Onkel Gustav / Heinrich Friedrich Gustav Stuhtmann (8. Mai 1868 - 6. Juli 1956)

... als junger Mann    Gustav und sein Schnurrbart - ... und “Thanse-Meier” - Pass- und Führerscheinfotos - Gustav zum 85. - Gustav Stuhtmann ist tot
Zeitweilig war die - modern gesprochen - Fluktuation auf dem Hof groß, kamen und gingen in rascher Folge die "Knechte" und "Mägde", wie sie früher hießen. Das hatte damit zu tun, dass Gustav Stuhtmann öfters seinen Schabernack mit ihnen trieb. Eines Nachts stieg er auf den Heuboden. Er hatte eine Strohpuppe in Arbeitskleidung dabei, die er ins Gebälk hängte. Als nun der Schweizer (der Melker) früh am Morgen - die Schweizer fingen schon um 3 Uhr an - heraufkam, um Heu und Stroh herunterzuwerfen für die Kühe, da zog Gustav an dem Strick und machte Geräusche. Der Schweizer bekam es mit der Angst. Er machte seine Arbeit fertig und ging zum Bauern: "Bei Dir spukt das. Mach man die Papiere fertig, ich höre sofort auf."

Kann sein, dass das der Tag war, an dem Franz kam.

Im Sommer ging die Schule um 7 los, im Winter um 8. Gustav hatte eines schönen Tages eine Idee. Er zog sich seinen Lodenmantel an, denn es war Winters Tag und es war kalt. Im fahlen Licht des Mondscheins auf dem Schnee stand er vor der Schule, den Schnurrbart in's Gesicht gekämmt und den Hut tief ins Gesicht gezogen, und begann, als die ersten Kinder kamen, ein großes Messer an einem Wetzstein zu wetzen. Das schleifende Geräusch, die unheimliche Figur, die Stimmen, die er machte, jagte den Kindern einen gehörigen Schrecken ein. Gustav ging danach zum Schulmeister und sagte: "Na, Köster, näm sind denn hüt de Kinner afbläben? Denn lat uns man wat vertelln," und ging in die Küche.

Das mochte er, Leute "Grouen maken". Mit seinem gewaltigen Schnurrbart konnte er ganz grauslige Grimassen schneiden. Und er war eine stattliche Erscheinung, eine große, breitschultrige Gestalt mit langem schwarzem Jackett. Noch als alter Mann "bedrohte" er Jungs mit seinem großen Handstock - und gab ihnen anschließend Himbeerbonbons, von denen er einen unerschöpflichen Vorrat in seinen großen Tasche hatte.

In Luhmühlen bei den Reitern war er ein angesehener Mann; als junger Mann hat er auch geritten, und er war ein großer Pferdezüchter. Auch in der Hundezucht hatte er einen großen Namen. - Onkel Gustav hatte zu allem Lust, bloß nicht zur Landwirtschaft . Aber die war ihm in die Wiege gelegt worden; die ungeschriebenen Gesetze seiner Zeit sahen unerbittlich vor, dass der erstgeborene Sohn das Hoferbe antreten musste, ob er wollte oder nicht. Vielleicht ist er deswegen - wie man heute sagen würde - etwas "abgedreht" gewesen. Und dass er seine liebe Tochter Käthe schon mit 17 Jahren verloren hat, hat er nie verwunden.

So saß er denn auch oft mit "Thansemeier" - Otto Diederichs vom Hof Thansen - zusammen. "De bei hebbt vör de Missendör säten und hebbt logen", erzählen die Leute.
Eines Tages saß er mit seiner Zigarre und Thansemeier mit seiner Pfeife da. Sagte Gustav: "Ick heff `n neie Deern in'n Huus." "Sü," sagte Thansemeier, "denn lat er mal vördraben." Gustav rief: "Anna, hal mal Holt!" Anna musste an den beiden vorbei, um in ihrer Schürze ein paar Scheite Holz zu holen. Als sie wieder in die Küche gegangen war, fragte Gustav: "Na, wat dücht Di dor bi?" Thansemeier: "Gesang 74, Vers 2" (und das war die Strophe, die anfing mit "Unser Wissen und Verstand ist mit Finsternis umhüllet.") Was uns wie eine Geheimsprache anmutet, war den meisten Leuten damals ganz offensichtlich. Denn damals konnten die Leute viel mehr auswendig als wir heute; Gesänge, den Katechismus, Bibelstellen. Da reichen wenige Angaben, um ganze Passagen anzudeuten.

