Wer in der Zukunft lesen will,
muss in der Vergangenheit blättern*.


Über Sinn und Unsinn eines solchen Internetauftritts

Auf diesem Internetauftritt möchte ich einen Beitrag zur Familiengeschichte der Brammers und der Stuhtmanns liefern. 
Dabei muss man die beiden Höfe in Etzen und in Raven berücksichtigen. Jedoch dient diese Seite nicht betrieblichen Belangen, sondern ausschließlich der Geschichte unserer Familien. Ein besonderer Abschnitt ist den Soldaten gewidmet, denn mit Ausnahme meiner (Nachkriegs-)Generation haben alle den Wehrdienst geleistet und mussten auch in den Krieg ziehen.

Ferner habe ich eine Abteilung zur Dorfgeschichte Ravens eingefügt. 
Denn alles das gehört unseren Familien und auch dem Dorf.

Alles das ist in stetem Fluss, ich stoße auf neue Dokumente, ändere Abteilungen oder ergänze sie.

In einem besonderen Kapitel über meinen Vater Helmut sen. - den "Chef" - habe ich zusammengetragen, was er mir erzählt hat oder was ich in seinem Nachlass gefunden habe. Der Großteil der Materialien und Berichte bezieht sich auf die Zeit vor dem Jahre 2003, dem Jahre, in dem Helmut sen. ("der Chef") verstorben ist.
Deshalb können Veränderungen, die sich seither vollzogen haben, nur gestreift werden, auch dramatische wie die Zerstörung des Stuhtmann-Brammerschen Bauernhauses, unseres Elternhauses, das Ende Februar/Anfang März 2016 ohne Not abgerissen wurde, nachdem man es zweieinhalb Jahre und drei Winter hat leerstehen lassen.

Auch diesem Haus will ich ein Denkmal setzen.

 

* André Malraux


 

Kurze Zeittafel

 

Etzen

  

Raven

    1231 - erste urkundliche Erwähnung des Meyerhofes zu Raven
1799 - Georg II. übereignet Land und Wald an Johann Heinrich Witthöft aus Dehnsen. Er erbaut das "alte" Haus.   1796 - Johann Friedrich Stuhtmann aus Amelinghausen kauft den Meyerhof
1883 - Heinrich Brammer baut in Etzen das erste aus massivem Stein gemauerte "neue" Haus im Kreis Lüneburg   1865 - Friedrich Stuhtmann baut in Raven das größte Bauernhaus im Kreis Harburg
1885 - Hermann wird geboren
1887 - Karl wird geboren
  1868 - Gustav Stuhtmann wird geboren,
1881 - Heinrich Stuhtmann wird geboren
1913 - Karl und Frieda heiraten   1905 - Gustav und Emma heiraten
1913 - Karl kauft einen Hof in Groß Süstedt      1906 - Käte Stuhrmann wird  geboren.


1914 - Karl wird Soldat  
1915 - Karl jun. ("Kalli") wird geboren;
1915 - Hermann gefallen; Karl und Familie gehen zurück nach Etzen
 
1916 - Karl jun.   1924 - Käte (17 J.)
1917 - Heinz wird geboren,
1919 - Helmut wird geboren
   
     
1946 - Heinz und Martha aus Brackel heiraten   1946 - Gustav adoptiert seine Nichte Ursula  aus Eyendorf
    1949 - Ursula und Helmut aus Etzen heiraten
    1956 - Gustav Stuhtmann
Größere Umbauten am Haus 
1979 - Karl   1962 - Schafstall brennt ab durch Brandstiftung; Neubau der Kartoffelscheune
1994 - Heinz   1988 - Hans wird Eigentümer des Hofes Brammer in Raven.
    2003 - Helmut
Ab 2009 Renovierung des "alten" sowie des "neuen" Hauses    
    2016 Abriss des Bauernhauses der Familien Stuhtmann und Brammer und Neubau eines "Bauernhauses"
2018 "Dorferneuerung": Auszeichnung und Preisgeld für die vorbildliche Renovierung des Etzer Hauses    

 

 

BESUCH AUS ENGLAND
Familie Bishop kam nach Raven  Aus Schüleraustausch wurde feste Freundschaft - Seit 1964 besteht die Verbindung

Anmerkung: Die Freundschaft besteht auch jetzt noch, 2019 nach 55 Jahren.

