915 - Karl jun. ("Kalli") wird geboren;
1915 - Hermann gefallen; Karl und Familie gehen zurück nach Etzen
 
1916 - Karl jun.   1924 - Käte (17 J.)
1917 - Heinz wird geboren,
1919 - Helmut wird geboren
   
     
1946 - Heinz und Martha aus Brackel heiraten   1946 - Gustav adoptiert seine Nichte Ursula  aus Eyendorf
    1949 - Ursula und Helmut aus Etzen heiraten
    1956 - Gustav Stuhtmann
Größere Umbauten am Haus 
1979 - Karl   1962 - Schafstall brennt ab durch Brandstiftung; Neubau der Kartoffelscheune
1994 - Heinz   1988 - Hans wird Eigentümer des Hofes Brammer in Raven.
    2003 - Helmut
Ab 2009 Renovierung des "alten" sowie des "neuen" Hauses    
    2016 Abriss des Bauernhauses der Familien Stuhtmann und Brammer
2018 "Dorferneuerung": Auszeichnung und Preisgeld für die vorbildliche Renovierung des Etzer Hauses    

 

 

In Etzen liegen alte Dokumente, die Aufschluss geben über die Anlage des Hofes und seine Entstehung.

Es folgen die wichtigsten davon, zunächst der Meierbrief von 1799.

Hierin wird im Namen des Landesherrn Georgs II. von Hannover, der gleichzeitig König von England ist, dem Johann Heinrich Witthöft aus Dehnsen der Etzer Hof mit Land, Wiesen und 2 Gartenplätzen übertragen; außerdem erhält er die Auflage, ein Haus binnen Jahresfrist zu bauen - das alte Haus. Das gelingt ihm offenbar.

Das Ganze geschieht nach Meierrecht - das ist ein "erbliches dingliches Recht auf Nutzung fremden Gutes mit der Verbindlichkeit, das Gut den Grundsätzen bäuerlicher Wirtschaftsführung gemäß zu bewirtschaften, bestimmte jährliche Leistungen davon zu entrichten und nach Ablauf bestimmter Perioden einen neuen Meierbrief zu lösen" (Fundstelle: Lernwerkstatt Geschichte).
Diese Abgaben werden erst in der ersten Hälfte des 19. Jh. abgelöst im sog. Etzer Rezeß.

Der Text des Meierbriefes ist hier transkribiert. Das Original im Faksimile steht unten (bitte klicken).

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"Des Allerdurchlauchtigsten, Großmächtigsten Fürsten und Herrn, Georg des Dritten, Königs von Großbritannien, Frankreich und Irland, Beschützers des Glaubens, Herzoges zu Braunschweig und Lüneburg, des Heiligen Römischen Reiches Erz-Schatzmeisters und Churfürsten p.p.,

Wie sr.(seiner) Königl. Majestät und churfürstl. Durchlaucht verordnete Kammer-Präsidenten, Geheimen Räthe, Geheimen Kammer- und Kammer-Räthe urkunden und bekennen, dass Wir den bis jetzt (nächst?) palagium Kothhof u Etzen, wovon die Amtsvogtei zu Amelinghausen mit unserer Genehmigung das Land zu nutzen   dem Zimmermeister und bisherigen Häusling zu Dehnsen, Johann Heinrich Withöft (meierrechtlich?) einzuthun beschlossen haben.

Wir übergeben also demselben das zu dem genannten Kothhofe gehörige, in der Etzener Feldmark zwischen den Grundstücken des … Einfall bestehende, Königlichen Kammer zehntpflichtige Land mit allem Rechte und Gerechtigkeiten zu Erb-Meierrechte für sich und seine Erben, soweit es Herkommens  (Übergang zu S. 2)
und Gewohnheit ist, wozu … ihm außerdem zum Hofraum und Garten 1 Calenberger Morgen aus der H… am Kirchbergs Gehege (?), zu einem Gedinge ½ Calenberger Morgen ebendaselbst … am Hofplatze, und noch zu einer Gedinge 1 Calenberger Morgen unter dem Kleinen Felde aus der Gemeinheit Etzen haben anweisen lassen.

Wir verleihen ihm dieses alles unter folgenden Bedingungen:

1.
daß er im nächsten Sommer auf dem ihm angewiesenen Hofplatze ein Wohnhaus mit Zubehör, zur Landwirtschaft eingerichtet, erbaue und den Bau vor Michaelis 1800[1] beendige.

2.
dass er das ihm meierrechtlich übergebene Land gehörig cultivire und in gutem Stande erhalte, indem er es jetzt in ordnungsmäßiger Beschaffenheit und (?Bürger? Dünger?) annimmt, und dass er den ihm ausgewiesenen Gartenplatz und die beiden Wiesenplätze urbar mache und mit den nötigen Befriedigungen[2] versehe.