Ich habe Opa, wie wir unseren Großonkel Gustav nannten, denn er lebte ja als Altenteiler auf dem Hof, als einen großen und gütigen, immer zu Scherzen aufgelegten und verschmitzten alten Mann erlebt.
Und ich habe noch in lebhafter Erinnerung, wie er morgens in seinem Bett lag und unsere Mutter ihm sein Frühstück ans Bett brachte - eine Tasse heiße Milch und ein "Rundstück", die untere Hälfte mit Butter und "Honnich" bestrichen, die obere Hälfte mit Butter und Salz. Er aß die untere Hälfte, die Honig-Hälfte, lutschte sich den Schnurrbart aus. Dann stippte er die obere Hälfte in die heiße Milch und bot mir das erste Stück an: "Kumm, Jung, ät man tau, dat is för di!". Noch heute ist mir ein Brötchen mit Butter und Salz und heiße Flüssigkeit - bei mir Tass' Kaff' - ein Hochgenuss. Aber nur, wenn es die obere Hälfte ist, versteht sich. Und Honig schmeckt mir irgendwie "gediegen".

Zunächst stelle ich hier recht ungeordnet Bilder vor, die ich im Nachlass meiner Eltern gefunden habe, weiter unten dann folgen einige der Bilder mit Erläuterungen.

 

 

 

      


Bei diesem Bild vermute ich, dass es Gustav zeigt, als er Anfang/Mitte zwanzig ist.

Gustav Stuhtmann hat sich zeitlebens für Pferde und Pferdezucht begeistert. Und er hat den Pferdezuchtverein Lüneburger Geest mit begründet:

"Man schrieb das Jahr 1911. Deutschland in Frieden, Wohlstand und Glück. Da kamen am 20. September in Nebens Gasthaus zu Luhmühlen 24 Männer zusammen, die von dem einen Gedanken beseelt waren, einen Zweig des landwirtschaftlichen Betriebes, die Pferdezucht, aktiv in ihren Betrieb einzuschalten. Die kurze Aussprache, die der Gründung des Pferdezuchtvereins Lüneburger Geest voraufging, ließ erkennen, daß man freudigst und bereitwilligst die Tat aufgriff. Die vorgenommenen Wahlen zum Vorstand hatten folgendes Ergebnis:  1. Vorsitzender Gutsbesitzer Heinrich Jagau, Garlstorf*; 2. Vorsitzender Gutsbesitzer W. Funcke, Etzen; weiterhin gehörten dem Vorstande an die Hofbesitzer J. H. Putensen, Toppenstedt;  G. Främbs, Döhle; Thiede, Eyendorf;  G. Stuthmann, Raven;  G. Müller, Soderstorf;  P. Benecke, Westergellersen und Gutsbesitzer Heinrich Vogt, Rehrhof. Zum Schriftführer wurde A. Stein, Garlstorf, gewählt."
(Harburger Kreiskalender. Ein Heimatbuch auf das Jahr 1959, S. 103)


Auch im Alter zeigte er sich gern mit Pferden:

 

 

 

   

 

Gustav, Käthe und Emma Stuhtmann, etwa 1922 (Emma steht vorne vor der Veranda, zwei Haushaltshilfen sind mit auf dem Bild.)

 

Sein Lieblingsplatz war in der Veranda mit Zeitung und Pfeife:

 

1929 starb Gustavs Mutter:




Onkel Gustav konnte seinen gewaltigen Schnurrbart so kämmen, dass er die ganze Wangenpartie zudeckte. (Seine Schnurrbarts-Tasse mit einem Steg, so dass er ohne den Bart in die Milch zu tauchen, trinken konnte, habe ich noch.)

So ähnlich stelle ich ihn mir vor, als er eines finsteren Wintermorgens vor der Schule aufgetaucht war.