jo. Raven. Englischer Besuch in Raven. Bauer Helmut Brammer beherbergte für längere Zeit die Familie Bishop in seinem Haus. Aus einem Schüleraustausch wurde eine enge Freundschaft zwischen zwei Familien, die durch den Kanal voneinander getrennt sind. Der WA besuchte die befreundeten Familien.
Begonnen hatte es mit einer Partnerschaft zweier Schulen. Das Johanneum in Lüneburg vermittelte Freundschaften mit jungen Engländern von der John-Laggett-School (richtig muss es heißen: John-Leggatt; h.b-w) in Scunthorpe. Und als dann 1964 zum erstenmal der englische Schüler Paul Bishop bei den Brammers auftauchte, ahnte niemand, daß sich eine enge Freundschaft zwischen den beiden Familien entwickeln würde. Paul blieb damals drei Wochen lang in Deutschland und man zeigte ihm die nähere und fernere Umgebung. Dann fuhr Helmut Brammer junior nach Scunthorpe. Und blieb auch für drei Wochen dort. Und im nächsten Jahr sah man sich wieder. Auch die Geschwister wurden im Laufe der Zeit in den Austausch miteinbezogen. Von den 1964 ausgetauschten 80 Schülern stehen übrigens nur noch drei in Verbindung zu ihren englischen Gastgebern.
Wie kam es zu der Freundschaft zwischen den Familien? Helmut Brammer junior erzählt: „Eines Tages kamen die Bishops hier in Raven vorbei. Sie hatten van England ohnehin nach Rotterdam fahren müssen, und da zu dieser Zeit gerade Paul in Raven war, machten sie einen .kleinen Abstecher nach good old Germany'."
Jetzt sind alle Bishops gekommen: Vater Fred Bishop ist Architekt, seine Frau Pat hütet den Haushalt. Außer Paul haben sie noch Tochter Teresa und den Jüngsten, Mark, mitgebracht. Obwohl sie sich auch sprachlich gutverstehen, haben sie immer einen (sprach) festen Freund bei sich: Karl Morysse spricht vier Fremdsprachen.
„Wie war die Ueberfahrt?" - „Uebel", sagt Paul, „besonders meiner Mutter war schlecht. 14 Stunden dauert es mit dem Schiff von Scunthorpe nach Rotterdam. Und dann noch mit dem Auto weiter nach Raven." Paul spricht gut deutsch und tut das auch gerne. Er will ja noch oft hierherkommen.
Wenn die Bishops heute wieder abfahren, steht eines fest: Es wird ein Wiedersehen geben.

Winsener Anzeiger, 13./14. September 1969

Anmerkung: Die Freundschaft besteht auch jetzt - 2019 - noch, nach 55 Jahren.

 

"Oma Brammer" ist in Wirklichkeit Martha Wischhof, die bei größeren Festlichkeiten aushalf. Pat Bishop erinnerte sich noch 1994 an die "butter roses", die Butterrosen, die Martha W. als Dekoration auf dem Stück Butter gestaltete, nur mit kaltem Wasser und einem Löffel.

Fotos: Winsener Anzeiger

 

 

Ursula - Urschen - Ursi - Uschi .


Unsere Mutter Ursula Margarethe Stuhtmann wurde am 10. Februar 1921 in Eyendorf geboren und starb am 8. März 1995 (am Tag der Frau!). Ihre Eltern waren Ella, geb. Völker aus Eyendorf,  und  Heinrich Stuhtmann (geb. in Raven am 29. September - Michaelistag / "Mickeilsdach", wie sie immer hervorhob, mit der Betonung auf "ei") 1881 in Raven, 1962 gestorben; er war der jüngste Bruder von Gustav und sein Lieblingsbruder vor Julius und Karl.

Ansprache zu Ursulas 70. Geburtstag, 10. Februar 1991

Liebe Mudders!

Ich weiß - es ist Dir unangenehm, wenn Du im Mittelpunkt stehen sollst und wenn wir Dich jetzt ein wenig loben. Aber wer hätte das mehr verdient als Du, die Du viel lieber Dein Licht unter den Scheffel stellst?

Ich will anhand Deines Lebenslaufs nun zeigen, was Du vor allem anderem aus Eyen­dorf mit nach Raven gebracht hast: Lebensweisheit.

1. Lebensregel: "Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr ..." - wie oft hast Du uns das gesagt?

"Bescheidenheit ist Deine Zier", und mit ihr bist Du ganz schön weit gekommen.

Denn wie lautet die 2. Lebensregel: "Was man will, das kann man auch!" Na bitte:

40 Jahre lang Königin auf dem Hof Nr. 1 im Dorf mit Prinzgemahl (Boß) - und der hat einen eisernen Willen; leicht hast Du's nicht immer gehabt, manches nicht haben können, "erst muß der Mähdrescher bezahlt werden," wie man so sagt - Du kannst aber mit so einem Menschen umgehen, denn Du bist zäh und zielstrebig, auch wenn das Schiff mal schlingert. Du hast 4 Kinder, 7 Enkel - aber da mögen ja noch mehr sitzen ...

Blicken wir zurück, und zwar in Zehnjahresschritten:

1921 - der Erste Krieg lag 2 1/2 Jahre zurück, die Inflation kündigte sich an, es war Winter, und in Eyendorf bei Heinrich Stuhtmann und Ella, geb. Völker kam nach Matti die zweite Deern. Oh, was hat sich Cyriakus (Dein Opa, unser Uropa) gefreut! Bist immer sein Liebling gewesen ...