3.
daß er auch alle dem Kothhofe zustehende Ge - (Übergang zu S. 3)
rechtsahme und Befugnisse sorgfältig, damit nicht der Gutsherrschaft und ihm selbst  nachtheiliges angedeihe (?),  sofern aber von irgendjemandem Eingriffe  und Beeinträchtigungen versucht würden, soll der neue Kothsasse schuldig seyn,  zur nöthigen Remedur[3] dem Amte Winsen sogleich Anzeige davon zu thun, sich jedoch selbst auch aller Beeinträchtigung gegen die drey Vollhöfner zu Etzen zu enthalten.

4.
dem Colono[4] werden alle Veräußerungen, Vertauschungen, Verpfändungen und Theilungen irgend eines zu dieser Kothstelle gehörenden  … als null und nichtig untersagt; wobey Wir bey dem dereinst folgenden Ableben des nunmehrigen Wirths uns ausdrücklich vorbehalten, demjenigen seiner Kinder die Stelle wieder zu übergeben, welches sich am besten dazu qualifiziren wird.

5.
In Ansehung der Abfindung der übrigen Kinder soll nach der Qualitate der Stelle und der Beschaffenheit der Allodii[5] so wie auch bei der künftigen Bestimmung der ??? nach Meierrecht und Gewohnheit, (Übergang zu S. 4)
die gehörige Proportion gehalten werden.

6.
Der neue Wirth hat, wie seine Nachfolger nach Ablauf der  ihm vom 1. May 1800 an bewilligten …   von  an die Amtsleute zu entrichten:

 

Dienstgeld                              4 Rthlr             18 mgr[6]           Pfg.    

Bürgermeistergeld (??)           -------               13 ’’                   4’’

Für ein Rauchh…                                             3                     6’’

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 überhaupt                              4 Rthlr             35                    2’’

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Auch soll er sich nicht entziehen, nach seiner Qualität als Köthner, alle Gemeine-Ausgaben und  mit zu tragen, als Einquartierung, Kriegerreisen, Reuter-Speisung, Unterhaltungskosten der Wahnsinnigen und Armen, Baue und Reparationen[7] der Gebäude der Geistlichen, und alle übrigen dem Dorfe zufallenden Onera[8];wie auchdie gewöhnliche Contribution[9] vom Lande zur rechten Zeit zu bezahlen.

7.
Macht sich der neue Wirth verbindlich den Zuentbieterdienst[10] bey der Voigtey Amelinghausen, welcher der verstorbene Köthner Johann Heinrich Michaelis zu Dehnsen versehen hat, vom 1ten May 1800 an, für diejenige Vergü- (Übergang zu S. 5)
 tung zu übernehmen, welche letzterer dafür erhalten hat, und will/soll diesen Dienst unablöslich und auf alle Zeiten auf seine Stelle bringen.  

8.
Bey jeder Veränderung des Wirths werden in dem Antritts-Jahre 4 Rthlr 18mgr[11], also ebenso viel als Dienstgeld, der bisherigen Abfassung gemäß, als  (??We--strafe??) erlegt. 

9.
Wenn der neue Kothsasse diese Verbindlichkeiten nicht erfüllen, sondern den genannten Bedingungen entgegen handele, oder mit seinen Gefällen zwey Jahre in Rückstand bleiben würde, so soll er seiner Meierrechte verlustig seyn, dasselbe gerichtlich entsetzet, und die Stelle mit einem anderen, von Uns zu erwählenden Wirthe wieder besetzt werden.

Dagegen 

10.
versprechen Wir, ihn von Gutsherrschafts wegen gegen Jedermanns Ansprüche und Anmaßungen bei der eingethanen Kothstelle, deren Zubehör, Rechten und Gerechtigkeiten zu schützen und zu vertreten.

Zur Urkunde ist dieser Meierbrief mit (Übergang zu S. 6)

dem Kammersiegel ausgefertiget, und dem Eigener unserem Koths …  (unleserlich) zugestellet.

 

So geschehen           Hannover, den 28ten October 1799             Siegel

 

Meierbrief
für
Johann Heinrich Withöft


Anmerkungen:

[1] 29. September – an diesem Tage wird von alters her Zehnt und Zins fällig

[2] Einfriedigungen, also Zäune

[3] Heilung = Abhilfe – „Heilung“- heute noch im Juristendeutsch gebräuchlicher Ausdruck

[4] Pächter

[5] Allod – von der Dorfgemeinschaft genutzte Flächen, also Wiesen, Teiche, Wald, Holzungen

[6] Mariengroschen – Braunschweigisch-Lüneburgischer Mariengroschen=1/36 Rthlr.;
     Umrechnung nach: http://www.pierre-marteau.com/currency/coins/germ-01.html

 [7] Reparaturen

 [8] Lasten (lat.)