 

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Gustav Stuhtmann und "Thansemeier" Otto Dieterichs

Gustav und sein Freund, Otto Dieterichs ("Thanse-Meier"; links im Bild) auf Hof Thansen im Jagdzimmer. Otto war mit Martha verheiratet, und Martha war die Schwester von Ella Stuhtmann, geb. Völker, der Frau seines jüngsten Bruders Heinrich.

Ursel sagte: “Otto het sien Läf nix dan. Hei hett in 3 Joar ein Scheeselong keputtlägen.” (Otto hat sein Lebtag nichts getan. Er hat in 3 Jahren eine Chaiselongue kaputtgelegen - sie hatte keine Vokabel für “Sofa”; der französische Ausdruck war in Eyendorf ganz gebräuchlich.)

Dieterichs in Thansen waren sehr vornehme und sehr gütige Leute;
vornehm: Was man sich so vorstellt darunter - wenn sie am Sontagnachmittag spazierengingen, so musste ein “Knecht” mitgehen. Der hatte ein Brett zu schleppen. Wenn sie an eine Pfütze kamen, warf er  das Brett darüber, so dass alle trockenen Fußes weitergehen konnten, ohne einen Bogen um die Pfütze zu machen.
gütig: Es hatte sich herumgesprochen unter den “Hampudels”, den Landstreichern, dass es den Leuten bei Otto D. gutgehe. Wenn ein “Hampudel” auf den Hof kam, so bekam er ordentlich ‘was zu essen. Am nächsten Tag zog er dann weiter. (Das sprach sich natürlich in der Szene herum. Man weiß ja, dass Landstreicher/Vagabunden an Balen oder Holzständern  Markierungen anbrachten, die darüber informierten, ob oder wie man an Essen oder Schlafplätze kommen konnte.)
Und zu seinen Leuten kam Otto D. öfters aufs Feld und sagte: “So, Lü, nu hebbt Jü nouch dahn, nu gift dat wat to äten.” Oder er hat ihnen zu Mittag gesagt, sie könnten Feierabend machen.

Großes Problem: Otto war offensichtlich zu gutherzig. Der Hof war bald hoch verschuldet. Ende Januar 1933 machte ihm der Hamburger Getreidehändler Töpfer ein Angebot: Otto möge ihm, Töpfer den Hof überlassen. Dafür wolle Töpfer alle Schulden übernehmen. Otto und seine Familie mussten Knall auf Fall Thansen verlassen - “sei hebt nich mal dat Linnen ut’n Schapp mitnähmen künnt”, sagte Ursel oft voller Bitterkeit - sie haben ncht mal das (Familien-)Leinen aus dem Schrank mitnehmen können.-
War Otto vielleicht übers Ohr gehauen worden? Er wusste jedenfalls eines nicht: Die kommende Regierung Hitler würde die Schulden der Güter annullieren zu Lasten des Reiches.
Er hatte also den Hof umsonst erhalten - und Otto den großen Hof für nichts hergegeben. - “Insidergeschäft” nennt man so etwas heute.
Otto hat danach in einer kleinen Wohnung in Lüneburg gewohnt und ist als armer Mann gestorben. 1991 ging durch die Presse, dass man im Garten eines Mehrfamilienhauses nahe dem Lüneburgere Zentrum eine größe Anzahl Jagdgewehre gefunden habe. Das waren die von "Thansemeyer", die er offenbar 1945 dort vergraben hatte, als die britischen Truppen anrückten. 
Sein Sohn Willi, der ein hochgebildeter Mann war, schlug sich als Milchkontrolleur (“Kuh-Titten-Kommissar”) durch. Er kam öfters mal nach Raven zu seiner Cousine Ursel und erzählte und erzählte. Manchmal blieb er ein paar Tage. Dann lag er gerne auf dem Sofa in der Eßstube und las und las.

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Führerscheinfoto (1938)


Ausweis (1953)

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Zigarrenreklame aus dem Hause Knust in Hamburg:

 

 

 

Zum 85. Geburtstag

 

 

 

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Die Traueranzeigen aus dem "Winsener Anzeiger"

Emma hat nach Gustavs Tod die Uhren angehalten, auch das Kalenderblatt riss sie nicht ab. das blieb 6 Wochen lang so. Gustavs Zeit war angehalten.