Ab und an ging's nach Lüneburg, mit Pferd und Wagen, einmal im Frühjahr, einmal im Herbst, Kleider kaufen. Dein Papa hat dann immer einen Aal gekauft, und wenn er dann gegessen werden sollte, dann fiel ihm ein, wovon Aale leben - "Igitt, Hein­rich, schwieg still!" Ella ging 'raus, und Heinrich hatte zwei Portionen schönen Aal ...

1931 - es war die große Wirtschaftskrise, über 4 Millonen Arbeitslose, schlechte Zei­ten! Aber zwei Jahre später auf einer Hochzeit, wer sollte Dein Tischherr sein? Oh, wie spiddelig war der doch, Kragenweite 33, und er stand mitten im Hemd. Aber: da hat unser Vater, der Boß, Dein Leben betreten. Hättest Du Dir da gedacht, daß Du mit dem heute hier feiern würdest?

Die Zeit verging, Schlagball spielen, kein Auto in Eyendorf auf den Straßen, Kühe hüten, die schöne Dampferreise auf dem Rhein zu Pfingsten 1939, und als für Dich die Zeit kam, wo die Deerns sich so richtig für die Kerls interessieren, da mußten die Kerls die Uniform anziehen.

Und nach dem Kriege, kein Ende der schlechten Zeiten, bis der Prinzgemahl wieder da ist, jetzt mit seinem Motorrad.

1946, vor 45 Jahren, wird Dir der Hof überschrieben, und 1949, vor 42 Jahren, ist in Raven Hochzeit, mit Rübenschnaps und wer weiß was für schwarz gebranntem und schwarz geschlachtetem Kram und Tanz.

- -

Zurück zu den großen Schritten, 1951 wird der Bauer Hans, die "Feldmaus" geboren, man eben knapp 1 und 1/4 Jahr nach mir. Damit ist das Soll an Jungs erfüllt, nun geht's an die Deerns. Christa - Du warst 33, Mudders, als Du sie geboren hast - wollten wir beim Spielen nicht so recht dabei haben, die Weiber, die ollen Angeber, deshalb haben wir sie beim Cowboyspielen auch gleich totgeschossen, und da mußte sie liegenbleiben. Käte kam für uns ganz überraschend, wir haben nichts gemerkt. Vielleicht ist sie deswegen so still.

[Ach ja, vor 27 Jahren kam noch ein dritter Sohn, Paul aus England. Dem hast Du abends ein schönes Schinkenbrot vorgesetzt, und alles was er sagte, war: "Schmeckt nich'!" (Er läßt lieb grüßen.)]

Die sechziger Jahre waren eine Zeit, in der Deine Zähigkeit und Festigkeit gefordert wurden. Es ging manchmal hoch her, Franz, der Schweizer, kündigt, mit Rolli und so ist's nicht einfach, auf dem Hof stehen schwere Entscheidungen an: Kühe behalten oder abschaffen - wo geht's lang?- Du aber behältst Deinen klaren Kopf.

Die siebziger Jahre bringen mehr Ruhe. 1974 Silberhochzeit, 4 Jahre danach wirst Du Oma, Marlies und Hans machen mit Andreas den Anfang. Und dann kommen noch Ina, Christine, Jost, Johanna, Kirsten (da kann man 2 von machen) und Friederieke.

Prost auf die liebe Oma Usch!

1981 - eine neue Hüfte muß eingesetzt werden.- und alles geht weiter seinen Gang! Keine Klage hören wir von Dir, Du machst so weiter, als wäre nichts gewesen. Wir haben manches Mal gezittert. Aber wie lautet doch die 3. Lebensregel: "Wenn Du immerzu Angst hast, und es passiert nichts, dann hast Du Dein ganzes Leben lang umsonst Angst gehabt."

Und die 4. Lebensregel: "Wenn Du einen Berg vor Dir hast, dann mußt Du nicht raufgucken, dann mußt raufklettern und dann runtergucken. Dann ist alles halb so schlimm."

1991 - noch ein Jubiläum, und wir blicken auf eine Frau, die für unseren Vater ("wild wie Wasser") ruhender Pol ist, für uns Kinder liebevolle und dabei klar denkende Mutter, die uns so unermeßlich viel ins Leben mitgegeben hat, was wir oft erst jetzt merken, die für manche Frau im Dorf jemand ist, die zuhören kann und einen guten Rat weiß und hilft.

Wir blicken auf eine Frau, die ihren Weg geht, die voller Stolz sagt:

"Wo Ihr Männer hinwollt, da kommen wir Frauen schon lange her!"

Wir stoßen an und trinken auf unsere Mutter,
das Geburtstagskind!