 [9] Contribution (heute: Kontribution) = Beitrag

[10] Zuentbieter = Auktionator, Versteigerer

[11] Mariengroschen – Braunschweigisch-Lüneburgischer Mariengroschen=1/36 Rthlr.;
       Umrechnung nach: http://www.pierre-marteau.com/currency/coins/germ-01.html

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Die 6 Seiten des Meierbriefes habe ich eingescannt. Sie folgen hier:

 

 

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"Frischzellenkur", so schreibt die Landeszeitung (online-Ausgabe, 04.01.2017). Und das war es auch: Das etwa 140 Jahre Haus auf dem Hof Brammer in Etzen - das erste im Landkreis Lüneburg übrigens, das massiv aus Ziegeln und ganz ohne Fachwerk erbaut wurde - wurde von Carsten Brammer vorbildlich restauriert und modernisiert - ein Schmuckstück fürwahr, und Carsten ist stolz.
Hut ab!

Mehr steht hier (bitte klicken).

Franz Quante, geb. am 9. Juni 1906, hatte von 1931 bis 1965 auf dem Hof gearbeitet. Seine Frau Ida und die beiden Söhne kamen nach.

"Jaaha," sagte er immer, "dat war 'ne schlechte zeit dammals." Dann erzählte er, wei er nach Raven gekommen war. Er "hatte auf Berchmann gelernt gehabt", wie er sagte, kam aus Wanne-Eickel und war "in der schlechten Zeit" in der Weltwirtschaftskrise arbeitslos geworden. Da ging eine ganze Gruppe junger Männer zu Fuß los, um sich "beim Bauern oder sonstwo" Arbeit zu suchen, erstmal im Münsterland. "Da gibt's ja immer was zu tun, beim Bauern." Auf jeden Fall gab's meist eine warme Suppe oder auch einen Schlafplatz im Heu. Oder man musste in eine Art Wärmestube in der Stadt. Da wurde ein großer Strick quer über den Raum gespannt, und die Männer legten die Arme drüber und schliefen ein, halb im Stehen. Morgens wurde das Tau durcjhgeschnitten, alle fielen auf den Boden, bekamen eine Tasse Tee und mussten wieder 'raus. Und weiter ging's, immer zu Fuß. "Ich wär' bis Ostpreußen gegangen, wenn der Pole mich durchgelassen hätte." Und da kam er nach Raven, wo Gustav gerade händeringend einen Schweizer suchte. Der freute sich: "Denn man tau. Kannst fuant (=sofort) anfangen, musst aber Schweizer spälen!" (Schweizer - so hießen die Melker. Gustav hatte 8 Kühe.)

Und Franz fing an.Er hatte seine Frau Ida und seine beiden kleinen Jungs zu Hause lassen müssen. Bald fragte Gustav: "Wullt Du dien Frou und dien Jungs nich bald ma halen?" Sie zogen in das "Deputathaus" am Ortsausgang nach Eyendorf, das er 1911 gebaut hatte, 2 Wohnungen (heute würde man "Doppelhaushälften" sagen), Franz und Familie bekamen die nördliche Wohnung nach Eyendorf zu, die andere bewohnten Heinrich und Anna Rieckmann. Zu beiden Wohnungen  gehörten jeweils Stall und Garten.

Während des Krieges musste er "Soldat spielen", die meiste Zeit als Besatzungsgssoldat in Frankreich.

Wir Jungs sind oft mit ihm mitgegangen, wenn er Kühe oder Schweine fütterte, Silage auflud, streute, Stroh schnitt. Er hat uns viel erzählt und auch viel "vorgesponnen" - ich denke sehr gerne und mit einem dankbaren und wohligen Gefühl an ihn.

"Onkel Franz" und "Tante Ida", wie wir Kinder sie nannten, waren - neben dem alten Herrn Lüthge. dem pensionierten Dorfslehrer - die ersten im Dorf, die einen Fernseher hatten, schon ab 1959, wenn ich mich recht erinnere. Da konnten wir ab 17 Uhr die Kinderstunde sehen, manchmal abends auch die "Nordschau" ("Nordsau", sagte er, und um 8 abends die "Tagessau") und am Sonntagnachmittag auch mal einen Film ("Fury", "Corky und der Zirkus", "Lassie" - wenn ich diese Namen höre, sehe ich sofort ihre Stube vor Augen.

Großereignisse waren Rosenmontagsumzüge und Fußballspiele - das halbe Dorf kam dann in die Stube von Franz und Ida. Die Leute brachten Butterbrote, Thermoskannen und Stühle mit - Fernsehen als gesellschaftliches Ereignis. (Und heute? Jeder sitzt für sich zu Hause vor der Glotze.)