Namens der Mitarbeiter auf dem Hof  hat Heinrich Rieckmann als deren Ältester die Anzeige unterzeichnet. 


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Gustav Stuhtmann, Raven, verstorben am 4. Juli 1956

 
 

"Man schrieb das Jahr 1911. Deutschland in Frieden, Wohlstand und Glück. Da kamen am 20. September in Nebens Gasthaus zu Luhmühlen 24 Männer zusammen, die von dem einen Gedanken beseelt waren, einen Zweig des landwirtschaftlichen Betriebes, die Pferdezucht, aktiv in ihren Betrieb einzuschalten. Die kurze Aussprache, die der Gründung des Pferdezuchtvereins Lüneburger Geest voraufging, ließ erkennen, daß man freudigst und bereitwilligst die Tat aufgriff. Die vorgenommenen Wahlen zum Vorstand hatten folgendes Ergebnis:  1. Vorsitzender Gutsbesitzer Heinrich Jagau, Garlstorf*; 2. Vorsitzender Gutsbesitzer W. Funcke, Etzen; weiterhin gehörten dem Vorstande an die Hofbesitzer J. H. Putensen, Toppenstedt;  G. Främbs, Döhle; Thiede, Eyendorf;  G. Stuthmann, Raven;  G. Müller, Soderstorf;  P. Benecke, Westergellersen und Gutsbesitzer Heinrich Vogt, Rehrhof. Zum Schriftführer wurde A. Stein, Garlstorf, gewählt."
(Harburger Kreiskalender. Ein Heimatbuch auf das Jahr 1959, S. 103)

 

 

1930 hatten Emma (geb. Wolter) und Gustav Stuhtmann zu ihrer Silberhochzeit einen Teller aus Meißener Porzellan geschenkt bekommen mit einem Bild des Meißener Doms darauf und der Aufschrift "Aus Silber werde Gold".
Gold wurde es dann am 5. November 1955. Auf dem großen Flur des Ravener Stuhtmann-Hauses war eine festliche Tafel gedeckt, und  während Ansprachen gehalten wurden, warteten alle auf das leckere Essen. (Ich war damals gerade 5 Jahre alt, kann mich aber noch an diese Szene erinnern.) Ursel hatte leckeres Zungenragout vorbereitet, serviert in Pasteten und mit Salzkartofeln.

Auf dem Hof erschien eine Reiterstaffel aus Luhmühlen (Heinrich Garbers aus Vierhöfen, damals Anfang 20, der später Schwiegervater von Gustavs Großnichte Käte werden sollte) war dabei, ebenso Siegfried Scheefeld. Heinrich Garbers ist durch einen roten Punkt am oberen Bildrand auf allen 5 Bildern gekennzeichnet, Siegfried Scheefeld durch einen orangefarbenen auf einem der Bilder. Werner Behringer scheint auch dabei zu sein.

Vor dem Haus auf und vor dem Trittstein hatten sich die engsten Freunde und Brüder Gustavs mit Emma für den Fotografen aufgestellt:

Vordere Reihe: Fritz Thiede (Putensen, Schwiegersohn von Meta Cohrs, geb. Stuhtmann, Gustavs Schwester); Heinrich Stuhtmann aus Eyendorf (Gustavs jüngster Bruder); Emma Stuhtmann, geb. Wolter, Goldene Jubilarin; Gustav Stuhtmann, Goldener Jubilar - beide mit Anstecknadeln; hinter Emma: Karl Stuhtmann aus Soderstorf, Gustavs zweitjüngster Bruder; rechts hinter Gustav Dr. Fritz Ehlermann (aus Salzhausen, enger Freund der Familie und Jagdpächter); ganz rechts: Kurt Jagau aus Garlstorf, Hegeringleiter (1963 verstorben)

Hintere Reihe: von links: Stuhtmann jun. (Julius?): Albert Flindt, Uhrmacher aus Salzhausen; ??; Kurt Günter Jagau aus Garlstorf (1921-1997); Willy Koch im Bruch, Wetzen; ganz rechts: Karl Schulz, Westergellersen


Gustav Stuhtmann und Kurt Jagau waren sowohl üder den Hegering - passionierte Jäger, die sie waren - verbunden als auch über das Reiten:

"Man schrieb das Jahr 1911. Deutschland in Frieden, Wohlstand und Glück. Da kamen am 20. September in Nebens Gasthaus zu Luhmühlen 24 Männer zusammen, die von dem einen Gedanken beseelt waren, einen Zweig des landwirtschaftlichen Betriebes, die Pferdezucht, aktiv in ihren Betrieb einzuschalten. Die kurze Aussprache, die der Gründung des Pferdezuchtvereins Lüneburger Geest voraufging, ließ erkennen, daß man freudigst und bereitwilligst die Tat aufgriff. Die vorgenommenen Wahlen zum Vorstand hatten folgendes Ergebnis:  1. Vorsitzender Gutsbesitzer Heinrich Jagau, Garlstorf*; 2. Vorsitzender Gutsbesitzer W. Funcke, Etzen; weiterhin gehörten dem Vorstande an die Hofbesitzer J. H. Putensen, Toppenstedt;  G. Främbs, Döhle; Thiede, Eyendorf;  G. Stuthmann, Raven;  G. Müller, Soderstorf;  P. Benecke, Westergellersen und Gutsbesitzer Heinrich Vogt, Rehrhof. Zum Schriftführer wurde A. Stein, Garlstorf, gewählt."
(Harburger Kreiskalender. Ein Heimatbuch auf das Jahr 1959, S. 103)

* Heinrich Jagau war der Vater von Kurt Jagau und der Großvater von Kurt GHünter Jagau, die beide oben im  Bild zu sehen sind.

 

 

     

Eine Reiterstaffel aus Luhmühlen hat Aufstellung genommen. Den Reiterverein Luhmühlen hat Gustav Stuhtmann 1903 mitgegründet, und er war ein versierter Pferde- und Hundezüchter.
Die Reiter stehen vor dem alten Schafstall, der am 11. Juni 1962 (Pfingstmontag) infolge Brandstiftung abgebrannt ist. Das musste Gustav nicht mehr miterleben; er ist 1956 verstorben.

Emma-1-2Im Frühjahr 1905, vielleicht zu Ostern (1905 war das am 23./24. April) haben sich Emma Wolter, Tochter des Küsters, Kantors und Schulmeisters Wolter in Raven, und Gustav Stuhtmann, Landwirt auf dem Hof Nr. 1 verlobt. Emmas Freundin Marie ("auf dem Rüterhof genannt 'Hörnchen'", wie sie selbst schreibt), die gerade in Bremen weilt, hat davon erfahren und schreibt ihr.

Den Wortlaut des Briefes habe ich aus Sütterlin transkribiert.
Unten ist das Original im Faksimile - man beachte das Rosenmuster und die Prägung auf dem Papier.

 

Bremen, 17.05.
1905

Meine liebe gute Emma!

Im Geiste reiche ich dir die Hand u. sage dir meine innigsten Segenswünsche. Du hast mich wirklig (sic) sehr überrascht.
Denn ich hatte wirklich keine blasse Ahnung. Nun wünsche ich dir, mein liebes Mädchen, von Herzen alles Gute. Mögest du recht glücklich und zufrieden werden! Gerne hätte ich persönlich gratuliert, doch leider ist mir dieses nicht vergönnt. Doch hoffe ich,  deinen Verlobten später einmal kennen zu lernen. Nun sag mir mal; kenne ich denn deinen Schatz? Ein junger Mensch namens Stuhtmann, war früher mal auf einer Hochzeit in Soderstorf mein Tischherr,  wie er mit Vornamen geheißen hat, weiß ich nicht, ist derselbe vielleicht der Glückliche? Ich möchte es doch ganz  gerne einmal wissen, sobald du irgend Zeit hast, schreibe mir doch einmal, natürlich auch deine Liebesgeschichten. Bitte, bitte, liebe Emma! Schreibe bald. Nun l. Emma will ich schließen. Ich freue mich schon auf meine Heimreise, vielleicht gehe ich zum Herbste für immer aus Bremen,  um immer wieder andere Luft zu genießen. Grüße deine lieben guten Eltern u. sage ihnen von mir die herzlichsten Glückwünsche. Nun lebe wohl liebe Emma u. sei herzlich gegrüßt von Deiner

treuen Freundin Marie
Im Rüterhof genannt
Frl. Hörnchen

Deine Zukunft werde rosig
So wie dieses Briefpapier    d.O.

 

 

 

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Anna Emma Thyra Alberdine Stuhtmann, geb. Wolter (* 12. Januar 1880, † 1. August 1964) stammte aus der Ravener Schule; ihr Vater war Lehrer, Kantor, Organist und Küster gewesen (“Köster Wolter”). 1905 heiratete sie auf den Stuhtmannschen Hof. Anlässlich ihrer Verlobung hat sie einen Brief von ihrer Freundin Marie ("auf dem Rütherhof genannt 'Hörnchen')", erhalten, wie sie schreibt.
Sehr wahrscheinlich auf ihre Veranlassung hin wurde der große Flur mit dem charakteristischen gelb-dunkelgrauen Muster gefliest, mit diagonal verlegten Fliesen in schwarz-gelb, hergestellt von Firma Utzschneider & Jaurez aus Saargemünd.

Am 1. November 1906 brachte sie ihre Tochter Käthe zur Welt. Diese verstarb schon 1924 mit 17 Jahren. Tante Emma trug seither bis zu ihrem Tode 40 Jahre später nur schwarz. Ursel sagte: “Sei het jümmer ‘n oole Frou wän. Anners hef ick iar guar nich kennt.” (Sie ist immer eine alte Frau gewesen. Anders habe ich sie auch gar nicht gekannt.)

Für uns Kinder war sie, die Altenteilerin, unsere  “Oma”, und zu uns war sie immer ausgesprochen großzügig, steckte uns Geld zu und kleine Geschenke. Ursel gegenüber spielte sie sich aber immer wieder als Herrin des Hauses auf. Sie ließ Ursel wissen: "'n Hoff to kriegen, dat is ööch. 'n Hoff to hemm', dua hört wat tau." "Einen Hof zu kriegen, das ist leicht. Einen Hof zu (er-)halten, dazu gehört was." Ursel war ja nun, wie Gustav es eingefädelt hatte, die Hoferbin. Wenn Besuch kam, musste Ursel nach oben in ihre Kammer. Gustav brachte ihr öfters ein Stück Kuchen oder ein Rundstück mit Honnich (ein Honigbrötchen) und eine Tasse Kaffee nach oben.
Und Emma war sehr fromm. Sie ging, so lange sie es noch konnte, jeden Sonntag und jeden Feiertag in die Kirche. Nach einem uralten Gesetz war die 3. Reihe links (von der Kanzel aus) die Reihe, die zum Hof gehörte. Man erzählt, dass einmal ein "Sommergast" (ein Tourist) aus Hamburg da auf Emmas oder Gustavs Platz gesessen hat. Emma aber habe sich auf dessen Schoß gesetzt. Auf dessen verwunderte Frage, was ihr denn einfalle (die Kirche war allenfalls halbvoll) entgegnete sie: "Sie haben hier nichts zu suchen. Das ist unser Platz. Wir sitzen hier seit 700 Jahren."


Emmas Religiosität war eine sehr strenge; für sie war "der liebe Gott" einer, der unerbittlich strafte. Vor Gewitter hatte sie furchtbare Angst und fing sofort zu beten an: "Wenn es gewittert, ist der liebe Giott erzürnt."
Als im August 1959 das Haus von Friedrich Hedder ("de Beitjer") durch Blitzschlag abbrannte, war ihr klar, woran das lag: Er war Weihnachten nicht in der Kirche gewesen ...

Emma war außerordentlich belesen. Und einer ihrer Freunde war Dr. Friedrich Ehlermann aus Salzhausen, ein anderer Eduard Wildhagen, der eine Kolumne im "Hamburger Abendblatt" hatte. Sie verfolgte genau, was sich in der Politik tat. Mir ist noch in Erinnerung, wie sie weinte, als der ehem. Bundespräsident Heuss starb. (Als Kind hatte sie erlebt, wie im "Drei-Kaiser-Jahr" 1888 erst Kaiser Wilhelm I. starb, dann 99 Tage später dessen Sohn Friedrich III., auf den dannn Wilhelm II. folgte.)
 

1961 kaufte sie sich einen Fernseher. Als John F. Kennedy im Juni 1963 Berlin besichte, habe ich das mit ihr am Fernseher verfolgt. Und als am 22. Noevmber 1963, es war Hans' Geburtstag, Kennedy erschossen worden war, da riss sie die Stubentür auf und rief: "Kommt schnell an den Fernseher, Kennedy haben sie erschossen."


Hier kommen ein paar Bilder mit ihrem Bruder Julius, ihrer Schwägerin Klara Wolter sowie ihrer Nichte Senta Kieß, außerdem Emma Wolter als junge Frau.

Emma Wolter als junge Frau.

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Emma-1-2Im Frühjahr 1905, vielleicht zu Ostern (1905 war das am 23./24. April) haben sich Emma Wolter, Tochter des Küsters, Kantors und Schulmeisters Wolter in Raven, und Gustav Stuhtmann, Landwirt auf dem Hof Nr. 1 verlobt. Emmas Freundin Marie ("auf dem Rüterhof genannt 'Hörnchen'", wie sie selbst schreibt), die gerade in Bremen weilt, hat davon erfahren und schreibt ihr.

Den Wortlaut des Briefes habe ich aus Sütterlin transkribiert.
Unten ist das Original im Faksimile - man beachte das Rosenmuster und die Prägung auf dem Papier.

 

Bremen, 17.05.
1905

Meine liebe gute Emma!

Im Geiste reiche ich dir die Hand u. sage dir meine innigsten Segenswünsche. Du hast mich wirklig (sic) sehr überrascht.
Denn ich hatte wirklich keine blasse Ahnung. Nun wünsche ich dir, mein liebes Mädchen, von Herzen alles Gute. Mögest du recht glücklich und zufrieden werden! Gerne hätte ich persönlich gratuliert, doch leider ist mir dieses nicht vergönnt. Doch hoffe ich,  deinen Verlobten später einmal kennen zu lernen. Nun sag mir mal; kenne ich denn deinen Schatz? Ein junger Mensch namens Stuhtmann, war früher mal auf einer Hochzeit in Soderstorf mein Tischherr,  wie er mit Vornamen geheißen hat, weiß ich nicht, ist derselbe vielleicht der Glückliche? Ich möchte es doch ganz  gerne einmal wissen, sobald du irgend Zeit hast, schreibe mir doch einmal, natürlich auch deine Liebesgeschichten. Bitte, bitte, liebe Emma! Schreibe bald. Nun l. Emma will ich schließen. Ich freue mich schon auf meine Heimreise, vielleicht gehe ich zum Herbste für immer aus Bremen,  um immer wieder andere Luft zu genießen. Grüße deine lieben guten Eltern u. sage ihnen von mir die herzlichsten Glückwünsche. Nun lebe wohl liebe Emma u. sei herzlich gegrüßt von Deiner

treuen Freundin Marie
Im Rüterhof genannt
Frl. Hörnchen

Deine Zukunft werde rosig
So wie dieses Briefpapier    d.O.

 

 

 

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Christa, Tante Senta - Senta Kieß, geb. Wolter aus Hannover,  "Oma" Tante Emma, Klara Wolter, ihre Schwägerin aus Hannover, die erblindet war


Julius Wolter, Organist und Kantor an seinem Flügel. Julius war Emmas Bruder und stammte wie sie aus dem Ravener Schulhaus. Beider Vater war "Köster" Wolter.

Der Organist Julius Wolter, Emmas Bruder in seiner Hannoveraner Wohnung am Klavier - Steinweg Nachf. Seine Nichte Käthe auf dem Hof in Raven hatte ein Bechstein-Klavier, mit Intarsien-Schrift: "Bechstein Dresden 1912", Kerzenhalter an den Seiten. Es stand seit 1924 in der unbeheizten Kammer, war ganz verstimmt.
Ich habe darauf Adventslieder für Oma (Tante Emma) gespielt. Der Chef hat es 1983 für 500 Mark vertickt - “Dat ole Deiet steiht sick je bloß geputt” / "Das alte Ding ("Tier") steht sich doch bloß kaputt."
Sehr, sehr schade.